Ausgabe 
5.5.1933
 
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Dräch vorauf, daß man das Gerücht van der angeblichen Trunksucht des Komponisten nicht ausrotten tonne. Da erzählte ihm Behm selbstKarl Reinecke, sein Lehrer am Leipziger Konservatorium, habe ihm^ ge­sagt, Brahms schasse wie Fritz Reuter zumeist mi halbtrunkenen Zustand und dann fei es eigentlich keine Kunst, etwas Gutes zu machen. Da zog plötzlich Uber das Antlitz von Brahms eine leuchtende Fröhlichkeit. Schwer sank seine Faust aus den Tisch, und lachend sagte er:Schade, daß der Reinecke nicht auch öfter betrunken war!' Als ihm eine Exzellenz, die sich viel auf ihre musikalische Bildung zugute tat, nach der Probe seiner c-Moll-Symphonie ihre Bewunderung ausdrückte und dann bemerkte:

Das c-Dur-Thema ähnelt doch aber merkwürdig dem Freuden-Thema derNeunten", sagte Brahms kurz angebunden:Jawohl, und noch merk­würdiger ist, daß das jeder Esel gleich hört."

Als eingefleischter Junggeselle wohnte Brahms ein Bierteliahrhundert in drei dürftig möblierten Zimmern in einer stillen Straße der Wiener Borstadt Wieden, drei Treppen hoch, und seine Hausdame, Frau Celestine T r u r a, hatte es mit ihm wahrlich nicht leicht. Er warf Zündhölzchen und Zigarrenstummel unter die Möbel, um zu sehen, ob auch ordentlich aufgeräumt wurde, und um sich von der Ehrlichkeit der dienstbaren Gei­ster zu überzeugen, ließ er Geld aus dem Fußboden herumliegen. Be- onders schwer hatte es die Dame mit seiner Toilette. Brahms war nicht zu bewegen, sich einen neuen Anzug machen zu lassen, sondern erschien in den feinsten Gesellschaften i n d e n a b g e t r a g e n st e n K l e i d e r n, und Frau Truxa mußte schließlich auf eigene Faust den Schneider be­stellen. Als sie ihm einmal einen seiner alten Röcke heimlich wenden ließ, glaubte er durchaus, es fei ein funkelnagelneuer. Auf fein Aeußeres hat er nie etwas gegeben. Das zeigt auch eine Geschichte aus feiner Jugend. Da war er in Hamburg einmal in einer Gesellschaft und wurde dort mit erstaunten Blicken gemustert, was er sich gar nicht erklären konnte. Als er nach Hause kam, fragte er:Mutter, was ist denn mit meinem Anzug los? Die Leute haben mich jo sonderbar angesehen?"Oh, Jo­hannes", rief sie ganz erschrocken,du hast ja den alten Rock angezogen, von dem ich alle Knöpse abgetrennt habe."

Der Nervus'sollte dich nicht genieren, du kannst mich ruhig anpum- pen" Ich bin nicht jo arm und so schmutzig, wie mein Rock aussieht', fo schrieb Brahms einmal an seinen Freund Karl Sde i n t h a l e r, als dieser in Verlegenheit war, und hilfsbereit, aufopfernd ist er stets gegen alle gewesen, die sich bittend an ihn wandten. So erzählt der frühere Hoskapellmeister Zemlinsky, Brahms habe ihn bei seinem ersten Besuch gefragt, wovon er lebe, und als der junge Musiker erwi­derte:Vom Stundengeben", da sagte der Meister:Dann müssen Sie sich wohl sehr plagen." Nach kurzer Pause bot er ihm eine monatliche Beisteuer an, damit er sich mehr seinen Kompositionen widmen könne. Als Zemlinsky verlegen ablenkte, wurde Brahms wütend:Das ist ja Unsinn, denken Sie ruhig, ich wäre ihr Stiefbruder oder sonst jemand, von 6em Sie das annehmen dürfen!" Diese Gutmütigkeit brachte Brahms nicht selten in peinliche Situationen. Ein lustiges Beispiel dafür erzählt ein Freund. Man hatte bis nach Mitternacht behaglich pokuliert. Als man sich in der dunklen Winternacht bei Regen und Schnee auf dem Heim­weg befand, da sah Brahms plMch auf der Straße einen anscheinend schwer kranken, gut gekleideten Mann liegen. Nachdem er seine 'Adresse festgestellt hatte, veranlaßte er den Freund, den Kranken mit ihm nach Hause zu bringen. Mühsam schleppte man ihn vier Treppen hinauf. Da plötzlich, bevor die oberste Etage erreicht ist, erscheint am Geländer ein surienartiges Wesen, flatternden Haares, in verstörter Nachtgewandung, die Kerze in der Linken, einen Befen in der Rechten:Aha, ihr seid also die sauberen Gesellen, die meinen Mann zum Trinken verleiten und halbe Nächte mit ihm verzechen", donnerte es auf die erstaunten Samariter los.Schamt's euch net? Wartet, ich will euch helfen!" Der Besen draut. Ein Hagel von Beleidigungen prasselt nieder, und die beiden Künstler ergreifen schleunigst die Flucht ...

Brahms befand sich am liebsten unter Leuten des Volkes; deshalb suhr er nur dritter Klasse und nahm gern an volkstümlichen Festen teil. Als er eines Tages in den 70er Jahren an feinen Stammtisch im Gast­hausZur schönen Laterne" kam, fand er das Lokal für einen Ball hergerichtet. DieF i a k e r m i l l i", eine der feschesten Wiener Lokal- Sängerinnen, gab ein Fest. Brahms wollte Weggehen, aber der Wirt lief ihm nach und sagte, das Fräulein habe eigens angeordnet, daß der Stammtisch der Herren respektiert werde. Brahms war entzückt von die­ser zarten Rücksicht und besah sich das Fest mit Behagen. Aber in letzter Stunde war der Klavierpauker erkrankt und kein anderer aufzufinden. Da trat die Festgeberin an den Meister heran und bat ihn, ob er ihnen nicht aufspielen wolle. Brahms fetzte sich sofort ans Klavier und spielte den ganzen Abend, was man begehrte. Dafür bekam er nach jedem Tanz und zwar jedesmal von einem anderen hübschen Mädchen einen Kuß und »ach der ersten Quadrille von derFiakermilli" drei ... Besonders liebte er die Kinder.Es gehörte zu den liebenswürdigsten Eigenschaften seines Wesens", berichtet sein Freund, der Schulmann Gustav Wendt, daß er, wo er weilte, die Kinder an sich zu fesseln wußte. Stets trug er harmlos Süßigkeiten in feiner Tasche, die er an die Jugend verteilte, mit der er bann allerlei Spässe trieb und luftige Gespäche führte." Frei­lich konnte er feinen Schabernack auch zu weit treiben, wie bei dem klei­nen Mädchen in Jfchl, das mit hochgefüllten Bierschoppen nach Haufe strebte und plötzlich einen bärtigen Mann fah, der ihr das Glas aus der Hand nahm und fo tat, wie wenn er daraus tränte. Die Kleine fchreit Zeter und Mordio. Entrüstete Vorübergehende versammeln sich. Der schlimme Spaßvogel soll gelyncht werden, und erst eine Frau, die vom Fenster aus die harmlose Episode beobachtet hatte, löst das Ganze in Wohlgefallen auf ...

Don der Schlagfertigkeit Brahms gibt es viele ergötzliche Proben; die hübscheste hat August'N i e m a n n in [einen Lebenserinnerungen er­zählt: Der Meister war zu einem Konzert in Hamburg geladen, wo nur feine Schöpfungen gegeben wurden. Nachher war ein Festessen zu feinen Ehren und der Kapellmeister brachte einen Toast auf den größten Kom­ponisten aus, womit er Brahms meinte, ohne iyn zu nennen. Eiligst er­hob sich der Gefeierte mit feinem Olafe und rief:Jawohl, die Gesund­heit des größten Komponisten, Mozart lebe h o ch." Hugo Wolf

war Brahms grhnmigfter Feind, aber dieser las mit besonderer Vor­liebe die tadelnden Kritiken, die der Wagner-Verehrer über ihn veröffent­lichte. Eines Tages las er, wie Wolf eins [einer Werke, das LiedVon ewiger Liebe", anerkannte. Da warf Brahms mit gekünsteltem Zorn bas Blatt weg und sagte:Man kann sich doch aus keinen Menschen mehr verlassen. Jetzt fängt sogar der an, mich zu loben!" Brahms stand mit Johann Strauß auf bestem Fuße; er kannte genau das Genie des Walzerkönigs, aber dieser wußte mit der Musik des Freundes wenig anzufangen. Als Strauß auf den Autographenfächer feiner Stieftochter Alice die ersten vier Takte feines Fledermaus-Walzers fetzte, schrieb Brahms schlagfertig darunter:Leider nicht von Johannes Brahms! Als sie einmal beim Champagner faßen und Brahms, der eben von einer einer Triumphreisen zurückgekehrt war, halb ernsthaft ausrief:Nicht war lieber Strauß, bas waren doch noch bessere Zeiten, als wir mit unfern feinsten Stücken so schon burchstelen", da machte Strauß sein chalkhaftes Gesicht, zwinkerte mit den Augen und sagte in komisch-weh- mütigeni Ton:Ja, Dotiert, mir zwaa Ham halt kaa Glück und allweil unser G'srett g'habt mit der verflixten Musi!"

Johannes Brahms und das Schumannhaus.

Von Sophie Lederer-Eben.

, So allein war ich nun hier", schreibt Clara, Rodert Schumanns tiefgeliebte Frau, aus Berlin, wohin eine Konzertreise die geniale Piw niftin geführt hatte;aber Johannes, der Getreue, richtete mich durch einen lieben Brief etwas auf." Unb als bie Nachrichten über bas Be- inben des kranken Gatten in der Irrenanstalt Endenich bei Bonn immer ungünstiger werden:Trauriger Tagesschluß! Mein Freund Johannes, der Tröster im herbsten Leide, fehlte mir fehr. Wie schwer vermißte ich einen Zuspruch!" Kein rauschender Konzertersolg hilft über den inneren Jammer fort, auch nicht die künstlerische Aufgabe, die Werke des Gatten, die Werke vonJohannes" zu interpretieren, ihnen zu öffentlichem Le­ben zu verhelfen:Aller Mut ist wie gewichen von mir!" Als sie, auf einer Konzertreise mit dem Geiger Joachim, einmal den jungen Brahms in Hannover überrascht hat, schreibt sie in ihr Tagebuch: Ich hatte mich nach Johannes unendlich gesehnt! Nur mit ihm kann ich ja über alles, was mein Herz so recht bewegt, sprechen. Auch Joachim ist mir ein treuer, lieber Freund aber Johannes doch noch mehr. Nach- bem beibe auf bem Wege nach Düsselborf (in bas Schumannhaus) alles getan, um mich zu erheitern auf dieser Fahrt, fanden wir dort einen Brief von Rodert an Johannes, in traulichem Du... Ich war von allem furchtbar erregt, und das Sehnen faßte mein ganzes Herz, in tiefsten Schmerzen! Johannes war gar lieb gegen mich mein Herz aber war ganz bei ihm, dem heißgeliebten Manne! Das Geiftes- und Gefühlsverhältnis zu Brahms, auf Wochen und Monate hm übersehen, aber über Jahre sich erstreckend, ist die einzige Stütze der Kreuzträgerin. Mit nimmermüder Geduld und Opfersreudigkeit, liebe­voll bleibend auch angesichts der mit der Zeit und der immer düsterer werdenden Sorge, sich heftiger äußernden Nervenabspannung der Frau^ richtet der Freund die Zusammenbrechende auf, der 22jährige die reife Lebenserfahrene, an der er mit tiefer Schwärmerei hängt. Denn Clara, das ist ja das Liebste, was Robert Schumann, der so innig verehrte, große Meister, besitzt, der Meister, dem er alles verdankt, was er ist, den er denSchöpfer feiner Arbeit" nennt. Clara, das ist das selbstverständliche, stillschweigende Vermächtnis des Meisters an ihn, den Jünger, dessen ganzes künstlerisches Werden durch die geniale Erkennt- nistraft des Führers der romantischen Jugend bestimmt wurde: Clara, das ist zugleich alles, was ihm, Brahms, übrig blieb von bem, der ihm den Weg in die Oefsentlichkeit beschreiten hals, selbstlos, in groß­zügiger Fürsorge, unb den er nun alle Augenblicke einmal in Ende­nich besucht, dort,wo die Uhr stillsteht". Unermüdlich ist der treue Be- K troh des entsetzlich traurigen, immer wiederkehrenden Eindrucks.

nützlich sein Beruhigen, Trösten, nach dem die Frau immer etwas heller blickt. Clara aber fühlt in innerstem Herzen, daß es etwas heldisch Starkes, ein den jungen Jahren weit voraufgeeiltes Reifes ist, was ihr tiefste ßebensgualen tragen hilft, und weiß, daß das alles aus der Wurzel feines Genies quillt. Sie, die Künstlerin, fühlt, was Freunde nicht begreifen, was die Gesellschaft nicht fühlt und nicht verstehen kann: daß hier zwei starke Persönlichkeiten, trotz des Altersunterschiedes, sich in der gleichen Welt begegnen, daß diese Welt ein Wunder ist, unb beiber Element. Diese Welt verkündet sie mit allen ihr zu Gebote stehen­den Mitteln, wenn sieJohannes' herrliche Balladen" oder andere seiner Frühwerke spielt, für die, die Ohren haben zu hören. Denn die meisten, noch kaum an den Traumlandflug Schumannscher Klang« gewohnt, an die Vielfarbigkeit seiner Erfindung, schrecken zurück vor den harmonischen Kühnheiten und fremdartigen Klangwirkungen in den Arbeiten des Un­bekannten, finden es unbequem, ihm zu folgen, weil er aus dem Klavier ein ganzes Orchester macht; und dabei doch nicht einmal buntfarbig roirbi- Ach nein, man denkt bei feiner Musik an große, schwere Wolken, wie sie über den Hamburger Hafen ziehen, feftumriffen, aber düster; man denkt an Sturm, der über das Meer faucht, daß die Wellen sich hoch überstürzen! Ist das kurzweilig? Die Menge versteht diese Musik nicht, weiß ihre Verkünderin nicht einzuschätzen. Clara aber fühlt: fte spielt ihr eigenes Erleben. Die Fülle und die Reife dieser Brahmschen Frühwerke hat sie selbst sie nicht mit ihrem Blut genährt? sind sie nicht aus der Tiefe ihres blühenden Leides geboren? Dieses Leiden, das täglich und stündlich durch Johannes erlöst wurde?

Und er bestätigt es ihr in manchem Brief:An Ihnen lerne ichs immerfort, daß man Lebenskraft (lebenskräftiges Schaffen) nicht aus Büchern holen kann, sondern nur aus der eigenen Seele! Sie müssen immer bei mir bleiben, als mein guter Engel! Dann wird gewiß aus mir, was werden soll und kann! Wie unglücklich wäre ich, wenn ich Sie nicht hätte!" (August 1855.) Und nach der Katastrophe im Geistes­zustand Schumanns zieht er nun in das Schumannhaus zu Clara, zu ihren Kindern! Stark ist der gläubige Aufblick der Frau. Sie schreibt später in ihr Tagebuch, für ihre Kinder:Gott sendet jedem Menschen,