Ausgabe 
4.12.1933
 
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oret neue Generäle Haven und für einen toten Leutnant deren fünf." Darauf der König:Ist Er dessen so gewiß?" Puttkamer aber sagte:Ja, Majestät, so wird's schon fein." Der Monarch lächelte wehmütig und sprach zu Puttkamer:Ich wünschte, Er hat recht, aber ich behalte lieber den Feldmarschall und habe dann doch noch die drei Generäle." Danach ritt der König weiter, wäh­rend Puttkamer und ich uns ihm eine Zeitlang anschlossen.

Friedrich und der Prinz von Preußen.

Den Monarchen trafen wir in einem größeren Bauernhause an. Zugegen waren die beiden Generäle von Krockow und von Krusemarck. Der erstere schien nicht lange vor uns eingetroffen zu sein. Der Monarch war sehr ernst, ohne aber finster zu sein. Die Schmerzen, die sich in seinen Mienen widerspiegelten, ver­mochten nicht jenes Einnehmende, jenes Sanfte, das ihm so eigen war, zu unterdrücken. Genau so wie in früheren Zetten ging von seiner Person jener Zauber aus, der jeden bannte. Die an uns gerichteten Fragen verrieten nur zu deutlich, daß der König über alles, was das Korps des Prinzen von Preußen und die Ein­äscherung Zittaus betraf, schon unterrichtet morden war, eine Verbindlichkeit mehr für uns, ihm alles, auch bas Unangenehme, der reinsten Wahrheit nach zu sagen. Nachdem wir rapportiert hatten, wurden wir vom König huldvoll entlassen.

Gegen Mittag des anderen Tages rückten mit dem Monarchen an der Spitze die Regimenter an. Der Prinz und die drei Gene­räle ritten von uns Husaren dem König entgegen. Jene vier aber wurden vom Monarchen nicht nur mit einer schneidenden Kälte empfangen, sondern auch mit den allerschärfsten Vorwürfen be­dacht, und ganz besonders war beides der Fall bei dem Prinzen von Preußen, seinem Bruder. Nach wenigen Tagen verließ dieser tiefgebeugt sein Kommando, bas nunmehr der Herzog von Bevern zurückerhielt.

Nach Hochkirch.

Der König war mit dem heutigen Tage für einen jeden unserer Krieger zum Gott geworden. Er, der sich in seiner vom Staub und Pulvergualm völlig geschwärzten Uniform von keinem Grena­dier unterschied, der mitten in einer Hölle von Tod und Gefahr wie jeder Soldat gestanden und unerschrocken mit dem Degen in der Hand allen ringsum bewiesen hatte, daß er auch zu kämpfen vermochte wie ein jeder andere Mann, er hatte, ungeachtet des Verlustes einer Schlacht, eines Lagers und vieler Generäle und Soldaten, im Scheine des brennenden Hochkirch sich die Herzen seiner Krieger für sein Leben erobert. Und mag man auch später in den Annalen dieses Krieges die Namen Prag, Roßbach, Leutben und Zorndors mit goldenen Lettern versehen, so sollte man hierbei des Namens Hochkirch nicht vergessen. Denn nur allein auf diese Bewunderung, diese Anhänglichkeit, die seine Krieger ihm, dem Großen, von diesem vierzehnten Oktober au entgegenbrachten, ver­mochte er seine Pläne aufzubauen und das zu erreichen, was er in diesem denkwürdigen Kriege erreichen sollte. Hier in dem bren­nenden Hochkirch hatte unter König bewiesen, ögß er auch zu feinen Worten stand, zu ihnen stand mitten im Krachen der Kartätschen, mitten im Gepraffel des Gewehrseuers. mitten zwischen brennen­den Häusern und unmittelbar vor den Bajonetten anstürmender feindlicher Grenadiere, die sich doch wirklich nicht willens gezeigt hatten, auch nur einem einzigen Preußen als Antwort auf Leu­th en Pardon zu geben

Nur von einem, der es mit erlebt hat, kann es ausgesprochen werden: Der Ueberfall auf unser Lager, mit dem der Feldmarlchall Daum und seine Heerführer doch etwas ganz anderes zu er­reichen trachteten, wurde ein Fundament zum Ruhm und zur Größe unterer Könige, wurde ein Sockel der künftigen Sicher­heit Preußens, wurde zum Eckstein des Glücks meines geliebten Vaterlandes. Denn alle die furchtbaren Schicktals^cköge, denen wir noch entaegenzugeben hatten, wir alle, unser König, untere Armee, unter Vaterland, fönten nur dadurch jeweilig Überwunden, gar manchmal gemeistert und schließlich besiegt werden, daß sich in Hochkirch etwas geosfenbart hatte, das heller scheint als alle Diamanten der Welt und das wertvoller ist als alles Gold die­ser Erde.

Nach Kunersdorf.

Die Sonne stand schon ziemlich hoch, es war die fünfte Stunde des neuen Tages Nie werde ich die Empfindungen, die auf mich einftürmten, vergessen, als jetzt der von zwei Husaren geleitete Waaen mit der Leiche Puttkarners vor der Brückenwache ein­traf, und untere Husaren sich um die sterbliche Hülle ihres ge­liebten Chefs drängten und sie in tiefer Ehrfurcht umstanden.

In diesem Augenblick kam der König mit zwej Offizieren, von denen der eine der Rittmeister von Prittwitz war, herangeritten. Unsere weißen Pelze sehend, ritt er auf uns zu. Ich ging ihm entgegen. Der Monarch fragte mich:Was stehen Seine Leute da so hemm?"Eure Majestät, wir Husaren betrauern unfern Chef"Ist der General Puttkamer tot?"Ja, Majestät, er be­kam einen Schutz in die Brust, als ich neben ihm focht" Daraus der König:Ich will ibn sehen!" Ich ließ die Husaren eine Lücke bilden Der Monarch stieg vom Pferde, hierauf schritt er zur Leiche nuferes toten Helden. Einen Augenblick verharrend, dann den Hut ziehend sprach der König mit Tränen in den Augen langsam und eindringlich, als ob es der tote Puttkamer noch einmal hören sollte:Er war einer der Tüchtigsten, Er war mir immer ein treuer Freund." Dann schritt er zu feinem Pferde Als er aufge­sessen war, hörte ich. wie er feinem Adjutanten befahl, daß Putt- kamers Leiche sogleich auf einem Ponton nach Küstrin gebracht werden sollte. Ich wollte dem Monarchen noch eine Nachricht über Seydlitzens Verwundung geben, aber er ritt schon zu den benach­barten Grenadieren. Auf Befehl des Königs sprengten jetzt meh­

rere Adjutanten zu den Generälen und Chefs, die lhrerseltS wie- derum ihre Adjutanten abschickten. Es waren nur noch wenige 9 u«8r!n6 "Eg, und der Rest unserer Armee hatte sich in

Ordnung in Kolonnen ausgestellt. Hiermit trat auch so- Sleich die alte preußische Manneszucht wieder in ihre unerschütter­lichen Rechte.

wiesele.

Die Geschichte eines kleinen Pferdes.

Von Nikolaus Schwarzkops.

lNachdruck verboten.) lFortfetzuug.»

Wenn das Fuhrwerk einmal das Weichbild der Garnison ver­ließ und auf Feldwege kam, begann Dauphin heftig die Luft in die Nasenlöcher zu zerren, der Hals bog sich steil vom Kummet in die Höhe, und vor seinem geistigen Ange zeigten sich die Bilder seiner frühesten Jugend, das Glück der Einfachheit im kleinum- zirkten Leben hinter den Bergen. Alsdann ging's aber jeweilen wieder zur Stadt zurück, in die Kaserne, und die stolze Kurve des Halses sank wieder.

Der Koch der dritten Kompanie, der es gut mit Dauphin meinte, hielt ihm oft eine Handvoll Kartoffeln unter die Nase, aber Dauphin biß nur an, wenn er ganz großen Hunger hatte, und oft geschah es, daß der Koch ihm die weichen Kartoffeln ins Maul stopfte. Da schreckte Dauphin wie ans Träumen auf, ließ entsetzt die Kartoffeln fallen und sah den Spatzen zu, die sogleich sich drüber hermachten und zankten, bis alles aufgefressen war.

Auch die Kinder umjubelteu Dauphin immer seltener und seltener und schließlich gar nicht mehr. Es kam so weit, daß sie, wenn sie ihn bei seinem Balthasar sahen, zu rufen begannen:

E Zigga! e Zigga!" als ob dieser Laut Dauphins neuer Name gewesen wäre, Dauphins Soldatenname!

15.

Einmal aber geschah dies: Dauphin trottelt so auf dem Pfla­ster hin durch den Schatten und hört plötzlich seinen wirklichen Namen rufen:

Dauphin!"

Er reißt den Kopf hoch, --- spürt er nicht den Husarenschweif zwischen den Ohren schwanken! stößt voller Ungeduld die Luft aus den Lippen, biegt den Kopf zurück und sieht um sich.

Wieder ruft jemand:

Dauphin!"

Auf einem mit alten Schuhen hochbeladenen Wagen vorm offenen Tor derKammer" steht ein Soldat, hält einen Stiefel in der Hand und ruftDauphin" Der Soldat lacht laut und ruft etwas, kommt aber nicht, und Dauphin trottelt weiter, indes Balthasar zu dem Soldaten zurückguckt und auch wettergeht. Dau­phin aber läßt den Kopf nicht mehr sinken, reißt die Augen weit auf und strengt sich an, die Ohren hoch zu halten Er glaubt fast, den wedelnden Husarenbusch wirklich an den Ohren zu spüren, ihn und ein goldbordiertes Purpurmantelettchen um den mageren Leib. Und er hört die liebe Stimme seines ersten Direktors. Dauphin bleibt plötzlich stehen. Balthasar guckt zurück, was heißen soll:Na los!" Aber Dauphin bleibt stehen und nickt mit dem Kopfe heftig auf und ab und herüber und hinüber.

Los!" kreisch! Balthasar neben der Zigarre heraus und klatscht in die Hände, wartet einen Augenblick, kommt zurück, nimmt Dauphin am Zügel und will ihn mit sich ziehen.

Aber Dauphin hebt keinen Fuß und läßt sich nicht forderten.

Der Soldat auf dem Schuhwagen lacht und wirft einen Stiefel nach Dauphin, der aber nicht trifft, und ruft'

Ganz recht, Schwammbruder, das hast du nicht nötig!"

Wer ist Dauphin?" fragt Balthasar den Soldaten und stützt die Fäuste in die Hüften und der Soldat erzählt von Dauphin, indes Dauphin mit dem Kopf nickt und auch schon mit dem linken Vorderfuß krampfhaft scharrt.

So, so, so!" sagt Balthasar, daß ihm die Zigarre aus dem Munde fallen will, und gibt ihm einen gelinden, freundschaftlichen Handschlag auf den Schenkel, worauf Dauphin anzieht und den Kopf sinken läßt und mit seinem Spülicht zum Tor hinausgeht.

Balthasar sagt kein Wort, ist still wie immer und fiat die Hände auf dem Rücken liegen wie immer.

Im Fortnicken berührte Dauphin bisweilen, wie er sonst nie getan, mit seinem Maule des Mannes schmutzigen Slermel; dauernd knapperte er an seinem Zaum herum, der ihm viel zu groß war, den Gott weiß welcher Klepper schon zerkaut hatte!

Sie hielten an einem Wirtshaus, und Balthafar, der noch nie ein Wirtsbaus ausgesucht hatte, ließ Dauphin mit seinem Wagen tu den Schatten der Gartenbäume treten, die da in Reih und Glied, noch ziemlich jung, aufwuchsen, und trat in das Haus.

Nebenan sahen an einem Tisch zwei Arbeiter und vesperten.

Dauphin sah in einem von innen verhängten Schaufenster sein Bild und zog den Wagen sogleich hin, um sich näher zu be­trachten.

Richtig, die Blesse! Die Blesse auf der Stirn leuchtete förm­lich aus der dunkeln Scheibe: der Kutz der Königin, die Erinne­rung an den glorreichen Tag Dauphins.

Und nun begann Dauphin sich wieder zu recken und ward größer. Seine Haut umstraffte die Rippen, und feine Augen füll­ten sich mit jungem Glanz.

Er sah wie Kinder am Zaune des Biergartens gleich Soldaten exerzierten und sangen: ..Wer will unter die Soldaten" und:Vüb- lein, wirst du ein Rekrut".