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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang <933
Montag, den 6. Sedruar
Nummer U
Laß uns wieder schuldlos werden!
Von Leo Sternberg.
Ach, ihr Traumgebilde weißer Bäum«, di« im Rauhreff blühen, zardgesiederti Sagt mir, welcher meiner Träume mir in eurem Geisteiffchein erroibertt
Wer kann solchen Nebelglanz verbreiten, wer versetzt in solche Dämmerungen, Laß wir glauben außer uns zu schreiten und die Welt ist nur von uns durchdrungen?
Schreiten mit demantnem Angesichte und in Dust gelöst die Last der Erdenk Liebe, du mit deinem reinen Lichte, laß uns wieder schuldlos werden!
Heimat der Zwerge.
Erzählung von Konrad Beste.
Im Zwergenmoor, hörte ich, Hause ein Dichter; er habe ein Häuschen Saut, das ein gewöhnlicher Sterblicher kaum finden könne. Im übrigen i« er wohl „einen kleinen auf der Mutze", und zur Bekräftigung dessen wurden geschwind einige Anekdoten erzählt, wie man sie einem leicht Verwirrten wohl anhängt. Ich beschloß sofort, das Laird der Zwerge und den Dichter zu suchen und bat, man möge mir den Weg beschreiben. Das war nicht ganz einfach, denn in der weiten Heide mit ihrem immer gleichen Wechsel von Fuhrenwald, Oedland, Birkengebüsch, Moor und Wies« sind die Wege nicht so eindeutig zu kennzeichnen wie anderswo.
In jenem Moor, dem ich zustrebte, haben einstmals Zwerge gehaust, der alte Cordes erzählte es mir. Sie waren, wie die Zwerge immer gewesen sind: hilfsbereit und freigebig zuzeiten, boshaft und knauserig zuzeiten. Schließlich sind sie dann von den Menschen so drangsaliert worden, daß sie auszogen, über die Aller fort in einen fernen Berg. Die Zwergkönigin hat aber eine goldene Wiege zurückgelassen und in den Berg ihres Wohnens versenkt — die wird dereinst durch eine wühlende Sau an den Tag gefördert werden. Eine schöne Sage! Doch wie sie der alte Cordes, ein ehrenhafter und glaubwürdiger Mann, mir berichtet als ein Geschehnis, das er von feinen Vorvätern überliefert bekam — da erschrecke ich doch ein wenig über den vorbehaltlosen Ernst seines Berichtes, und ich frage, ob denn das alles auch wirklich und wahrhaftig sich ereignet habe... Da fügt er schlicht noch die Tatsache hinzu, daß sein eigener Urgroßvater ihm als Neunzigjähriger noch selber erzählt, wie er mit der Zwergin Urgrob um Flußperlen gehandelt habe — Zwerge hat es gegeben so sicher, wie es einst Wölfe hier gegeben hat.
Nun gut — ich zog also aus, in der Richtung des Zwergmoors. Es war Herbst, die Heide blühte und feierte sich selber im trockenen Summen der Bienen, das große, endlose Leuchten des frühen September machte mich trunken. Ein Vogel umstrich mich in immer engeren Streifen, ich staunte über feinen Mangel an Scheu, manchmal segelte fein schwankender Ruf ganz nahe an meinem Gesicht vorbei — es war, als ob er mir etwas mitteilen, als ob er mir den Weg weifen wolle, die Stimme der Landschaft war es, di« mich dunkel und schauerlich umschwebte ... Ich folgte dem Vogel und kam in ein Tal. Es war von allen Seiten geschlossen, am Ausgang aber schob sich aus der Hügelkette zur Linken ein sperrendes Glied vor. Am Fuße dieses Hügels lag das Häuschen, grenzenlos einsam, klein, weiß, mit braun ab gesetztem Fachwerk, mit spitzem Dach, das saft bis an die Erde reichte. Zwischen^ mir und dem Häuschen lag eine Welt von Schweigen, das mit jedem Schritt, um den ich mich näherte auf dem fchulpernden, morastigen Boden, seltsam wuchs — doch als nur ein Schritt mich noch trennte von der niedrigen Haustür, brach plötzlich aus dem geöffneten Fenster ein Strom von Lärm, von mondäner Tanzmusik, die Stimme Berlins kam auf Welle 475.... Gleich darauf erschien ein Frauenkopf im Fenster und musterte mich erstaunt — hatte der Dichter Gyldendahl eine Gefährtin? O nein ... ich erfuhr sogleich, was mit des Dichters Zwergenhaus geschehen war: ein Ehepaar aus Berlin hatte es gekauft, als Sommersitz, als bessere Weekend-Bude.
Wo denn der Dichter Gyldendahl geblieben wäre? — Ach der, das war eine Marke... Der hatte vom Erlös des Anwesens wohl erst einmal bon gelebt, und dann war er in eine Erdhöhle am jenseitigen Abhang der Berge gezogen. Tatsache!
Ich fand die Höhle, von weitem sah ich schon das angekündigte Merk- mal der niedrigen Krüppeleiche, die den verschlungenen Kranz ihres Wurzelwerks hall, aus der lockeren Erde hob, fo daß unter diesem Ge
wölbe schon ein Menschlein schier hätte wohnen mögen. Daneben sah ich ein durch Pfosten gestütztes Stück der überhängenden Abhangdecke, ein Tor war so entstanden, von dessen Seiten aus Bretterwände in die Erde führten. Diese kleine Vorhof der Höhle empfing fein Licht durch die Deffnung, die in der Gestalt zweier sich kreuzender Pferdeköpfe aus der Tür herausgesägt worden war. Ich klopfte, aber niemand rief „Herein!" Ich leuchtete mit einem Zündholz hinein — da war eine Pritsche mit Strohsack und wollener Decke, da war aus Kiefernholz ein Tisch und eine Bank, ein Wandgestell mit Büchern und etwas Geschirr, eine Feuerstelle, aus Feldsteine geschichtet und mit einem halbzerfressenen Rost darüber. Keine üble Behausung — wo aber war der Herr dieses Hauses? Ich sand ihn nicht, sollte ihn wohl nicht finden. Und ging nach Hause zurück.
Es kam der Winter, es kamen Nebel, Frost und Schnee. Ich hört« nichts mehr von dem Dichter.
Es tarn der Mai, und wieder zog ich aus nach dem Land« der Zwerg«. Ich mied das rundfunkbedrohte Tal, ich ging gleich nach der Hohle. Die Tür war offen, sie hing halb in den Angeln, der Strohsack fehlte — ich fah es, die Höhle war unbewohnt. Ich ging weiter ins nächst« Dorf...
In der Dorfwirtschaft brachte mir ein freundliches alterndes Mädchen den Imbiß. Ihre Augen waren still und ohne ungeduldige Neugierde. Sie brachte mir Schinken und brachte mir Korn und fetzte sich in einem gefälligen Abstand nieder, fo daß ich sie wohl fragen konnte, was es mit dem Dichter Gyldendahl fei, von dem ich soviel gehört hab«.
Sie lächelte nicht, ihre guten Augen wurden ernst und beinahe traurig, als sie mir die Geschichte des Dichters erzählte.
Vor zwanzig Jahren war er ins Dorf gekommen, ein junger Mann aus gutem Hause mit etlichen Lederkoffern, fein angezogen und mit Geld wohlversehen.
Er hatte in einer fernen großen Stadt die Sage vom Auszug der Zwerge und von der goldenen Wiege gelesen, und da hatte er sich in den Studentenferien auf die Bahn gesetzt, war nach diesem Dorf gefahren, das Land der Zwerge zu suchen. Er sand es, und er sand es so herrlich, daß er die ganzen Ferien hier verlebte, und da war ihm der Plan zu einer Dichtung gekommen, in die er jene Sage verweben wollte und ein Schicksal seiner Zeit dazu. Er war im August gekommen, doch als der späte Oktober im letzten Leuchten stand, war er immer noch da, und als der November seine Rebel heraufzog aus den Wiesen, reifte er immer noch nicht ab zur Universität. Die Mutter war gekommen, um nach dem Sohn zu sehen, der nur di« eine Bitte äußerte: hier bleiben. Da hatte die sanfte, liebevolle Frau ihm endlich zugestanden, feinen Wechsel hier zu verzehren und das Werk zu vollenden, von dem er in so stolzer Gewißheit sprach...
In diesem Zeichen blieb der Mann sieben Jahre in der stillen Wirt- schast des Heidedorfes und schrieb an feinem Werk. Darüber verging eine Jugend und darüber starb eine besorgte Mutter, aber das Werk war nicht geworden. Was war anderes geworden, als daß ein komischer Dichter hier hängen geblieben war in diesem Winkel, ein Mensch, um den die Bauern ihre Anekdoten woben wie die Spinnen ihre Netze um ein abseitiges und erblindetes Fenster, welches das Licht nicht mehr auffängt vom Himmel und nur noch hineinblickt nach innen, in die hämmernde Tiefe der Kammer voll abgefteHter, zerbrochener Dinge...
Eines Tages zog der Dichter Gyldendahl in den Krieg. Als er zu rück- kam ins Dorf, war er schweigsam geworden, aber er horte viel zu, mit tieferem Aufmerken als sonst, wie wenn er befürchtete, es fei ihm bisher etwas entgangen von dem rätselhaften Wesen dieses Landes und feiner Geschicke. Dann mußte ihm wohl schließlich der Gedanke gekommen fein, daß die Menschen ihn störten am rechten Lauschen, daß er die Erd« selber behorchen müsse — ja, die Erde, die Erde hatte es in sich. Und der Dichter ging hin und kaufte das Tal der Zwerge mit dem Rest feines zusammenschrumpfenden Vermögens, kaufte an 20 Morgen Landes, baute fein Häuschen in den Schatten der raunenden Berge und lauschte — fünf Jahre lang. Er kam selten ins Dors und dann nur als scheuer Zaungast des Lebens, der hastig feine kleinen Einkäufe machte und bei den Festen traurig durch das Tanzzelt lugte, mit langem Bart, mit zerschlissenen Kleidern... „ ,
Doch mit dem Bart war ihm endlich sein Werk gewachsen, und eines Tages hatte er die „Goldene Wiege" in die Welt gesandt — aber der Postbote wußte zu berichten, daß er das wohlbekannte dicke Päckchen in einem Jahre wohl zwölfmal mit fortgenommen und zwölfmal wohlbehalten wieder zurückgetragen habe ins Zwergenhäuschen. Dann aber war das große Glück doch gekommen: ein Mann, der Bücher Herstellen ließ hatte dem Dichter geschrieben, daß er die „Goldene Wiege" wohl drucken möchte, ja, er verspräche sich einen starken Erfolg, an dem der Dichter einen ungewöhnlichen großen Anteil haben sollte — jedoch Herr Gyldendahl selbst müsse mit 1000 Mark ins Geschäft mit einsteigen. Der war frohlockend ins Dorf gekommen und hatte gleich in der Wirtschaft


