Jahrgang (935
Freitag, den August
Nummer 59
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Koffer und Kisten ließ ich bei guten Freunden und ging mit zwei Handtäschchen an Bord. Pünktlich am 5. August nachmittags machte die „Italia" vom Kai der DLrsena del Norte los: Tusch, Marschmusik, Winken!
„Italia" vom Kai der DLrsena del Norte los; Lu,u7, ^u^u-.num, rauutm Alle Nationen drängten sich auf den Kais; alle möglichen Dampfer füllten sich mit den Heimkehrern des verfeindeten Europa. Ein dicker Franzose, auf jedem seiner drei gelben Schornsteine mit einem krähenden roten Gockel komisch behaftet, lag heulend unter Dampf, und dicht neben ihm, stumm verhalten, unsere prächtige „Cap Trafalgar", für ihre Kaperfahrt als Hilfskreuzer rüstend: ein Symbol der bereits vollzogenen Isolierung Deutschlands — erhebend und beklemmend in einem!
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Non Jvsef von Eichendorff.
Ich stehe in Waldesschatten Wie an des Lebens Rand, Die Länder wie dämmernde Matten, Der Strom wie ein silbern Band.
Von fern nur schlagen die Glocken lieber die Wälder herein, Ein Reh hebt den Kopf erschrocken Und schlummert gleich wieder ein.
Der Wald aber rühret die Wipfel Im Traum von der Felsenwand. Denn der Herr geht über die Gipfel Und segnet das stille Land.
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gab man uns wenigstens Anweisungen an die deutschen Banken, die wie alle Banken in jenen Tagen geschlossen hatten. Im verödeten Schalterraum des Banco Germanica standen wir Heimkehrer Schlange und erhielten unsere Guthaben in Gold ausbezahlt: ich bekam der blanken Füchse mehr als ein halbes Kilo, rannte zu einer italienischen Schiffahrtsgesellschaft und belegte einen Zwischendeckplatz nach Genua auf dem Dampfer „Italia", der am 5. August auslaufen sollte. Erst hinterher kam ich auf den Gedanken, mir neutrale Papiere zu beschaffen; ich ging in das Warenhaus, bei dem ich früher angestellt gewesen war, und kaufte einem jungen Spanier aus Santander, der nur wenig jünger war als ich, seine Personalpapiere ab — echte Flebben! Ich bot ihm zwanzig, er forderte zweihundert Goldmark dafür; wir einigten uns auf hundert, und nun hieß ich Juan Corral de Laturiaga. In den Schiffspapieren dagegen stand ich mit meinem deutschen Namen; ein Versuch, den Zahlmeister des Dampfers zur Aenderung der Eintragung zu bewegen, mißlang leider gänzlich. Na, schön.
Wir passierten Montevideo nach Mitternacht; der englische Kreuzer „Glasgow" ließ sich nicht blicken — weder hier, noch später; er wurde nämlich durch den Grafen S p e e beschäftigt, und wir glossierten weidlich die Flaumacher vom deutschen Generalkonsulat. — An Bord bildeten sich alsbald feindliche Lager. In der Kajlltsklasse fuhren Italiener, Schweizer, Deutsche, Franzosen, Belgier, Balkanier; im Zwischendeck bildeten wir hundert Deutschen, zumeist junge Kaufleute, neben den italienischen Rückwanderern den größten Block. Der Kapitän, ausgesprochen dreibundtreu, stellte uns gegen geringe Mehrzahlung einen Messeraum im Achterschiff als Speisesaal zur Verfügung, und zwei Aufwärter versahen uns hier mit der nahrhaften Zwischendeckskost; so blieben wir Tedeschi unter uns und brauchten nicht mit dem Blechpicknapf vor der Küche anzutreten wie die übrigen Zwischendeckler. Dafür saßen wir höllisch eng; denn das Räumchen war für unsere Centurie zu klein. Mein Freund Biemann und ich pflegten unfern Thunfisch in Oel am Klavier zu verzehren, dessen Taftendeckel uns als Tisch diente, wobei unsere Karaffen mit dem obligaten Rotwein oben auf der Drahtkommode schaukelten, deren Saiten ich täglich nach dem Schmaus das Deutschlandlied entlockte, wozu die ganze Runde schallend mitsang, bis den Haifischen im Kielwasser das Maul offen stehen blieb. Wir gebärdeten uns völlig bar jeder gebotenen Vorsicht.
Der Kapitän freilich hielt klugerweise alle drahtlosen Nachrichten vokn europäischen Kriegsschauplatz streng geheim und verhinderte so den Ausbruch von Feindseligkeiten an Bord. Dafür wurde heftig gespitzelt, und ein Serbe trieb es mit uns Deutschen so weit, daß wir ihm androhten, er werde in einer dunklen Nacht über Bord fliegen. Woraus er sich beim Kapitän beschwerte. Worauf dieser ihn stracks in Schutzhaft nahm und erst in Genua wieder aus der Isolierzelle herausließ. Dieser Capitano war unschätzbar!
Zwöls Tage fuhren wir, nachdem mir in Santos und Rio noch Landfreuden genossen, übers uferlose Weltmeer. Unter der Bruthitze des Aequa- tors trank mancher Sohn vom Teut ein wenig zu viel auf des Reiches Endsieg, und ein Beschwingter lief sogar, auf Grund einer Wette, um Mitternacht außenbords auf der Scheuerleiste um den ganzen Dampfer herum. Was könnte dieser Brave noch alles im Kriege geleistet haben, wenn er nicht vorgezogen hätte, sich von den Engländern zivilinternieren zu lassen!
Eines Vormittags nämlich — es muß ungefähr 24. August gewesen fein — kam die freche Felsnafe von Gibraltar in Sicht, und jetzt sah man plötzlich aus manchem Bullauge Papierschnitzel ins tabbfige Wasser flattern: sorglich zerrissene deutsche Militärpässe! — Biemann und ich mochten uns von unseren Pässen nicht für immer trennen; wir gaben sie gegen fünf Lire Trinkgeldes dem italienischen Schiffsbarbier in Verwahrung, und dieser Treffiiche schob sie unter seine Seisenvorräte, bis die Gefahr vorüber war. Diese Gefahr qualmte alsbald heran. Gegen Mittag — wir wollten gerade in die Meerenge einfahren — signalisierte uns ein englisches Torpedoboot den Befehl, ihm in den Hafen zu folgen, und als unser Kapitän unter Berufung auf feine Neutralität dies ablehnte, legte der charmante Brite "eine Granate vor den Bug der „Italia". Zu allem lleberfluß fuhr auch noch ein U-Boot feine schaumigen Kringel um uns herum. Der Capitano tobte vor Wut; doch er mußte gehorchen und den Dampfer unter dem mächtigem Felsen, der mit zwanzig Batterien auf
Romanze einer Heimkehr 1914.
Von Hans Heyck. GDS.
Der Romanschriftsteller Hans H e y ck war 1914 bei Ausbruch des Krieges als Kaufmann in Argentinien tätig. Mit taufenden anderen Deutschen in aller Welt versuchte auch er, trotz der See-Blockade die Heimat zu erreichen, um unter den Fahnen des Vaterlandes die Heimat zu verteidigen. Wie er nach Deutschland kam — das klingt wie ein Märchen.
Sonntag nachmittags, nach einigen Runden Whiskys, hatten wir Scheibe geschossen, was mich fünf Pesos kostete, und dann waren wir zum Wettreiten unserer Gauchos gegangen. Wir — das waren zwei Deutsche mit unfern Gästen: einigen Engländern, Iren, Franzosen, lauter Gutsnachbarn, von den umliegenden Estancias, deren nächste etwa sechs Kilometer entfernt als winzig weißes Fleckchen aus dem Graugrün der Pampa leuchtete. Die Gäule waren in den endlosen Sandrillen gelaufen, die sich am Drahtzaun unserer Estancia hinzogen, und die man in Argen- itinien einen Landweg zu nennen beliebt. Unser Gaucho, Don CSsar, hatte das Rennen gewonnen, was wieder einige Runden Whiskys kostete, und dann waren unsere Gäste hingeritten. Dies begab sich tief im Innern des Landes, in der Provinz Mendoza, an einem klaren Abend; fern im Westen stand blau und kalk der Riesenriegel der Cordillera vor dem sinkenden Tageslicht.
Es war schon beinahe Nacht geworden — da galoppierte etwas heran: unser Gutsnachbar, der Franzose, war noch einmal zurückgekommen. Hoch- atmenb warf er ein Blatt auf den Tisch und rief: „Amigos, somos ene- migos!"* Es war ein Extrablatt (ich besitze es noch) mit den europäischen Kriegserklärungen vom gleichen Tage, dem 1. August 1914. Wir lasen es uns laut vor; aber begriffen haben wir nichts. Auch der Whisky brachte keine Erleuchtung. Wir zwei Deutschen und der Franzose nickten uns über Den Tisch besinnlich zu, immer wieder; was blieb uns Hinterweltlern andres übrig? Krieg?
__Doch in der Nacht packte ich meinen Kabinenkoffer. Ich hatte an die südsee nach Samoa fahren wollen, und jetzt gab es nur eines: Heim nach Deutschland! — Am Morgen schunkelte das Gutswägelchen mit mir pos; die schwedische Haushälterin winkte weinend von der Veranda. Adios, Senorita! — Wir hatten 40 Kilometer bis zur Bahn, eine stundenlange Fahrt durch den schweigenden Camp; der Gutsverwalter und ich sprachen 'aum zehn Worte unterwegs; denn das Ungeheuerliche hatte sich inzwi- chen unserer Gehirne bemächtigt, und erst als das Häufchen Wellblech in Sicht kam, was sich da hinten eine Bahnstation nennt, besannen wir uns iuf den Abschied. Der Eisenbahner hißte eine rote Flagge, und wirklich: *er stolze Trans-Andino-Expreh stoppte meinetwegen, sog Mensch und Koffer ein, riß mich hinweg. Die blaue Cordillera versank.
900 Kilometer bis Buenos Aires; Camp, Camp, endloser Camp! Der Pullmann [urrte, es dämmerte; nach wirrer Schlummernacht kam ich sorgens in der Metropole an. Man schrieb den 3. August; die Riesen- tadt gärte erregt. Vor dem deutschen Generalkonsulat drängten sich drei- Musend Reservisten, verlangten Marschordre. Man sagte uns, das Reich Irinne uns nicht Heimbefördern. Wir mühten auf eigene Gefahr reifen; och würden wir sicherlich unterwegs geschnappt werden und täten daher esser, im Lande zu bleiben; der englische Kreuzer „Glasgow" liege vor Nontevideo auf der Lauer! — Wir murrten (aut; wir wollten heim! Da
* Freunde, wir sind jetzt Feinde'
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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger


