Eichener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang J933
Zreitag, -en 3. November
Nummer 85
Abendlied.
Von Christian Günther.
Der Feierabend ist gemacht, Die Arbeit schläft, der Traum erwacht, Die Sonne führt die Pferde trinken,' Der Erdkreis wandert zu der Ruhl Die Nacht drückt ihm die Augen zu, Die schon dem süßen Schlafe winken.
Mein Abendopfer ist ein Lied, Das dir zu danken sich bemüht, Die Brust entzündet Andachtskerzen Gefällt dir dieser Brandaltar, So mache die Verheißung wahr: Gott heilet die zerschlagnen Herzen.
Du Geist der Wahrheit, breite dich Mit deinen Gaben über mich!
Dein Wort sei meines Fußes Leuchte! Vergönne mir dein Gnadenlicht Auf meinen Wegen, daß ich nicht Mir selber zur Verdammnis leuchte.
Das müde Haupt sinkt auf den Pfühl, Doch, wo ich ruhig schlafen will, So muß ich deinen Engel Bitten;
Der kann durch feine starke Wacht Mich vor dem Ungetüm der Nacht Um meine Lagerstatt behüten.
Soll mir der Pfühl ein Leichenstein, Der Schlaf ein Schlaf zum Tode sein, Ja, soll das Bette mich begraben, So laß den Leichnam in der Gruft, Vis ihn die letzte Stimme ruft, Den Geist im Himmel Frieden haben.
Oer Gang über die Aecker.
Von Diemar M o e r i n g.
Karl Ulmenrieder schob seinen Stuhl zurück und stand auf. „Mein Vater hat es noch so gehalten", sagte er, „und so werde ich's auch tun. Und wenn du erst einmal so weit bist, wirst du ebenfalls dabei bleiben. Man wird ja wohl noch schauen dürfen, wie die Erben mit dem anvertrauten Gut umgehen!"
Damit griff er nach dem gegabelten Haselstock, der ihm zur Stütze diente, setzte die schwarze Mütze mit dem Schleifchen über dem Schirm umständlich aufs Haupt und humpelte hinaus.
Der Sohn, die Ellbogen hart auf den eichenen Tisch gestützt, das breite Kinn zwischen den Fäusten, blickte ihm unwillig nach. Sein Gewissen war nicht ganz rein, und wenn es sich auch nur um eine Kleinigkeit handelte, und der Alte von Rechts wegen überhaupt nichts mehr dreinzureden hatte, so würde er doch wieder seine gute Weile darüber mit Unmut zu schwatzen haben.
• In jedem Jahr, am Nachmittag seines Geburtstages, der in den Beginn des Sommers fiel, machte Karl Ulmenrieder einen Gang über das ganze Gebiet, das als Ackerland seinem Hof zugehörte. Es war dies zu seiner ständigen Gewohnheit geworden, seit er sich aufs Altenteil zurückgezogen hatte, eine Gewohnheit, von der er nicht ließ, ob das Wetter nun schlecht sein mochte oder gut, ob er unpäßlich war, was selten genug vorkam — Krankheit gar kannte er kaum — oder nicht, oder ob man auch im Hause darüber murrte, weil man in seinem Gang eine Einmischung in Dinge zu sehen vermeinte, die ihn, nachdem er sich einmal non der Verantwortung über die Wirtschaft zurückgezogen hatte, nichts mehr angingen. Das war ihm gleichgültig. Mochten sie drinnen nur nörgeln und querulieren, deshalb tat er doch noch immer seine Kleinarbeit, wo er etwas vernachlässigt glaubte, kletterte auch trotz seiner zweinndachtzig Jahre, die er auf dem Buckel hatte, noch immer die steile Leiter zum Heuboden hinauf, oder ging in die Scheuer, um irgendeiner verantwortungslosen Henne auf die Krallen zu sehen, die ehr- und ordnungsvergessen ihre Eier in einen versteckten Winkel gelegt hatte, wo niemand sie suchte, und steckte feine Nase überhaupt noch gern überall da hinein, wo sie nicht grade mit besonderer Liebe gesehen wird, ^a, man mußte aufpassen, sonst ging alles drunter und drüber!
Dies nun war, wie gesagt, Ulmenrieders zweinndachtztgster Geburtstag, und eine solche Anzahl von Sommern ist gewiß eine tüchtige Last. Aber wenn das dünne Haar auch schon schlohweiß über der faltigen Stirn hing, wenn auch das eine Bein, über dessen Fuß vor Jahren das Rad des beladenen Erntewagens gerollt war, seither lahm geblieben, wenn auch der Rücken des Alten schon zu Boden sich neigte, als suche er zurück zur Erde, wenn der zahnlose Mund auch nur mehr weiche Brocken und dicken Brei vertrug, so war er dennoch rüstig und spürte wohl die gute Wärme der Sonne auf der von Wind und Wetter zer- lederteu Haut, stärkend und die Gicht aus den mürben Knochen kochend. Des freute sich Ulmenrieder und schritt darum wohlgemut fürbaß, bedenkend, daß der Weg weit genug war, um einen vollen Nachmittag auszufüllen, weil die einzelnen Aecker hier und da verstreut und oft weit voneinander gelegen im Gebiet der Gemarkung sich fanden.
Hinter den Gärten auf der Nordseite des Dorfes drängten sich in mächtiger Höhe die schlanken Masten des Fichtenwaldes. An seinem Rande wanderte Ulmenrieder entlang, mit Behagen den würzigen Duft kostend, der der schattigen Tiefe entströmte, bog dann von dem weichen, mit herabgefallenen Nadeln bedeckten Boden des Pfades ab auf den harten, kalkigen Grund der Chaussee, die nach Westen führte und stand bald danach vor einigen Morgen Haferfeld und Kartoffelacker, die den Seinen gehörten, und zwischen denen er auf dem Rain entlang südwärts humpelte, dem Klosterholz entgegen, dessen düstere Wand hinter den sonnüberschwemmten und im Wind auf und niederflutenden Auen dunkel das Gemeindegut begrenzte.
Er ließ im Schreiten die noch grünen, hell raschelnden Glöck- lein der Haferspitzeu spielerisch durch die hohle Hand gleiten, rupfte einiger der Rispen und prüfte ihren Gehalt, bückte sich auch hier und dort, einen Stein, den sein aufmerksamer und noch immer scharfer Blick traf, aus den Furchen zwischen den Stauden des Kartoffelkrautes zu lesen. Auf dem mulmigen Staub der Feldwege, der unter den stapfenden Füßen graue Wölkchen trieb, überquerte er die Ebene fremden Gebiets und ließ sich schließlich, am Rande des Holzes angekommen, auf einem kleinen Erdhügel, der vor seinen Feldern lag, nieder, die wogende Fläche blanken Weizens, der vor feinen Augen aufschoß, kopfschüttelnd überblickend.
„Hab dem Jungen die hundertmal gesagt, hier gehört kein Weizen her, der Boden ist zu leicht dafür an der Stelle. Aber die wissen's ja besser! Aufpassen muß man eben, ja, aufpassen", murrte er vor sich hin. Und obwohl, oder vielleicht auch gerade weil der Weizen seiner jahrelangen Erfahrung zum Trotz 6a gut stand und dicke Kolben an den Halmen trug, erboste er sich innerlich immer wieder über die augenscheinliche Ablehnung seiner guten Ratschläge, zumal er nun auch noch bemerkte, daß an einigen Stellen Mulden von lagerndem Wild in die ebene Fläche des Getreides getreten waren. Jedesmal, wenn Ulmenrie&er hier vorbeikam, ärgerte er sich aufs Neue über diesen Umstand, und wenn es auch schon zu seiner und zu seines Vaters Zeit so gewesen war, daß das Wild sich just diese Plätze zum gelegentlichen Lager erkor, so schnitt es ihm doch immer wieder ins Herz, dachte er an den Schaden, den die Tiere verursachten. Der war gewiß so groß nicht, aber es war eben Schaden, und das genügte.
Doch, indem seine Gedanken so für einen Augenblick zurück- fandeu in vergangene Jahre, gesellten sich zu dieser Erinnerung auch andere, weniger ärgerliche, die mit diesem Platz verknüpft waren, auf dem er sich im Augenblick niedergelassen hatte. Bilder, die in feinem Herzen verschüttet tagen, tauchten traumhaft auf: hier hatte er oft mit Emma, feinem Weibe, gelagert und Mittag gehalten, wenn sie mit der Ernte zu tun hatten. Hier, im Schatten der Ligusterhecken und des Pfeifenstrauchs hatten sie wohl so manchesmal geliebt und gestritten. Emma, die nun fchon an die fünfzehn Jahre unter der Erde lag. Und er sah ihre volle und kräftige Gestalt, die keiner Arbeit, mochte sie noch so schwer sein, aus dem Wege zu gehen brauchte, er sah sie als Mädchen, da er um sie freite, sah sie erblühen zur Frau und reifen zur Mutter, sah sie hinwelken und mählich altern und sah sie schließlich im Sarg, das verknitterte, von der Arbeit eines Lebens müde, aber noch im Tode fröhliche Antlitz unter dem weißen Spitzenhäubchen.
Ulmenrieder lächelte wehmütig vor sich hin, eine Träne fiel blank aus seinem Auge. Ja, bas war nun schon lange dahin. Man war allein geblieben, die Kinder waren versprengt, hatten hier und da hineingeheiratet, nur der Aelteste war noch bei ihm, hatte den Hof übernommen, wie es ihm zukam. Aber da lebte man


