Ausgabe 
5.5.1933
 
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Gießener ZamüienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Nummer 34

Sreitag, den 5. Mai

Jahrgang <933

Keldeinsamkeit.

Von Hermann Allmers.

Ich ruhe still im hohen, grünen Gras und sende lange meinen Blick nach ollen, von Grillen rings umschwirrt ohn' Unterlast, von Himmelsbläue wundersam umwoben.

Und schöne weiße Wolken ziehn dahin durchs tiefe Blau wie schöne stille Träume; mir ist, als ob ich längst gestorben bin und ziehe selig mit durch ew'ge Räume.

Johannes Brahms.

Zum 100. Geburtstage des großen Musikers am 7. Mai.

Von Kurt Engelllrecht, GDS.

Wenn wir uns das Bild des großen Musikers und Menschen Johan­nes Brahms vergegenwärtigen, so müssen wir sagen: (Jin wahrhaft kerndeutscher Mann! Unmöglich, ihn etwa in eine französische, italienische oder gar russische musikalische Umwelt hineinzustellen.

Der hart«, herbe Ginster der norddeutschen Tiefebene, der mit seiner kräftig leuchtend-gelben Blüte im Sommer die einsame Größe und Wuchi der Landschaft noch unterstreicht, wird im Volksmunde Brahms genannt. Und kein Zweifel, es ist auch in der Art des norddeutschen, aus dem dunkelsten Hamburg gebürtigen Tondichters etwas von dieser nordischen, wetterharten, ja ost borstigen Herbheit seiner Heimat und ihres Land- schastsbildes zu spüren. -

Wie oft ist nicht gefragt, wie oft nicht darüber gegrübelt und geschrie­ben worden, was denn eigentlich das Hauptmerkmal deutscher Kunst, insbesondere deutscher Musik sei. Brahms kann es uns lehren wie kaum ein anderer unter den Meistern unserer Kunst. ,

Wenn er schuf, so dachte er nie an das Publikum, nie an lauten Bei­fall und erst recht nicht an klingenden Erfolg. Er schuf seine Werke in Stille und Einsamkeit für sich, für Gott, für die Seele seines Volkes, die sich ihm in Worten der über alles geliebten deutschen Dichter und in dem verständnisvollen Mitgehen einiger weniger Freunde auftat.

So fühlte er sich abgestoßen von dem pomphaften und sehr auf äuße­ren Glanz und Erfolg ausgehenden Musikbetrielle des Liszt schen Krei­ses. Unwiderstehlich angezogen jedoch wurde er durch die stille und ver- onnene Art Robert Schumanns und seiner Frau Clara. Vorüber­gehend konnte ihn die unruhige P a g a n i n i - Dämonie des ungarischen Geigers R e m e n y i fortreißen, dauernd zu fesseln jedoch vermochte ihn nur die lautere Kunst des schlichten, vornehmen Joachim.

So ist denn auch Brahms' äußerer Lebensgang ohne Sensationen, ohne Abenteuer, ohne Ueberraschungen. Es läßt sich in drei Worten über ihn berichten. Der Ausstieg des Vaters vom Tanzkapellen-Kontrabafsisten zum Mitglied des städtischen Orchesters in Hamburg mag den jungen Musikus zuerst erkennen gelehrt haben, daß durch Fleiß, Rechtlichkeit und ordentliche Gesinnung sich immer noch etwas im Leben erreichen laßt. Unbeschadet seiner seelischen und körperlichen Gesundheit konnte er selbst seine Musikerlaufbahn als Tanzspieler in üblen Matrosenkneipen begin­nen Eichendorff, Brentano, Hölty begleiteten ihn und be­wahrten ihn vor Häßlichem und Schmutzigem. Rach gründlicher Aus­bildung als Pianist und Tonsetzer geht er mit zwanzig Jahren auf die Suche nach einer Lebensstellung, das heißt für ihn: nach günstigen Vor­bedingungen für ein freies Schaffen, für ein ungehemmtes Gestalten feiner tiefsten Seelen- und Herzenserlebnisse. Düsseldorf, Detmold, Ham­burg gaben ihm jeweils für kurze Jahre die Möglichkeit, sich als Orchester- dirigent, Chorleiter und Komponist zu betätigen und sich vor allem als Tondichter einen solchen Rus zu erwerben, daß er 1862, also mit neun­undzwanzig Jahren, die Stadt Mozarts und Haydns, Beetho­vens und Schuberts zu dauerndem Aufenthalt wählen konnte.

Der Schlichtheit und Einfachheit feines äußeren Lebensganges steht ein unerhörter Reichtum innerer Entwicklung, künstlerischen Wachstums gegenüber. Strengst« Kritik übt er am eignen Schassen. Es kommt ihm gelegentlich nicht darauf an, zwanzig Streichquartette (I) zu vernichten, um nur drei schlechthin vollendet« der Oeffentlichkeit und der Nachwelt zu übergeben. Erst mit 43 Jahren wagt er es, mit einer Sinfonie hervorzutreten, die alsdann auch sofort den Spott- und Ehrentitel der eigentlichen Zehnten" (Beethoven!) erhält.

Offenheit, Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe zeichnen den Künstler und Men­schen Brahms in einer seltenen Weise aus. Unerbittlich hart ist sein Urteil allem halben Können, aller Anmaßung, allem Vordrängen Unllefähigter gegenüber.

Dieser kantigen norddeutschen Geradheit des Urteils hielt jedoch eine unendliche Herzensgüte die Waage. Groh ist die Zahl echter, gleich ihm leißig und treu um Meisterschaft ringender Talente, denen Brahms eifrigste und stets ganz selbstlose Förderung zuteil werden lieh.

Und wie reich ist sein Schaffen an echten, tiefen Gefühlstönen. Ehe er ein Lied komponierte, suchte er es gerade seinem Gefühlsgehalt nach bis auf den Grund nachzuempfinden, um es alsdann musikalisch voll ausschöpfen zu können. Die viel gesungene und doch so schwer zu singende F e l d e i n s a m k e i t" legt Zeugnis davon ab.

Am eindringlichsten aber kündet vom deutschen Seelentum des Ton­dichters die herrliche Totenmesse aus seinen verehrten und geliebten Freund und Meister Robert Schumann, dasDeutsche Re­quiem". Philipp Spitta, der bekannte Kirchenmusikhistoriker, äußerte andächtig dankbar über das Werk, er sei dadurch geradezu ein besserer Mensch geworden. Wahrlich, jeder größere Chor sollte seine Ehre darein setzen, neben Bachs Matthäus-Passion dies Werk Alljährlich aufzu­führen!

Ergreifend sinnvoll schließt das Sehenswert des großen deutschen Meisters mit den elf Choral vor spielen, die den Todahnenden noch einmal als tief religiös Empfindenden und Erlebenden zeigen. Das letzte Vorspiel gilt dem ChoralO Welt, ich muß dich lassen", und es gi6t wohl niemanden, der es ohne tiefst« Ergriffenheit hören könnte!

Mehr und mehr wird di« Zukunft erweisen, daß Brahms gerade um feiner kerndeutschen Art willen unsterblich unter uns lebt. Solange deutsche Herzen schlagen und fühlen, wird man ihm ein ehrendes, lieben- des Andenken bewahren.

Bryhms in der Anekdote.

Von Dr. Georg K u h n.

B r a h m s' Persönlichkeit spiegelt sich besonders klar im Licht der Anekdote, in den vielen kleinen Geschichten und Zügen, die seine Zeit­genossen mit ihm erlebt und von denen sie uns berichtet haben. Obwohl er als echter Norddeutscher zurückhaltend, schüchtern, ja scheu war, konnte er doch im gemütlichen Kreis bei einem guten Tropfen auftauen und sehr ausgelassen werden. Sonst zeigte sich mehr das Bärbeißige und Scharfe [eines Wesens in unwirscher Abweisung und schlagfertigen Bemerkungen.

Daß in ihm ein Kobold steckte, offenbarte sich schon in feiner Jugend. So bestand einer seiner Hauptspässe damals darin, daß er in den Häu­sern läutete und nach längst verstorbenen Größen der Kunst und Litera­tur fragte. Er tat dann sehr erstaunt, wenn er auf wiederholtes An­fragen die unwirsche Antwort erhielt, ein Herr Georg Friedrich Händel oder Johann Hinrich Voß wohne hier ganz gewiß nicht, und hielt sich auf der Straße die Seiten vor Lachen. Er brachte es auch fertig, auf dem Domplatz in Köln ganz ernsthaft nach dem berühmten Dom zu fragen, und auf die Antwort, er stehe ja davor, meinte er enttäuscht: So? Wirklich? Den habe ich mir aber viel größer vorgestellt!" Der­artige Witze waren aber doch nur die Fassade seines Wesens. Sie sollten die tiefe Schwermut feines Innern verdecken. Auch feine tief aufquel­lende Rührung suchte er auf solche Weise zu bannen. So erzählt ein be­kannter Dirigent, er sei mit Brahms in einer Aufführung von Schillers Kabale und Liebe" im Berliner Deutschen Theater gewesen. Während die Darstellerin die Schlußszene der Luise erschütternd spielte, machte Brahms zynische Witze. Zugleich liefen ihm die Tränen in den Bark. Sein Begleiter konnte sich nicht enthalten, auf diesen Gegensatz anzu- spielen. Da erwiderte Brahms:Ich wollte nicht haben, daß die Leute mich für sentimental halten; aber die Tränen sind das Wahre gewesen. Das andere war Komödie." Zu Rudolf von der Leyen sagt« er einmal über GoethesGeschwister":Wenn ich das Stück sehe oder lese bann meine ich immer. Man meint wohl zuweilen, ich sei lustig, wenn ich in Gesellschaft scheinbar mitlache. Ihnen brauche ich wohl nicht zu sagen, daß iit) innerlid) nie (adje ..." ,, ,

Durch diese Zwiespältigkeit seines Wesens kam in sein Austreten eine gewisse Ungleichmäßigkeit.Freunden gegenüber bin ich mir nur eines Fehlers bewußt: Unschicklichkeit im Umgang", hat er einmal gesagt. Wie alle innerlich weichen Menschen trug er äußerlich gern Grobheit zur Schau Selbst seine besten Bekannten konnte er heftig anfahren, wenn der böse Geist" über ihn kam, und deshalb nannte ihn einer seiner Vertrauten gern dengrößten Schimpf onike r". Bekannt ist die vielleicht nicht wahre, aber doch jedenfalls von Hanslick als gut erfunden bezeichnete Geschichte, daß er nach Beendigung eines Festmahls, bei dem er sich heftig losgelaffen hatte", von der Dame des Hauses mit den Worten Abschied nahm:Wenn ich vielleicht einen von den Anwesenden zu beleidigen vergessen haben sollte, so bitte ich um Entschuldigung. Daher kommen auch die scharfen und witzigen Bemerkungen, die uns so vielfach überliefert werden. Als Behm eines Tages mit dem Meister in Brahms Wiener Stammkneipe, demRoten Igel", saß, kam das Ge-