junge Wandervogel aus diesen Liedern nichts weiter mitgenommen hätte als eine Ahnung dessen, was deutsch ist, das Bewußtsein, einem edel veranlagten Volke anzugehören, so wäre schon etliches gewonnen." Im Lied kulminiert eben das Erlebnis der Landschaft und des Volkes, das ganz neuartig und voller Entdeckerfreuden ist, und daraus entsteht auch der Wunsch, „an seinem kleinen Teile mitzuwirken, an dem innern Streben der Nation, an der Vollendung des Deutschtums".
Wie sieht nun dieses Erlebnis "aus? Den wandernden Jungens erschließen sich nicht nur die Stammesverschiedenheiten, auch „der Bauer auf seinem Hofe, unter dessen Dach er schläft, der Wanderbursche auf der Walze, der oft sein Weggenosse ist, der Holzfäller im Walde und die ganze breitere, untere Volksschicht im Abteil der vierten Klosse" tritt ihm nahe. Diese Leute sind, wie es in einem Wonderoogelauffatz aus dem Jahre 1910 heißt, „unter sich mitteilsam und teilnehmend und nicht die reservierten Reisegefährten der Hähern Wagenklassen". So naiv es heute klingt, es ist der erste Augenausschlag des nationalsozialen Gewissens, der erste Schritt zur Volkwerdung, die trotz 1871, trotz Bismarck und Kaiserreich, noch aussteht.
Auch Kriegsspiele entwickelt der Wandervogel aus sich heraus. Daß sie „ganz und gar nicht im Hinblick auf soldatische Erziehung gemocht sind, daß sie überhaupt nicht ausgetüftelt und planvoll als Erziehungsmittel geschaffen sind", daß sie vielmehr von selbst „aus unserer jungen Lust am Kämpfen, Spähen, Ueberraschen, Schleichen und Laufen" entstanden sind, ist ein weiterer Beweis dafür, wie sich Zwecklosigkeit von selbst dem Zwecke fügt. Auch der Durchbruch der Jugend zur Wehrhaftigkeit erfolgt aus ihr selbst heraus. Wie tumbe Toren tasten sich die Jungen der Vorkriegszeit zu Nation und Staat hin. Man macht ihnen Vorwürfe, begegnet ihnen mit Mißtrauen, hat di^s und das an ihren Eigenwilligkeiten zu bemängeln. Noch im Jahre 1911 kann eine Wanüervogelgruppe erst hinter den Toren der Stadt Braunschweig ihre Zupfgeigen stimmen und ihre Lieder anschlagen, denn „innerhalb der Stadt hätte die Polizei den Stab „Wehe" geschwungen", wie es in einem Bericht heißt. Die Bewegung ist auch von exaltierten Erscheinungen nicht frei. Sie fördert einen Libertinismus, der sich dann in der Freistudentenschaft auslebt. Aber sie züchtet in ihrem Kern doch den hündischen Menschen heran, der ein Vorspiel des heroischen Menschen ist, sie entwickelt, wie Volkslied und Kriegsspiel, Volkstum und FUHrertum aus sich, und sie krönt und überhöht ihren Willen und ihr Streben durch das Sterben vor Langemarck.
In Flandern fallen die ersten Blüten des in neuen Saft tretenden deutschen Baumes. Sie llberwehen in ihrer weißen Unschuld, unter Blut, das sie getränkt hat, seltsam aufleuchtend, das deutsche Land, dem das letzte Opfer gebracht zu haben, die letzte Erfüllung des Wunschtraumes der erwachten Vorkriegsjugend ist. Ihre Verklärung findet die Jugendbewegung in der Dichtung von Walter F l e x, der, ein Körner des großen Krieges von 1914 bis 1918, als der „Wanderer zwischen beiden Welten" seine Lieder dichtete und dann siel. —
Graf Eberstein.
Von Ludwig Uh l a n d.
Zu Speier im Saale, da hebt sich ein Klingen, Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
Graf Cberstein Führet den Reihn Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.
Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen, Da flüstert sie leise (sie kann's nicht verschweigen):
Graf Eberstein
Hüte dich fein!
Heut nacht wird dein Schlöhlein gefährdet fein.
„Ei", denket der Gras, „Euer kaiserlich Gnaden, So habt Ihr mich darum zum Tanze geladen." Er sucht sein Roß, Läßt seinen Troß
Und jagt nach seinem gefährdeten Schloß.
Um Eberfteins Feste, da wimmelt's von Streitern, Sie schleichen im Nebel mit Haken und Leitern.
Graf Eberstein Grüßet sie fein, Er wirft sie vom Wall in die Gräben hinein.
Als nun der Herr Kaiser am Morgen gekommen, Da meint er, es (eie die Burg schon genommen.
Doch auf dem Wall Tanzen mit Schall Der Graf und seine Gewappneten all:
„Herr Kaiser, beschleicht Ihr ein andermal Schlösser, Tut's not, Ihr verstehet aufs Tanzen Euch besser.
Euer Töchterlein Tanzet so fein, Dem soll meine Feste geöffnet fein."
Im Schlosse des Grafen, da hebt sich ein Klingen, Mit Fackeln und Kerzen ein Tanzen und Springen.
Gras Eberstein Führet den Reihn Mit des Kaisers holdseligem Töchterlein.
Und als er sie schwingt nun im bräutlichen Reigen, Da flüstert er leise, nicht kann er's verschweigen: Schön Jungfräulein, Hüte dich fein!
Heut nacht wird ein Schlößlein gefährdet fein.
Der Mann, der m'.i dieser Zeit fertig wird.
Roman von Waller Julius B l o e m (GDS.).
(Fortsetzung.)
Möglicherweise beflügelt jetzt der Zorn seine Phantasie. Nach den bisherigen ganz niedlichen Erfolgen verlangt Doktor Wagenschanz einen gründlich vorbereiteten Angriff auf Braunschweig und auf Weimar, jedes Städtchen nimmt er sich einzeln vor in seiner Genauigkeit: zwei oder drei Hammerschläge sollen gegen die Gehirne der Schönheitsbedürftigen losknallen, und nach der dritten großaufgemachten Anzeige bleibt nichts andres ubrrg als in den Laden zu stürzen und die Salbe EroUkon zu kaufen.
*
Ganz außer Atem nähert sich Elli der Wohnung Schönleins, sie strampelt mit Leibeskräften auf dem Fahrrad, ein lüsterner Wind schiebt ihr kurzes Röckchen über die Knie hinauf. Das Rad bleibt schief an den Rinnstein gelehnt, sich selbst überlassen, es ist so alt und gebrechlich, daß es demnächst aus dem Verkehr gezogen werden soll. Wer es also stehlen mochte, wird hierzu höflich eingeladen.
Elli mit ihren jungen Beinen stürmt die Treppe hinauf, seit Wochen und Monaten zum erstenmal. Warum verschloß diese Tür, hinter der Rosemarie eine Zuflucht sand, sich nun vor Elli? Sie nähte viele Schlipse für Schönlein und manches Kleid für Lisa. Peters Frau hat nun das Feld geräumt, und Rosemarie scheint es auf besondere Weise zu verstehen, alles für sich allein zu belegen, ohne böse Absicht geschah das: erst gab es, rund gerechnet, drei Frauen um Peter, und nun gibt es bloß noch eine.
Er fuhr heute nach Hannover, wie sich zu Ellis kleinem Kummer herausstellt, und wird erst mit dem letzten Bummelzug nach Mitternacht zuruck sein. Anderseits trifft sich das gut, Elli überbringt eine Frage von Wichtigkeit. „Nämlich wir sind aus Braunschweig angerufen worden und müssen bis heute nachmittag eine Kiste Erotikon hingeschickt haben. Kieselbach hat uns ein paar wunderbare Inserate gedichtet, unser Zeug wird verlangt, und noch niemand hat es vorrätig. Aber mit der Bahn wäre die Kiste erst morgen da. Du kannst doch Autofahren, wie?"
„Natürlich."
„Der Doktor läßt dich fragen, ob du zwei Kisten in feinem Wagen hinüberbringen konntest, eine nach Braunschweig und eine nach Weimar. Ich soll mitfahren, wenn es dir recht ist."
Immer noch stehen die beiden zwischen Tür und Angel. „Muß denn das alles hier draußen besprochen werden?" — 0 nein, Elli, komm herein!"
Die blonde Elli wandert durch alle Zimmer, die Hönde auf dem Rücken und die Schultern eingezogen, sie macht auch vor Peters Schlafzimmer nicht halt. „Es sieht hier so anders aus." " „Es steht alles noch genau am selben Fleck."
„Das schon.'" Elli vermag es nicht zu erklären, etwas ist weggelöscht von Lisas großmütigem Geist, eine übertriebene Sorgfalt jagt hinter den einzelnen Staubkörnchen her. Elli dreht sich um. „Also wie ist es, fährst du den Wagen?"
„Doktor Wagenschanz muß sehr einfältig fein, daß er überhaupt auf den Gedanken kommt. Erst nimmt er mir das Auto weg, das eigentlich ich gewonnen habe, und nun soll ich damit eine Geschäftsfuhre für die „Kosmetischen Werke" machen?"
„Das sieht doch kein Mensch", meint Elli, „daß hinten in dem eleganten Wagen zwei Kisten stehen. Die werden in Braunschweig und in Weimar abgeladen, das erledige alles ich, du gehst solange eine halbe Stunde spazieren. Meinst du nicht, daß du dein Vergnügen daran hättest? Wie lange find wir schon nicht mehr aus diesem Nest rausgekommen?"
Ein heftiger Kampf geht vor in Rosemarie, in früheren Zeiten wußte sie nichts von solchen Gefühlen, damals zogen Wälder an ihr vorbei, die fernen Einsamkeiten der ostpreußischen und der mecklenburgischen Seen, aber sie hatte nicht viel Auge dafür, weil sie über den Bogen des Lenkrades hinweg die dahersausende Straße beobachten mußte. ,Zch habe keine Zeit. Wenn Herr Schönlein da ist, muß ich für ihn kochen. Die Wohnung ist noch nicht ganz aufgeräumt. Und endlich hätte ich nachher viele Stunden für mich zum lieben." Rosemarie verfügt über ein beträchtliches Maß von Selbstkritik, und da Peter sie ernstlich zur Veranstaltung von Klavierkonzerten ermuntert hat, findet sie mit Schaudern ihren technischen Zustand gering, unbewegliche Finger- und Handgelenke und tausend Mängel des Ausdrucks.
„Die paar Stunden! Das läßt sich alle Tage nachholen."
„Bestimmt, Elli. Du willst nichts erreichen, also tust du das, was dir in die Hände läuft. Aber wenn man sich etwas vornimmt und es auf Biegen ober Brechen durchsetzen will, dann merkt man erst, wie das ganze Leben bloß aus Nebensächlichkeiten besteht und wie schwer es ist, sich von ihnen freizumachen."
Das Proletarierkind wiegt den blonden Kopf. „Schon gut. Dann tu «s mir zuliebe. Ich renne und schufte und bin immer für andre Leute da, ich bin überhaupt noch niemals in einem richtigen Auto gefahren. Der Kandidat qualmt mir das ganze Büro voll mit seiner Pfeife, ich werde noch tuberkulös davon. Weißt du, es wäre so schon, gerade weil heute kein Sonntag ist, und man konnte draußen herumsahren und sich so recht vorstellen: jetzt sitzen die andern und müssen arbeiten!"
Eine kleine Gastreise ins wohlbekannte Land der Sorglosen gefällig? Drunten strampelt Elli auf ihrem Fahrrad davon, als hätte sie Flügel an den Schultern. Anton Wagenschanz empfängt sie mit Erleichterung, da er schon fürchtete, in der Eile werde sich kein Fahrer auftreiben lassen und die gute Bestellung ginge in den Schornstein. Nun steht er mit den Händen in den Hosentaschen und sieht zu, wie Elli mit alten Tüchern und einem Fensterleder an den blanken Scheinwerfern und am Lack herumreibt, er weiß nicht, ob es für diese Zwecke schon Hilfsmittel gibt, aber man könnte sich eigentlich mal mit solchen Sachen beschäftigen und vielleicht Verbesserungen erfinden. <5eit_einigen Wochen, genau feit er die ersten winzigen Erfolge mit feiner Salbe erzielt hat, gibt es für Antön keine zugesperrten Türen mehr, er hat im Gegenteil den Eindruck: es lasse sich überall mehr für ihn zu tun finden, als hundert Kopfe leisten können.


