Ausgabe 
4.9.1933
 
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naher Beziehung zu Peter Schön- , Gewissen. Ist Peter selbst so voll­

er

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Universitäts-Vuch» und Steindruckerei. R. Lange, Giehen.

bei uns Wlesenböche und Me kahlen Berge, aber kein Mensch ist in der Nähe und freut sich daran. Man kann sich wahrhaftig gramen über diese unheimliche Verschwendung, daß Schönheit da ist und niemand sre ^Obwohl sie diese Reise mit ganz verschiedenen Sinnen erleben, finden sie, sie seien niemals zuvor so gut befreundet gewesen.

dir etwas verbieten könnte."

Rosenrarie weicht aus.Ich werde es ihm lieber nicht sagen/ (Fortsetzung folgt.)

Am frühen Nachmittag bremsen sie schon wieder scharf und sportNch vor der Kosmetischen Fabrik und klappen mit stolzen und höhnischen Ge- bürden den leeren Gepäckraum auf. Die Kisten mit Erotikon sind alle beide in Braunschweig geblieben.Sie glauben ja nicht, Herr Doktor, wie ge­schickt die Rosemarie ist! Der Grossist wollt« unbedingt dl« zweite Kiste haben, aber ohne Anzahlung, ich habe ihm wütend gesagt:Was denken Sie sich denn eigentlich? Wir wollen doch auch leben. Da hat Rosemarie mit ihm verhandelt, und hier ist das Geld. Jetzt packen Sie uns schnell noch zwei Kisten in den Gepäckraum, damit wir sie nach Weimar bringen.

Anton zählt t)ie Scheine und Münzen. ,,{$ür Weimar ift es jetzt zu spät, das kommt mit der Bahn früh genug."

Wenn wir das gemuht hätten, wären wir aber noch lange nicht zurückgekommen, dann wären wir in den Harz gefahren und hatten da irgendwo gebadet." ... .

Das könnt ihr ja immer noch tun." Anton lacht und schiebt einen Geldschein hinüber.Für Sie, Fräulein Reubold. Natürlich! Wenn Sie mir einen wichtigen Dienst leisten, bekommen Sie auch etwas ab. Be­sonders wenn Sie arbeitslos sind." m .

,Es ist jetzt nicht die Zeit, stol§ zu fein' hort sie Peter Schonlem reden. Nimmt den Geldschein an sich. Das Gefulst eines schlechten Ge­wissens macht sich von jetzt ab verstärkt bemerkbar. Aber gegen diese Reise könnte Peter doch keine Einwendungen erheben, mit welchem Recht Über­haupt, besonders wenn sie sich in ihrer schwierigen Lage etwas Geld ver- dient? Aber es ist merkwürdig, wer in naher Beziehung zu Peter Schon­lein steht, hat unaufhörlich ein schlechtes Gewissen. Ist Peter selbst so voll- kommen und bewundernswert? .

In den Kosmetischen Werken sitzt Kisselbach mit rauchendem Haupt und baut neue Kanonen, welche die Festung Braunschweig noch sturm­

reifer schießen sollen als bisher.

Seit einiger Zeit weiß er, daß die Welt mit den Talenten Schindluder treibt, es werden Menschen zu Lehramtskandidaten ausgebildet, die sich dann durch einen blinden Zufall zu Reklamegenies entwickeln. Man müßte jeden Einzelnen zwölfmal herumprobieren lassen, was ihm denn eigentlich liegt, das Allerverschiedenste, und wahrscheinlich wird er beim dreizehntenmal sich irgendwo festbeißen, wo niemand und auch er selbst nicht es in den kühnsten Träumen erwartet hätte. Aber ein jeber seufzt unter der starren Ausbildung, die ihm von andern zugedacht worden ist, und dann hindert sie ihn daran, seine wirklichen Fähigkeiten aufzuspuren.

,Was ist mit Anton?' überlegt Rosemarie. Früher störte sein Stoppel­bart, seine Haltung erschien geduckt und ohne Selbstvertrauen, jetzt geht er wie ein Mann, der seinen Weg kennt. Er will hinkommen. An ihm blieb alles einfach wie sein« Kleidung: die breite Hand, deren Finger von Chemikalien braun verfärbt find, die Bauernstirn ohne den Glanz der Lebensliebe, er will sich durchbeißen und damit basta. Eine Salbe, denkt sie mit einer kleinen Verachtung, eine Pille fürs Rasierwasser der Manner, später eine Seife und ein Eishaarwasser, wie er ihr erzählt hat, eine Rasierkreme vielleicht. Wenn man sich Möglichkeiten überlegt, was man alles tun kann in solcher Richtung, so kommt eine aberwitzige Zahl her­aus, und er scheint es ja zu verstehen, seine Waren unter die Leute zu bringen. Vermutlich grübelt er nicht darüber nach, ob die Bestimmung seines Lebens sich in der Herstellung von chemischen Produkten erschöpft, dieser Gedanke paßt nicht in Antons Kopf, und man kann ihn dazu nur beglückwünschen. Denn sobald wir unsre Existenzberechtigung überhaupt in Zweifel ziehen, dann beginnt ein Stürzen ohne Ende. Ein Sinn ist nur in der Schönheit, überlegt Rosemarie. Die Sonate hundertelf tragt auf ihren Quinten und Septimen die Rätsel, die wir nur empfinden können. Man kann es aber genau so machen wie dieser Mann hier, der über solche Probleme nicht nachdenkt, er arbeitet sich mit beiden Ellenbogen Raum, mögen die andern zusehen, wo sie Platz finden.

Im Türspalt erscheint Ellis von der Sonne gerötetes Gesicht. Doktor Wagenschanz begleitet die beiden Mädchen zum Hof und an den schwer- bestaubten Zweisitzer. Am Steuer zieht Rosemarie sich Schönleins ffii®; lederhandschuhe an und legt die Krempe herum.Wie läuft der Wagen? Vorzüglich, aber Sie müssen das Oel wechseln."Sie werden um Ihren Rat gebeten, Fräulein Reubold, bei uns versteht keiner etwas davon."O bitte, gern."Wann?"Wir sind so gegen sieben zurück", antwortet Rosemarie, nickt und saust ab.

Vier Uhr nachmittags, jetzt sitzen die Fleißigen über ihre Tische gebückt, um dies« Stunde wird Peter Schönlein in einem drückend heißen Gerichtszimmer hocken. Für Ellt und Rosemarie gelten heute keinerlei Verpflichtungen, die Erde legt sich von neuem ausgebreitet hin, als ob sie für diese beiden geschaffen wäre. Die kurzen Haare flattern um Schläfen und Wangen.Da sind wir mal sieben Stunden aus dem Trott heraus", klagt Elli,und schon nimmt man das Feinsein Hin, als ob es immer so wäre. Aber ich werde die Sache schon schieben, sei sicher, von jetzt ab werden olle drei Tage Eilkisten fällig, die unbedingt mit dem Auto transportiert werden muffen. Die Bestellungen kommen doch alle zuerst auf meinen Tisch, da können sie sich gut einen halben Tag von der anstrengenden Postreise ausruhen, und bann ist eben gerade ein Eilbrief gekommen:Herr Doktor, ich werde mal schleunigst Rosemarie anrusen!

Das geht nicht, Elli. Oh, wie ist der Wagen schon! Aber bas würde Peter ja niemals erlauben, daß ich öfter fahre. Ich überlege, mir schon immerfort, ob ich ihm überhaupt etwas davon erzählen soll."

Die andre schlägt die Augen nieder.Du stehst also so mit ihm, datz

- Der Wagen ist jetzt in dem etwas geräumigeren Lagerschuppen der ehemaligen Farbenfabrik untergebracht, hinten liegen Fasier und Kisten rund um ihn ausgestapelt. Fabisch schleppt aus feinem Stiernacken zwei Nagelkisten voll Schönheitskreme herbei, nun muß das Auto ein Intzchen nach vorne geschoben werden, damit man hinten auspacken kann, am besten gleich in den Hof. Zum Glück weiß Anton Wagenschanz ungefähr, was die Bremse ist und daß man mit dem Steuerrad unschwer lenken kann, setzt sich also eigenhändig hinein und laßt die anbern schieben. Zu­erst will der Taubengraue wieder mal nicht, dann tritt Anton auf irgend etwas, die Räder bewegen sich schnell, und mit einem trockenen Bums sitzt der linke Kotflügel eingebeult an der Tur. Man laßt die beschichte in Gottesnamen fo stehen und liegen und belädt den Gepackraum, außer­dem muß Anton jetzt verschwinden, da Fräulein Reuboldt den bestimmten Wunsch äußerte, sie wolle ihm nicht begegnen. Kann er ihr nicht ver­denken, wenn sie ihm nur seine beiden Kisten fährt.

In einem weißen, blitzsauberen Leinenmäntelchen, das sie sonst zum Kochen trägt, die kleine Mütze auf dem Ohr, erscheint Rosemarie, halt sich nicht lange auf, schüttelt den Kopf über den verbeulten Kotflügel, laßt sich von Elli die Zündungsschlüss«! holen und steuert mit ein paar geschickten Griffen erst rückwärts und dann in den Hof, Kleinigkeit! Sie sagt es nicht und sie ist es gewohnt, alles zu verbergen, was sie empfindet, aber ihr Blut klopft in großer Erregung, sie öffnet die Haube und fühlt das lebendig warme Metall, aus dem ein Surren heroorbrummt, sie zieht an einem dünnen Gestänge und verwandelt das Geräusch in ein zorniges Grollen, sie schiebt das Gestänge zurück, und der Taubengraue schweigt gehorsam.Laß dir Geld geben, Elli, für Benzin."

Anton in feiner Großmut schickt sogar noch fünf Mark mehr, als ver­langt wird, obwohl an diesen blanken Stücken immer noch ein spürbarer Mangel herrscht, aber die beiden Mädchen sollen für ihn etwas verdienen, eine ganze Menge, und sie mögen auch unterwegs einkehren. Man soll dem Ochsen, der da drischet falls der Vergleich nicht als unpassend emp­funden würde. Elli verstaut aber schon ein Futterpaket.Lieber gehen wir für das Geld unterwegs in eine Konditorei." Aber das schlägt sie in einem untergründigen Gefühl erst vor, als die Mauern verschwinden, als die Räder ihren Tanz über das Kopfsteinpflaster der Vorstadt beendet haben. Hier wölbt sich aus lichten Rändern der Himmel wie eine blaue riesige Glocke über allen Horizontenl

Rosemarie spürt begierig in ihren Händen das sanfte Zittern des Wagens.Laß mich doch enMid) mal losrasen", bittet er,erinnerst du dich nicht an die früheren Zeiten? Damals hast du nie fo recht darauf acht gegeben, ein Wesen meiner Art gehörte zu dir." Sie sitzt halb bewegungs­los und fühlt genau, wie ihre Nerven in den Stahl hineinkriechen. Merk­würdigerweise macht sie genau dasselbe Gesicht, wie wenn sie.am Flügel sitzt und übt.

Ellis schwereloser Oberkörper wiegt sich wie im Tanz, die nackten braunen Anne stecken sich in die Uebersülle von Wind und Licht, als mühte man das alles mit den Händen greifen und betasten! Die Welt, die sonst nur aus Wänden besteht und aus kleinen Höfen, bricht ausein­ander und teilt sich in Hälften, im Süden dehnt sie sich mit flutenden, gelben Erntefeldern bis in den braunen Dunst, nördlich eilen Wälder zu den Höhensäumen hinauf, auf denen die blaue Himmelskugel ruht. Wirk­lich, hier gibt es das alles noch, Süden und Norden, Wind, Gras am Wege und Bienenschwärme über den Wiesen, natürlich gibt es das noch, aber zwischen den Häusern und Pflastersteinen macht es einen verirrten und unnatürlichen Eindruck, und die wachsenden Städte scheinen die Ab­sicht zu haben, derartiges abzuschaffen oder es nur in wohlabgemessenen Grenzen zu dulden. Der Wind kommt aus dem Unermeßlichen, und dort­hin fliegen die Bienen zurück, die schnell wie geworfene Steinchen vor­überflitzen, ein unaufhörliches Bombardement, das keinem wehe tut, auch den Bienen nicht, die dem daherkommenden Ungeheuer mit leichtern Schwung und Dreh aus dem Wege biegen.

Rosemarie jedoch schont mit großer Aufmerksamkeit den Wagen, der vollkommen neu ist und vorsichtig eingefahren werden muß, offenbar tickt ein Ventil. Sie hat immer den schmählich eingedrückten Kotflügel vor den Augen.Wenn der Doktor Wagenfchanz seinen Wagen nicht besser be­handelt, wird er nicht lange Freude daran haben." Die wirbelnde Luft springt um die Windscheibe und zaust in Ellis Haar, rasten will Elli, sich hinwerfen in die Schierlingswiesen, deren Namen sie nicht weiß es muß ein Wunder geschehen, man erhebt sich und läuft auf allen Vieren davon in den Wold, in die Urheimat!

Wie sollen wir rasten, Elli, wenn wir um eins in Braunschweig sein [ein müssen?"

Zum erstenmal seit langem empfindet die kleine Tippmamsell wieder eine gewaltige Hochachtung vor Rosemarie, für die es heute keine Schwie­rigkeiten zu geben scheint, man muh wohl in solche gewölbten Lederpolster hineingeboren werden, bringt das Verständnis für diese Maschinerie und vor allem die strenge Lässigkeit der Haltung gleich mit auf die Welt. Dann wird man auch nicht betrunken von der tollen Lustigkeit, die in Blau und Gold aus dem großen All herniederfinkt, man nimmt maßvoll teil an dem großen All und verlangt nicht danach, die Brust in die Erde hinein- zupresfen. Wie könnte man in solchem Taumel auch das Auto lenken, geradeaus und immer gut in der Mitte der Straße?Ich an deiner Stelle, Rosemarie, ich würde jetzt in den Feldweg hineinlenken, oder vielmehr ich würde die beiden Kisten in Braunschweig und in Weimar abgeben, und mit der Anzahlung führ« ich auf und davon. Bestimmt!"

Du bist übergeschnappt."

Total", gibt Elli zu.Ein Hase!" ruft sie schon, weil ein Kaninchen über den Weg hoppelt. Sie entwirft Urlaubspläne, von denen sie weiß, daß sie vor dem Winter und wahrscheinlich überhaupt unerfüllbar sein werden, denn die Löhne sind winzig, die Doktor Wagenschanz zahlt ober zahlen kann. Ihre Stimmung schlägt um.Ach, da sieht man mal richtig, was unsereins von der Jugend hat! Das liegt alles da und wartet, daß jemand es anschaut. Stell dir vor, es gibt auf der Erde hunderttausend schöne Stellen, Klippen mit Brandung und vielleicht Palmenwälder oder