Ausgabe 
4.12.1933
 
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D« streckte Dauphkn 6ett Kopf waagrecht von sich, wieherte durch die breiten Nüstern, entblößte die Zähne und stieß einen Freudenschrei aus, den alle hören mußten.

Die Kinder hörten den Schrei, und Dauphin nickte heftig mit dem Kopfe und scharrte mit dem linken Vorderfuß, daß alle Kruder zu ihm herkamen. Rasend nickte Dauphin mit dem Kopfe und scharrte so heftig mit dem linken Vorderfuß, daß der Kies auf- ^Die?'Kinder kamen auf den richtigen Gedanken und begannen mit Dauphin zu plaudern.

Hast du Hunger?" Dauphin nickte.

Hast du Durst? Daun beiß in die Wurst! Kannst du Vrer

Dauphin konnte alles: jawohl ihr Kinder, warum etwa nicht?!

Ein Büblein lief zu den vespernden Arbeitern, kletterte aus einen Stuhl, mischte mit den Händen in den Bierkringeln herum, die von den Gläsern dalagen, und kam zurück. Es hielt sein bier- bcfeuchtetcs Händchen Dauphin an die Nase und Dauphin, dem das ungeheuer Spaß machte, es war so fröhlich wie früher im im Zirkus nieste dreimal hintereinander.

Hellauf lachten die Kinder.

Es war Dauphin, als spürte er deutlich den Husarenbusch zwi­schen den Ohren. ,

Und ctioas seitab sah er, als die Arbeiter gerade fortgingen, eine Leiter stehen, die vor der Stalltür ziemlich steil zum Heu­schober hinaufgelegt war. /irr ,, , .

Da mußte Dauphin, was nun kommen müsse, denn hinter der Leiter mußte auch sein geliebter Direktor stehen: Nun mutz das grotze, halsbrechende Kunststück kommen, das allen Zuschauern, wißt ihr's noch, ihr lauten Kinder? den Atem nahm.

Er zog sein Wägelchen hin und trat mit dem linken Vorderfuß aus die erste Sprosse der Leiter.

Da sahen die Kinder, daß das kluge Pferdchen von seinen Strängen sehr beengt war, und sie spannten es aus.

Wie nun Dauphin frei aus den Sielen tritt, wird's ihm ganz leicht zumut. Er hebt die Beine auf die erste und die zweite und dann das linke Vorderbein gar aus die dritte Sprosse.

Und wie Dauphin sich gerade abdrücken will um frei aufrecht zu stehen, kommt der Balthasar aus dem Wirtshaus, und die Kinder zerstieben zwischen den Bäumen, hinaus auf die Straße.

Da stellt Dauphin die Beine langsam von der Leiter herab und wird angespannt, und es geht tn die Fabrik mit den hohen und niedrigen Schornsteinen.

Unterwegs sagt Balthasar wieder einmal etwas zu Dauphin! Er sagt:

Ich weiß ganz genau, was du willst, Zirkusmann,- zur Letter willst du hinaus, zur Hühnerleiter! Willst über mich hinaus! ... Aber ich will dir schon helfen!"

Da sie ins Kascrncntor einbiegen, schreitet Balthasar quer über den Kies, der wie gefrorene Tränen daltegt, auf die Kam­mer zu. , ",

Dauphin stellt die Ohren, um vielleicht wieder seinen Namen rufen zu hören, der Hals schweift steil auf, am linken Vorderbein erzittert eine Muskel.

Gar uicht lange verweilt Balthasar in der Kammer: der Feld­webel kommt mit ihm heraus und trägt in der Hand eine Peitsche, gibt sie Balthasar, und sie treten zu. Dauphin her.

Wie ist er sonst im Dienst?" fragt der Feldwebel, und Bal­thasar entgegnet: . ,

Zirkus, Zirkus! Der Zirkus steckt ihm noch im Kopf!"

Jedoch der Feldivebel nimmt dem Alten die Peitsche wieder ab, schlägt ihm leichthin aus die Achsel und sagt:

Wenn's sonst nichts ist: uns allen steckt der Zirkus noch im Kops, Balzer, los, vertragt euch miteinander! Wir haben halt aller­hand Kostgänger!"

Sie vertrugen sich noch über zwei Jahre!

Ewig dasselbe spielte sich in Dauphin? Umgebung ab. Blühende Menschen kamen lärmend in die Stuben, trugen schon am dritten Tage ein Gewehr einher, legten sich bäuchlings in den Kies und schossen. Zogen mit Blumen bekränzt von dannen, und andere zogen ein in die Stuben.

Frauen und Kinder standen außen hinter dem Gitter und sahen zu und weinten. Wenn Dauphin Kinder weinen sah, ließ er den HalS noch tiefer sinken, so daß das weite Kummet fast herab glitt. Schaum troff hernieder ans seinem hungrigen Mund.

Ein Frühling kam, und die Kinder sangen nicht und spielten nicht Ringelreihen auf den Plätzen! Die Vögel zwitscherten in den Büschen, aber die Platzpatronen auf den Schießständen verschlangen den Vogelrus! Die Blumen blühten an den Rainen, aber die jungen Mädchen kamen nicht, sie zu pflücken! Die Fleischfuhren wurden leichter, die Spttlichtsuhren schwerer. Der Gesang der Glocken verstummte, und nur ein jämmerliches Gestummel blieb übrig! Keine Fahne flog mehr über die Dächer, und die Straßen füllten sich mit Krüppeln, in allen Häusern weinten Frauen und Kinder! Leichenzüge schlängelten sich in den winkeligen Straßen. Aus den Spttlichkfässern zog Balthasar Brotreste und Knochen und davon, aber dem Pferdchen gab er nichts.

Ein Sommer kam und die Leichenzüge begegneten sich an^den Portalen der Friedböfe, Hauptleute riefen Siege aus, aber die Sol­daten stimmten nicht mit ein und senkten die Augen zu Boden. Der Sommer kam, und die Ernte blieb im Regen, weil die Frauen zermürbt waren von der Arbeit und weil die Kühe müde waren von der Arbeit.

Ein Herbst kam, und unheimlich mehrten sich die Kranken. Dke Soldaten standen beisammen und redeten leise.

Da zieht Dauphin eines Tages sein Wägelchen übern Hof, und Tausende von Soldaten sind hier versammelt, sprechen wirr durch­einander und aus den Dächern steigen blutrote Fahnen empor. Die Soldaten stürmen aufs Wägelchen zu, reißen rote Bänder her­aus, schwingen sie und stecken sich kleine Rosen aus Leiuwand tn die Knopflvchlöcher. Dauphin wird vielfach rot bewimpelt, ein Ro- settchen baumelt über der Blesse und viele baumeln in den Zöpfen der glänzenden Mähne. _

Tische werden aufgestellt, auf die Tische wird ein Tisch ge­schoben, und ein Einäugiger steigt hinauf und beginnt mit weithin- schallender Stimme, baß zwischen den Mauern ein Echo wach wird, eine Rede zu halten. ~

Hände wurden gen Himmel ausgestrcckt, Schreie wachsen wie Bergzüge hinan vereinzelt krachen Schüsse gegen die kalten Wol­ken. Ein Wind hebt an: manche Sätze des Redners sind unver- stehbar, manche deutlich zu hören.

Der Einäugige springt von dem Tisch herab, und nun folgen ihm alle zum Tor hinaus, und auch Dauphin läuft mit.

Am Kasernentor aber sieht Dauphin seinen Balthasar, uud Balthasar zieht das Gäulchen aus dem Soldatenknäuel und nimmt es wieder zurück tn keinen neuen Alltag. , ~

Jedoch dieser neue Alltag blieb wie der alte. Kehricht, Spü­licht, ab und zu ein duftender Pfuhl! Was ging Balthasar die Revolution an? . . , _

Dauphin aber, dem auch die Revolution keine besseren Zeiten zu bringen schien, hatteerhofft Glück!

16.

Er stand am Ladenfenster eines Herrenschneiders und träumte in das helle Glas. Weil er letzter Tage schon öfter dagestanden, indes der Balthasar drinnen im Laden weilte, sah er mehr nach den goldenen Buchstaben des Schneidernamens Herkules Heinrich, als nach seiner Blesse.

Plötzlich schollern schwerste Räder übers Pflaster der Straße. Erschreckt sieht Dauphin um und sicht wuchtige Kanonen daher­kommen, von wuchtigen Pferden gezogen. Maskiert sind Pferde und Kanonen, mit Schmutz beschmiert, mit Oelfarbcn aller Art, und die Kanoniere sitzen oben, und ihre Köpfe hängen tief aus die Knie herab, und auch die Gäule schreiten müde dahin Wenn ein­mal einer der Soldaten den Kopf hochträgt und die Augen in die Zuschauer sinken läßt, sieht man unendliche Traurigkeit in diesen Augen, und die Menschen, die da stehen, gehen heim und ver­winden die Tränen. , . . .. ...

In der Ladentür steht Balthasar Bet dem Schneidermeister .Herkules Heinrich und hat eine dunkle Weste an, die mit weißen Reihsäden allerlustigst durchsprcngelt ist und über die gelblichen Hemdsärmel hängt das Metermaß.

Dauphin hatte keine Ruhe mehr. Den Balthasar konnte er kaum erkennen, wollte ihn auch nicht recht erkennen, und als er wieder im Laden verschwunden war, zog Dauphin sein Wägelchen an und zog cs neben einer gestutzten Abwehrkanone her, die mit vier Füchsen bespannt war. Der Lärm der schweren Geschütze ver­schlang das Geklapper des Wägelchens.

Als die Kanoniere erst weit draußen vor der Stadt den kleinen Abenteurer neben sich entdeckten, stiegen sie ab und banden ihn kurzerhand, ohne zu beachten, wie sehr er widerstrebte, an den nächsten Apfelbaum, der am Wege stand.

Sie liefen eiligst ihrem Fuhrwerk nach und sprangen auf. Dauphin aber flehte die, die unausgesetzt an ihm vorüberzogen, um Erbarmen an, daß sie ihn doch seiner Fesseln entledigen und mitnehmcn sollten. Und weil Soldaten sich auf die Pferdesprache manchmal recht gut verstehe,,, geschah es, daß einer sich von sei­nem Protzkasten schwang und Dauphins Fessel löste und auch die Stränge des Wogens loskettete. Just im selben Augenblick als Dauphin ausreißen wollte in die unsichere Freiheit, da stand Bal­thasar hinter ihm uud kettete die Stränge wieder ein, drehte das kleine Fuhrwerk stadtwärts, und Dauphin ließ den Kopf wieder hängen, denn er schämte sich vor den großen Gäulen.

Noch ein Weilchen Geduld, feiner Herr!" sprach Balthasar zu Hause,die Hühnerleiter ist zwar schon herumgedreht: was unten war, ist heute oben, aber wir müssen nicht tollkühn sein und uns Hod, einen Tag gedulden können!"

Dieser Tag kam nach drei Tagen!

Balthasar trug einen neuen Anzug, einen schwarzen, steifen .mit und einen Spazierstock mit Silberkrückc. Dauphin ward nicht cingespannt, sondern durfte, uur rrttt dem Halfter bekleidet, an dem ein Lederriemcn hing, mit Balthasar gehen. Sie machten Halt in einer Wirtschaft der Stadt, und Dauphin ward in einen Stoll geschoben, wo noch drei große Gäule standen, die vor Hunger stampften. , , , .

Kaum war Balthasar in der Wirtschaft verschwunden, so kamen zwei Burschen in den Stall, banden cilta den kleinen Dauphin los und führten ihn durch ein Hintertürchen davon.

Diese drei Burschen liefen querfeldein und kamen nach einer Stunde auf einem großen Platz an, wo anscheinend der ganze Zug, der gestern durch die Stadt sich trüg uud ermattet hinge- schlängclt, aufgelöst sich ausbrcitete.

Da gab's offenbar etwas Neues! Dauphin reckte den vom Joch befreiten Hals mit glorreichem Schwung in die Höbe, um uicht übersehen zu werden, denn er war doch daran gewöhnt, geachtet und ausgezeichnet zu sein!

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS-Duch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.