Ausgabe 
3.11.1933
 
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blickten

Wachs. Und es war eine große Stille zwischen ihnen.

erkannte Ulmenrieder, daß sie ihn nicht sahen. Und er

darum erwiderte er:Ja, ich komme!" Und ging leise wieder ein in seine stille Lcibesgestalt.

Und es schwand ihm mählich das Bewußtsein seines Hirns. Er spürte nur noch das Leben seiner Seele, das ewig war. Er spürte wie einen Bruder, so innig nah, den Wind und spürte auch den guten Hauch der Erde, der ihn liebend umarmte und dem er sich vermählte. Er verscholl, verzaubert, wandelte sich und war schon entschwunden in dem heimlichen Wesen der Graser, Blumen und Bäume, als sie seine verfallene Hülle aufhoben.

auch nut so nebenher, ohne eigentlich recht dazuzugehören. Und | um das Vergangene nicht allzu mächtig werden zu lassen und weil er sah, daß es aus die Vesper zu ging, stand Ulmcnrwder wieder auf und wanderte weiter, gen Osten, wo am Hohlweg noch die Futterwiesen, die Zuckerrüben und der Roggen zu be­sichtigen waren.

Die Sonne rüstete sich schon zur Neige, als er sich auf dem Heimweg sand. Er humpelte die Chaussee entlang, die nut Kirsch­bäumen eingefaßt war und die von Süden her auf das Dorf traf, | vorüber am Friedhof. Da er bereits nahe dem Posthause war, I überkam es ihn aber, als riefe ihn jemand hinter fernem Rucken. I Er wandte sich um, vermochte jedoch niemand auf dem Wege zu I sehen und wollte seinen Weg schon fortsetzen, als fetn Blick auf die kleine Kapelle des Kirchhofes fiel, deren rotes Dach aus dem Strauchwerk hervorlugte. Er lachte leise tn sich hinein, schritt I zurück, öffnete die kleine Pforte zwischen den dunklen Lebens­bäumen und trat in das Bereich der Gräber. An einem Hügel- I chen, neben dem ein Platz frei gelassen war und zu dessen Haupten ein Stein sich erhob, in den als Inschrift der Name seines Weibes wie auch sein eigener eingemeitzelt waren, der seine jedoch nur mit dem Sternchen neben dem Geburtstag und dem Kreuz­lein, bei welchem das noch fällige Sterbedatum fehlte, Uetz er sich nieder.

Beinah hätt ich's vergessen", murmelte er. Was er aber ver­gessen hatte, war dies: über all den Aeckern, tue nun seinem Sohne gehörten und über die er kein Recht mehr besatz, hatte er nicht mehr an den eigenen gedacht, der hier, auf dem Felde Gottes, acht Fuß lang und zwei Fuß breit, für ihn aufgespart war, dies einzige Fleckchen Erde, das allein er noch tn Wahrheit sein Eigentum neunen durfte. Gewiß, bas hier hatte er selbst noch bezahlt, da konnte ihm keiner was dreinreden. Er kicherte verschmitzt vor sich hin, holte seine Pfeife ans der Rocktasche und begann, müde und in Gedanken versunken, den blauen Rauch tn die Luft hinauszublasen.

Der Wind strich über die Felder, und es wurde dem Alten kühl. Da aber zudem sein Blick zufällig auf die Juschrtft über der Kapellentür fiel, die die Worte des Jüngers trug: Herr, es will Abend werden!, so gedachte er, daß es nun wohl an der Zett sei, heimzukommen, erhob sich also und machte sich auf den kurzen Weg. Seltsam leicht fühlte er sich, spürte kaum die Straße unter ^^Jn "der" Dorfgasse begegnete ihm der Schultheiß. Ulmenrieder zog die Mütze und grüßte, trat auch ans jenen zu, um noch ein Wort mit ihm zu wechseln, verhielt jedoch erstaunt den Schritt, als der andere sich, ohne ihm zu antworten, auf seinen Gruß nur umdrehte, suchend umherblickte und kopfschüttelnd weiterging.

Ulmcnrieder schaute ihm beklommen nach. Hat er mich nicht gesehen, dachte er. Die Dämmerung warf ihre grauen Schatten über die Mauern. Aber, dachte er wiederum, ich habe ihn doch erkannt, wie sollte er also mich nicht erkennen?

Grübelnd noch über den seltsamen Vorfall betrat er den Hof. Der Hund, allezeit zutraulich zu ihm und gern mit frohem Ge­bell nach ihm springend, fuhr jaulend und mit krummem Rücken in die Hütte. Seine Kette raffelte laut. Ulmenrieder öffnete die Tür zur Küche. , m L ...

Da saßen sie alle am Tisch und warteten setner.Guten Abend sagte Ulmenrieder.

In diesem Augenblick sah er, wie ihrer aller Gesichter sich jäh entfärbten und bleich wurden wie vor einem großen Schrecken. Er sah, wie das Brotmesser klirrend der Faust seines Sohnes entfiel, wie die beiden Enkel sich verstört an den Rock der Magd drängten, deren Hände zu zittern begannen, wie schütteres Laub. Er sah, wie die Bäuerin mit wankenden Knien aufstand vom Stuhl, sich mit den Händen auf den Rand des Tisches stützte und mit leeren Augen auf die offene Tür blickte, durch die er eben eingetreten war. Er sah, wie ihre Lippen, blutlos sich flatternd bewegten. Und er vernahm auch die Worte, die sie sprach, flüsternd und mit heiserer Kehle, so, als drängten sie sich ungewollt aus ihrem scheuen Munde. Sie sagte, und es kam stoßweise aus ihr hervor:Herr, erbarm dich unsrer Seele! Ernst, ich glaube geh doch hinaus, du, aufs Feld ich glaube, dem Großvater ist

Kommst du?"

Ulmenrieder erkannte, das er gestorben war, und öatz er nur noch in dem Schatten ging, der aus seiner eigenen Gestalt getreten war. Und es schien ihm mit einem Male, als habe er schon lange aus diesen Augenblick und auf diese Frage gewartet, ja, als habe er sein ganzes Leben lang nur dieser einen Stunde geharrt. Und er spürte Gehorsam in sich und eine große Bereitschaft, und

Da erkannte Ulmenrieder, daß sie ihn nicht sahen. Und er merkte, daß ihm etwas geschehen fein mußte, wovon er nichts wahrgenommen hatte, und um nun dahinter zu kommen, wandte er sich, ohne ein Wort zu sagen und schritteilig wieder zurück zu dem Gottesacker, von wo er gekommen.

Da er aber wiederum durch das Pförtchen trat, sah er einen aus dem Grabhügel seiner Frau sitzen, der glich aufs Haar ihm felbst. Er hockte da, zusammengesunken, wartend, kantig in seinen Umrissen, als sei er ein Baum, der krumm dem Boden ent­wüchse. Und da Ulmcnrieder ihm nun nahctrat, hob jener die Stirn, und Ulmenrieder sah, daß er selbst es fei, der dort wartete. Und es tat jener den Mund aus und fragte mit dunkler Stimme:

etwas passiert."

Und danach saßen sie wieder steif und starr, als sei der Vlttz mitten durch sie hindurch gefahren, um den Tisch herum und einander an mit bleichen Gesichtern, die leuchteten rote

Oie Jagd in der bildenden Kunst.

Von Kurt Haack.

Jagd und Kunst sind zwei Sphären der menschlichen Tätigkeit, die sich schon in den frühesten Epochen der Kultur aufs Jnntgste miteinander berühren. Mit Gesängen und Trommelbegleitung ziehen die Naturvölker ins Jagdgebiet, mit hellem Jubellied kehren sie beutebeladen zurück; wie hier die Elemente der Lyrik, so sind in den kunstvollen Jagdtänzen und in den charakteristischen Jagdmasken Keime des Dramas vorhanden. Auf feinen Speer und auf seinen Bogen aber zeichnet der primitive Mensch die Tiere, die er erlegen will, zunächst in dem festen Glauben, die Hirsche, Büffel und Renntiere durch das Festhalten ihres Bildes und damit ihrer Seele an sich zu locken. Diese Anfänge künstle­rischer Darstellung können übrigens auch Nicht die Absicht des Verderbens des Tieres, sondern gerade das gegenteilige Ziel ver­folgen: nämlich hilfreiche und göttlich verehrte Totemtiere durch die Wiedergabe ihrer Erscheinung aus den Jagdwaffeii zum Schutze aufzurufen. So sind Gründe genug vorhanden, um den Jäger auf die Darstellung der Tiere und von Jagdszenen hin- zuweisen. Neben dem religiösen Aberglauben hat wohl bald auch das Schmuckbedürfnis und die Lust am Zeichnen die Menschen der Steinzeit ebenso wie Eskimos und Buschmänner unserer Epoche dazu geführt, in größeren Zeichnungen auf Höhlenwandcn Erinnerungsbilder an irgend eine besonders ausregende oder glückliche Jagdepisode festzuhalten. Solche frühesten Darstellungen der Jagd bekunden deutlich in der Kraft der Bewegung und der wenn auch typischen, so doch höchst getreuen Wiedergabe der Formen, daß sie von geübten und exakt beobachtenden Jagern herrühren, die sich in der intimsten Berührung mit der Natur das Auge und die Erinnerung geschärft hatten.

Aus solcher Jahrtausende langer Schulung läßt sich tue erstaun­liche Höhe der ersten Werke erklären, die sich in der Kunst der Naturvölker mit unserem Thema beschäftigen. Zwar spielt die Jagd auch in der ägyptischen Skulptur eine sehr große Rolle, doch ist sie besonders in Assyrien durch Leistungen vertreten, die eine ganz fabelhafte Schönheit zeigen. Nicht umsonst ist ein babylo­nisch-assyrischer König zum Herrn aller Jäger geworden; auch I seine Nachfolger waren ebenfalls echte Nimrode und taten Wun­der der Kühnheit, die hernach durch Wunder der Kunst verewigt wurden. So schmückten Assuruasirpal seinen mächtigen Herrscher- sitz, den Nordwestpalast von Nimrud, und Assnrbanipal seinen gigantischen Palast zu Ninive mit prachtvollen Reliefs, die ihre Jagdzüge verherrlichten. Zu Nimrud sehen wir den König auf seinem Jagdwagen stehen, neben ihm den Lenker, der die feurig ausgreifenden Rosse zügelt. Assuruasirpal hat den Pfeil auf den starken Bogen gelegt und zieht die gestraffte Sehne mächtig an, während sich unter dem Gespann ein getroffener Löwe wälzt. Die noch reicheren und gewaltigeren, wenn auch nicht so ganz einfach großzügigen Alabasterreliefs von Ninive führen solche Szenen vor, die hetzenden Hunde, die schwirrenden Pfeile, das getroffene Wild; dann die vor Gier keuchenden, an den Riemen zerrenden, kaum zu bändigenden riesigen Doggen; die pfeildurchbohrte, vor Schmerz brüllende Löwin, den blutspeienden Löwen, ein Bild von grauenhafter Kraft. .....

Aehnlichen ausgezeichneten Schilderungen begegnen wir in der mykenischen Kunst, wo z. B. auf dem berühmten Goldbecher aus I dem Kuppelgrab von Amyklae eine Jagd auf wilde Stiere mit glänzender Lebendigkeit gegeben ist. In der griechischen Plastik erscheinen bann häufig Bilder und Symbole des edlen Waio- werks. Sie haben ihre schönste Gestalt gewonnen in den Statuen der Diana, der jungfräulich-herben, leichtfüßig anmutigen Jagenn, die aus dem Meisterwerk von Versailles der sie begleitenden Hindin im fröhlichen, raschbeschroingten, dahineilenden Rhythmus nichts nachgibt und die Erinnerung an einen jungen sriflyen, lichten Herbstmorgen mit Rüdengebell und Horridoh weckt. Autzcr- dem sind Jägerstatuen bekannt. Auf Vasen, Reliefs und Sarko­phagen sind besonders häufig die Saujagden dargestellt, die es an Gefährlichkeit mit dem Krieg aufnehmen und die Haicn- jagden, die die höchste Behendigkeit und Geschicklichkeit erforderten. In der römischen Zeit werden unter die zahlreichen Gcnrebilocr, die Wände und Fußböden der Paläste schmückten, Löwen-, Hirfry- und Eberjagden aufgenommcn, ebenso Stilleben von erbeutetem 1 Wild, die die Verehrer der Waidmannslust an angenehme it lebnisse oder gefahrvolle Abenteuer erinnerten.

Solche Jagdszenen, eng angelehut an die antiken Borbnoe, wurden noch im Mittelalter als Zier der Räume verwendet, sogar auf den Mosaikfußböden der Gotteshäuser. Diese Szenen, d.e ocn Unwillen deö heiligen Bernhard von Clairvaux erregten, muBtu ihres weltlichen Charakters entkleidet und symbolisch ansgeocurcc werden, wobei der Löwe als Sinnbild Christi, der Hase Verkörperung des Lasters ausgefaßt sind usw. Ohne solche a gorische Maskierung erscheinen Jagdszenen zuerst in der & . malerei. So ist eine Pariser Handschrift des berühmtesten m alterlichen Jagdbuches, derJagd" des Grafen Gaston Phoev'' de la Foix, mit prächtigen Miniaturen geschmückt, bte