Ausgabe 
6.1.1933
 
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Shackletons Bootsahrt über den Ozean.

Von Ludwig Dinklage.

Man schrieb das Jahr 1916, da setzte Sir Ernest Shackleton der bekannte britische Forscher, die ganze seesahrende Welt in E< staunen durch eine außerordentlich gewagte Reise im winzigen Boot durch die antark­tischen Meere. Mit der Walsänger-BarkEndurance" drang Shackleton im Auftrage der britischen Admiralität durch den Packeisgürtel in die Weddell-See vor. Dabei wurde das Schiss von den schwimmenden Eis- feldern zerdrückt und sank. Die Schissbrüchigen sanden kaum Zeit, ein paar notwendige Ausrüstungsgegenstände und Vorräte von dem sinkenden Schafs zu bergen. Auf dem Treibeis richteten sie sich ein Lager ein, in dem sie sechs Monate lebten. In den letzten Märztagen 1916 begann die Eisscholle, aus der sie sich einquartiert hatten, wie ein Schiff zu rollen und zu dümpeln Es war das Zeichen, daß der Packeisgürtel ausbrach. Es war auch die höchste Zeit, das Lager zu verlaßen.

Im Norden, in ungefähr 70 Meilen Entfernung, lag das hohe Land der Elefanten-Jnsel. Dort wußten sie eine Höhle, die ihnen während des Polarwinters Schutz gewähren konnte. In zehn Tagesmärschen zogen sie ihre Boote und die letzten wenigen Vorräte über das Eis hinweg, ruderten di Spalten entlang, bis sie schließlich ihr Ziel erreichten und auf einer Sandbank in der Nähe eines Gletschers ein Lager bezogen. Sie waren im ganzen 28 Mann stark. Ihr Vorrat würde bei sparsamster Wirtsch .st etwa zehn Wochen reichen. Da Seevögel und Robben bei Eintritt des Winters sich nach Norden verzogen, war eine Auffüllung des Proviants auf diese Weise ausgeschlossen. Ebenso war auf Ersatz durch einen ver- späteten Walfänger nicht mehr zu hoffen. So sahen sie sich dem Verhungern gegenüber.

In dieser mißlichen Lage beschloß Shackleton, auf eine Bootsreise zu gehen, um das Leben seiner Leute zu retten. Der nächste bewohnte Ort war Port Stanley auf den Falklandinseln, 540 Meilen entfernt. Dieser Hafen lag aber in Luv, und so war es eine glatte Unmöglichkeit, mit den flachen Schiffsbooten und der geringen Beseglung kreuzend dahin zu ge­langen. Erheblich weiter entfernt, jedoch in Lee, lag die Insel Sud- Georgien. Hier konnte man hoffen, noch ein Schiff der norwegischen Wal- fangftation anzutreffen, das innerhalb eines Monats Hilfe bringen konnte. Die (Entfernung nach dort betrug 800 Seemeilen.

Shackleton bereitete sich für eine Fahrt nach Süd-Georgien vor. Aus (einen Booten wählte er ein Spitzgattboot, denJames Caird" aus Es war 6,70 Meter lang und nur 2,13 Meter breit. Für diese rauhe Fahrt mar es also ein recht winziges Schiff. Der Zimmermann Mac Neifh erhöhte di Seiten noch um eine Planke, so daß die Raumtiefe jetzt 95 Zentimeter betrug.

Um das Boot der rauhen Beanspruchung oewachsen zu machen, muß­ten viele Verstärkungen angebracht werden. Man baute ein Verdeck aus Schlittenkufen und Kistenbrettern, über die man zum Schluß noch Segel­tuch nagelte. Es war zwar ein sehr fragwürdiger Schutz, denn die darauf donnernden Seen hatten bald die schwachen Stellen herausgesunden, durch die es fortwährend hindurchleckte. Shackleton stellte aber den Pri­muskocher unter dem Deck auf, und dieser trug wesentlich dazu bei, daß die Leute immer bei gutem Mut blieben.

Ihre nautische Ausrüstung war verhältnismäßig einfach. Sie bestand aus einem Sertanten, einem Kompaß, einem Chronometer und einer deutschen Admiralitätskarte von Südgeorgien. Der Kompaß besaß keine Beleuchtuna. so daß man nachts ein Streichholz anreißen mußte, um nach dem Kurse zu sehen. Das hörte aber auch bald auf, denn die Streich­hölzer wurden knapp. Ein Treibanker aus Segeltuch lag klar zum Ge­brauch im Boot. Außer den Vorräten und der Ausrüstung waren noch 1000 Pfund Ballast in Sand und Steinen an Bord und 250 Pfund Gletschereis als Trinkwasier-Vorrat.

Während die Vorbereitungen sich ihrem Ende näherten, beobachtete man genau die Eis- und Witterungsverhältnisfe. Am 23. April herrschte ein Landwind mit Sturmesstärke, der die Spalten im Packeis aufriß. Die Eisbewegung wurde dadurch sehr groß und die Eisberge trieben mit einer Geschwindigkeit von 4 bis 5 Knoten nach See hinaus. Das war eine günstige Gelegenheit zur Abreise.

Neben Shackleton schissten sich noch fünf Mann auf derJames Caird" ein. Es waren dieses der Segelmeister Worsley, ein ganz her­vorragender Nautiker, ferner Crean, zweiter Offizier derEndurance", der Zimmermann McNeifh und die Seeleute Vincent und McCarthy. - Sie gingen in zwei Wachen zu je vier Stunden. Wie es sich zeigte, waren es nicht zuviel Leute für die harte Arbeit auf dem kleinen Schiff.

Am Mittag des 24. April 1916 warf Shackleton von der Elefanten- Infel los. Noch vor Einbruch der Nacht waren sie gänzlich frei von dem Packeisgürtel. Um jedoch ganz sicher zu gehen, steuerten sie weiter nach

Goethes botanische Sammlung.

Don Universitäts-Garteninspektor i. R. Friedrich Reynelt. Gießen

Als im Frühjahr 1913 der naturwissenschaftliche Nachlaß irn Eoethe- baule zu Weimar, neu geordnet, in den Räumen des geplanten Erweite- rungsbäues z7r Aufstellung kommen sollte, befanden sich die e Samm­lungen in Schränken, Kommoden und Schubfächern, zum Teil auch auf dem Dachboden, Obschon seit ihrer Entstehung damals bereits über em Jahrhundert vergangen war, hatte der Zahn der Zeit erfreulicherweise nur wenig geschadet. Es zeigte sich, daß unter Umstanden auch St°ub- chichten ein wirksames Mittel gegen zerstörende Insekten (ein tonnen. Zu den wissenschaftlichen Spezialisten, denen man diese unersetzbaren Schätze zur Durchsicht und Neuordnung anvertraute, zahlte auch der Gießener Universitätsprosessor Geheimrat Dr. Hansen. Aus diese Weise kam der größte Teil der pflanzlichen Objekte für längere Zeit nach Gießen und zur Feststellung der Namen und deren Katalogisierung als interessante Ferienarbeit in meine Hände.

Es soll hier keine Auszählung und Beschreibung des historisch wert­vollen Materials gegeben werden. Es mag der Hinweis genügen, daß es sich zum Teil um Samen, Früchte, Fruchtstände, Japsen seltener Nadelhölzer, Faserstofse und dergleichen Dinge Hande t, wie sie See­fahrer jener Zeit von ihren Reifen aus fremden Erdteilen mitzubringen pflegten. Wichtiger als diese sind solche aus der heimatlichen Flora als Verwachsungen und Verbänderungen von Eschen-, Eichen- und Kiefern­zweigen, Maserknollen von Waldbäumen und einige, besonders gut ausgebildete, selten schöne, papierdünne Gebilde, die durch Drehwuchs bütenartig geformt, die Stammpflanze der Weberkarde kaum noch er­kennen lassen. Erst viele Jahrzehnte später hat diese Form der $er= bänöerung von Stengeln in der Wissenschaft Beachtung gefunden, welche sie mit dem FachausdruckZwangsdrehungen" belegte. Eine Anzahl ge­preßter Blätter, darunter solche von größtem Format, Blattskelette, fer­ner eine Holzfammlung und farbige Handzeichnungen von gestreiften Tulpen und durchwachsenen Rosenblumen vervollständigen diesen, jur bie Metamorphosenlehre Goethes wichtigsten Teil. Es mag erwähnt werden, daß Goethe den AusdruckMißbildungen" für abnorme Wachstumserscheinungen bei Pflanzen abgelehnt hat.

Im Zeitalter der Linnefchen Systematik, wo auch die zünftige Botanik eine ihrer Hauptaufgaben im Anlegen von Herbarien erblickte, erscheint es als selbstverständlich, daß auch Goethe ein solches besah. Es umsaßt über 1800 Pflanzen, ungerechnet eine Mappe mit Meeresalgen aus dem Golf von Neapel, die, wie ein vorhandener Brief besagt, das Geschenk einer fürstlichen Dame ist. Außerdem existiert noch ein Herbar in Ta­schenformat, das kleine, einheimische Farnkräuter Und andere Kryp­togamen enthält. Nach der Bearbeitung, bei der an den vergilbten Biättern mit den teilweise verblaßten Schriftzügen nichts geändert wurde, füllt es 15 Prachtmappen, die von einem Gießener Buchbinder- meister für diesen Zweck hergestellt sind. Sie sind in Großfolio-Format gehalten. Räumlich gesehen, bilden sie eines der größten Schaustücke der ganzen Sammlung.

Als Ganzes betrachtet, reicht Goethes botanische Sammlung über Umfang und im Bereich der verschiedenen Gebiete der Botanik weit über das hinaus, was ein fleißiger Sammler zusammenzutragen pflegt. Für die Beurteilung ist das jedoch nicht entjcheidend. Viel wichtiger als das Vorhandene scheint mir im Falle Goethe das zu [ein, was nicht da ist. Geheimrat v. Dettingen, der damalige Direktor des Goethe- haujes hatte recht: Nach Zetteln, Nummern, Aufschriften, wie sie der Sammler sonst für unentbehrlich hält, zu suchen, war vergebliche Muhe. Es war nichts vorhanden, was über Art oder Zweck hätte Aufschluß geben können. Wie aber der Gartenfreund, der seine Obstbäume in Blüte, Frucht und Tragbarkeit, wie auch in allen ihren anderen (Eigen« schäften genau kennt, die Schilder mit Namen für überflüssig und störend hält, so hat auch Goethe jedes einzelne Stück gekannt. Es war ihm Mit­tel zum Zweck. Aehnlich verhält es sich mit dem Herbar. Der ältere, in sich abgeschlossene Teil stammt nicht von ihm, scheint auch weniger benützt worden zu sein. Der andere, welcher in Format und Zusammen­setzung abweichend ist, enthält gleich dem ersten überall die wichtigsten Angaben über Namen und Stellung im Linnöschen System. Die wenig­sten aber rühren von Goethes Hand her.

Wie eifrig sich Goethe für die einheimische Flora interessierte, geht u. a. auch aus der Beschreibung seiner Reise nach Karlsbad hervor. In Jena begegneten ihm Studenten. Goethe ließ seinen Wagen halten und winkte einen heran, der eine Botanisier trommel trug, der ihm den In­halt zeigen und erklären muhte. Dieser junge Mensch namens Dietrich entstammte einer berühmten Gärtner- und Botanikerfamilie. Da Goethe an ihm Gefallen sand, wurde er nach Karlsbad eingeladen und durfte dort am Brunnen jeden Morgen die (Ergebniffe feiner Exkursionen in die Umgebung von Karlsbad seinem Gönner, Frau v. Stein und einem Kreise von Verehrern des Dichters vorzeigen. Man könnte vermuten, daß von dieser Ausbeute dem Herbar das eine oder andere Exemplar einverleibt worden wäre. Man könnte sogar annehmen, daß Goethe bei seiner schwärmerischen Begeisterung für die südliche Pflanzenwelt aus dem sonnigen Italien einige Andenken mitgebracht habe, bas seinen Platz im Herbar finden konnte. Ich habe Blatt für Blatt daraufhin nach einem Hinweis untersucht, vergebens Goethe war kein Sammler. Er war auch kein Botaniker, er war mehr, Stubengelehrsamkeit, lebloses Spezialwissen, die den Blick auf die Zusammenhänge.in Raum und Zeit zu trüben vermögen, schätzte Goethe nicht. Nur die lebendige Natur und Kreatur vermochte seinen großen Geist zu dichterischem Schwung zu beflügeln, der dem Kleinsten so gut wie dem Höchsten und Unbewußten, das in eines Menschen Herz wohnt, verklärenden Ausdruck zu verleihen verstand. Wie mit prophetischem Sefyerbtictjiusgeftattet, war er seiner Zeit voraus. Oie Worte, welche er seinem Spiegelbilde Faust, kurz vor dessen Ende, einem ßebensbetenntnis gleich in den Mund legt und mit deren gekürzter Wiedergabe ich diese kleine Betrachtung schließen möchte, muten an, wie der Fingerzeig seines Genius, um aus den Nöten und der Zerfahrenheit der Gegenwart uns Deutsche hinüber zu retten In eine bessere und gesicherte Zukunft, wenn er schreibt:

... Vom Lager auf, ihr KnechteI Mann für Mann' Laßt glücklich Ichauen, was ich kühn ersann.

Ergreift das Werkzeug, Schaufel rührt und Spatenl Das Abgesteckte muß sogleich geraten ... Wie das Geklirr der Spaten mich ergeht!

Es ist die Menge die mir frönet, Die Erde mit sich selbst versöhnet, Den Wellen ihre Grenzen setzt, Das Meer mit strengem Band umzieht ... Eröffn' ich Räume vielen Millionen Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen: Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde Sogleich behaglich aus der neusten Erde ... Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben Der täglich sie erobern muß.

Und so verbringt, umrungen von Gefahr, Hier Kindheit, Mann und Greis fein tüchtig Jahr, Solch ein Gewimmel möchf ich sehn, Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.. .*