Ausgabe 
4.8.1933
 
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vergehn Briefe getippt werden müssen, alle dürfen gleich lauten, eine höfliche Begrüßung der Käuferinnen der WundercremeErotikon", aber hektographiert sehen derartige Schreiben leider zu verlogen aus. Was hilft es? Elli soll die hundertzehn Briese Stück für Stück tippen. Das ist mit Anton so abgemacht. Der Inhalt dieses Brieses bleibt ihr über­lassen. Aus dem großen Stapel der noch feuchten und stark riechenden Geschäftsbriefbogen zieht sie ein Blatt hervor, Kosmetische Werke Dr. Wagenschanz steht oben (macht sich großartig!) und spannt es in die Maschine.In Bestätigung Ihres Geehrten", fängt sie ihren Entwurf an, übersenden wir Ihnen Beiliegendes, und hoffen wir gern, daß dasselbe Ihren werten Beisall--" Eine äußerst schwierige Arbeit! Elli tippte

vorm Jahr in einer Kohlenhandlung, da mußte man sich natürlich anders ausdrücken als bei einer Schönheitssalbe. Das sieht sie sofort und ohne fremde Hilfe ein, Helles Mädchen.P. P.", schreibt sie auf einen neuen Bogen,in höflicher Erwiderung Ihres werten Gegenwärtigen schicken wir Ihnen--" oder nein:senden wir Ihnen"--auch nicht:

haben wir die Ehre Ihnen zu"

Kaff! Auch dieser Bogen geht, ritsch, aus der Maschine.

Wie sie so ratlos dasitzt und gerne einen furchtbar eleganten Text hinlegen möchte, erinnert sie sich von neuem an die Ereignisse im An­waltshause. Nichts ist gewisser, als daß Elli morgen früh, so gegen neun, mal zu Schönlein hinläuft und um den Posten bittet, bei der Gelegen­heit geht sie auch rasch stempeln. Aber wenn er um acht mit der Post Angebote bekommen sollte? Oder vielleicht, heutzutage ist allerhand mög­lich, stellt eine sich schon um sieben vor seine Tür, um als erste dran zu sein?

Elli reißt ein befranstes Umschlagtuch der Witwe Wagenschang aus der Küche und entweicht in die vom Ostwind stürmende Nacht. Hui, pfeift die Kälte um ihre dünnen Beine, Elli läuft, daß das Röckchen fliegt. Oben an den Dachrinnen der Häuser läuft ein gelber Mondenglanz mit ihr, die Sterne stehen bleich und überstrahlt unter dem grellen Licht, das die Welt wie Sonnenfinsternis düster erleuchtet bis weithin zu den blauen Tannenschatten der Harzberge. Es sieht alles so wunderlich aus, im harten Licht der Nacht stehen die schönen neuen Fabriken und die häß­lichen Mietskasernen ...

Bor Schönleins Eckhaus mit der Apotheke, deren sich bäumendes Einhorn die goldenen Hufe zeigt, verschnauft Elli. Sie zieht das Franfen- tuch enger um ihre mageren Schultern. Bing, Jagt die Rathausuhr, es ist etwas Halbe, halb drei ober gar halb vier, einerlei, in jedem Fall eine ziemlich unpassende Zeit. Wenn man seit Jahr und Tag keine richtige Arbeit hat, bann ist es eben eilig. Die beiden Porzellanschilder kann man Nicht verfehlen, bas eine tünbet bie Nachtglocke ber Apotheke an, bas anbere lautet P. Schönlein, Rechtsanwalt. Es ist bebauerlich, Herr Schönlein besitzt ben Doktortitel nicht. Bor zehn Jahren mangelte es ihm am Geld, und später mangelte ihm die Zeit, mindestens.

Elli klingelt.

Nichts regt sich. Sie zittert vor Kälte und Aufregung. Nach drei Minuten klingelt sie nochmals.

Pause. Elli läutet Sturm bei P. Schönletn, Rechtsanwalt, um halb vier oder gar halb drei. Oben knackt ein Riegel, ein Fenster blinkt im Mond, Schönlein sagt unwirsch und mit schlafheiserer Stimme herunter: Dfe andere Klingel geht doch zur Apotheke." Fenster zu. Sturmgeläute, nuch ist es schon einerlei, ob Elli ihn stört. Fenster auf.Untere Klingel!"

Ach, Herr Schönlein", piepst es da,hier ist nur Elli, Elli Hampel. Entschuldigen Sie vielmals. Ich habe nämlich gehört ich möchte könnte ich vielleicht Ihre Sekretärin werden?"

Machen Sie sich einen Witz?"

Aber nein."

Teufel. Donner. Zugenäht nochmal. Lassen Sie mich doch schlafen." Fenster zu, daß es klirrt.

Sie bilden sich wohl ein", sagt Elli weinerlich von sich hin, obwohl das Fenster längst zu ist,Sie bilden sich wohl ein"

Doch auf dem Rückweg ins einsame Bett erinnert Schönlein sich daran, daß es Elli war und nicht irgendwer. Er öffnet in Gottesnamen noch einmal das Fenster, spürt die trockene Kälte der Nachtluft und sagt wenigstens etwas freundlicher:Ich brauche jetzt keine Sekretärin, Elli, solange die Ausstellung dauert, weil mir dort eine zur Verfügung steht. Vielleicht später. Nun gehen Sie rasch nach Hause, Sie erkälten sich."

Schade. Jetzt schleift ber Ostwind elenb unb böse um bie Ecken unb Kanten unb klappert mit ben bürren Kastanienästen, ber Leim glitzert in ben Knospen.Sicher frieren sie ebenso wie ich." O Gott, ist es spät. Ja, jetzt schlägt es brei. Aber sie ist entschlossen, ben knappen Rest biefer Nacht zu Überschlagen, in ihrem Alter kann man bas ohne weiteres.

Während sie in frierendem Halblauf zurückkehrt, kommt ihr ein Aben­teuer in bie Quere, bas ben Ereignissen wieber einen kleinen Stoß nach vorne gibt. Sie überholt einen baumlangen Wanberer, ber mit empsind- licher Schlagseite ben heimatlichen Gesilben zustrebt. Es ist der Lehr­amtskandidat Kieselbach, Antons geistiger Widerpart aus der Arbeits­losenkneipe, der neulich von den Anhängern der Schönheitscreme Erotikon so furchtbar verprügelt wurde.

Er sieht jammervoll aus. Elli schlägt um ihn einen hurtigen Bogen, n Morgen, Herr Kandidat, noch ober schon?" unb ist schon lange an ihm vorbei, als sie sich plötzlich umbreht.Könnten Sie mir nicht einen Bries entwerfen?"

Herzlich gern,^Fräulein Elli", beeilt sich Kieselbach mit erstaunlicher Bereitwilligkeit,Sie wissen boch, Liebesbriefe finb gerabezu meine Spe­zialität."

Gar fein Liebesbrief. Geschäftlich."

Dann kostet es aber eine Mark. Ober ist es etwa für Herrn Doktor Wagenschanz? Dann mache ich es vollkommen umsonst."

Oho! Aus einmal?"

Der Sturm pfeift. Kielelbach stemmt sich auf feinen Stock.Es geht mir plötzlich so schlecht, Fräulein Elli. Ich verbiene fast nichts mehr. Weine Freunde haben überall gegen mich Stimmung gemacht."

Sehen Sie wohll Das geschieht Ihnen recht." Sie geht vorsichtig mit ihm, er wohnt ganz in ber Nähe. Aber in fein Kellerzimmer einzu­treten, weigert sie sich, obwohl er sie sehr bittet.

Schließlich legt er seinen alten fleckigen Mantel mit einer gewissen Demut um Ellis Schultern. Sie wartet. In bem Kellerfenster geht Licht an. Der Kandidat reicht ihr einen Zettel hinaus unb einen Stumpen von Bleistift. Im Monblicht stenographiert sie, so gut es geht, ben Zettel an der gekalkten Hauswand, der Mann streckt seinen Vogelkopf hervor und flüstert. Schließlich kommt folgender Brief zustande:Sehr verehrte gnädige Frau! Schon Tausenden Ihrer Mitschwestern hat unsre gänzlich neuartige, nach den Mitteln ber mobernsten Wissenschaft und nach zahl­losen Versuchen in unfern eigenen Laboratorien hergestellte Hautver­jüngungscreme Erotikon die Jugend bewahrt und die Schönheit wieder- gegeben. Ungezählte Anerkennungsschreiben sind notariell beglaubigt und liegen zur Einsicht auf. Wir legen gerade auf Ihr Urteil ganz besonderen Wert und übergeben Ihnen unser konkurrenzloses Erzeugnis in der an­genehmen Erwartung"

Danke", beendet Elli das seltsame Diktat,können Sie das aber fein! Na, bann werde ich mal bei Herrn Doktor Wagenschanz ein gutes Wort für Sie einlegen."

Die Wohnung ist groß unb leer, alles scheint weiter unb höher ge­worben zu fein, veränderte Maße, weil das Leben sich verwandelt hat. Ein Stuhl steht immer unbenutzt, niemand singt und spricht mit der Stimme einer dunklen Glocke. In dieser verstummten Wohnung, die nur noch die minderen Geräusche vernehmlich macht, entsteht ein empfind­licher Bedarf an guten Geräuschen. Der Flügel, ber bas halbe Wohn­zimmer versperrt, hält mit höflichem Bebauern fein schweres Augenlid geschlossen und stellt sich schlafend. Schönlein öffnet das feindliche Instru­ment und bohrt mit einem Finger darin herum, worauf es befremdet Kuckuck, Kuckuck, rufts aus dem Wald" von sich gibt und wieder in Schweigen versinkt. Am Ende der Woche liegt wenigstens kein Staub mehr auf der blanken Mahagoniefläche, dafür fand sich eine Aufwärterin.

Die nächste Frau wird es schwer haben mit Peter Schönlein, das ist sicher. Er muß sich mit kleinlichen und alltäglichen Dingen abgeben, die bisher immer nur nebensächlich gewesen sind und die nun zu häßlicher Wichtigkeit vordringen. Sein Beruf veranlaßt ihn, sich mit boshaften oder übertriebenen Streitigkeiten abzugeben, und das läßt sich nur ertragen, indem man es nicht besonders ernst nimmt, obwohl man mit Beredsam­keit dafür eintritt. Auch kann man am Herde stehen und für sich selbst eine Speise zubereiten, Peter tat dies ungezählt oft für beide. Nun kocht die Aufwärterin einen Kaffee, genau nach Schönleins peinlichen An­gaben, ber mehrmals daneben steht unb bie Herrichtung mit mißtrau­ischem Stirnrunzeln überwacht: bas Getränk schmeckt wie immer, nur schmeckt es eben nicht. x

Es ist klar, daß ein Mann wie Schönlein sich an vielen besseren Zirkeln beteiligt, so gehören er und Lisa zu den bevorzugten Mitgliedern des Liederkränzchens, ferner beherbergt unser aufstrebender Ort mehrere Automobilklubs, bie sich erbittert bekämpfen. Solche Zusammenkünfte helfen bemStrohwitwer" wohl über bie ersten Abenbe hinweg, solange bie Wohnung bas Frösteln ihrer Verödung noch nicht überwunden hat.

Aber dann verlangt das Herz nach einer Andacht, die darin besteht, daß Schönlein sich in seinem Arbeitszimmer mit einem Buch in den Ledersessel versenkt, bis ihn der Schreibtisch stört, in dem die Akten ihr alltägliches Leben führen, er zieht mit seinem Buch um ins Musikzimmer. Dort stört ihn sehr bald der verstummte Flügel, der nur nochKuckuck, Kuckuck" machen kann, es dürste gemütlicher in der Küche fein, wo man sich einen vernichtenden Grog braut, bis nicht einmal mehr das leere Bett im Schlafzimmer beachtet wird.

An einem dieser Abende erschüttert ihn ein Ereignis, das ihm feinen bedrohlichen Zustand offenbart. Bei der Heimkehr aus der Ausstellung überschreitet er ben Alten Ratsmarkt, in hastigem unb unfrohem Gang, es weht ziemlich kalt, in fein Bewußtsein bringt ein entfernter Gesang, lehr leise, ein schwebenbes Singen zieht gebämpft baher. In Schönleins Wohnung steht ein Fenster voll Licht, hinter gelben Gardinen. Er seufzt auf unb fängt an zu laufen, mit wiedergekehrter Jugenb stürmt er bie ausgebogenen Treppen bes Apothekenhauses hinauf, hält im Flur be­troffen inne unb legt mit unwirscher Bewegung seine Mappe beiseite. Was ba tönt ist kein Gesang, Lisa war keine Meisterin am Flügel, aber hier spielt eine Meisterin, brinnen erklingt eine Bachsche Fuge wie eine rounberbare Menschenstimme. Schonlein im Flur kennt bie Bewegung, wie biese lebenbigen weißen Arme vorstoßen, mit gespreizten Fingern, ber Fuß fährt feiten unb sparsam ins Pedal, bas herrliche Instrument gibt bie Kantilene in überirdischer herber Ruhe wieber. Am Kleiderhaken hängt ein fremder brauner Wintermantel, ber recht verschlissen ist. Wie kommt sie benn überhaupt herein, hier? Aber wahrscheinlich war bie Auswärterin gerabe mit Einkäufen ba,unb Herr Rechtsanwalt wird wohl bald kommen, vielleicht können Sie warten?"

Ja, das kann ich."

Zu liebenswürdig, wie sich um ihn kümmern! Neulich nachts um drei will die eine feine Sekretärin werden, jetzt fitzt die andere wohl schon feit zwei Stunden da, um ihm einen zu Herzen gehenden Empfang zu be­reiten. Es flüsterte sich herum in dieser Stadt. Odc» wie soll es sonst zu erklären sein, daß Frau Oberschulrat Brehm heute mit ihrer Aeltesten ganz beiläufig auf der Ausstellung erschienIhre liebe Frau ist ver­reist? Oh, Herr Schönlein, bann müssen Sie oft zum Essen zu uns kommen, bieje thüringische Gasthauskost liegt so schwer im Magen." Die älteste Brehm ist nahe ber Dreißig, ber Franzose nennt so etwas eine jeune kille prolongäe, man riskiert kaum mehr als ein Fünkchen Hoffnung Utzd ein paar Teller Suppe.

Schönlein schleicht auf ben Fußspitzen aus seiner eigenen Wohnung unb läßt das Türschloß vorsichtig mit dem Schlüssel zurücksallen, damit es nicht knackt.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Drühl'scheUntverfitäts.Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.