Gewichtszunahme veranlaßte. Diese Entdeckung brachte ihn dahin, sich mit der Zusammensetzung der Lust und ihren näheren Eigenschaften genauer zu befassen. Schon andere Forscher vor Lavoisier — vor allem die Engländer Cavendish und P r i e st l e y — hatten verschiedene Stosse in der Lust beobachtet, darüber hinaus das „Benehmen" dieser Stoffe beim Verbrennungsprozeß. Aber der Umstand, daß diesen bedeutenden Gelehrten immer wieder Vorstellungen über „brennbare Prinzipien" in den Weg kamen, hinderte sie, richtige Folgerungen aus ihrem Fund zu ziehen. Lavoisier, von keinen Vorurteilen belastet, skeptisch allem gegenüber, was ein unmittelbares Experiment ihm nicht selbst verriet, konnte die wahre Bewandtnis dieser Bestandteile der Luft aufdecken. Er wies nach, daß die „reinste" Lust, die nicht nur für die menschliche Atmung unerläßlich war, sondern auch durch ihren Säuregehalt Metalle zum Oxydieren brachte, im organischen und anorganischen Leben allgegenwärtig ist — und gab ihr den Namen „Sauerstofs". Auch den Stickstoff erkannte er erstmalig in all seinen Eigenschaften. Schließlich machte er 1783 den bahnbrechenden Versuch, nicht nur durch Verbrennung von Wasserstofsgas und Sauerstoffgas reines Wasser zu erzeugen, sondern auch diese beiden Elemente voneinander zu trennen. So warfen Laooisiers unwiderlegliche Versuche mit Sauerstosf, Wasserstoff, Stickstoff, Kohlensäure alle rätselhaften Theorien, die noch an dem „brennbaren Prinzip" und anderen rückständigen Vorstellungen sesthielten, ein für allemal über den Hausen. Um die Umwälzung vollständig zu machen, ersand er auf dem Boden seines neuen Systems 1787 die chemische Zeichensprache, die von diesem bis auf den heutigen Tag eine internationale Verständigung über chemische Vorgänge ermöglicht.
ausstellte, waren
her unbekannt gewesen wäre; alle Tatsachen, die er die notwendige Folge der Arbeiten derer, die ihm vor-
Man sollte meinen, daß diese wissenschaftlichen Taten hinreichten, ein Leben auszufüllen. Aber Lavoisier war nicht nur „freier Forscher, sondern auch Mann der französischen Öffentlichkeit. 1776 bereits war er Oberaufseher der französischen Pulverfabriken geworden. Von dieser Tätigkeit des Gelehrten berichtet Lalande: „Er brachte es bald dahin, daß ein Schuß 120 Klafter weit reichte, da unter denselben Umständen vorher das beste Pulver nur 90 Klafter weit ging. Im Krieg von 1765 erreichten uns die Kugeln der Engländer eher als die unfrigen sie, und im Krieg von 1778 klagten sie umgekehrt, daß die unfrigen sie schon träfen, ehe die ihrigen uns erreichten". 1778 ging er unter die Landwirte: zunächst auf eigene Rechnung, dann als staatlicher Großpächter verbesserte er die Methoden, erhöhte den Ernteertrag, erweiterte sein Vermögen und seinen staatlichen Einfluß. Daß dies nicht aus purer Gewinnsucht geschah, geht daraus hervor, daß er während einer Hungersnot im Jahre 1780 der Stadt Blois und einigen anderen Städten ohne Zins Geld zur Verproviantierung lieh. In Staatskommisfionen arbeitete er an hervorragender Stelle sowohl an einem Dezimalsystem der damals komplizierten Gewichtsordnung und an Fragen der wissenschaftlichen Landesvermessung. Ein von ihm herausgegebener mineralogischer Atlas gilt heute noch als Musterbeispiel dieser Art Karten in Frankreich. Langjähriger Präsident der Akademie, war er im Lauf der französischen Revolution in den ersten Jahren noch zu höheren Stellungen berufen worden: 1791 wurde er Kommissar des Staatsschatzes und entwarf nicht nur einen Plan, wie man durch Banknoten das Nationalvermögen in besseren Umlauf bringen könnte, sondern errichtete auch die bekannte Zollmauer um Paris, um die Staatseinnahmen zu vergrößern. Diese letzte Maßnahme machte ihn freilich bei der Bevölkerung, die nun aus Schritt und Tritt Zoll und Brückengeld zu zahlen hatte, unpopulär. Die großen praktischen Erfolge feiner chemischen Lefftungen in Handel und Industrie, „auf dem Gebiet der Färbekunst, der Bergbaukunde, der Probier- und Schmelzkunde" hat Lavoisier freilich nicht mehr erleben dürfen ...
Denn das „Gemurr" des Pariser Volkes über den unerwünschten Zoll wurde verstärkt durch den Neid einiger seiner Kollegen der Akademie, denen Lavoisier ein höchst lästiger Nebenbuhler war. Er, der nnmer selbstlos gehandelt hatte, wurde als „Pächter" und „reicher Mann beim Rcvolutionstribunal verdächtigt. In der damaligen Zelt, m der unter Robespierres Herrschaft das Blut in Strömen floß, genügte nur der Schatten eines Verdachtes, um einen verdienten Mann um seinen Kops zu bringen. 1793 mußte Lavoisier aus Paris fliehen, die Akademie strich seinen Namen au- ihren Listen, der im In- und Ausland so viel zu ihrem Glanz beigetragen hatte — aber Lavoisier hielt es nicht lange in der Verbannung, er hatte wichtige wisfenschaftliche Arbeiten zu vollenden, zudem glaubte er im Vollgefühl seiner Schuldlosigkeit wohl nicht daran, daß ernsthafte Gefahr für ihn drohte. Kaum war er zuruckgekehrt, wurde er verhaftet. Man gestattete ihm nicht, sich zu verteidigen. Eine Schrift des großen Chemikers H a u y, der die Verdienste dieses Mannes für die ganze Welt behandelte, wurde vom Tribunal mit den Worten abgetan: „Die Republik braucht keine Gelehrten". Lavoisier selbst schrieb aus dem Gefängnis, er wolle gern auf fein Vermögen verzichten und sich durch Arbeit als Apotheker durchschlagen — er f ehte schließlich, als sem Schicksal schon entschieden war, man möge die Urteilsvollstreckung doch nur ein paar Tage hinausschieben, bis er eine Arbeit, die ihn gegenwärtig beschäftigte, zu Ende geführt habe —, er begegnete tauben Ohren. Am 19. Floreal (8. Mai) des Jahres 1794 wurde der „Burger Lavoisier als Großpächter und Schädling der Republik" zusammen mit seinem ebenso unschuldigen Schwiegervater Paulze und anderen 27 Generalpächtern durch das Fallbeil hingerichtet. . .,
Er ist, gelassen und heroisch, denselben Tod gestorben zahlreiche Wissenschaftler ersten Ranges dieser Zeit: wie die großen Mathemallker Condorcet und Bailly, wie der bedeutende Denker La Roch e- s o u c a u I t, wie der Dichter M a l e s h e r b e s. Als der Mathematiker Lagrange, in der Akademie Laooisiers ehemaliger Kollege, von dieser Hinrichtung erfuhr, sagte er tief erschüttert: „Sie haben nur einen Augenblick' dazu gebraucht, diesen Kopf fallen zu lassen, undi f;ui Jahre werden vielleicht keinen ähnlichen h-r°°rbrmgen Erwähnen wir zum Schluß, was Laooisiers großer deutscher Nachfolger Justus v o Liebig über diesen Propheten der modernen Chemie gesagt hat. „Er entdeckte keinen Körper, keine neuen Eigenschaften, kein natürliches T hm nomen, das vorher unbekannt
ausgingen. Sein Verdienst, sein unsterblicher Ruhm besteht darin, daß er einen neuen Geist in den Körper der Wissenschaft goß, wenn auch alle Glieder dieses Körpers bereits vorhanden und richtig aneinanderge- sügt waren. Trotzdem ehren wir in Lavoisier denjenigen, ohne den die neue Chemie nie das geworden wäre, was sie jetzt Im Begriff ist zu werden."
Einen Gommer lang.
Von Detlev von Liliencron.
Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang.
Wenn wir uns von ferne sehen, Zögert sie den Schritt, Rupft ein Hälmchen sich im Gehen, Nimmt ein Blättchen mit
Hat mit Aehren sich das Mieder Unschuldig geschmückt, Sich den Hut verlegen nieder In die Stirn gerückt.
Finster kommt sie langsam näher, Färbt sich rot wie Mohn;
Doch ich bin ein feiner Späher, Kenn die Schelmin schon.
Noch ein Blick in Weg und Weite, Ruhig liegt die Welt, Und es hat an ihre Seite Mich der Sturm gesellt.
Zwischen Roggenfeld und Hecken Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken Einen Sommer lang.
Oer Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.
Roman von Walter Julius B l o e m (GDS.).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Elli putzt sich die Zähne und schneidet eine Grimasse. „Du bist doch bei Frau Schönlein gewesen, wie?"
, Frau Schönlein ist nicht mehr da", sagt Rosemarie zögernd.
„Wieso, nicht mehr da?" — „Fort." — „Ist sie verreist?" — „Nein. Fort." Elli im Nachthemdchen sitzt staunend auf dem Bettrand. „Frau Schönlein ist doch nicht etwa mit einem andern durchgebrannt?"
„Du mußt nicht gleich das Ordinäre annehmen, Elli. Sie ist zur Bühne. Ich hab es mir immer gedacht, so mußte es kommen."
„Toll! Und nun? Was fängt der Mann an? Hat er schon ne Sekre-
von
für ihn schreiben und kochen und obendrein seine toaajen insianoyaiien, und wenn er nichts bezahlen kann, na schön, dann nicht .
Auf alle Fülle will sie morgen ganz früh zu Herrn Schonlein hm- gehen und ihm ihre Dienste anbieten, dann hätte s>° Arbeit Allerdings fällt ihr ein daß sie auch Anton Wagenschanz nicht im Stiche lassen
tärin?" ,. . .
„Das weih ich nicht, Elli, das geht mich auch nichts an, er findet ja ein Dutzend an jeder Ecke." '
Elli starrt aufgeregt und plötzlich ganz wach tn die Lampe, die an einem langen, grünen Draht genau in der Mitte der Mansarde hängt, den Glasschirm umhüllt ein Deckchen aus sieben bunten Flicken. „Haben sie sich verzankt, ist er ihr untreu geworden? Das versteh' ich wirklich nicht. Verstehst du das?"
„3ä) muß schlafen, Ellj." .
„Dann schlaf gut." Knips, Licht aus. „Ich kann mir Herrn Schonlein" ohne eine Frau überhaupt nicht vorstellen."
„Ich auch nicht, Elli. Peter braucht immer eine Frau, aber fte mußte ihn wirklich lieben." ~ ... .
„0 Gott", raunt Elli in die Finsternis, „früher wäre ich ganz zufrieden gewesen, wenn ich bloß seine Freundin wäre."
Ein gefährliches Thema. Rosemarie zieht ihre Decke bis an die Nasenspitze. „Jetzt wollen wir aber schlafen." .
„Ja natürlich. Aber du weißt wirklich nicht, ob er schon eine Sekre-
Elli schlüpft überwach aus dem Bett, zieht sich geräuschlos an und tonnt die steile Treppe hinab. Unten im häßlichen Kontor der Grunkram- bandlunq (aber jetzt müssen wir wohl sagen im Geschäftszimmer der Kosmetischen Werke) macht sie Licht und rückt sich Antons alte Schreibmaschine zurecht. Es handelt sich darum, daß bis übermorgen früh hun-
tärin Hai?" . , . „
„Ich weiß es doch nicht, und es ist mir ganz einerlei.
Wie soll man schlafen mit diesem beunruhigenden Gefühl, daß eine Arbeitsstelle offenbar noch frei ist, und noch dazu bei Herrn Schonlein, in dessen Kanzlei man einen Monat aushilfsweise gearbeitet hat? ,Das tonn ich um die Welt nicht begreifen', grübelt die kleine Elli, ,wie man |o einem Mann fortgehen kann, einfach weg, ich wurde im Notfall ifjn schreiben und kochen und obendrein seine Sachen mstandhalten,


