Ausgabe 
3.11.1933
 
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in solcher Eintracht beisammen

Noch sprang Riesele umher Halfter, pudelnackt, wie Gott

Wiesen schlug, merkte Riesele sicher, waS für ein Geschick sich da erfüllen wollte. Trudel, die Mutter, die ohnedies an dem Gasien- buben zu wenig Freude und um so mehr Kummer hatte, zog auf dem kleinen Wagen selber die Pfähle herbei aus dem Birkenwald. Sie tat es gerne, die Pferdemutter! Denn wenn Riesele jeweilen, wie es seine Art war und wie es überhaupt die Gewohnheit aller guten Kinder ist, gerne zur Mutter hinsprang, sich ein paar Küsse zu holen, oder ein paar Küsse zu verschenken, so konnte jedermann, der ein waches Auge hatte, wahrnehmen, daß diese Liebkosungen nicht nur seltener, sondern auch weniger zärtlich wurden. Ja, es kam vor, daß die getreue Mutter auf einen ganzen Tag fort in den Wald mußte, schwer schaffen mußte und am Morgen nicht einen lieben Blick, nicht ein kurzesWiedersehen" bekommen hatte vor lauterGaffe". ,

Daher kann es nicht wundcrnehmen, daß Trudel, die Stute, den Augenblick ersehnte, da die Virkenstämme abgeladen wurden, und es nimmt weiterhin durchaus nicht wunder, daß der Gassenbengel wußte, worum sich's drehte, und daß er fortlief, ins Weite, recht weit von den Balken des Zuchthauses fort!

Da gruben Vater und Buben Löcher aus dem Wiesengrund, zwei Pfähle ragten schon eingerammt gleich ungeheuren dro­henden Gerten gegen Niesele auf, die Gänse lachten, und die jungen frechen Hähne flogen oben drauf und versuchten zu krähen, um das Niesele zu foppen. Riesele blieb stehen, sah sich um, schleuderte leichtsinnig die Hufe in die Luft und lief fort! Es lief dem Dorfe zu; es hörte hinten im Armenhäuschen ein Waldhorn blasen und lief hurtig dem Waldhorn nach. Ade, ade!

Im Armenhaus wohnte Cornel, der Schweinehirt, der einzige Mensch, mit dem Riesele noch nicht Freundschaft geschlossen hatte. Er blies das Waldhorn! Er wohnte da ganz allein für sich, besaß nicht Weib, nicht Kind, hatte kein Tierlein um sich, war aber ein Liedernarr und ein Kinderfreund, wie es nicht viele gibt.

Riesele wußte das nicht, wußte auch nicht, daß der Musikant der Sauhirt war, und lief nur dem Liede des Waldhorns nach, so geriet er ans Armenhaus und streckte den Kopf nach der niederen Fensterbank, ohne ihn hineinstrecken zu können.. Da sah es den Hirten, den es fürchten mußte, vor einem Spiegel stehen und blasen und sah sein eigen Antlitz in dem Spiegel, der schräg an der kahlen Wand hing. , .

Der etwas närrische Mann legte sogleich das blankgeputzte Vlashorn weg, zog den Schubkasten aus dem Tisch, griff hinein und hielt dem Riefele ein Stückchen Zucker hin. Riesele nahm den Zucker vorsichtig zwischen die Lippen und verschluckte ihn alsdann und sogleich schob ihm der Hirt ein neues Stück ins Maul und dann noch eins und noch eins!

Der Freund nahm sein Waldhorn wieder, setzte sich auf die Fensterbank und schmetterte einen strammgefügten Marsch an den Ohren Rieseles vorbei, so daß es dem Tierlein ganz seltsam zu­mute ward. Ab und zu hoben sich die weißgelben Hufe, bald dieser, bald jener; ab und zu hob sich das vernaschte Maul, ab und zu erschien aus dem Maul die Zungenspitze rot wie Himbeereis und verfchwand wieder. ,

Als aber das Gäulchen das Maul auf die Fensterbank hob und liegen ließ und die Luft aus den kleinen Nüstern stieß, daß der Staub aufwirbelte, da begannen die Kinder, die um es her­standen, zu lachen. Der Hirt merkte sogleich, daß dies Lachen dem Riesele ärgerlich war, und er sprang aus dem Fenster und gab dem Gäulchen wieder ein Stück Zucker, und er griff ihm ans neue Halfter, und es folgte ihm. Die Kinder aber durften nicht

Die beiden schritten dem Birkenwäldchen zu, und als sie die letzten Häuser hinter sich hatten, und keine Kinder mehr zu sehen waren, da band der Hirt sein Waldhorn dem Niesele an den Hals und sang:

ruhsam über sich hätte ergehen kaffen! Man weiß indeS, waS

Oft"'mußten die alten Leute der Gewalt dieses Tolpatsches weichen. Ausgebreitcte Hühnerflügel und flatternde Schwänze wirken jeweils auf das Riesele wie Disteln unter seinem Schwanz, und es geschah nicht selten, daß die Hühner flüchten mußten auf die Stalltür, auf die Wagenleiter, oder daß sie auf- und davon­gehen mußten ins Gras.

Die armen Enten; sie trugen von ihrer Stammutter her den Drang nach der Ferne im Blut. Sie sahen alltäglich ihre wild und frei gebliebenen Schwestern übers Tälchen streichen und ins Röhricht einfallen, woher ihr lockender Freiheitsruf erschallte; sie aber konnten ihren plump gewordenen Körper um keinen Preis mehr in die freien Lüfte erheben und hätten's doch so gern getan! Die armen Enten! Sie haßten das Riesele sehr!

Ganz anders verhielt es sich mit den Gänsen! Sie waren neun an der Zahl, sie trugen das Bewußtsein ihrer Stärke in sich, sie konnten das Riesele mit ihren Schnäbeln und mit ihren schweren Flügeln schon dermaßen verhauen, daß es der graue Gänse­rich ist neulich einem Kalb an die Kehle gesprungen daß es gerne die Flucht ergreifen würde! Auch das Riesele wußte das! Aber was sollten die großen Gänse Händel suchen, weil die kleinen Enten sich nicht selber verteidigen konnten! Törichtes Federvieh!

Die Geißen im Stall trugen auf der Stirn wie gezückte Schwer­ter die beiden Hörner und blieben unbehelligt, und ihre Jungen verstanden den Kindskopf Riesele besser als alles Geziefer und tollten mit ihm, wenn es tollen wollte, und legten sich neben es, wenn es schlafen wollte. Es kam oft vor, daß neben, ja dicht und auf dem tiefschwarzen Füllenrücken ein schneeweißes Geißlein schlief oder gar zwei, und Sapperlot, der Hasenvater, der offen­bar einen besonderen Sinn für Farben hatte, brachte kein Äuge zu und hörte nicht, was um ihn vorging, wenn Schwarz und Weitz

Mädchen, konnte ihm keine Blumen anstecken, und hätte es doch so gerne getan! Gustav und August, wenn sie es striegeln wollten, konnten es nicht festhalten und striegelten es doch so gerne! Die Hufe, die sich gemach vom Staub der Erde grau färbten, sollten gelb bleiben wie Matbutter; aber wer könnte die Hufe des Tages siebenmal bürsten? Wer konnte die Mähne, die zusehends wuchs, des Tages siebenmal bürsten, wer den Schweif, der wie ein Mäd­chenzopf baumelte, richtig burchkämmen, wie sich's gehörte?

Trudel, das Schwesterchen, setzte einmal seine Puppe auf den schmalen Rücken des Riesele; aber das Riesele warf die Puppe von sich, indem es mit den Vorderbeinen sich heftig gegen die Erde stemmte, und den Rücken vom Hals bis zum Schwanz wacker fchiittelte.

Gustav kam zuerst auf den guten Gedanken: August mußte den Kopf Rieseles unterm Arm nehmen, mußte ihn festhalten, und Gustav hob das Trudelchen ganz hoch hinauf auf den Rücken, ob das Tierlein auch solche Last tragen könne. Es trug sie! Es fühlte sich offenkundig wohl mit seiner Last, es drehte den Kopf aus Augusts Arm und reckte ihn stolz in die Höhe. Dann machte es gar einen Schritt und noch einen und da das alles so leicht ging, schoß es ganz plötzlich weiter, und das Trudelchen purzelte aufs Gras herab, stand auch schon wieder und lachte und setzte dem Ausreißer nach quer über die Wiesen, die der zweiten Mahd ent­gegensahen.

Los, zum Sattler!" schrien die Buben,los zum Sattler!" triumphierte das Mädchen,und ein Sättele, ein Sättele, Vater, darf der Sattler auch ein Sättele machen?"

Sättele, Sättele", entgegnete der Vater,was willst du mit einem Sättele? Maidlin gehören nit aufs Sättele! Los, und nix angestellt unterwegs!"

Als der Sattler das Maß nahm, sagte er zu Trudel:

Heut kommt das Riesele in die Schul; mach einen Strich in den Kalender!"

Wie lange muß es in der Schule bleiben? Ich mutz acht Jahre drin bleiben!"

Acht Jahre?" versetzte der Sattler,und dann?"

Dann geh ich in die Stadt!"

Du hast's gut vor, Trudel, acht Jahre sind schnell herum! Aber das Riesele muß sein ganzes Leben lang in der Schule bleiben!"

Muß es?" fragte Trudel.

Noch am Abend holten die vier das Halfter ab, strippten es Riesele um den Kopf und führten es heim in den Stall, wo der Vater es neben der Pferdemuttcr ankettele.

Von nun also stand Riesele gleich den erwachsenen Tieren im Stall. Doch jeden Tag durfte es etliche Stunden lang an einen Pfahl gebunden, auf der Wiese kreisen, eng umzirkt zwar, doch immerhin draußen in einer gewissen Freiheit. Gar oft freilich ach, wer konnte dem lieben Tterlein gegenüber so entsetzlich streng sein? durfte es dennoch wieder umherspringen, wohin es wollte, und durfte seine Bubenstreiche vollbringen, die ihm jeder­mann schon verzieh, bevor sie begangen waren.

Es kam indes doch die Zeit, daß die Hufe des Riesele breiter wurde», sein Magen größer, seine Krgst heftiger, die Zeit, da es endgültig die Gaffe vertausche» mußte mit dem Gehege des Zaunes. Als der Bauer Klaus die Pfähle gegenüber der Wohnstube in die

Das Schwein das muß gehütet sein!

Der Kastor kann es hiiten!

Der Kastor muß gehütet sein! Der Cornel kann ihn hüten! Der Cornel muß gehütet sein! Der Kaiser kann ihn hüten! Der Kaiser muß behütet sei»! Wer mag den Kaiser hüten! Sein lieber Gott behüt ihn fein! Mög mich der meine hüten!

Das Liedchen führte die zwei Wanderer bis ans Birkenwäldchcn hinauf, allwo man den Rhein sehen kann. Sie legten sich neben­einander nieder, der Hirt steckte dem Riesele dunkelblaue Glocken­blumen ins Halfter, setzte bas Horn an die Lippen, und das Riesele starrte übers Wieseutälchcn hinunter zu seinem Heimat­stall, wo der Bauer emsig die Balken des Gefängnisses einschlug. Riefehe hörte die Axt knallen und der Hirt, als er das erste Lied beendet hatte, nahm sich den zierlichen Ponykopf an die Brust, streichelte ihn, zerrte an den Ohren, kribbelte an der Blesse herum, fchob die Hand quer in den Pferdemund und sagte:

Riesele, ich weiß, was es da unten gibt! Sie werden dich ein­sperren, wie sie mich eingesperrt haben und sie werden's aus dem- selben Grunde tun! Wir sind freier als sie, wir sind fröhlicher als sie, und das können sie nicht vertragen! Sie laufen, seitdem sie sich fclbcr aus dem Paradies vertrieben haben, mit .^ano- fchellen umher wie Sträflinge mit Handschellen umher wie fallenhändler, und wo sich die Freiheit regt, da legen sie sie an!

(Fortsetzung folgt.)

"verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag: Drühl'sche Universitäts-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen.

lagen.

5.

ohne Zaum, ohne Zügel, ohne es erschaffen hatte. Trudel, das