fein.
fchlagen,
beiten Sie batte des Segens und der Mühen des wachsenden Brotes vergeßen und glaubte sich im Glanze der Glühbirnen über alles Maß erhöht. Sie sperrte sich ein in ihre Mauern, zog sogar vor die Fenster, die wenig genug Licht und Sonne hereinzulassen Gelegenheiten halten und die nur ein totes Gegenüber kannten, noch die dunkeln, schweren Gardinen. Die Menschen in der Stadt hatten Angst, den Fuß in eine Mutze iu sehen, und führten ein mimosenhaftes Dasein. Sie sterilisierten sich selbst und hielten das für Verfeinerung bis zum Edelprodukt Bleich war die Modefarbe, die roten Backen der Bauernmädchen galten als rustikale Rückständigkeit. Berlin kam ohne die Spreewälder Amme nicht mehr aus Als gar die Spreewälder Amme verschwunden war, Erließ das lebte, ursprüngliche Naturprodukt die Umgebung in der die Kinder aufwuchsen. Die Kinder wurden nicht nur vor der Außenwelt, sondern auch vor sich selbst behütet und in einer schon schematisch erstarrten Ordnung gehalten. Das Leben war schon an der Wiege in seinem Verlaus Geregelt, unb es rollte bann auch weift nach ben geltenden bürgerlichen sMaximen ab. Gymnasium und Universität wurden zur sozialen und gesellschaftlichen Stufenleiter, mit dem Reserveoffizier als Glanzstuck
Um die Wende des Jahrhunderts fängt die Jugend an, da nicht mehr mitgehen zu wollen. Sie sträubt und wehrt fich gegen Lebensauffassung und Erziehungsmethoden ihrer Eltern. Der soziale Strudel, der sich immer mehr erweitert, rührt unter ihr die ersten Wellen auf. Man sagt sich los von jenem „verderblichen Dünkel", der „die Schuld daran tragt, daß die Klassengegensätze in unferm Volke so schlimm wurden". Der Wandervogel macht die Bekämpfung dieses Dünkels zu einem Hauptziel [einer Be
strebungen. , ... ,
Die Jungens wollen aber zuerst einmal weiter nichts als sich frei machen von der Erziehungsschablone in Schule und Haus, die ihre Brust einengt. Sie wollen wandern, wollen der Sonne entgegenlaufen und Lieder fingen. Sie wollen beisammen und wollen zugleich unbehindert ' ' Hungrig nach Weite sind sie, voller Romantik, die sie Zupfgeige en Reigen tanzen, um Sonnenwendfeiern fich scharen läßt. Der steifleinenen -illchternheit der Väter begegnen sie mit der Auflehnung: „Laßt die Philister schimpfen über heidnische Mystik und romantische Abenteuerlichkeit ..." Sie setzen sich einfach darüber hinweg. Bunte Bänder mit Stickereien der Liebsten hängen sie fich an den Stecken. Sie machen die Augen und die Ohren weit auf, wenn sie an den Sonntagen und in den Ferien hinauskommen, sie schaffen sich ihre eigenen Liederbücher, und als sie genug Lieder gefunden haben in den Dörfern, werden tue Schul- und Studentenlieder pensioniert, und das Volkslied wird als „Freiluftlied" an ihre Stelle gesetzt. Ihre innersten Ziele glauben fi- besser durch Gesang als durch Reden ausdrücken zu können. Das Lied ist ja auch die Sprache, die sie auf der Landstraße, in den Gassen der Dörfer und in ihren Scheunenquartieren sprechen. Im Gesang vollzieht sich die erste Wechfelrebe, die sie mit der fremden Welt draußen vor den Toren der Stadt führen. Im Lied lernen sie die Sprache der Bauern verstehen. Wieder wie vor hundert Jahren beginnt ein Sammeln uralten Volksguts, das gerade noch lebendig geblieben ist. Aber es bleibt diesmal nicht beim gelehrten Aufschreiben, sondern die Volkslieder werden auch neu belebt und ganz in den Menschen aufgenommen. Es zeugt von großer innerer Selbständigkeit und fchon erstarkter Widerstandskraft gegen den ftäötifd)’ zivilisatorischen Einfluß, wenn der Wandervogel dem „neuzeitlichen Menschen", der „neue Ausdrucksformen" verlangt und das Volkslied als „rückschrittliche Erfcheinung" abtut, einfach mit dem Bekenntnis begegnet: „Aber das Volkslied 'ist nun einmal da, es ergreift uns stark und tief, und die Antwort auf das Warum bleiben wir schuldig." Daraus spricht über die einem elementaren Gefühl entstammende Rebellion hinaus eine Bejahung des „ganzen in sich noch geschlossenen Menschen, jenes starken Menschen, der alle Entwicklungsformen und Möglichkeiten ... noch m sich trug". Diese Jugend ist sich darüber klar geworden, daß „aller Fort- schritt unserer Zeit auf einem Opfer gleichsam des ganzen vollen Lebens beruht auf einem trotzigen Sprung ins Halbleben des Sonderberuflers und Spezialisten". Es erfüllt sie mit Stolz und Zu verficht, daß sie den ganzen Menschen noch lebend in den stillen Landeswinkeln gefunden hat. Es gereicht ihr zur Ehre, daß sie dabei aufrichtig genug ist, sich selbst zu den Enterbten zu zählen: „Und darum, weil wir Enterbte sind, weil wir in unserer Halbheit den Stachel und die Sehnsucht nach jenem ganzen harmonischen Menschentum nur um so stärker in uns fühlen, ist jenes Volkslied unser Trost und Labfal, ein unersetzlicher, durch nichts wieder- zuerringender Schatz." Es ist auch erworbener Besitz, denn es ist gesucht unb aufgelefen, ist verarbeitet und in die eigene Welt übertragen worden.
Die Jugend schasst sich in der Pflege des Volksliedes die ersten Ansätze zu eigenem Lebensstil. Das gibt ihrem Wandertrieb innere Haltung unb schafft erste seelische Bindungen, die die Augenblicksschwarmerei, die die romantischen Stimmungs- und Gefühlsausbrüche hinter sich mist"' Das Volkslied findet sich zur Jugend, die sich dem Leben aufzuschlleßen beginnt, wie auch die fahrende Horde aus innerer Notwendigkeit zur Gemeinschaft werden und den Führergedanken aus sich entwickeln muß- Zwar steht alles noch unter dem Zeichen der Entwicklung zur freiern und reinem Persönlichkeit, das Ziel nähert sich aber schon wieder dem klassischen Ideal, es wird zudem gemeinschaftlich erstrebt. Die Mr- aussetzungen im Sinne Georgescher Menschenformung unb Gememschasts- geftaltung beginnen sich zu entwickeln. Aus der Hinneigung zu Landscyap und Volk wird Hingabe. Das soziale und nationale Element wirren wechselseitig aufeinander ein. Aller Anfang ist primitiv oder in unfern Zeiten in alle möglichen Vorstellungen verkleidet. Zwei Willensrichtungen begegnen sich im Wandervogel: Dereinsabzeichen, Vereinshymnen, ^er einsbüdjer werden als überlebte gesellschaftliche Formen abgelegt. Sen die alten Bindungen, die aufgegeben wurden, fallen nicht mehr jem. Mit ihnen schwindet aber auch der Abfonderungswille. Standespoesie wirv nicht geduldet. Im Volkhaften taucht alles unter, auch das vaterlanoycyc •Sieb, das nicht verschwindet, sondern mit dem Volkslied gleichgei 8 wird. In der Grundrichtung strebt alles zur Nation hin, die neu über die staatliche Organisation hin ersaßt wird. Das Wort Volk 0 wieder feinen vollen Klang. Durch das Lied geht es in das -»ewutzyen ein. Denn die „Liebe zum Volk und die Ehrfurcht vor feinen unoergang lichen Werken" bestimmt die Begeisterung dafür mit: „Und wenn
.Sehr Dkl, Mylord", sagte der Inspektor ernst, „... denn auf diese Aussage hin erkläre ich Sie für verhaftet!"
<«ir John fuhr hoch, wie von einer Tarantel gestochen.
„Wann .. find Sie verrückt? Trauen Sie mir zu, daß ich meine Frau °^De? Detektiv" blieb vollkommen ruhig. „Ihre DaUin ist eines natürlichen Todes gestorben, Lord Harwood, darüber besteht kein: Zwnfell Meine Anklage^ lautet auch nicht auf Mord, sondern auf versuchten 23er- ^Neroöses Lachen drang über die dünnen Lippen des Lords der wieder in den Sessel gesunken war. Feine Schweißperlen stunden auf feiner Sttr .
fittren Sie aut zu, Mylord. Hier habe ich einen Fahrfchem der Auto- bus'l'inie A, die drüben' von Ecke Kingsway nach der Stabt sahrt Jch sand ihn soeben in diesem Papierkorb. Das Ticket .ft um 10 P- m. Qelodjt 3ß,e Sie ferner sehen, wurde von demjenigen, der es benutzte, am Picabilly- eirals umjeftiegen, unb zwar in die Linie E,bte nach East Holborn l6S'”sSÄTÄ"S*P.«or. unWn bad, dieser wehrte mit einer Handbewegung ab. „Ich b'N noch nicht fertig Mit diesem Telegramm bezweckten Sie, Mylord, daß der Tod Ihrer Gattin, von dem Sie schon wußten, bevor Sie in ben Klub gingen noch oor Ihrer Rückkehr entdeckt wurde, was ja auch geschah, indem der Siener veranlaßt wurde, an der Tür zu klopfen. Ich bin überzeugt daß diese Miß Mary, die in dem Telegramm ihren Bridge.absagt, gar nid)t epftert, daß aber die Urschrift des Telegramms, die ich mir leicht in East Holborn
» W..r W»u„9 n.d,
ltUl Jhnen^chon?'di-"BersichcrungsgeIellschoft zu
sind vorsichtigerweise seit Auffindung der Leiche nicht °>uen Augenblick allein in das Schlafzimmer gegangen, was ich auch der Versicherung Gegenüber bestätigen müßte. Es könnte Sie also fo leicht niemand ver- dächtigen, daß Sie den „Star of India" nach dem Tobe Ihrer Ga in beiseite gebracht haben könnten. Sie haben die ganze Zeit über in diesem Sessel gefeffen, waren allerdings unvorsichtig genug, den Fahrschein in bCn Und'daraus^fck)ttebt"nün' der kluge Inspektor Burns Scotland shari) daß ich ben Stein fchon vorher beifeite gebracht habe! Wann fall denn bas geschehen sein ... wie wollen Sie es beweisen?
„Wahrscheinlich war es, bevor Sie in den Klub gingen. Sie betraten das Zimmer Ihrer Frau unb fanden sie tot. Da tarnen Sie auf die Idee, ben Stein verschwinden zu lassen, um die Versicherungssumme zu erhalten. Den Beweis, baß Sie heute abenb schon einmal in dem quittier waren .?" Der Inspektor beugte sich vor unb klopfte dem Lord leicht auf bas Knie. „Als Sie zum Safe gingen, um ben Stein herauszunehmen streiften Sie den Kaktus. Viele feiner winzigen Stacheln blieben dabei an Ihrem Hosenbein hängen." Der Lord saß schwelgend tn Jihnem Sessel. Burns drückte seine Zigarre aus unb erhob fick)- ^ch habe aber außerdem noch ein etwas weiches Gemüt. Mylord. Ich denke.nur, ba& ein Mann genug gestraft ist, wenn er seine Frau auf so tragische Weise verliert. Wenn nun — sagen wir bis morgen früh — ber „Star ot india wieber in feinem Safe läge und keine Ansprüche an die Versicherung gestellt würden, könnte ich mir gut vorstellen, daß nur diese ganze Unterredung aus dem Gedächtnis entschwände, denn ich sollte ,a eigentlich nur feststellen, ob Lady Gladys eines natürlichen Todes gestorben ist. Good evening, Siri"
Oer Wandervogel.
Von Dr. Eugen Schmah 1.
Bei ber Union Deutsche Verlagsgefellschaft in Stuttgart erscheint soeben von Dr. Schmäht ein fesselnd geschriebenes, lesenswertes unb aufschlußreiches Buch: „Der lluf’ [tiegber national en Jb e e". Die Vorzüge des Buches heben es tu eit i)erou5 ou5 her ^ülle, bie gegemnärtig quj bem politischen Büchermarkt herrscht. Der hier folgende Ab- schnitt ist ein Abbruck aus bem Kapitel „Nationalismus unb behandelt bas Thema „Der Wandervogel". Preis bes Buches kartoniert 3,80 Mark.
Der Wandervogel als Vorläufer des kommenden, nur von jungen Menschen getragenen Nationalismus geht von ben großen Stabten aus Er kommt aus ben Gymnasien unb strebt, wie bie Studenten vor hundert Jahren, in die Freiheit ber deutschen Lands-Hast, in die Walder unb zu den Burgen, an bie Ströme und an die Berge, in bas Dorf unö durch bie Torbogen alter Städte unb Städtchen. Er entdeckt bie Mark unb bie Heibe, die bisher für „langweilig" galten.
Zu Wanderfahrten, bie ben muffigen Geruch ber häuslichen, guten Stube mit Sonne unb Wind vertauschen, organisiert sich ein Bund, besten Ziel cs ist, „unter der Jugend vornehmlich höherer Lehranstalten das Wandern zu fördern unb daburch ihren Körper unb Geist zu stählen, ihr Gelegenheit zu geben, Land und Leute ber deutschen Heimat aus eigener Anschauung kennenzulernen, ihren Sinn für die Natur zu wecken unb zu heben". _
Das alles war mit ber Stabtentwicklung, bie nur noch ben Sonntags- ausflug, ben Spaziergang auf gepflegten Promenaben unb, verschnürt wie bie Koffer, bas Reisen in Bäber ober von Hotel zu Hotel kannte, verlorengegangen. Da sich bie Menschen selbst einsperrten, würbe nicht nur bie Welt des Menschlichen ausgehöhlt, auch bie volkhaften Beziehungen würben immer mehr unterbunben. Das substanzlose Leben trieb [eine einzelnen Bestanbteile wild durch- unb gegeneinander. Die Gegensätze erzeugten Voreingenommenheit unb einen Dünkel, ber nicht nur auf Klasse, Kaste unb Stanb begrenzt blieb, [onbern ber sogar ganze Lebensbezirke auseinanber riß unb einanber entgegenstellte, wie zum Beispiel Dorf unb Stabt, Metropole unb Provinz. Jeber liebte nur sich in feinem eigenen Raum, dem er auch allein Gültigkeit zusprach. In der Stabt, die sich immer selbstherrlicher gebärdete, gediehen solche Verschroben-


