-Nit einem dunkelgrünen Teppich bekleideten Marmorstufen in den nächsten Raum. ,
Dr. Kircheisen wandte sich dem alten Herrn wieder zu:
„Wer, sagten Sie, ist der Patient?"
„Mein Gärtner", wiederholte der Baron.
Herr Baron", sagte der Arzt. „Ich fürchte, daß hier ein Mißverständnis vorliegt. Man hat Sie über mich vermutlich falsch unterrichtet. Ich übe schon seit Jahren keinerlei Praxis aus und beschäftige mich nur mit wissenschaftlichen Untersuchungen. Da es sich um einen Ihrer Domestiken handelt, so wäre es vermutlich angezeigt, ihn einfach ins Spital transportieren zu lassen. Das wäre zumindest weniger kostspielig für Sie! Ich halte mich für verpflichtet, Sie auf diesen Punkt aufmerksam zu machen." . , ,
„Das alles weiß ich", sagte der Baron ruhig. „Nichtsdestoweniger habe ich ernste Gründe, Sie zu bitten, die Behandlung zu übernehmen."
, Meine Zeit ist kostbar und für die nächsten Wochen überdies durch andere, mir sehr wichtige Unternehmungen in Beschlag genommen. Ich bin mit diesem Besuche nur der dringenden Bitte meines Freundes nachgekommen, weil ich, wie er, den Eindruck hatte, daß Ihr Leben auf dem Spiel stünde, Herr Baron, oder doch das Leben eines Ihrer nächsten Familienangehörigen."
Der Baron überleate eine Weile. Sie waren an der Tür des Krankenzimmers angelangt. Der Baron trat zur Seite, ließ den Arzt eintreten und sagte bann, indem er die Tür hinter sich zuzog, mit unbefangen klingender Stimme: '
„So bitte ich Sie, annehmen zu wollen, daß mein eigenes Leben von der Rettung meines Gärtners abhängt."
„Wie soll ich das verstehen? Was wollen Sie damit sagen?" fragte der Arzt unwillig.
„Nichts anderes, als daß ich den größten Wert darauf lege, meinen Gärtner in Ihrer Behandlung zu sehen. Ich werde das Opfer, das Sie mir mit dem Verlust Ihrer kostbaren Zeit bringen, in jeder Hinsicht zu bewerten wissen", gab der Baron zur Antwort.
Der Arzt blickte sich um. Er befand sich in einem vornehm ausgestatteten Raum, in dessen Mitte ein breites Himmelbett stand mit grünen Damnstoorhängen, die ringsum geschlossen waren.
„Hier liegt der Patient", sagte der Baron.
„yt das das Zimmer Ihres Gärtners?" fragte der Arzt erstaunt.
„Nein — das ist mein eigenes Schlafzimmer. Ich habe ihn nach dem Unfall in der Eile hierher schassen lassen."
Der Baron schlug die Vorhänge zur Seite. Da lag der Kranke.
Dr. Kircheisen ärgerte sich später über sich selbst, weil er damals beim Anbl f des Gärtners so heftig erschrocken zurückgeprallt war. Es ist aber auch 'eine Kleinigkeit — man erwartet ein gutmütiges niederösterreichische.?. Bauerngesicht zu sehen, einen großen, blonden Gärtnerburschen aus MU aber aus Wiener-Neustadt etwa, und da starrt einem eine fahlgelbe 2a; ■ entgegen — bas Asttlitz irgendeiner exotischen Rasse mit tief in den Höhlen liegenden Augen, feuchtem, zu Strähnen verklebtem Haar und einem fast meterlangen kohlschwarzen Bart, der zudem unterhalb des Ha? -> mit einem Tuch zusammengebunden ist.
, U am Singh ist ein Inder!" erklärte der Baron, der des Arztes Ver- roü g bemerkte. „Ich hab' ihn von meiner letzten Orientreife aus der Sin : Agra mitgebracht."
?d warum haben Sie ihm um des Himmels willen den Mund ver- ftopi " fragte Dr. Kircheisen und wies auf einen Tuchlappen, der über den ipp?n des Gärtners befestigt war.
Dw Baron lächelte. „Das hab' ich nicht getan. Den Lappen trägt Ulam Singh immer. Aus religiösen Gründen — Ularn Singh ist nämlich ei» idhu, eine Art HinduheUiger, und sein Glaube verbietet ihm, ein Tie; und sei es auch das kleinste, zu töten. Weil ihm aber beim Atmen irr in mikroskopisch kleines Insekt in die Kehle kommen könnte, bat : trägt er immer solch einen Tuchlappen vor dem Mund."
r Arzt hatte inzwischen einen Stuhl herbeigezogen und die Bett- b. znrückgeschlagen. Jetzt holte er die elektrische Lampe vom Schreibti- ' >,d gab sie dem Baron in die Hand. „Ein wenig höher", sagte er,
„w ich bitten darf." Das Licht schwankte unruhig in den zitternden Hä i des alten Mannes. Der Arzt schob dem Kranken den Arm unter
de.. : ?en und hob ihn sacht in die Höhe. Dann fühlte er den Puls und
t;die Herztöne ab. Er betastete die Hand- und Fußgelenke und un achte die Lippen und die Zunge, auf denen er Spuren eines leichten, n Auswurfs feftftellte. Dann sah er auf. Sein Blick glitt auf die W> gegenüber, ba war ein mächtiger, persischer Teppich befestigt, auf bim -.ülische Waffen ein sternförmig angeordnetes Ornament bildeten. Ka sähet hingen da, Dolche aus dem Kaukasus, persische Handschare un naiayische Messer, seltsam verkrümmt oder gezackt, einzelne in vergäll m, edelsteinbesetzten Scheiden, manche mit elfenbeinernem ober em ertem Knauf. Die Mitte bes Sternes bildete ein Bündel dünner Ps
aben Sie diese Waffen selbst gesammelt? Halten Sie es für mög- lich iß eines dieser gefährlichen Dinger in irgendein Pfeilgift getaucht ist?" fragte der Arzt.
"?as ist gänzlich ausgeschlossen. Ich habe wenigstens niemals etwas beim -ichen feststellen können."
'batte Ulam Singh mit diesen Massen zu tun? Gehört etwa ihre nng und Instandhaltung zu seinen Pflichten?"
’ i Herr Doktor. Ulam Singh würde nie eine Waffe berühren. 5 erbietet ihm seine Religion. Auch hat er dieses Zimmer niemals
mn stehe td) vor einem Rätsel. Hören Sie, Herr Baron. Es lassen ■nbe Symptome seststellen: Blutiger Auswurf, Liihmungserschei- an Händen und Füßen, sowie an den Almungsorganen, cyano- *'! irbung der Lippen und der Zunge, ferner, was besonders charak- b l ist, das Fehlen jeder Geschwulst. — Alle diese Symptome weisen
mit Sicherheit auf das Gift einer ganz bestimmten Schlangenart hin. Aber von diesen tropischen Spezies ist bis letzt noch nie ein Exemplar lebend nach Europa gelangt."
„Und wie heißt die Schlange?" fragte der Baron leise und wie in Gedanken versunken.
Der Arzt hatte seine Handtasche geöffnet. Er entnahm einem kleinen, schwarzen Etui eine Miniaturspritze und setzte eine neue Nadel ein. Dann ergriff er den Arm des Kranken, bohrte die Nadel ins Fleisch und schob langsam den Kolben der Spritze nach unten.
„Tik Paluga heißt die Schlange", sagte er, als er die Injektion beendet hatte.
„Tik Paluga", wiederholte der Baron mit leisem Schauder.
„Ich sage mir natürlich selbst, daß diese Annahme ein Hirngespinst ist und muß nach einer besseren Erklärung suchen. Noch niemals ist es gelungen, eine Tik Paluga lebend in unsere Breitengrade zu bringen. Die chemische Zusammensetzung ihres Giftes kennen wir nicht genau. Es i könnte fein, daß Ihr Inder von einem vegetabilischen Giftstoff infiziert worden ist, der zufällig ähnlich wirkt wie der Biß der Tik Paluga."
„Nein!" sagte der Baron mit feiner leisen Stimme. „Ihre erste Diagnose war richtig."
„Wie meinen Sie, bitte?"
Der Baron ergriff den Arm des Inders und deutete auf zwei rote Pünktchen oberhalb des Gelenkes.
„Sehen Sie , flüsterte er. „Hier hat sie ihn gebissen."
„Wer?" schrie der Arzt erstaunt auf. „Wer hat ihn gebissen?"
„Die Tik Paluga", sagte der Baron mit leisem Erschauern.
„Aber es ist ausgeschlossen, daß es eine solche Schlange in Europa gibt!"
„Wollen Sie sie sehen, Doktor?" fragte der Baron.
„Das ist ja heller Wahnsinn! Ebensogut könnte ich mir hier in Ihrem (Barten von dem Stich einer Tse-tse-Fkiege die Schlafkrankheit holen!" sagte der Arzt kopfschüttelnd.
Der Baron wurde leichenblaß: „Um Gottes willen! Gibt es auch Tfe- tfe-Fliegen in Ceylon?" stammelte er.
„In Ceylon? Natürlich: die Glossina Sanderi.
„Philipp!" kreischte der Baron außer sich. „Philipp! Die Baronesse darf nicht mehr in den Garten."
„Was ist Ihnen, Herr Baron? Was find das für tolle Ideen? Vor allem: Die Glossina Sanderi von Ceylon ist eine vollkommen harmlose, gänzlich ungefährliche Verwandte der afrikanischen Tse-kse-Fliege. Und । wie käme die überhaupt in Ihren. Garten?"
„Philipp!" sagte der Baron mit tonloser Stimme zu dem eintretenden Diener. „Hol den Korb, der im Rauchzimmer neben dem Kamin sieht."
Der alte Diener verschwand und kam nach kurzer Zeit mit einem gelben, viereckig geflochtenen Körbchen zurück, das er voll Ekel und Angst ! mit ausgestrecktem Arm weit von seinem Körper weghielt.
Der Baron schob den Deckel zurück.
„Hier liegt sie", sagte er. „Vor einer Stunde habe ich sie erschlagen."
Der Arzt langte behutsam in das Innere des Korbes und holte die tote Schlange hervor. Er ließ den Körper des Tieres geschickt durch die Finger gleiten, nahm den Kopf in die flache Hand und betrachtete die Stirnzeichnung. Dann ließ er die Schlange wieder in den Korb zuriick- ; fallen.
„Unglaublich", sagte er dann. „Es ist wahrhaftig eine Tik Paluga. Sie haben sie selbst erschlagen? Gleich nachdem sie den Gärtner gebissen hat?"
Der Baron nickte. „Ulam Singh hat sie aus Indien gebracht." *
„Man muß immer wieder umlernen", sagte Dr. Kircheisen. . Ich glaube, Hagenbeck hat zum letztenmal den Versuch gemacht auf Bestellung des Berliner Zoo — aber das letzte Exemplar ging während der Seefahrt in der Gegend von Messina ein. Es ist merkwürdig, daß es Ihrem Gärtner gelungen ist, die Tik Paluga die ganze Reife hindurch am Leben zu erhalten. Wußten Sie davon, daß der Inder im Besitz eines so gefährlichen Tieres war?"
„Bis vor einer Stunde hatte ich keine Ahnung davon", gab der Baron zur Antwort. „Aber wie finden Sie den Zustand des Patienten? Ich habe sofort nach der Katastrophe übermangansaures Kali injiziert."
Der Arzt hatte inzwischen die Schlange nochmals in die Hand genommen und betrachtete sie genauer.
„Wie lange ist Ihr Gärtner bei Ihnen im Hause?"
„Seit einem und einem halben Jahr. Ich bin mit ihm im vorigen Frühjahr aus Indien gekommen."
„So?" sagte der Arzt und blickte den Baron an. „Und die Schlange ist höchstens drei Monate alt —! Er kann sie also unmöglich aus seiner Heimat mitgebracht haben."
Der Baron sah mit einem Blick auf, der hilfesuchend und voll Verwirrtheit war.
„Wie kam die Schlange in Ihr Haus?" fragte der Arzt.
„Ich weiß es nicht!" gab der Baron zur Antwort und fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf, als bereiteten ihm die forschenden Fragen des Arztes körperliche Schmerzen.
Dr. Kircheisen betrachtete kopfschüttelnd bald die Schlange, bald den Baron.
„Cs ist nicht meine Sache, mir darüber Gedanken zu machen", sagte er schließlich. „Was den Zustand des Patienten betrifft, so bin ich jetzt, i da ich die Art und die Provenienz des Giftes kenne, sehr wohl in der ! Lage, Ihnen den wahrscheinlichen Verlauf der Krankheit anzugeben." 1 „Nun? Bitte, sprechen Sie!" drängte der Baron.
I (Fortsetzung folgt.)
wörtlich Dr. Hans Thyriot. - Druck und Verlag: Brühl'scheUnivelfitäts- Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Gieh en.


