Ausgabe 
6.2.1933
 
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Urwaldes betri1

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rne scharfe, spitzige Messer." Sie turnt« mit leichtem Schwung auf d» ilckvlaite. setzte sich bequem zurecht und ordnete die Rocksalten.

Glauben Sie, Herr Baron, daß wir, wenn wir eine Stunde lang im wirklichen Dschungel herumgestrichen wären, die niedere, indische Fauna nicht auch ein wenig zu spuren bekommen hätten? Da wäre vor allem der kleine, indische Landblutegel, der dringt zu Hunderten durch die dichtesten Kleider bis an die Haut und saugt sich fest."

Landblutegel?" unterbrach ihn der Baron.Doch nicht solch kleine gelbliche Würmer, dünn wie Stecknadeln, die sich wie gewisse Raupen­

arten fortbewegen?"

Genau so sehen sie aus. Woher kennen Sie diese blutgierigen kleinen Teufel so genau, Herr Baron?" N

Weil Ihnen nämlich gerade einer über den Stiefel kriecht, Doktor.

Himmlischer Vaterl Ja, wo kommt denn der her? Wahrhaftig, ein wirtlicher, indischer Landblutegel! Und da noch einer vier sechs oh, mehr als zwanzig! Weitz Gott, wie viel mir schon unter die Kleider gekrochen sind!"

Teufel!" schrie der Baron.Dann sind sie bei mir auch! Seit einer halben Stunde schon spür' ich das Stechen in den Beinen. Doktor! Helfen Sie mir doch! Wie wird man das Ungeziefer wieder los?"

Dr. Kircheisen rieb sich die Stirne:Ja, ist denn das möglich? ries er völlig fassungslos.Wie kommen denn diese Würmer daher? D,e kann doch Ulam Singh unmöglich aus Indien mitgebracht haben!

Der Baron brach wieder in sein schrilles Gelachter aus.Humbug, Doktor! Alles Humbug! Oder rvahrscheinlich ein« Wachsuggestionl Soll ich Sie in den Arm zwicken, damit Sie aufwachen? Ja, Doktor, mein Tropengarten war beängstigend echt, unheimlich echt, das müssen «sie doch zugeben, Doktor!"

0 M Die Durste.

letzend. ,, , ,

Sie haben Ihren guten Humor nicht verloren, Doktor, trotz Ihrem zerrissenen Aermel und Ihrer Berwundung. Und nun wollen wir zum Tee hinauf, nicht wahr? Ich wenigstens bin hungrig geworden nach dieser stundenlangen Jagd im echten indischen Urwald! Und vorher wollen wir nach Ulam Singh schauen. Er wird wohl erwacht sein."

Gewiß!" agte Or. Kircheisen und biß sich in die Lippen. Die ironische Abfertigung, oie ihm der Baron hatte zuteil werden lassen, hatte ihn beschämt und ärgerlich über sich selbst gemacht. ... Im Grunde aber war der Baron im stecht ... dachte er ... Wie konnte ich, ein Wildfremder, nach so kurzer Zeit eine solche Bitte aussprechen! Er hat es als Scherz genommen, und das war schließlich die vornehmste Art dec Ablehnung, sicherlich...

Dr. Kircheisen zwang sich zu einem Lächeln.Was die Echtheit des fft", sagte er,nun, auch die hatte natürlich ihre Grenzen. Herr Baron, daß wir, wenn wir eine Stunde lang im

Dr Kircheisen war in helle Begeisterung geraten.Eine Rolaug- palme!" schrie er verzückt.Es ist wirklich und wahrhaftig eine Jtotana- palme!"

rl.| N?ÄÄ d.n M ,U--Uch-N.

Aber er brachte den ausgestreckten Arm nicht mehr herunter. Sem Aermel I war i" Fetze» gerissen und ein scharfer stechender Schmerz kühlte seine I ^Är* Verbrecher war ein Schlinggewächs, der wahre Wegelagerer des I Urwaldes. Lange, gefiederte Blätter, die ßch in ein dünnes Seil ver I tigerten. Kleine Widerhaken, die am Ende dieses Seiles saßen, hatten I sich blutgierig in den Arm des Arztes feftgebisten. ,... . I

hat sich denn die ganze Hölle des Urwalds bet mir ein Stelldichein I gegeben?" schrie der Baron, ganz auher sich.Doktor, was soll ich tun? I ®U&UreUrmato wehrt sich!" ächzte der Arzt.Ich darf den Arm nicht bewegen. Rasch, nehmen Sie die Gartenschere dort und schneiden ^>»e I ble Blätter durch ... gut ... noch dieses eine! So, ich danke Ihnen. Jetzt I bil<!Dr Ki'rcheisen°'lieb den Arm sinken und besah den zerrissenen Rock '" Das Hütt"ich mir auch niemals träumen lassen, daß mir einmal ein echter Lei,tonischer Calamus Rötung den Arm zerreißt.

Halten Sie still! Ich will Ihnen den Arm mit meinem Taschentuch | verbinden. Der Schaden ist nicht allzu groß! So ... seht tonnen wir weiterarbeiten. Sie nehmen den Stock eben in die linke Hand, «ehen Sie, da gibts schon wieder Arbeit, scheint mir."

Er deutete auf die Wurzeln des Mangobaumes, zwischen denen in diesem Augenblick eine dritte Tik Paluga hervorgekrochen kam. Leise zischend, unwillig über den ungewohnten Lärm, der ihn in seiner Ruhe gestört hatte, kam der exotische Fremdling in raschen, stoßartigen Be­wegungen auf seine Feinde zu. . .

Es war die letzte Tik Paluga, ine die beiden töteten. Die Jagd im Urwald war zu Ende. Die unheimlichen Gäste waren aus dem Treibhaus 0UTÄ ihnen zugleich waren zu des Doktors Schmerz auch alle die kostbaren Pflanzen, die sein Botanikerherz entzückt hatten, vernichtet. Die bunten Lianenblüten, die stolzen Farne, die seltsam geformten Orchideen lagen verwelkt, zerdrückt, zerrissen und zertreten über den Boden des Treibhauses verstreut. Rur der Mangobaum stand noch aufrecht m der Mitte des Raumes und streckte, seines blühenden Lianenschleiers beraubt, schwermütig seine gewaltigen Aeste aus, die den Arzt jetzt plötzlich trotz ihrer grünen Blätterpracht aus seltsame Art kahl und schmucklos an­muteten.

Dr. Kircheisen blickte den Baron an.

Wie muß Ihnen jetzt zumute sein?" fragte er nachdenklich.Die Arbeit von vielen Monaten ist in einer Stunde zunichte geworden. Oder sind es Jahre gewesen, die Sie Ihrem kleinen Tropengarten geopfert haben?" *

Der Baron brach in sein heiseres Lachen aus.Jawohl, Doktor! Sie haden's erraten." Aus dem heiseren Lachen wurde plötzlich ein schrilles, wütendes Gelächter.Jahre meines Lebens hat mich der Tropengarten gekostet! Jawohl! Jahre meines Lebens!"

Dann fuhr er sich mit der Hand über die Stirne.

Doktor!" sagte er.Sie haben sich um meinetwillen in Lebensgefahr begeben. Wie kann ich Ihnen das danken?"

Dr. Kircheisen schwieg ein paar Sekunden. Wie eine (Eingebung kam es über ihn. Jetzt war die große Gelegenheit da. Jetzt hieß es: Zugreifen!

Er blickte dem Baron fest ins Auge.

Herr Baron!" sagte er leise.Geben Sie mir di« Hand Ihrer 0'?)^ Antwort, die der Baron gab, war niederschlagend und fast ver-

aerne scharf«, spitzig« -wener. oie n

Tischplatte, setzte sich bequem zurecht ----------

Ach, lassen Sie doch die langweiligen Instrumente, Baronesse! sagt« der Arzt.Ich freue mich so, mit Ihnen einmal ungestört plaudern z" können. Freilich, wenn jetzt jemand kommt..."

Sie schob die Lippe verachtungsvoll vor.Das ist mir ganz egal.

Wirklich, Baronesse?" sagte Dr. Kircheisen, und haschte freudig erreg' über dieses Geständnis nach ihrer Hand. Jetzt war sie mit einem Mal' wieder in allen ihren Bewegungen, in dem lebhaften Spiel ihrer groBe" blauen Augen das anmutige und unbefangene Naturkind. Dies« PIE lichkeit der Wandlung! Dr. Kircheifen hatte noch das WortBaronesie auf den Lippen, und inzwischen war blitzschnell aus der Dome von Weil der Wildsang geworden. (Fortsetzung folgt.)

Dr. Kircheisen schloß behutsam die Tür des Krankenzimmers und ging, die Jnstrumententafche unter dem Arm, nachdenklich die -.reppe hinab. Er hatte dem Baron am Morgen versprochen, ihn rechtzeitig in Kenntnis zu setzen, wenn es mit Ulam Singh zu Ende ging. Die Stunde, in der er (ein Wort einzulösen hatte, schien dem Arzt nicht fern zui Jem.-Sie Injektionen, mittels deren es ihm bis letzt gelungen war, den Einfluß des Giftes zu bekämpfen und abzufchwachen, begannen zu versagen.

Die letzte, vor einer Viertelstunde, war, so stark er auch die Dos.» gewählt hatte, beinahe ohne jede Wirkung geblieben. Ulam Singh lag stumpf und teilnahmslos mit geschlossenen Augen auf feinem Üaget. ein Zustand, der zweifellos das letzte Stadium des Todeskampfes vorbereitete. Dr Kircheifen, der im Treibhaus das feine Wunderwerk des Subers in der gleichen Stunde bewundert und zerstört hatte, empfand in biefern Augenblick zum erstenmal ein tieferes Interesse für den seltsamen Fremd, ling, dem er bis jetzt nur als Träger eines bemerkenswerten ^nkheits. bilbs Beachtung abgewonnen hatte ... Dort drinnen 1x1^6 ber Arzt wirb morgen ein großer Künstler unb Gelehrter sterben, ein Mensch, dem Freunb zu fein sich gelohnt hätte. Es wäre anregend und sehr nützlich für mich gewesen, wenn ich mich mit ihm nur eine halbe Stunde lang über Gartenkunst, über indische Tiere und Pflanzen hatte unterhalkn können. Ich hätte sicher allerlei Neues und Wissenswertes gelernt. Wie er es beispielsweise nur angestellt haben mag, bet Nepenthes der fleischfressenden Pflanze, die gewohnte Jnsektennahrung zu befchassen! Schade um Ulam Singh! Schade um diesen sonderbaren Menschen der sich mit einem Tuchlappen den Mund versperrte, weil er auch das klon te der Geschöpfe Gottes nicht mit einem Atemzug vernichten wollte. Welch eine tiefe Liebe zur Natur sprach aus der ihm zur Religion gewordenen Gewohnheit. Schade um diesen Mann. Freilich, der Tod wird ihm einen großen Kummer ersparen. Wie würde ihm zumute sein beim Anblick de zerstörten Tropengartens, seines Lebenswerkes, m dem Schaufel und Spaten so vandalisch gewütet haben.

Dr. Kircheisen war in die Halle getreten. Nein, hier war,die Baronesse nickt Die Springschnur lag noch immer auf einem der Rohrstuhle, aber das junge Mädchen selbst war nicht zu sehen? Vielleicht auf ber Jerraffe? Oder im Garten? Kaum. Es regnete la wieber. Wo stm? War

I üe ausaeaanae»? Nun, dann blieb nichts übrig, als ficff bis jum Abeno- I eßen in Geduld zu fasten und inzwifchen die Tasche mit den Instrumenten IM KH»« Nr A. IHN. un».

war das für ein Geräusch, das da aus dem Zimmer kam? Wahrscheinlich brachte der alte Philipp oder einer von den neuen Dienstboten bas Zimmer in Ordnung und richtete das Bett für die Nacht zurecht. Dr.

I s-ürch eilen Aöaette nicht (unge unb trnt ein. _ . ;

Seine erste Regung war, die Türe rasch wieder zu fclcheßenund sich davonzuschleichen. Dr. Kircheisen wollte seinen Augen nicht trauen. D, I «aroneste selbst war es, die mitten in seinem Zimmer ftaiib. Aber fw | hatte ihn schon gesehen, zweifellos, denn ihr Gesicht war der Tur zu- gewendet. Eine überstürzte Flucht hätte ihn lächerlich gemacht und du 1 Peinlichkeit des Augenblicks nur noch erhöht. Darum, ruhig Eintreten I Die Baronesse schien nicht im geringsten verwirrt. Mit ^r C-.cherhei der Dame von Welt, die auch in der^ schwierigsten S,tuat,on mema

I die Haltung verliert, nickte sie dem Arzt zu und lächelte, ein wenig I absichtlich, wie es.ihm schien, und beinahe trotzig. -nl.

Sie sollen so hübsche Instrumente hier Haben, Herr Doktor , sagt sie leichthin.So nette kleine Messerchen unb Spritzen und Nabeln. Di« ^Sie^erwarÄ^jetzt offenbar'eine (Ermiberung, etwas Liebenswürdiges, I Verbindliches. Aber ihm war die Jehle wie zugeschnurt. Er hatte kau gehört, was sie gesagt hatte... Wie unvorsichtig, und doch! Wie kuy | und tapfer von ihr, mich hier in meinem Zimmer auszusuchen! -. - dacht er In welche Gefahr hat sich das junge Mädchen um meinetwillen begeben. Wie, wenn sie hier überrascht wurde! Von ihrnn Baier ob« von einem Dienstboten! Aber daran hat st« nicht gedacht. Sie wollt- einsach zu mir, und, während ich sie überall gesucht hab , aus ber ^erraff, I in der Halle ist sie hierher gekommen in mein Zimmer und hat hier aii mi^ gemarkt, biefes $arte, füffe wunderbare Geschöpf, weiß Gott, rot. lange sie schon gewartet hat!...

Baronesse!" flüsterte Dr. Kircheisen, und beugte sich »der ihre Hand.

Sind sie darin?" fragte die Baronesse, und zeigte auf di« schivarz« Lebertasche, die der Arzt unter dem Arm trug.

I "Die Messer unb die Nadeln. Bitte, zeigen Sie mir sie! Ich seh' f« i* - _ . 11 , , , , nix et ... h c-: _ 1.11 /ritt hl?

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