Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang {935 Montag, den September Nummer 68
Auf dem See.
Von I. W. v 0 n G 0 e t h «.
Und frische Nahrung, neues Blut Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut, Die mich am Busen hält!
Die Welle wieget unfern Kahn Im Rudertakt hinauf, Und Berge, wolkig himmelan, Begegnen unserm Lauf.
Aug, mein Aug, was sinkst du nieder? Goldne Träume kommt ihr wieder? Weg, du Traum I Jo goto du bist; Hier auch Lieb und Leben ist.
Auf der Welle blinken Tausend schwebende Sterne, Weiche Nebel trinken Rings die türmende Ferne; Morgenwind umflügelt Die beschattete Bucht, Und im See bespiegelt Dich die reifende Frucht.
Oer Kaktus.
Eine Kriminalgeschichte von Story Teller.
Detektivinspektor Burns trat zu der zusammengesunkenen Gestalt, die regungslos in dem großen Sessel saß, dicht am Kamin am Ende der weiten Halle.
„Ich kann keine Anzeichen eines gewaltsamen Todes finden, Euer Lordschast. Meiner Ansicht nach liegt ein einfacher Selbstmord Ihrer Gattin vor. In ihrem Nachttisch befinden sich mehrere Packungen eines starken Schlafmittels ... in dem Ghas auf dem Tischchen sind die Reste der l-chung ... das ist alles ganz klar. Vielleicht hat sie auch nur aus Versehen eine zu starke Dosis genommen. Die Unordnung, die in dem Zimmer herrscht, kann von der Toten selbst stammen, die vielleicht stundenlang mit ihrem Entschluß gerungen hat!"
Lord Harwood schüttelte müde den Kopf. „Ich kann das nicht glauben, Inspektor, denn es fehlt doch jedes Motiv. Unsere Ehe war zwar nicht die glücklichste, aber ernsthafte Differenzen hat es nie gegeben. Ich ging auch heute Abend wie gewöhnlich in den Klub, wo mich mein Diener nach einer Stunde anrief. Ein Telegram war für Lady Gladys gekommen, er hatte an ihrer Zimmertür geklopft und war schließlich ängstlich geworden, als ihm nicht geantwortet wurde. Ich kam schnellstens nach Haus, worauf wir die Tür aufbrachen, das Zimmer aber nicht betraten, als wir die Leiche meiner Frau vor dem Bett liegen sahen und die Unordnung bemerkten. Man hat es ja schließlich in allen Kriminalromanen gelesen, daß man in einem solchen Fall nichts anrühren soll, bevor die Polizei kommt."
_. Burns nickte langsam. „Ihre Selbstbeherrschung ist bewundernswert, ^ohn ... ich stell« mir vor, daß ich in einem solchen Fall an gar Nichts weiter denken würde, als meiner Frau zu Helsen, die da leblos le9t- Zum Teufel mit aller Rücksicht auf die Polizei! ... Aber wir wollen nun einmal feststellen, ob alle Wertgegenstände vorhanden sind, von denen
™ bi ne ganze Menge gesehen habe. Darf ich Sie bitten, mich in das '«chtofzimmer zu begleiten?"
«ra '5er. ?ori) erhob sich mühsam. Seine ganze Energie schien unter der -wucht dieses Ereignisses zerbrochen zu sein. Langsam folgte er dem Jn- lp"ior, der auf der Schwelle des Unglückszimmers stehen blieb.
. "Wenn wir uns diese Unordnung betrachten, dann ist da eigentlich nichts Auffallendes. Auch dieser Kaktus hier kann von Ihrer Gattin bei ^u«r schnellen Bewegung von seinem Ständer heruntergestreist wor- Teppj'cht^t 3U ^cr Pstanze, die neben einem Blumenständer auf dem "tanberi»"rK3 meinte er anerkennend, „wo hat er eigentlich ge-
„Dort auf dem tiefsten Brett des Ständers", erklärte der Lord und fieigte auf die unterste Etagere, die sich etwa in Kniehöhe über dem Fußboden befand.
in "®5?en- ’^n Mieder hinstellen", meinte der Detektiv und hob den Kak-r ?.uorM)tig aus, „wunderschönes Exemplar! Eine Opuntienart, wenn ich ch nicht irre ... Hier stand er also, wie? ... Donnerwetter", unter
joch er sich, „das Biest sticht ja!"
*-r rieb seinen Handrücken. „Sehen Sie mal an, diese winzigen Stacheln, die ich mir da eingejagt habe! Und wie das brennt! Man ist doch
empfindlich wie ein kleines Mädchen! Aber nun weiter: wo hat Ihre Gemahlin die Schmucksachen aufbewahrt?"
Sir John zeigte auf eine kleine halboffene Stahltür, in der Wand hinter dem Blumentisch. „Die größeren Sachen dort im Safe, die kleineren in den Schmuckschalen, die hier auf dem Nachttisch stehen."
Vorsichtig entnahm der Inspektor dem Stahlfach einige Etuis und legte sie auf ein Tischchen. „Wollen Eure Lordschast bitt« einmal nachsehen, ob etwas fehlt."
Ein Etui nach dem anderen wurde geöffnet, aber unberührt ruhten Perlenkolliers und Diamantengehänge auf ihrem dunklen Samt.
„Es scheint alles da zu sein ..." murmelte der Lord, „aber — hakt wo ist ..." Mit allen Anzeichen der Bestürzung schaute er aus: „Ein Etui fehlt, Inspektor, es enthielt den „Star of India" ...“
„So", meinte Burns phlegmatisch, „was ist denn das?"
„Ein riesiger Smaragd von über 100 Karat, den ich seinerzest aus Indien mitbrachte, das Geschenk eines Rajahs, dem ich einen sehr großen Dienst erwiesen hatte!"
„Sind Sie sicher, daß er sich in dem Safe befand, Sir John?"
„Darüber besteht kein Zweifel, meine Frau hat ihn gestern noch auf dem Fest des Duke os Port getragen!"
*
Die weitere Untersuchung war ergebnislos verlaufen. Der „Star of India" war der einzige Wertgegenstand, den der unbekannte Täter mitgenommen hatte. Wieder sahen sich die beiden Männer in der Halle gegenüber.
„Wie groß ist denn der Verlust, Euer Lordschast, den Sie durch den Raub des Steines erleiden?"
„Eigentlich kann ich von einem Verlust gar nicht sprechen", meint« der Lord langsam, „denn ich hatte zum Glück den ganzen Schmuck meiner Frau versichert ... und den Smaragden in Anbetracht des Wertes, den er allein schon als Erinnerung für mich darstellt, nochmals extra mit einer Summe von 200 000 Pfund."
„Donnerwetter", entfuhr es dem Detektiv, „da haben Sie ja eigentlich Gluck im Unglück, denn abgesehen davon, daß es dem Dieb ganz unmöglich sein durfte, ein solches Stück zu verkaufen, ist diese Summe selbst für ein solches Exemplar exorbitant hoch!"
„Ich würde auf dieses Geschäft gern verzichten", meinte Sir Harwood ernst, „wenn ich dafür meine Frau rotober zum Leben erwecken könnte!"
Leise knisterte das Feuer im Kamin.
„Ich kann mir nicht oorstellen", meinte der Inspektor nach einem kurzen Schweigen, „daß Einbrecher so dumm sein sollten, ausgerechnet den Gegenstand mitzunehmen, der am schwersten zu veräußern ist. Da lagen doch genug Perlenketten und Brillantsachen, die sie viel leichter loswerden könnten!"
„Vielleicht hat die Sache einen ganz anderen Hintergrund, lieber Burns. Der „Star of India" war seinerzeit eine Art religiöses Heiligtum und es hat drüben genug Aufregung gegeben, als jener Rajah, der allerdings ganz westlich erzogen war, den Stein verschenkte. Ob vielleicht jene Priesterkaste dahintersteckt, die sich damals die größte Mühe gab, den Stein im Lande zu behalten?"
Der Inspektor hatte gespannt zugehört und richtete sich nun auf.
„Das wäre immerhin möglich, Sir John ... aber wir wollen erst mal den wenigen Spuren nachgehen, die wir positiv haben. Da ist in erster Linie das Telegramm, welches den Diener veranlaßte, so spät nochmals an der Schlafzimmertüre zu klopfen. Darf ich es einmal sehen?"
Der Lord griff in die Seitentasche seines Dinnerjaketts und reichte dem Detektiv ein Telegrammformular. Burns beugte sich vor und streifte dabei versehentlich das Beinkleid feines Gegenübers mit der Zigarre.
„Beg your pardon, Sir ... beinahe hätte ich jetzt ein Unheil angerichtet! Erlauben Sie ... so ..."
Er klopfte die Asche vom Hosenbein des Lords und stieß dabei plötzlich einen leisen Fluch aus.
„War noch heiß ..." entschuldigte er sich verlegen, „ich sage ja: empfindlich wie ein kleines Mädchen ..." Er rieb sich den Handrücken mit dem Taschentuch und öffnete dann das Formular.
„Aufgegeben in East Holborn, 10.30 p. m., also eine Stunde, bevor man mich hierher rief ... lassen Sie mich mal rechnen ..."
Er stand auf, um in dem Papierkorb, der neben dem Sessel des Lords fand, nach einem Stückchen Papier zu suchen.
„So, das genügt —" er hatte ein kleines Blatt gefunden und drehte es gedankenvoll hin und her. „Uebrigens", fragte er ganz unvermittelt, „hatten Sie sonst die Angewohnheit, Ihrer Gattin nochmals Gute Nacht zu sagen, wenn Sie aus dem Klub nach Hause kamen?"
Der Lord nickte. „Allerdings, ich tat das regelmäßig, weil ich wußte, daß Gladys immer sehr schwer einschlief. Meistens verplauderten wir dann noch eine Viertelstunde, bis ich dann meine Zimmer aufsuchte, die in der oberen Etage liegen. Aber was hat das mit dem Verbrechen zu tun?"


