patfert würde — bann konnte bis Schlange nicht mehr beißen. Aber weife Gott wie das geschehen ist, wahrscheinlich hat Ulam Singh die Schlange nicht an der richtigen Stelle gepackt — die Trk d^^ Att chm durch die Finger, wand sich um sein Handgelenk und biß ihm in Len Arm.
Ulom Singh schrie auf, starrt« mich einen Augenblick wortlos an und liefe die Schlange zu Boden fallen. Ich sprang zu und Zertrat chr den Kopf. Das alles hatte sich gedankenschnell abgespielt. Von dem Moment, in dem ich das Zischen der Schlange zuerst gehört hatte, bis zu ihrem Biß waren nur Sekunden verflogen. Gretl hatte nichts bemerkt und Muckte noch immer die Blüten ber Lianen, hinter ihr aber wand sich Ulam Singh ja Krämpfen auf dem Erdboden.
Was sich eigentlich zugetragen hat, woher die Schlange in mein Treibhaus gekommen war, dasür fand ich erst später die Erklärung. Des Inders geheimnisvolle Fähigkeit, die „Gewalt der Lotosblume , wie er sie nannte, hatte nicht nur den Mangobaum, sondern alles, was an lebenbergenden Keimen, dem Auge unsichtbar, in seinen Blättern, in seinen Wurzeln, in seinem (£rbteid) verborgen, öle 3teifc von Ceylon in nwin Treibhaus nut» gemacht hatte, zu einem fieberhaft raschen Wachstum gebracht. Samen von allerlei Gewächsen, di« der Tropenwind angeweht hatte, Eier von Insekten und von Reptilien, die an den Blättern klebten, sie alle waren mit dem Mangobaum zugleich durch bie Kraft der „Padmesana" zur Entwicklung gekommen. In dem Mangobaum waren, unsichtbar dem menschlichen Auge, di« Wunder und die Gefahren des indischen Urwaldes verborgen gewesen, und die waren jetzt wieder emporgeschossen und bedrohten uns alle mit Verderben. .
Das kam mir aber erst viel später zum Bewufetsein. In jenem Augenblick kniete ich neben Ulam Singh und bemühte mich, ihm den Arm oberhalb der gebissenen Steile abzufchnüren.
„Vater, was fehlt dir?" hörte ich Gretl ängstlich neben mir rufen. „Wie siehst du aus? Ganz anders als sonst!"
„Ich bin krank, mein Kind", gab ich zur Antwort.
Gretl beruhigte sich bei dieser Erklärung. Ich zog meinen Taschenspiegel hervor. Ein verrunzeltes und verfallenes Gesicht blickte mir daraus entgegen, das Gesicht eines alten Mannes. Mein Haar war grau geworden, und erst jetzt wurde mir die ganze Tragweite der furchtbaren Wendung, die das Experiment genommen hatte, bewußt: So wie ich mich in dem Spiegel sah, so mußte ich bleiben, wenn Ulam Singh starb!
Aber Da war in all meiner Verzweislung etwas, was mich tröstete und aufrecht erhielt: Ich merkte keine Aenderung meiner psychischen Veschafferi- heit. Ich vermochte genau wie vorher, ruhig und geordnet zu denken und zu überlegen. Ich stellte mit vollkommener Ruhe fest, daß nur mein Körper gealtert war, daß aber meine geistigen Kräfte: Entschlossenheit, Energie und rasches Denken mir ungeschwächt erhalten geblieben waren.
Es war sicher, daß Ulam Singhs Gewalt nur den Körper altern gemacht hatt^. So wie in Gretls Frauenkörper noch immer die Seele des elfjährigen Kindes lebte, so waren meine eigenen geistigen Kräfte, Gefühle und Empfindungen jung und stark geblieben und nur in einen siechen,
greifen Körper gesperrt.
Während ich noch neben Ulam Singh kniete, hörte ich meinen alten Philipp an der Treibhaustür pochen und rufen. Doktor, es würde viel zu lang währen, wenn ich Ihnen schildern wollte, was es für Mühe kostete, dem alten Manne zu erklären, was sich ereignet hatte, und, daß ich wirklich sein „gnädiger Herr" war. Genug, es gelang mir, und nach zehn Minuten hatte ich den jammernden und ganz fassungslosen Philipp so weit, daß er mir brachte, was ich benötigte, vor allem übermangansaures Kali, von dem ich sogleich eine Dosis in Ulam Singhs Arm einführte.
Ich konnte bald feststellen, daß die Injektion von guter Wirkung war. Die Krämpfe ließen nach, auch stellte sich kein Anschwellen ber Gliedmaßen ein; ich hatte Grund, zu hoffen, daß für den Augenblick das Aergste abgewendet war: jetzt galt es, für rasche, ärztliche Hilfe zu sorgen.
Das eine ging nun freilich nicht so leicht, wie ich wünschte. Das Treibhaus durste ich nämlich nicht verlassen. Keiner von meinen Leuten sollte mich zu Gesicht bekommen. Philipp schickte sie alle aus mein mährisches Gut--ich weiß gar nicht, welchen Vorwand er zu Hilfe nahm, ich
glaube, er sprach von einem Blatternfall in der Nachbarschaft. Erst um sechs Uhr abends war das Haus leer, und ich konnte ans Telephon. Gretl hatte inzwischen ein Kleid aus ber Garderobe ber ab gereisten Französin bekommen, das ihr leidlich paßte.
Ihren Namen, Doktor, kannte ich, ba ich mich Ihres Eingreifens in die Kriminalaffäre Hallasch und 'ber Dienst«, die Ihr Karasinserum damals der Polizei geleistet hat, sehr gut entsann. Sie schienen mir der einzige Mensch zu sein, von dem Hilfe zu erwarten war. Ich setzte mich daher mit Ihrem Freund, dem Architekten, der die Plän« zu meiner Villa entworfen hat, in Verbindung.
Sine Stunde währte es, ehe Sie kamen, und wissen Sie, wie ich diese Stunde verbracht habe? Ich bin von Zimmer zu Zimmer gegangen und habe alle Spiegel versteckt oder verhängt, denn Gretl sollte ihr Bild nicht sehen, sie durfte nicht erfahren, was mit ihr geschehen war, und welches Verbrechen ich an ihr begangen habe. Nur einen einzigen Spiegel hab ich vergessen, den Spiegel aus der Veranda. — Sie haben mich sicher für verrückt gehalten, als ich ihn so rasch zerschlug, «he Gretl zum Frühstück kam. Dennoch hat meine Tochter heute nacht in einem Spiegel, dessen Vorhang zu Vaden gefallen war, ihr Bild gesehen. Aber sie hat sich selbst nicht erkannt und sich vor der fremden Frau gefürchtet. Jetzt ist alles glücklich vorüber, und ich kann die Tücher von den Spiegeln nehmen lassen.
Ich glaubte, für alles gesorgt, jede Möglichkeit vorbedacht zu haben — — dennoch ist mir manches entgangen. Als Sie gestern unter meinem Verbände keine Wunde gesunden haben--Doktor, glauben Sie, ich
war im ersten Moment ebenso erstaunt und Überrascht wie Sie. Und es war doch so klar, daß mit dem Altern meines Körpers zugleich auch meine Wunde verheilen und die Narbe verschwinden mußte. Jetzt ist sie auf einmal wieder da, und ich glaube, ich habe viel Blut verloren, ehe Sie mir den Verband erneuerten.
. Daß Sie mir das Karasinserum verweigerten, war mir eine furcht- ' bare Enttäuschung. Mir blieb nur noch die einzige schwache Hoffnung, baß ich selbst Ulam Singh vor meinem Tob noch einmal zum Bewußtsein bringen und ihn veranlassen könnte, fein Experiment zu beendigen. Heute nacht, als Sie mich überraschten, hatte ich den Versuch gewagt--er
war kläglich mißlungen.
Ein- ober zweimal, Doktor, war ich auf dem Wege, Ihnen alles zu beichten, was geschehen war. Aber im entscheidenden Moment brachte ich es doch nicht über mich. Ich schwieg, nicht aus Feigheit und nicht aus Angst vor Vorwürfen. Nein! Jch mußt« jedoch damit rechnen, daß Ihr Karasinserum versagen, daß Ulam Singh sterben könnte, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Für diesen Fall war ich entschlossen, mich mit Gretl in irgendeinen versteckten Winkel der Welt zu verkriechen, wie ein krankes Tier. Dann hätte niemand unser Unglück erfahren dürfen, niemand, auch Sie nicht, Doktor, denn es gibt nichts Schlimmeres, als um eines Schicksals willen bemitleidet zu werden, das man durch eigene Schuld auf sich gezogen hat.
Nun, Doktor, wissen Sie, wofür wir Ihnen zu danken haben. Grell und ich. Das Kind freilich wird es nie erfahren dürfen, Doktor, darum . muß ich Sie bitten--doch still! Ich glaube, 'das ist sie."
Die Treibhaustür war stürmisch aufgerissen worden, und die Baronesse hüpfte herein. Hinter ihr kam Melitta Ziegler.
„Felix!" rief die Schauspielerin, und faßte ihren Bräutigam bei beiden Händen. „Bist wieder hübsch beinanb’? Na, weißt, du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt. Kannst dich bei dem Herrn Doktor bedanken, daß du so gut davongekommen bist. Das ist übrigens ein spaßiger Mensch, dein Herr Doktor. Weißt du, womit er mich unterhalten hat, vorhin? Er und der Spatz wollen betraten, hat er mir erzählt, und er hat ganz ernst 'dabei dreing'schaut--ich bin ihm wirklich aufg'sesten und hab' zu
schimpfen ang'sangen."
Dr. Kircheisen wurde blutrot im Gesicht, senkte den Kopf und schwieg.
Der Baron sah die Verlegenheit des Arztes. „Gretl!" sagte er. „Gib dem Herrn Doktor einen Kuß und sag: Dank schön!" Und ganz leis«, nur für den Arzt allein hörbar, setzte er hinzu: „Er hat mir mein Leben und dir deine Jugend gerettet."
Und die kleine Baronesse stellte sich auf die Fußspitzen und machte sich so groß als möglich, spitzte bann umständlich bie Lippen und gab dem Dr. Kircheisen den Kuß, genau den gleichen, der ihn tags zuvor zweimal so ' selig und stolz gemacht hatte, und der doch nur der gedankenlose Klein- kinderkuß des elfjährigen Mädchens war, das folgsam und artig den Spielkameraden küßt oder den brauen Onkel.
Ende.
Königskerzen und Narzissen, Rosen, Nelken und Vergißmeinnicht, 6tief- mütterchen und Reseden blühten in ihren Töpfen und in ihren Beeten auf, wurden begossen, dufteten ein paar Wochen hindurch und verwelkten wieder, wenn ihre Zeit um war. Der Garten des Barons war geheimnislos geworden: Wind und Sonne, Regen und Tau hakten ihre uralten, ewigen । Rechte wieder an sich genommen, die ihnen der Gärtner des Pravati- । Heiligtums in Agra für eine kurze Spanne Zeit entrissen hatte.
Dr. Kircheisen unternahm zwei Tage nach Ulam Singhs Tod seine ' Reise nach Korfu. Das eifrige Studium der Reptilien- und Insektenfauna der Jonischen Inseln liefe ihm keine Zeit, in feinen Gedanken den Erlebnissen in des Barons Villa allzu viel nachzuhängen, und jene große und verzehrende Leidenschaft, der solch eine grausame Enttäufchung gefolgt war, erlosch allmählich. Als er in seine Wiener Wohnung heimgekehrt war, hatte er monatelang mit der Sichtung und Verarbeitung des gesammelten wissenschaftlichen Materials zu tun, und die Anzeige der Trauung der Hofschauspielerin Melitta Ziegler mit dem Freiherrn von Vogh, die er auf seinem Schreibtisch vorsand, vermochte ihn kaum fünf Minuten lang i von seiner Arbeit abzulenken. Seine Haushälterin Bettina überraschte er eines Tages, nach Durchsicht seines Notizbuches, durch die Mitteilung, daß er sich im ersten Stock eine neue Küche einzurichten und die alte in eine Dunkelkammer umzuwandeln gedenke — er hatte in feiner Zerstreutheit vergessen, diese außerordentlich praktische Idee aus dem närrischen Geplauder eines spielenden Kindes in sein sonst mit lauter biologischen, histologischen und embryologischen Ernsthaftigkeiten angefülltes Notizbuch geraten war. Es bedurfte der vollen hauswirtschaftlick^n Autorität Bettinas, um den Doktor von seinem Vorsatz abzubringen.
Hie und da, wenn auch nicht allzu häufig, wurde er auch später noch an seine Krankenoisitte in der Hietzinger Billa erinnert. Eine Ansichtskarte, die ihm aus irgendeiner überseeischen Gegend zugeflogen kam, ein paar Zeilen in einer Zeitung, die von einer neuen Erstbesteigung des bekannten Hochtouristen Felix Freiherrn von Vogh berichteten, gelegentliche Notizen in der Rubrik „Sport und Gesellschaft", in denen der Baron : unter den Teilnehmern an einem Hoffest oder an einem Fechtmeeting genannt war, zeigten dem.Arzt, daß sein ehemaliger Patient den Becher des Lebensgenusses, den ihm ein seltsames Geschick beinahe aus den Händen geschlagen hätte, bis zur Neige auszuschlürfen entschlosfen war. Dr. , Kircheisen beneidete ihn um all diese Zerstreuungen nicht. Sein Studier- i zimmer bot ihm mit seiner Sammlung von Büchern und Präparaten, sauber etikettiert und alphabetisch geordnet, die gleiche Summe irdischen Glücks, die der Baron aus seiner ruhelosen Jagd durch alle Taumel und Räusche dieser Welt zu erraffen suchte.
Doch auch für Dr. Kircheisen gab es Augenblicke, in denen er sich aus ! der Stille seines Eremitendaseins in jenes reichere und buntere Leben sehnt, dem er einmal beinahe Äug' in Äug' gegenübergestanden war. Das war, wenn er an schönen Tagen in den Straßen der inneren Stadt der Baronesse Vogh begegnete, die artig an der Seite ihrer Gouvernante spazieren ging, im kurzen Kinderkleidchen, den Reisen in der Hand — das kleine, elfjährige Mädel, das einmal einen Herbsttag lang feine Braut gewesen war.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, X Lange, ©ieften.


