Ausgabe 
4.12.1933
 
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um 12 Uhr fertig sein. An mir soll's nicht liegen. Und das andre bring ich auch in Ordnung."

Die Blidnersfrau gehl in die Küche an den Hertck zurück. Pastor Lüth streckt der Dreiundneunzigjährigen seine Hand zum Abschied entgegen. Aber die hat keine Zeit, sie zu nehmen Da bleibt dem Geistlichen das Abschiedswort im Herzen stecken. Er zieht den Hut und stümpert stumm davon.

*

In dieser Nacht trat der Tod in die Schlafkammer Dörten Dankerts. Wie noch nie zuvor begann ihr Herz zu hämmern. Kein Zweifel, seine Botschaft lautete:Nun ist's so weit!" Die Dreiundneunzigjährige verstand. Aber sie wollte von dieser Bot­schaft nichts wissen, wollte sich ihr nicht beugen. Sie rief, sie schrie dawieder:Ich darf noch nicht!" Mochte das Herz häm­mern so laut, so viel es wollte, sie hämmerte in gleichem Takt, nur lauter, härter, hestiger auf sich, auf das hämmernde Herz ein:Ich darf noch nicht!"

Dörten Dankert behielt gegen dasNun ist's so weit!" ihres Herzens recht. Unverrichteter Sache muhte der Tod ihre Schlafkammer oertaffen. Am andern Morgen stand die Dreiund­neunzigjährige eine Stunde früher als gemeinhin Uhr vier statt Uhr fünf von ihrem Lager auf und tat ihr Tagewerk eine Stunde länger als üblich: bis neun Uhr abends. Müde war sie wie noch nie in ihrem Leben. Nicht daran denken! An ihren Füßen mutzte sie schleppen wie noch in keiner Stunde bei Tag oder Nacht. Alle Kräfte zusammennehmen, datz sie's schaffte!

So feierte die Dreiundneunzigjährige die Konfirmation ihrer Urenkelin. Wenn man dem Kirchgang und den Mahlzeiten ab­sieht, bestand diese Feier darin, daß Dörten Dankert nicht nur ihre übliche Sonntagsarbeit verrichtete, sondern auch noch den größten Teil der Festtagsarbeit der Konfirmandenmutter auf sich nahm Als Dörten Dankert nach beschicktem Tagewerk mit über­hellen Augen endlich in der ausgeräumten Stube saß, darin man zu den Klängen einer Harmonika herumhopste, trat der Kon- firmandenvater vor sie hin und sagte eines Neins gewiß lachend:Nun, Großmudder, wollen wir beide einen Walzer zu­sammen riskieren?"

Ja", antwortete die Dreiundneunzigjährige,tanzen möchte ich wohl noch mal. Aber nicht mit dir!"Mit wem denn?" bullerte der Angeheiterte.Mit Gusting!" lautete die Antwort.Ruhe im Saal!" klatschte der Abgewiesene in die Hände,Großmudder will danzen'"

Erwachsene, Kinder räumten das Zimmer. Gusting ging zur Großmutter.Knix machen!" befahl der Vater. Gusting knixte. Dörten Dankert nahm den Kops ihrer Urenkelin zwischen die Hände. Sah ihr lange in die Augen. Küßte sie. Frauen begannen in den Augen zu wischen. Männer kauten auf ihren Bärten. Speel upp, Mußkant!" rief der ernüchterte Vater. Die Harmo­nika begann eine schmelzende Weise. Großmutter stand aus. Nach der Sitte legte sie ihren Arm um die Konfirmandin. Und dann tanzte die Dreiundneunzigjährige mit ihrer vierzehnjährigen Ur­enkelin. Nur einmal in der Stube herum. Sehr langsam. Aber einen Walzer so untadelig, daß kein junges Mädchen ihn voll­kommener hätte tanzen können

Am andern Tage war Dörten Dankert in der Früh die Erste, des Abends die Letzte, die von den Insassen der Vüdnerei aus den Beinen stand Denn es mutzte viel Festschutt auf dem Hause ge­schafft werden.

Nun war es für das ganze Dorf zur Gewißheit geworden: Großmudder wird hundert Jahre! Man kann die Musikanten in der Stadt schon bestellen. Vorausgesetzt, daß die es erleben. Denn Großmudder kommt bestimmt soweit.

Am Gründonnerstagabend, als alle in der Stube saßen der Vater mit der Zeitung, die Mutter mit einer Näharbeit, Gusting mit einem Buch am Tisch, Großmudder mit einem Strickstrumpf neben dem Ofen sagte die Dreiundneunzigjährige:Diese Nacht werd ich's wohl abmachen müssen."

Was?" wollte die Bäuerin wissen.

Totbleiben "

Was der llnsinn solle?

Kein Unsinn Da inwendig puckert's wieder. Nun ist's so weit!"

Hat bei alten Leuten nichts zu sagen."

Doch hat das was zu bedeuten. Und übrigens hast du selbst in Gegenwart von Herrn Pastor mir erlaubt: Nach der Konfirmation ist Euch jeder Tag recht."

Nach dem Fest babe ich gesagt!" verbesserte die Enkelin Groß- mudders Worte.Aber Ostern ist noch nicht gewesen."

Da holt die Dreinndnennzigjährige weiter aus: Das sei falsch überlegt. Nach dem Fest koste ihr Totbleiben Ihnen drei Tage. Die brauchten sie aber unbedingt zum Kartoffelpflanzen Wenn sie's dagegen heut Nacht abmache, stehe sie an zwei Festtagen, Karfreitag und Ostersonntag, über der Erde. Der Tag dazwischen fei auch ein halber Feiertag. Und am zweiten Ostertag werde sie Begraben. Also wenn sie's richrig zusammen überlegten, sei's doch wohl das Veste.

.f'tmmelfiagel!" schrie der Büdner.Immerzu von Sterben und Begrabenwerden reden, wer soll dabei in Ruhe seine Zeitung lesen?" Und er hieb die Blätter aus den Tisch, daß sie ritsch! unter feiner Hand zerrissen

Wenn man dreiundneunzig ist", verteidigte die Büdnerin die Gescholtene", hat man ein Recht, an den Tod zu denken."

Großmudder sterben?" höhnte der Büdner.Hundert Jahr wird sie alt. Zweihundert!"

Behüte Gott!" sagt Dörten Dankert in ihrer Ofenecke. Und es war wieder Stille im Zimmer. Knistern der Zeitung, Um­

wenden eines Buches, Knirschen einer Schere, Klappern zweicä Stricknadeln Alles, was man von Zeit zu Zeit hörte.

Plötzlich erklärte Großmudder:Ich leg mich schlafen. Bin |i müd heut. Und hab in dieser Woche gar kein Recht dazu."

Ist denn mein neues Paar Strümpfe fertig?"; wollte Gustins wissen.

Sonst geh ich doch nicht zu Bett!" entrüstete Großmudder fiiti

Aber die Uhr hat noch gar nicht acht geschlagen!" rounöerti sich die Bäuerin.

Acht oder nicht acht laß Großmudder doch schlafen geM wenn sie möchte", griff der Büdner ein.Alte Leute fühlen sich ij Bett am wohlsten."

Gute Nacht", sagte Dörten Dankert und stützte sich in ihrenD Stuhl hoch. Als es ihr zur Hälfte gelungen war, sank sie zuriiP

Na nu?" rief der Büdner, sprang auf und lief zum Ofenl Großmudder!" schrie die Büdnerin Gusting war keines Wort,« mächtig. Weinend verbarg sie das Gesicht hinter dem Wall ihm Arme.

Dörten Dankert sah, hörte nicht mehr.

An zwei Festtagen und einem Alltag, der zwischen ihnen fu eingeklemmt war, daß ein Ackersmann mit ihm nichts Rechtes atu fangen kann, stand die Dreiundneunzigjährige über der Erdr Am zweiten Ostertag wurde sie begraben.

Ungehindert durch Großmudders Sterben konnten Biidnm Büdnerin und Gusting am Tag nach Ostern beim Startoffellegei beginnen.

Der Große König, gesehen von einem seiner Offiziers

Nene Züge z« feinem Bilde.

Von Jakob Anton Friedrich Logan-Logejus.

Ein Theologe namens Logan-Logejus, den sein' wildes Blut von der Probepredigt zur Armee öc§ä großen Friedrich treibt, steigt im Verlauf der schlesischcisi Kriege vorn Kornett bis zum Husarenmajor auf unB mutz 1759 seinen Abschied nehmen, da ihn ein Sturz hohl Pferde zum Dienst untauglich macht. Seinen Lebens­erinnerungen werden jetzt unter dem TitelUnd schilt ihr nicht das Leben ein" bei Wilh. Gottl Korn in Bres­lau von einem deutschen Offizier herausgegeben. Sis bieten einen sehr wertvollen Beitrag zu der Geschieht« dieser Heldenzeit, schildern den herrlichen Geist dm Truppen Friedrich, die Größe und das Grauen dm blutigen Schlachten von Hochberg bis Kunersdorf, te glänzenden Gestalten von Sendlitz, Zielen und anöcre Neiterführer Besonders wertvoll a6er sind die Züge, die uns von dem großen König selbst aufgezeichnÄ werden und von denen wir einige hier mitteilen.

Erste Begegnung.

Der für mich denkwürdige Augenblick kam. Mein Herz begann ungestümer zu schlagen, meine Augen füllten sich mit Tränen btt: Begeisterung, als der Monarch auf die erste Rotte des rechten Flügels unserer Leibeskadron, in der ich neben meinem Nist' meister hielt, zugeritten kam und, sich zu dem ihn begleitenden . Obersten wendend, sagte:Oberst Natzmer, Er hat mir ein schönes! Corps geworben. Ich sah kein schöneres. Ich erwarte viel ooii ihm." Ich hörte diese Lobesworte, ich fah die Milde, die Huld auli des Königs Antlitz, ja, ich blickte ihm mitten in die großen, blauen , Augen. Ich hätte am liehsten vor ihm niederknien mögen, so ci" , schütterten mich Worte und Gestalt des Monarchen, dessen Nähe, früher das Ziel meiner Wünsche, heute zur Wirklichkeit gewor- i den war.

Nach der Schlacht bei Prag.

Während meines Rittes hatte ich das Vergnügen, dem $7on- ardjen zu begegnen Er ritt mit dem Prinzen Heinrich und den General von Zielen. Ein Zug der Garde du Corps bildete di! Bedeckung. Der König wurde meiner ansichtig, ich salutierte, hiev auf fragte er mich:Wo ist fein Chef?"Eure Majestät, der Oberst Puttkamer hält bei seinem Regiment dort hinter dem Dorf da" antwortete ich, zu dem betreffenden Dorf hinweisend. Daraus dee König:Rufe Er ihn her zu mir!" Wie ein Federball flog mein Scheik dahin. Ich kam zu Puttkamer und richtete ihm den Aus trag des Königs ans. Da der Adjutant zum verwundeten Gcnerm Winterfeld geritten war, und ich den Weg zum Monarchen durch das von zahlreichen Anhöhen und Hügeln bedeckte Gelände doch schon kannte, so nahm Puttkamer mich mit . Nach einiger Zeit sanden wir den König. Er hielt jetzt aus einem anderen Hügel Puttkamer mußte rapportieren. Der Monarch hörte ihn runiü an Nachdem der Rapport beendigt war, blickte der König zu einem Wagen, der weiter unten vorbeifuhr, und auf dem die äußer!! blutigen Leichen zweier Offiziere vom Bataillon Garde lagen. ! Des einen Kops bewegte sich immer zum König hin, und io w» > sich vieler bewegte, bewegte sich auch sein rechter Arm, so schien e i als ob er den Monarchen grüßte. Ob nun diese Bewegungen dura den an sich höchst unebenen Boden hervorgerufen wurden oder da- . durch, datz die Näder des Kompaniewagens schadhaft geworden j waren, will ich dahingestellt sein kaffen. Jedenfalls bot dicici i Totentransporl einen schaurigen Anblick. .

Mit einem wehmütigen Ausdruck in seinen Mienen tagte beim Anblick der toten Offiziere der Monarch zu P'illkamer: beiden da sind tot. Und der Schwerin ist tot. Und der Warten berg ist tot. Bald find alle meine Generäle und Offiziere Dann muß ich allein vor der Armee kämpfen." Pnttkamer a- roortete:Für einen toten Feldmarschall werden Eure Male!