Ausgabe 
4.12.1933
 
Einzelbild herunterladen

GietzenekZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Zahrgang <955 Montag, den 4. Dezember Nummer 94

Advent.

Von Ruth Schaumann.

Im Nebel sind die Wege lang, Der Fluß ein dunkles Schlafgemach. Die Brücke sinnt sich selber nach, Von eigner Schwere müd und bang.

Der Jäger schleppt ein Reh vom Wald, Ein totes Reh zur Stadt herein.

Im Pappelbaum die Naben schreien: Die Welt ist kalt, die Welt ist kaltl

Der Nebel wächst, der Nebel schwillt, Nun nichts als Grau und Todestau. Die schweren Schritte stützt so mild Ein Pilger seiner jungen Frau.

Eine ordentliche Krau.

Von Hans Fran cf.

Seit dem Beginn des letzten Winters ist die Vüdnerswitwe Hörten Dankert von allen im Dorf von Mann und Frau und Kind Großmudder genannt, 93 Jahre. Aber wenn sie sagen soll, wie man es macht, alt zu werden, so würde sie vor Verlegen­heit rot anlaufcn. Denn was kann ein vernünftiger Mensch auf tiefe Frage wohl antworten? Viel arbeiten und wenig essen? Das versteht sich von selbst. Zumachen" ist bei dem Altwerden überhaupt nichts. Tag reiht sich an Tag. Wochen werden daraus. Das dauert manchmal lange. Aber wie aus Wochen Monate, und gar wie aus Monaten Jahre, Jahrzehnte werden, merkt man nicht mehr. Ehe man sichs versieht, heißt man Großmudder und ist

iieiundneunzig.

Allerdings stellt Dörten Dankert fest, die im Frühlingssonnen- schetn neben der Großdielentür auf der Holzbank sitzt und Kar­toffeln schält, allerdings schwer ist's gewesen, ihr Leben. Den Mann und sechs Jungen wieder hergeben, die beiden letzten an den Krieg sehr schwer! Und dann hat die Tochter, die einzige, ihr auch noch das Unrecht angetan, schon mit sechzig Jahren zu sterben, so daß sie zu ihrer Enkelin ziehen mußte, die gut zu ihr ist, aber doch nicht mehr Blut von ihrem Blut nnd von dem Blut ihres Mannes, der nun auch schon zehn Jahre in der Erde liegt. Warum die Menschen es wohl so eilig mit dem Sterben haben? fragt Dörten Dankert, ohne daß ihr Messer auch nur einen Augen­blick innehält, um die Kartoffel hcrumzulaufen und die Schale llattdünn davon abzutrennen. Wenn man sich mit Krankheiten richt einläßt und dazu liegt nicht der geringste Grund vor dann muß man doch alt werden, ob man will oder nicht!

Von ihr sagen alle Leute: Sie wird's zu hundert Jahren brin- «en. Dann sott auf Gemeindekosten eine großes Fest gefeiert wer- ien. Der Grotzherzog schenkt eine silberne Tasse der Ober­kirchenrat einen gerahmten Bibelspruch die Musikanten blasen - und vom Morgen bis zum Abend hört sie nichts als: Hundert !

Hundert? Nee! Das weiß sie besser als die andern. Manches ist in letzter Zeit mit ihr nicht mehr so, wie es bei einer ordent­

lichen Frau zu sein hat. ....... . . ... . .

Als Dörten Dankert sich dies kopfichuttelnd vorgehalten hat, »ird auf der Dorfstraße Pastor Lüth sichtbar. Trotz Kurzsichtigkeit gewahrt er, daß sein ältestes Gemeindemitglied neben der offenen Dielentür sitzt. Also begibt er sich auf dem holprigen Hofdamm Lagen und Ackergerät rechterhand, Dunggrube und Kompost- hailfen linkerhand - zu der Kartoffelschälerin.

Wie er stümpert!" muß Dörten Dankert denken, als sie das i Messer fortlegt nnd ihre Rechte in der blauleinencn Küchenschürze abmischt, daß sie zum Gutentagsagen fertig ist, wenn der Herr IPastor, ein Kiekindiewelt von 68 Jahren, endlich da ist

Nun, wie gcht's, Großmudder?" fragt Lüth, sobald die Be- Aüßung vorüber ist und die Dreiundneunzigjährige das Kartoffel- shblen wieder ausgenommen hat. r ~<-

Wie soll's einer alten Frau wohl gehn? Schlecht, Herr Pastor!" lautet die AntwortNa, was ist denn, Großmudder? Hilft der weißhaarige Mann im langen schwarzen Rock wissen.

Dörten Dankert schneidet die abgeschälte Kartoffel mit zwei 4 Schnitten in vier Teile und wirft sie so heftig in den Eimer an

ihrer Seite, daß das Wasser hoch aufsprttzt. Dann fährt sie mit der Linken, ohne sie an der Klichenschürze gesäubert zu haben, i» deu Mund, packt einen Zahn und sagt:Da!"

Tut weh?" fragt der Gottesmann teilnehmend.

Dörten Dankert schüttelt den Kopf und kreischt anklagend: Wackelt!"'

Einer von den Zweiunddreißig, die noch immer Grobbrot bekßen können, ist so unverschämt zu wackeln?" lacht Pastor Lüth.

Nichts drüber zu lachen!" eifert die Dreiundneunzigjährige. Zwar ihre Enkelin hat mit 40 Jahren nur noch die Hälfte der Zähne, und die andre Hälfte ist bröcklig wie Mörtel, in den beim Anrühren zu wenig Zement hineingeschüttet wurde. Aber das ist doch kein Zustand! Sie müssen mit den Menschen aushalten. Wie bei ihr und beim Herrn Pastor. So und nicht anders hat der liebe Gott sich diese Sache gedacht.Sie müßten mit dem Men­schen aushalten! So hat der Herr es gewollt!" seufzt der Pastor und denkt an das GlaS neben seinem Bett, in dem des Nachts seine Zweiunddreißig schwimmen.

Mit dem Bibellesen will's auch nicht mehr richtig!" klagt die Dreiundneunzigjährige.Brille nötig?" antwortet mit übertrie­benem Bedauern Pastor Lüth, dem kürzlich der Arzt eröffnet hat, wenn seine Kurzsichtigkeit weiterhin zunimmt, wie in den letzten Jahren, hilft selbst das schärfste Glas nicht mehr.

Brille?" entrüstet Dörten Dankert sich. Bloß das nicht! Wenn sie die Bibel soweit von sich weghält, wie die Hände reichen, dann kriegt sie die Buchstaben noch zusammengesucht.

Und alles andere?" tragt Pastor Lüth,ist genau so gut Entschuldigung, Großmudder! genau so schlecht in Ordnung wie die Zähne und die Augen?"

Ja, schlecht geht's!" klagt Dörten Dankert. Da inwendig sie zeigt mit der halbgeschälten Kartoffel auf ihr Herz da puckerts jetzt manchmal so, daß sie nachts darüber aufwacht. Und ihm kann sie's ja ruhig sagen und sie wird Gusting ihre Konfirmation bestimmt nicht mehr erleben

Bis zur Konfirmation deiner Urenkelin sind ja nur noch vier Tage, Großmudder!" ruft Pastor Lüth die Greisin an.

Wenn Gusting", schreitet die Neunundneunzigjährige unbeirrt ihres Weges weiter,im schwarzen Abeudmahlkleid zum Tisch des Herrn geht, liege ich schon in der Erde.

Dann mußt du ja heute Nacht sterben, Großmudder!"

Werd ich auch."

Unsinn!" sucht der geistliche Herr sich von den unsichtbaren Stricken frei zu machen, die ihn fester und fester umschnüren. Hundert Jahre wirst du alt. Ich hringe dein Bild in die Zei­tung. Und schreibe dazu: ,Heut feiert die Büdnersaltenteiler­witwe Dörten Dankert in seltener körperlicher und geistiger FrischeSie kann's nicht mehr hören, das ewige Gerade von den hundert Jahren! Fällt die Dreiundneunzigjährige dem Pastor ins Wort. Wenn Gusting am Altar kniet, um aus seiner Hand zum ersten Male Christi Leib und Blut zu empfangen, dann liegt sieWarum willst du durchaus heute Nacht sterben, Groß- muöder?" rüttelt der Pastor dte Greisin, die Kartoffel nach Kar­toffel schält und in den Eimer mit Wasser wirft, ohne daß eine vorbeifällt.Weil der erste Zahn wackelt?"

Ich will ja gar nicht!" stößt die Dreiundneunzigjährige hervor. Ich möchte gern noch ein paar Jahre leben. Solange bis ich weiß, ob Gusting einen guten Mann kriegt. Aber ich werde heut Nacht sterben müssen. Ich fühl's. Da inwendig. So hat's noch niemals gepuckert wie in der letzten Zeit."

In diesem Augenblick steht Großmudöers Enkelin, die Be­sitzerin der Büdnerei, aus der Schwelle der Großdiele und fragt: Ob denn die Kartoffeln noch nicht fertig geschält sind? Schnell! Sonst kriegt sie das Mittag bis zwölf Uhr nicht fertig, und es gibt von ihm bei Tisch ein saures Gesicht zu sehn!

Denken Sie nur", springt Pastor Lüth zwischen Anklägerin und Angeklagte,Großmudder behauptet, daß sie Augustes Konfir­mation nicht erlebt. Sie ist des festen Glaubens, daß sie heut Nacht sterben muß."

Da reißt es die vierzigjährige Büdnersfrau über die Schwelle hinweg, sie tritt vor die Dreiundneunzigjährige hin und sagt:DaS wirst du uns nicht antun, Großmudder. Soll ich Palmsonntag, wenn die Stube voll Besuch ist, in die Kkiche gehn und abwaschen? Vor der Konfirmation? Ausgeschloffen! Nach dem Fest soll uns jeder Tag recht sein!"

Aber Frau" beginnt Pastor Lüth, um der Bildnerin ihre Worte als ungeziemend und unehrerbietig zu verweisen.

Ist gut!" sagt Dörten Dankert, ehe er bis zum Tadel kommt, und schält mit erhöhtem Eifer Kartoffeln.Das Mittageffen kann