Von -er Straßenbeleuchtung zur Guillotine.
Dir Begründung der modernen Chemie durch Lavoisier vor 150 Jahren. Don Arno Albrecht.
I®as Verhör zog sich bis an den Abend hin. Auch mein Freund Viemann (er hatte so wunderschöne blaue Augen!) kam durch, und zwar als naturalisierter Deutsch-Uruguayer; etwa die Halst« aller Deutschen konnte sich durchschwindeln. Die andere Halste wurde mit allem, (oe- päck spät abends aus einen Leichter gebracht; als erster klonirn jener Richard Hasenherz von Bord, der nicht hatte lügen können. Wir übrigen durften uns nicht einmal herzlich von den Geschnappten verabschieden, wir standen blöd« herum und quatschten steinern spanisch miteinander. — Gegen 23 Uhr bekam die Italia" die Erlaubnis zugeblinkt, weiterzu- sahren, und während wir aus dem ungastlichen Hafen liefen, vereinigten zehn Scheinwerfer, vom nächtlichen Felsen herab, ihre Lichtgarben auf unserm Dampfer und verfolgten ihn zwanzig Minuten lang: es schien als sollte das Schiff unter dem höhnischen Abschiedsgruß dieser irrsinnigen Stichflammen zum Schmelzen gebracht werden, und es war unmöglich, sich an Deck auszuhalten. Also tasteten wir uns in unseren kleinen Speisesaal, der plötzlich sehr geräumig geworden war: wir brauchten nicht mehr am Klavier zu essen: aber das Deutschlandlied wurde in dieser denkwürdigen Nacht um so öfter gespielt!
Am nächsten Morgen stolperte ich oben auf dem Sonnendeck über einen langen Draht: die Funk-Antennen waren heruntergeholt worden. Warum? Einer unserer Deutschen 1. Klasse hatte ohne Genehmigung des Kapitäns einen Funkspruch nach Berlin aufgegeben, mit der Bitte an den Alten Herrn, ihm Geld nach Genua zu überweisen. Die französische Mittelmeerslotte hatte den Funkspruch aufgefangen, hatte ruckgefragt, ob denn, trotz Gibraltar, immer noch Deutsche an Bord seien? und um ein Haar wären wir nochmals „überholt' worden, wenn nicht unser Capitano zurückgefunkt hätte, das Telegramm sei von einer D a m e auf- qcqeben worden; andere Deutsche seien nicht mehr an Bord. Der Franzmann roar’s zufrieden, unser Kapitän weniger: er rüffelte den Erstklassigen so kräftig, daß alle Mann an Bord ihre helle Freude hatten, und ließ den gefährlichen Draht einziehen.
Vorüber an den Märchengestaden der Balearen und am Übersonnten Prunkgeschmeide der Riviera liefen wir eines heißen Mittags in Genua ein. Wir dankten unferm Retter herzlichst und nahmen dreibundgetreu Abschied von ihm. An Land erfuhren wir von den großen deutschen Siegen vor Lüttich und Namur: die erste wahre Nachricht seit drei Wochen! Wir umarmten uns und meinten vor Glück!
3toei Tage später rollten wir geschlossen in Kufstein an die deuische Grenze. Das Reich wollte seine heimkehrenden Söhne zunächst nicht am erkennen, nicht einlassen: wir kamen dem bajuvarischen Feldwebel doch wohl reichlich spanisch vor! Auch schwamm ja mancher Mililarpaß bet Gibraltar herum! Mr sind dann aber schließlich doch ins liebe Vaterland fjineingelommen.
uns nteberbrohte, vor Anker legen. Biemann und ich lehnten an der Reeling, und quatschten steinern spanisch miteinander — schon seit stunden.
Kaum war der Anker drunten, so klomm old merry England an _Borö. Zwanzig Marinesoldaten in Khaki besetzten „aufgepslanzt das SM, taten anfangs unnahbar und erzählten spater, zwei Millionen Deutscher seien auf dem Rückzug aus Belgien, die Russen stunden vor Berlin, der Kotier habe sich erschossen. Brave Burschen — man hatte es ihnen wohl so beiqebracht; denn sie verrieten nicht viel eigene Phantasie. — Um drei Uhr erschien die Prüfungskommission und lieh sich im großen Speisesaal nieder; das Verhör begann. Mann für Mann wurden die Reisenden nach der Schiffsliste aufgerusen und verschwanden ins Innere des peinlichen Lokals an dessen Tür unser famoser Capitano stand und jedem Deutschen noch rösch ein paar Winke gab. Mancher konnte sich als Hollander oder Schweizer ausweisen und tauchte nach einem Qualweilchen als „Pas Vierter'' wieder auf, die Geschnappten dagegen wurden auf den Wandbänken des Speisesaals aufgereiht wie falsche Perlen. Ms ich eintrat klebten bereits zweiundoierzig Landsleute au; dem Leim, und aller Blicke bohrten sich mit stummer, resignierter Spannung in mich: wird er durchkommen? Vor mir ftanb noch ein blasses Bürschchen im Verhör und jammerte gerade heraus: „Herr Admiral, mein Gewissen verbietet mir tu lügen; ich muß gestehen, daß ich em Deutscher bm! — Man schob ihn verachtungsvoll aus die Sünderbank, wo die stumme Verachtung der unterlegenen Schwindelstreiter ihn empfing. — Nun wurde mein beut- scher Name aufgerufen — einmal, und nach einer unwilligen Pause zum weiten Mal. Erst beim dritten Aufruf trat ich vor und sprudelte m waschechtem La-Plata-Spanisch heraus, mein Name sei Corral de La- turiaga, und meine Platzkarte habe ich von einem Deutschen namens Heyck erworben, der im letzten Augenblick zurückgetreten sei aus Furcht vor den englischen Kreuzern. — Ein spitzmausiger Lümmel von spamschem Scoutboy machte den Dolmetscher zwischen wir und dem beleibten Admiral, dem ein herrlicher Whisky-Zinken aus dem fleischigen Antlitz ragte^ Meine Antwort ging den Briten ein; man fragte mich, warum denn ich im letzten Augenblick die Reise angetreten habe und ich erklärte daß em Telegramm mich an das Sterbelager meiner Mutter nach Santander be- schieden habe, auch beschwor ich den Zorn aller Heiligen - d« todos Santos — auf das Britische Imperium herab, falls ich verhindert würbe, den mütterlichen Segen einzuheimsen. Mein Callego-Temperauent machte Eindruck, der Admiral nahm meine Papiere und fingerte verständnislos in ihnen herum, indes fein Adjutant, ein schnittiger Captam, mich prüfend von der Seite betrachtete. Plötzlich sagte dieser Mensch ins Papierze- tnifter hinein: „Sir, this Boy has ä German face! — Ich bin dunkel und kann recht gut für ein Spanier gelten; um fo größer war mein Schrecken, als ich wider Erwarten auf die Kenntnis physiognomifcher Fineffen oei einem Angelsachsen stieß: Ich dachte: nun ist es aus!! und habet burfte ich doch gar kein Englisch verstehen; also stierte ich möglichst gelassen aus meinen Admiral, und mein Admiral stierte nun prüfend auf mich. „A Lierman face, You mean?“ maulte er; doch bann fuhr er fort: „Can be; but he has a Spanish paper. Lei him go!“ Unb [eine große Hand schrieb „Passed“ über meine Platzkarte; ich war entlassen. Dreiunbvierzig Augen- paare schauten mir bekümmert-zusrieben nach, als ich stolz (wie ein Spa« nie^) aufs Deck hinaus schritt.
Nimmt man heute ein kurzgefaßtes Elementarbuch der Chemie zur Hanb so entberft man, baß fick) lanblaufigermeife in ihrer Entwicklung zwei Etappen herausgestellt haben, bis schon in ben Titeln burchi b e Namen „Geschichte ber Chemie bis Lavoisier" unb „Nach Lavosier Ausdruck finben. Wer sich heute ein wenig für biese elnschneibenbste aller Naturwissenschaften intereffiert — unb man mochte wünschen bafejeher einmal einen wenn auch kurzen Blick in bas Geheimnis täte, wie alle Körper zusammengesetzt sind — ber kommt alfo nicht um bie Ausein- anbersetzung mit diesem Mann herum, dessen seltsames und zum Schluß so tragisches Geschick auch heute noch, abgesondert von aller „grauen Theorie, Teilnahme und Interesse erwecken kann.
Der Mann, dessen Wirken von so ungeheurer Tragweite für die aelamte Wissenschaft unb darüber hinaus die moderne Lebenspraxis war stellt sich uns als ein typisches Kind der Aufklärungszeit des achtzehnten Jahrhunderts dar. Am 26. August 1743 As Sohn eines d - qüterten Advokaten in Paris wurde er in eine wissenschaftlich und Pruktsich außerordentlich fruchtbare Zeit hineingeboren, deren Hauptprogramm hiefv Schluß mit allen mittelalterlichen Resten, mit ullen entwicklung - feindlichen Ueberlieferungen, die den Fortschritt der wenschstchen Bernunst hemmten Der scharfe, klärende, untersuchende, an nichts als an die um- mittelbaren Sinneswahmehmungen glaubende Verstand wurde so hoch w den Thron erhoben, wie er höher nie im Kurse stand und wenn dieser überspitzte Standpunkt auch später vielfach zu Rückschlägen Wte als deren bedeutendsten man die Romantik anfehen muß — so steht doch fest daß diese kritische Stellungnahme" zu dem gesamten Inventar der Bildung und des Wissens, das sich durch Jahrtausende angehauft ha te, gelegentlich vielen unnötigen Schutt aus dem Wege räumte, um an1 J ©teile exakte Forschung unb neuzeitliche Erkenntnis zu setzen. In diesem Geist lieh Baker L auoifier seinem Sohn Antoine-Lauren bievor- ziialichste Erziehung angedeihen, die man sich damals für Geld kaufen konnte Und^diese Ausgaben wurden nicht in den , Wind ge[treut was gleich zu Beginn ber wissenschaftlichen Karriere bes jungen Mannes sichtbar wurde. .. . ...
Im Jahre 1764 — Lavoisier war gerade mündig geworden erließ die Regierung eine- außerordentliche Preisfrage: wie die Straßen einer ai oben Stabt am besten „bei Nacht zu erleuchten waren, so, daß bie Zwecke der Helligkeit, ber bequemem Abwartung und ber Kosten- erwarung zugleich badei erreicht würben". (Erinnern wir uns nebenbei, daß eine9 NachtbAeuchtung selbst in ben großen Stabten ber damaligen nnrh ein lettener Citrus war — London war, seit 1684, so ungesahr die einzche "n der es „öffentliche Laternen" gab, bie.erfte Gasbeleuchtung wurde "dort erst 1802 unter Georg III. emgefuijrt, m Paris uni) ®er in erft viel später.) Der Preis von 2000 Livres wurde damals unter wer Anwärter verteilt: drei Pyrotechniker, die allerlei pompöse Vorschläge gemacht hatten, unb Lavoisier, der von der wissenschaftlichen Seite an diese Frage herangegangen war. Daß diesem jungen Äenschen die Ehrung zuteil wurde seinen Vorschlag nicht nur öffentlich belohnt, sondern auch gedruckt zu sehen (man schrieb 1766, und die Druckerschwärze war rwch nicht so billig wie heute!), machte in wissenschaftlichen Kreisen erhebliches Aufsehen. Die zweite Ehrung ließ auch nicht lange auf sich martern am 18 Mai 1768 wurde der knapp Funsundzwanzigjahrige an Stelle bes großen Baron in bie französische Bkabemie gewählt. D°nnt mtschieb sich bas Schicksal des jungen Mannes, der noch geschwankt hatte, ob er nicht lieber das Leben eines begüterten unb zurückgezogenen Privatmannes sichren und so seine wissenschaftlichen Gaben enlwickeln wolle. Nun war er der Oessentlichkeit geweiht — unb bies sollte ebenso fernen Ruhm ungeahnt erweitern wie auch fein Unglück werben.
In ben ersten Jahren feiner Laufbahn beschäftigten ihn Untersuchungen auf allen Gebieten, bie bie Vielseitigkeit feines Wissens bartaken Ab- hanblungen über ben Donner, bas Nordlicht, den Uedergong von Wasser in Eis sind uns erhalten. Eine weitere Untersuchung sollte ihn aber aus ben Gegenstanb sichren, ber feine Unsterblichkeit begründete: >n der damaligen Zeit war es eine landläufige Überzeugung der Chemiker, man könne durch wiederholtes Destillieren von Wasfer in einer Glasretorte eine kleine Menge von Erde gewinnen. Dies war insofern für die b_rr schenden chemischen Vorstellungen von Bedeutung, als sich damals fein Mensch über die wirklich« Zusammensetzung der heute von uns „Elemente" genannten Grundstoffe klar war - Wasser, Erde Feuer Lus waren nach damaligem Glauben ober Aberglauben bevölkert von ge- heimnisoollen „Prinzipien", bie eine Ueberführung bes einen in bas andere gestatteten. Wie dies aber vor sich gehen sollte, darüber schwankten die Meinungen. Lavoisier stellte also den Versuch ber Ueberfuhrung von Wasser in Erbe cn unb beckte burch glanzenbe Darlegungen ben hierin enthaltenen Irrtum auf: er wies nach, baß bie „Erbe , bie sich angeblich bildete, von dem Glas selbst herrührte, das durch den Destillationsprozeß abgenützt wurde. „Denn", so schreibt fein erster Biograph L a l a n d e a?s er 101 Tage hindurch bie Destillation fortgefetzt hatte, war das Totalgewicht bes Gefäßes mit bem barin enthaltenen Wasser zwar unver- änbert geblieben, aber der „Pelican" — bie Retorte — hatte gerabe so viel an Gewicht verloren, als bas Wasser barem zugenommen hatte^ Dieses aufsehenerregenbe Experiment war es wohl zunächst, das ihn Jahre später bas denkwiirbig« Wort prägen ließ: „Nichts entsteht und nichts vergeht in ber Chemie". Masse unb Gewicht bleiben immer konstant, nur bie Form, ber Zustanb ber umgeformten Stoffe verändert sich. Dies aber ist bie Grenze, bie selbst ben Seranberungen gesteckt ist.
Auch anbere „unerklärliche Phänomene" führte er auf ihre natürlichen Ursachen zurück, bie sich zwar recht unscheinbar ausnahmen, aber trotzoem eine Revolution in der Chemie einleiteten. So hatte man früher beob_ achtet, daß, wenn die Metalle unter dem Einfluß der Hitze ihren Glanz verlieren unb in einen kalkähnlichen Zustanb übergehen, ihr Gewicht zw I nimmt. Lavoisier stellte sest, baß bie in bem Gesäß zugegebene Lust bteie


