gehalten hätte. Der Unglückliche war noch in seiner Anwesenheit zu sich gekommen. Aber er machte den Eindruck eines seelisch Gestorbenen. Der Arzt riet dringend dazu, ihn in die psychiatrische Klinik überführen zu lassen, da seine Krankheit ganz offenkundig psychischer Art war oder doch zum mindesten ihren Entstehungsherd im Psychischen hatte. Soweit er als Internist das feststellen konnte, handelte es sich um einen vollkommenen Nervenzusammenbruch, wenn nicht um eine noch tieferliegende, vielleicht unheilbare seelische Störung. Was den Kommissar so niedergeschlagen stimmte, war nicht nur aufrichtiges Mitleid mit dem jungen Menschen, sondern auch die Sorge um die Weiterentwicklung dieses mysteriösen Kriminalfalls, der, wenn Grau auf die Dauer vernehmungsunfähig war, vielleicht für ewige Zeiten unaufgeklärt bleiben würde. Eine Niederlage, die dem Kriminalisten etwa das gleiche bedeutet, wie dem Erfinder ein ungelöstes Experiment.
Erst als Jensen dem Kommissar seine Entdeckungen mitteilte, wurde dieser wieder lebhafter. „Am liebsten würde ich gleich mit Ihnen umkehren und das geheimnisvolle Kabinett in Augenschein nehmen", sagte er aufatmend. Aber das hat jetzt keinen Sinn. Wir brauchen dazu volles Tageslicht. Und außerdem will ich einen Sachverständigen mitnehmen, der den Zweck, dem dieser Raum gedient hat, aufklären kann. Daß dieser Zweck kein harmloser war, darin gehe ich schon jetzt mit Ihnen vollkommen überein, mein lieber Jensen. Und ich habe sogar etwas wie eine Ahnung, welcher Art die Beschäftigung war, die darin ausgeübt worden ist. Aber darüber Möchte ich mich vorläufig noch nicht äußern. Wenn alles klappt, können wir in spätestens zwei Tagen die Sache der Staatsanwaltschaft abtreten." „Den Fall Grau, meinen Sie?"
Kling trank seinen Whisky aus und starrte ein paar Augenblicke sinnend auf den Grund seines Glases.
„Nein — den Fall Fuchs, will mir beinahe scheinen." Er lächelte abgründig. „Die Sache hat nämlich einen anderen Namen bekommen. Aber vielleicht wird doch noch einmal ein richtiger Kriminalfall daraus!"
Im Innersten aufgetaut, bestellte er noch einen zweiten Whisky. Dann fing er an, den jungen Polizeibeamten in feine persönlichen Erhebungen einzuweihen. Er erzählte ihm alle, was er über die Person jenes am 20. November im Elisabethkrankhaus verstorbenen Cajus Fuchs in Erfahrung gebracht hatte und beobachtete dabei aufmerksam die Wirkung, die seine Eröffnungen auf den in dieser Sache noch ganz unbefangenen Jensen ausübten. Zu seiner Befriedigung konnte er feststellen, daß auch in dem geweckten Kopf des jungen Beamten sofort der Funke des Mißtrauens zündete.
„Da ist etwas faul, Kommissar", sagte er mit gerunzelten Brauen. „Es sollte mich nicht groß wundern, wenn diese beiden Füchse auf irgendeine Weise miteinander identisch wären. Vielleicht ist überhaupt der andere der — Ermordete! Meinen Sie nicht, Kommissar Kling?"
Kling hob seufzend die Achseln. „Ich würde es meinen, lieber Jensen — wenn diese Version nicht völlig ausgeschlossen wäre. Denn dieser Cajus Fuchs ist ja tatsächlich gar nicht ermordet worden. Leider — hätte ich beinahe gesagt! Denn dann wäre die Sache voraussichtlich viel einfacher für uns!" Beide verharrten eine Weile in betretenem Schweigen. Jensen kratzte sich versonnen das Kinn.
„Und diese Nichte ...?" rückte er endlich zögernd heraus. „Das hübsche Mädchen, das dieser Fuchs bei sich zu Hause hatte — na, wie hieß sie doch gleich? Richtig — dieses Fräulein Hohmann, könnte nicht sie am Ende die geheimnisvolle Person gewesen sein, die Donald Grau zu seinem Bild Modell gestanden hat? In welcher Absicht, ist mir ja vorläufig noch gänzlich schleierhaft. Aber vielleicht doch. — Man erlebt ja oft die merkwürdigsten Sachen." Kling drehte nachdenklich eine Silberkugel aus dem Stanniol- papierj seiner Zigarettenschachtel.
„Dhran habe ich auch schon gedacht. Obgleich wieder so vieles dagegen spricht. Aber so viel ist mir heute schon klar: die „Dame mit dem Otterpelz" ist diese Hohmann nicht! Und um diese — und nur um diese unbekannte Dame handelt es sich doch. Darüber besteht nach allem, was geschehen ist, kein Zweifel mehr."
Jensen ließ mißvergnügt den Kopf hängen.
„Gewiß, Herr Kommissar. Trotz alledem scheint mir diese Hohmann auch kein unwichtiger Faktor in unserem Rechenexempel zu sein. Ich wollte, ich könnte ihre Bekanntschaft machen! Ich schwärme für Rotblond!" Der Kommissar mußte lachen:
„Und ich wiederum bin bis zum Platzen gespannt auf Ihre Telephonbekanntschaft, die Sie sich hierher bestellt haben. Sie muß ja jeden Augenblick erscheinen. Allerdings haben Sie die „rote Nelke" als Erinnerungszeichen vergessen. Ein Glück, daß dieses Lokal kein stark frequentierter Stelldicheinplatz zu sein scheint. Sonst kämen Sie in Verlegenheit. Und dann ..."
Er bad) mitten im Satz ab und beschattete schnell mit der Hand sein Gesicht. Die Eingangstür hatte sich geöffnet, und soeben betrat eine schlanke, schwarzgekleidete junge Dame die Bar. Allem Anschein nach war sie in Trauer. Aber ihr Gesicht war unverschleiert, und das rotblonde, nebelfeuchte Haar ringelte sich sehr reizvoll unter dem schwarzen Filzhütchen hervor. Sie sah sich suchend im Lokal um, mit einer ruhigen und ungenierten Sicherheit, wie man sie selten bei jungen Mädchen findet. Als sie den anscheinend Gesuchten nicht sah, hängte sie ihren Mantel an den Kleiderständer und setzte sich an ein noch leeres Tischchen in der den beiden Herren unmittelbar gegenüberliegenden Nische.
„Das ist sie, Kommissar", raunte Jensen seinem Begleiter zu. „Hübsche Person — alle Achtung!" Aber — was haben Sie denn, Herr Kommissar?"
Jetzt erst fiel ihm die angestrengte Pose Klings auf. Er hielt sich mit einer krampfhaften Beflissenheit die Weinkarte vor die Augen und schielte verstohlen dahinter hervor. „Wir müssen machen, daß wir so schnell wie möglich hier fortkommen, Jensen", flüsterte er hastig. Ich gehe voraus und erwarte Sie auf der Straße. Begleichen Sie inzwischen die Zeche. Und kommen Sie ganz ruhig und unauffällig nach!"
Während ihm Jensen in den Mantel half, stellte er sich mit dem Rücken gegen die junge Dame, die übrigens keinerlei Notiz von den bei
den nahm, sondern seelenruhig die „Nachtausgabe" las. Dann klappte er rasch den Mantelkragen hoch, zog seinen Hut bis aus die Nasenspitze her, unter und verließ das Lokal.
Jensen konnte sich sein sonderbares Benehmen gar nicht erklären. Eilt ein paar Minuten später erfuhr er den Grund. Kling nahm ihn draußen auf der Straße beim Arm und überschritt schweigend mit ihm den Fahr- dämm. Auf einmal blieb er stehen und sagte in überzeugendem Ton:
„Jetzt, lieber Jensen, haben wir die Brücke zwischen Caspar und Cajiu Fuchs!"
Jensen riß erstaunt den Mund auf: „Wieso denn — auf einmal, Herr Kommissar?"
„Heil Ihre „Olly", wie Sie sie nennen — niemand anders ist, als das mir bereits bestens bekannte Fräulein Hohmann, die übrigens mit dem Vornamen ebenfalls „Olly" heißt. Wie mir gerade siedendheiß ein- fällt."
Er lächelte dem völlig bestürzten jungen Mann fast übermütig ins Ge, sicht. „Ihr Wunsch, die schöne Tizianblonde kennenzulernen, ist rascher hi Erfüllung gegangen, als wir uns haben träumen lassen. Beinahe wie im Zaubermärchen! Hoffen wir, daß die übrigen Lösungen auch so plötzlich aus der Versenkung auftauchen!"
Er nahm den Hut ab und ließ sich aufatmend die feuchte Nachtlust über die Stirn streichen.
„Aber wenigstens wird es doch, gottlob, in diesem Chaos schon irgend, wo ein bißchen heller! Es wird nun Ihre nächste Aufgabe sein, Jensen, die Standesämter von Berlin nach den Beziehungen dieser beiden Füchs« zu durchstöbern! Und da Sie ja im Aufstöbern von „Beziehungen" sc tüchtig sind" — er kniff ein Auge ein und zwinkerte Jensen vielsagend zu — „so dürfte Ihnen das wohl nicht schwerfallen!"
19.
Drei Tage später wurde Caspar Fuchs dem Untersuchungsrichter vorgeführt.
Kommissar Kling hatte sich die Erlaubnis erwirkt, dem Verhör bei« zuwohnen. Und der Richter hatte seinem Vorschlag mit großer Bereitwilligkeit zuaestimmt. Nichts konnte ihm erwünschter sein, als die Assi- K eines Mannes wie Kling, der in alle Einzelheiten des Falles einge- gen war und der Sache ein solch ungewöhnliches Interesse entgegen- brachte. Seit drei Tagen pendelte er auf der Jagd nach Indizien unermüdlich zwischen Stralsund und Berlin hin und her. Bis die Beweiskette geschlossen war und er alle Trümpfe in der Hand hielt, mit denen er Caspar Fuchs überführen zu können glaubte. Alle, bis auf den einen, den er Fuchs im heißen Spiel dieses Verhörs selbst abgewinnen mußte, wenn die Partie nicht für ihn mit einem „Unentschieden" enden sollte.
Caspar Fuchs hatte während seiner Untersuchungshaft viel von seiner hochmütigen Sicherheit eingebüßt. Seine Hautfarbe war von einer galligen, ungesunden Blässe. Das kranke Augenlid schien noch tiefer als sonst herabzuhängen. Die ganze linke Gesichtshälfte bekam dadurch eine lauernde und kränkliche Schlaffheit. Und sein Mund war in Trotz und Bosheit verkniffen. Er behielt auch dem Untersuchungsrichter gegenüber seine frühere Taktik bei und verkapselte sich fürs erste in Schweigen. Offenbar beabsichtigte er, durch diese stumme Defensive den Gegner aus seiner Reserve herauszulocken und ihn zum Aufdecken seiner Karten zu bewegen. Denn er schien sich nicht darüber im klaren, was und wieviel man eigentlich von ihm wußte. Und während er mit eingepreßten Lippen an dem Richter vorbei ins Leere starrte, sondierte er im Stillen dessen Vorteile. Erst als auf einen stummen Augenwink des Juristen ganz plötzlich Kommissar Kling das Wort an richtete, zuckte er unwillkürlich zusammen und zielte aus seinem rechten Auge einen mißtrauisch funkelnden Blick nach dem Kommissar. Es war als hätte er auf einmal seinen wahren Gegner erkannt. Langsam lockerten sich seine verkniffenen Lippen, wodurch die Oberzähne freigelegt wurden, und fo bekam seine Physiognomie etroas- tückisch Verkrochenes.
Aber Kling ließ sich dadurch nicht beirren. Er hatte, durch die erfolge der letzten Tage bestärkt, sich zu seiner früheren Unerschütterlichkeit: zurückgesunden. Und alle seine Energien waren auf diesen Endspurt konzentriert. Er entschloß sich plötzlich, auf alte Reserven zu verzichten und den Gegner mit Tatsachen anzuspringen. Katt und scharf schnitt seine Stimme in das Schweigen:
„Ihr passiver Widerstand wird Ihnen auf die Dauer wenig nützen, Herr Fuchs. Noch vor ein paar Tagen konnten Sie uns damit bluffen. Aber inzwischen sind wir um ein beträchtliches Stück vorwärts gekommen. Wir wissen nämlich heute schon einiges mehr über Ihre Person, Tatsachen, die zu widerlegen Sie wohl kaum imstande fein dürften. Da Sie aber anscheinend Überhaupt nicht zu antworten aufgelegt sind, will ich vorläufig auf Ihre Gegenäußerung verzichten und Ihnen in kurzen Zügen das Ergebnis unserer Erhebungen mitteilen. Also hören Sie zu!" Er warf einen flüchtigen Blick in das Protokoll und lehnte sich bann bequem in seinen Stuhl zurück. „Sie haben, wahrscheinlich im Einverständnis mit Ihrem am 20. November im Elisabethkrankenhaus verstorbenen Stiefbruder Cajus Fuchs, ein wertvolles altes Gemälde „Die Dame mit dem Otterpelz" gefälscht und das Original zurückbehalten.
Die Fälschung haben Sie am 18. November dem Besitzer des Bildes, Graf Werdendurg-Kolinsky, der es Ihrem Bruder gegen ein Darlehen von achtzigtausend Mark verpfändet und inzwischen wieder eingelöst hatte, an Stelle des Originals zurückgeschickt. Jedenfalls in der Absicht, das echte Gemälde zu verkaufen. Dieses Gemälde ist bei Ihnen hinter einem Schrank gefunden und von Kunstexperten einwandfrei als das Original von Guarnado erkannt worden. Während das nach Werdenburg gesandte Bild eine zwar mit fabelhaftem Raffinement ausgeführte, aber von allen Sachverständigen einstimmig als Fälschung erklärte Kopie darstellt! An diesen Tatsachen läßt sich auch durch die geschickteste Verteidigung nichts mehr ändern.
(Fortsetzung folgt.)
Verantwortlich: vr. HansThhriot. — Druck und Verlag: Briihl'sche Universitäts-Vuch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.
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