Ausgabe 
6.1.1933
 
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Norden. Draußen stand noch eine schwere Dünung, die die erste Nacht an Bord recht ungemütlich machte. Dadurch, daß sie zwei Tage lang nordwärts liefen, hassten sie nicht nur den Eisregionen zu entgehen, sondern auch wärmeres Wetter anzutreffen. Am dritten Tage erst drehten sie nach Osten ab und nahmen direkten Kurs auf Süd-Georgien.

Der Wind wuchs zu einem Sturme an. Schwere Seen brachen über Deck, das diesem Ansturm nicht gewachsen war. Die darunter liegende Freiwache wurde von eisigen Sturzbächen durchnäßt. Jetzt ging es ans Ausschöpfen, was der Wache genügend Gelegenheit zum Warmwerden gab. Inzwischen hatte sich die Mannschaft vollständig in den Vorddienst eingelebt. Bequemlichkeiten gab es hier nicht. Ueberall leckte das Wasser hindurch. Die Freiwache kletterte unter Deck in ihre nassen Schlafsäcke aus Renntierfell und suchte Ruhe unter den Sitzbänken aus einem Lager aus Kopfsteinen, die einen Teil des Ballastes bildeten. Sie gaben sich die größte Mühe, jeden einzelnen von diesen Steinen kennenzulernen, um besser darauf zu liegen und um Raum zu haben für ihre schmer­zenden Knochen. Doch es gab keinen Schlaf an Bord, nur ein dumpfes chindämmern, bis man sie wieder zur Wache rief. Der Mann, der dann das Wasser auszuschöpsen hatte, konnte sich glücklich preisen.

Sie litten außerordentlich unter der Kälte. Das einzige, was sie bei Mut erhielt, war die warme Fettsuppe, die es mehrmals am Tage gab. Die Kocherei war recht schwierig. Einer mußte den Kocher halten und S>ei hatten auf den Topf zu achten, daß er im Seegang nicht llber- lllpte. Ein anderes großes Leiden war, daß sie ihre Glieder an den nassen Kleidern wund scheuerten. Seit sieben Monaten hatten sie ihr Zeug nicht gewechselt. Die Innenseiten ihrer Schenkel waren rauh ge­rieben und durch das grausame Beißen des Seewassers wurde der Schmerz unerträglich.

Am nächsten Tage wurde es wiederum recht hart. Sie lagen bei­gedreht unter doppelt geresstem Großsegel und kleinen Besan. Sie hatten bisher 60 bis 70 Meilen täglich geschasst, was bei solchem Wetter eine recht gute Leistung ist. Der Sturm kam aus Südwest, also aus der kalten Ecke. Da der Sturm noch zunahm, mußte bald auch das Großsegel ge­borgen werden. Der Treibanker hielt das Boot wohl mit dem Kops auf der See, doch hielt er sie so hart, daß die Seen oft von vorn bis hinten über das Schiff hereinbrachen. Ein neuer Feind stellte sich ein, das Eis. Der frostige Atem des Südwest hatte die Temperatur bis unter den Gefrierpunkt gebracht. Der auf dem Boot zu Eis werdende Gischt bildete eine große Gefahr, denn er begann die Schwimmfähigkeit zu verringern. Abwechselnd mußte die Mannschaft auf das Vordeck klettern und mit Pickeln die Eismassen abschlagen.

Am nächsten Tage war das Boot so niedergeeist, daß eine ernste Gesahr bestand. Alles überflüssige Geschirr mußte über Bord geworfen werden. Man schlug ein paar Reserve-Riemen los und warf sie ins Meer. Den gleichen Weg wanderten zwei vollständig durchnäßte Schlas- säcke. Jetzt konnten die beiden Wachen die gleichen Schlafsäcke benutzen und brauchten ihre nicht jedesmal aufzutauen. Zudem wurde noch einer der Leute krank. Durch die Gewichtserleichterung kam das Borschiff der .Zornes Caird" wieder hoch und das Boot lag erheblich besser zu Wasser.

Jetzt riß aber der Seeanker ab und das Boot fiel in die Wellentäler. Nur der Ballast bewahrte es vor dem Kentern. Mit Keulen mußten sie das Großsegel vom Eis befreien. Endlich konnte sie das Segel wieder fetzen und alles atmete erleichtert auf. Da sie aber nach Lee abtrieben, war keine Aussicht vorhanden, den verlorenen Seeanker wieder zu er­halten. So aßen sie ihre kärgliche Fettsuppe, behandelten ihre Wunden und hofsten aus eine Besserung des Wetters. Der Himmel sah zwar noch recht drohend aus und ebenso lies die See noch gleich hoch, aber gegen Dunkelwerden ließen Wind und Seen an Heftigkeit nach und auch die entsetzlichen Schneeböen kamen weniger häufig.

Ihre Navigation war nicht einfach. An dem bleigrauen Himmel war nur selten eines der Gestirne auszumachen. Nachts konnten sie auch nur nach Wind und See steuern, denn eine Kompaßbeleuchtung hatten sie nicht. Am siebten Tage endlich machte Worsley eine Sonnenbeobachtung, die ergab, daß sie auf dem richtigen Kurse lagen und bereits den halben Weg nach Süd-Georgien geschasst hatten.

Hell und klar kam an diesem Tage die Sonne hervor. Die nassen Schlafsäcke wurden überall in der Takelage zum Trocknen aufgehängt und ebenso alle durchweichten Kleidungsstücks. Das Eis schmolz gänzlich vom Rumpfe ab. Kaptauben umkreisten das Boot und bewiesen, daß es noch mehr Leben aus dieser unwirtlichen Erde gab.

In den nächsten drei Tagen wurde es wieder härter, aber es war ein Nordwest, der dieJames" Caird" schnell vorwärts brachte. Eisfelder waren hier nicht mehr zu befürchten. Die Temperatur wurde aber noch | nicht wärmer. Um sich bei Kräften zu erhalten, mußten sie nachts eine heiße Ertra-Mahlzeit einlegen.

Am elften Tage trafen sie auf eine wilde Kreuzsee. Außerdem kamen i wieder Schneeböen aus Südwesten, und die Plage mit dem Eis begann i von neuem. Um Mitternacht, als Shackleton selbst die Ruderwache hatte, ! bemerkte er plötzlich einen Strich ganz klaren Himmel direkt im Luv. Er ries seinen Gefährten zu, daß der Himmel jetzt aufklarte, doch einen : Augenblick später erwies sich,' daß das, was er gesehen hatte, kein Spalt in den Wollen gewesen war, sondern der weiße Kamm einer ungeheuren Woge. Während seiner L6jährigen Seefahrtszeit hatte Shackleton keine so gigantische See gesehen.

Es war eine mächtige Erhebung des Ozeans, ein ganz anderes Ding als die weißmützigen Wellen, gegen die sie bisher angekämpst hatten. Im Augenblick lagen sie in einer kochenden Wassermasse Das Boot überlebte wider alles Erwarten diese See, doch war es halb voll Wasser und tiefer gesackt und zitterte noch von dem ungeheuren Stoß. Dann schöpften sie aus, schöpften um ihr Leben und nach zehn Minuten kam das Boot wieder unter ihnen hoch. Alles, was sie mühsam getrocknet hatten, war wieder durch und durch naß. Primuskocher und Aluminium­topf trieben im Kielraum und ebenso die eben gekochte Mahlzeit. Drei Stunden arbeiteten sie ununterbrochen, um den Kocher wieder in Gang zu setzen und sich aus Milchpuder eine Milch zu kochen.

Ain zwölften Tage klarte es dann wieder auf, und Worsley konnte zum zweitenmal mährend der Reife den Schiffsort bestimmen. Diesmal

lagen sie 100 Meilen nordwestlich von Süd-Georgien. Zwei weitere Tage mit günstigem Wind, dann würden sie die Insel erreicht haben.

Am Mittag des 14. Tages endlich sah McCarthy durch einen Wolken­spalt einen Zipsel von den schwarzen Felsen Süd-Georgiens. Der Tag begann bereits mit stürmischen Böen aus Nordwest. Sie suchten das Wasser nach Landzeichen ab. Diese kamen bald. Zunächst war es nur ein wenig Salzkraut, doch bald daraus trieb schon mehr von diesem Gewächs, auf dem ein paar Seevögel saßen. Jetzt konnten sie nicht weiter als 15 Meilen von der Küste abstehen, denn ein solcher Vogel aus einem Bündel Salzkraut ist so gut wie ein Leuchtturm.

Trotzdem sie alle durstig^ abgekämpft und schwach waren, ging doch eine Fröhlichkeit von den Seeleuten aus, als ob sie zu einer Hochzeit segelten. Sie hielten nach einem günstigen Landeplatz Ausschau. Voraus und im Süden zeigten hungrige Klippen ihre Zähne, an denen die Seen 30 ober 40 Fuß hoch hinauf brandeten. Der Durst wurde allmählich zur Qual. Eine Landung an dieser Küste würde aber sicheren Selbstmord bedeuten. Die Nacht kam, und der Himmel sah nicht nach gutem Wetter aus. Sie mußten also wieder hinaussegeln bis zum folgenden Morgen. Beigedreht lagen sie so in einer hohen westlichen See die ganze Nacht. Bald drehte sich der Wind auf Nordwest und schwoll zu Sturmesstärke an. Es war der schwerste, den sie bis jetzt erlebt hatten. Sie waren ohn­mächtig gegen diese Gewalten. Durch einen Spalt in dem fliegenden Gischt sahen sie gegen Mitternacht einen Zipsel dieser Felsen. Sie lagen bereits dicht davor. Die größte Todesgefahr und die übermäßige An­strengung ließen sie ihren Durst vergessen. So schoben sie sich an der Küste entlang unter dem Getöse der Brecher. Hoch über ihnen thronte ein schneebedeckter Berg. Plötzlich, gegen 6 Uhr morgens, sprang der Wind um. Im selben Augenblick ließen auch Wind und See nach. Hier hatten sie ihre einzige Havarie in der Takelage während der ganzen Reise. Ein Mastbolzen brach. Wäre ihnen dieses während der Nacht pas­siert, hätten sie ihr Abenteuer späterhin nicht erzählen können und ihre Gefährten aus der Elefanten-Jnsel wären dem Hungertode verfallen. Jetzt waren sie schon so abgekämpft, daß ihnen alles gleichgültig war. Ihr Trinkwasser war seit langem ausgebraucht. Die letzte Pinte einer haarigen Flüssigkeit hatten sie durch Gaze gießen müssen, um sie über­haupt trinken zu können. Als sich der sechzehnte Tag seinem Ende näherte, war es totenflau geworden, doch es lief noch eine wilde Kreuz- fee. So konnten sie sich nur langsam an das Ufer heranarbeiten. Eine Landung wollten sie dem Zufall überlassen.

Gegen Abend drehte der Wind aus Nordwest zurück und drohte wiederum mit Sturm. Vor sich sahen sie einen tiefen Einschnitt in den Bergen, der nach ihrer Meinung die König-Haakons-Bucht sein mußte. Darauf liefen sie zu. Voraus sichteten sie einen riesigen Gletscher, der keinen Landeplatz bot. Rund herum donnerte die Brandung gegen die nackten Felsen. Schließlich entdeckten sie doch noch eine Lücke zwischen den Klippen, auf die sie zu hielten. Das Boot jagte durch die Brandung und wurde auf den Strand hinaufgeworfen. Das Getöse des Gletscher­baches war ihr Willkommensgruß und niemals ist von sturmzerzausten Seeleuten das klare, süße Wasser freudiger begrüßt worden als hier.

Sie mußten jetzt noch die Walstation erreichen, die aber an der Ost­seite der Insel lag. Dazwischen befanden sich ein Berg und ein Gletscher, die keines Menschen Fuß bisher betreten hatten. Mit einer kräftigen Suppe von jungen Albatrossen und dem Fett der See-Elefanten stärkten sie sich für die beschwerliche Wanderung. Wie sie das Gebirge über­kletterten und endlich in der norwegischen Station Grytviken eintrafen, das ist eine andere Geschichte. Sofort ging ein Walfänger in See, um die 22 Mann von der Elefanten-Jnsel abzuholen und ein anderer schleppte die kleineJames Caird" zur Station. Heute hat das kleine Boot einen sicheren Hafen im Museum zu Liverpool gefunden.

1921 warf ein Fieberanfall Sir Ernest Shackleton aufs Krankenlager, dem er im Hospital zu Montevideo erlag.

Das Mangobaumwunder.

Roman von Leo P e r u tz und Paul F r a nk.

Nachdruck verboten. Copyright by Albert Langen, München.

lForkietzunq.»

Ich hatte aus den Reden Ihres Dieners den Eindruck gewonnen, daß Sie selbst, Herr Baron, von dem Unsall betroffen worden sind."

Nein! Nein! Nein! Nein!" Der Baron schrie beinahe aus:Mir fehlt nicht das geringste, ich bin vollkommen wohlauf!"

Ich muß also befürchten, daß Ihr Fräulein Tochter das Opfer des Unfalles ist."

Nein, dem Himmel fei Dank, meine Tochter ist gesund."

Der Diener sagte aber, man habe mich rufen lassen, um Ihnen und Ihrer Tochter zu helfen."

Ja! Es ist uns ein großes Unglück zugestoßen; ein entsetzliches Un­glück hat uns betroffen", sagte der Baron leise.

Wollen Sie mir nicht endlich verraten: Wer ist der Patient? Steht er Ihnen so nahe?" fragte Dr. Kircheisen ungeduldig.

Der Baron sah den Arzt mit einem ängstlichen und zaghaften Blick an.

Der Patient ist", sagte er stockend,der Patient ist"

Er zögerte eine Weile, gab sich dann plötzlich einen Ruck, richtete sich gerade aus und sagte:

Der Patient ist mein Gärtner, Herr Doktor."

Der Patient.

Sie waren während dieses Gespräches in die Vorhalle der Villa eiu- getreten, einen weiten gewölbten Raum, dessen Pracht den Arzt sogleich fesselte und ablenkte. Die Wände waren mannshoch mit taneUiertem dunkelbraunem Holz verkleidet; darin wuchs rosenfarbiger, von dünnen schwarzen Adern durchzogener Marmor empor, in den Mosaikbilder ein­gefügt waren, hohe schlanke Frauengestalten mit einer Rosenkette in den Händen. In Silber gefaßte, flach nach unten gewölbte Glasfchalen saßen an den vier Ecken der Decke und ließen ein mildes, weißes Licht in den Raum fallen. Im Hintergründe führte ein Treppenansatz von wenigen,