Ausgabe 
3.7.1933
 
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mnnb war bei mir gewesen als Tante Veronika, die immer da war, wenn ein Wunder geschah, die Stimmen hörte und Gespenster sah, deren Hand den Himmel öffnen konnte und deren leise Stimme bis zu den Toten drang.Eine Birke mutzt du pflanzen", hatte sie gesagt,damit der heilige Geist sich ausgiehen kann über sie in der Pslngftnacht ... Ich wußte nicht, was der heilige Geist war, aber als ich die dünne Wurzel in die feuchte Erde senkte und die Kühle des Frühlingsbodens meine Hande berührte floß etwas hinein in meine verzauberte Seele, was nicht unähnlich dem fein mochte, was Tante Veronika mit den Worten des Neuen Testamentes nannte.

Wenn du grotz bist", sagte sie, und sah mit ihren blauen Augen über die Wälder hin,und du hast Angst in der Welt, dann muht du unter diese Birke treten und die Augen aufheben zu den Zweigen, von denen dir Hilfe kommt. Und Friede wird in deiner armen Seele sein ...

Und da stand ich nun unter meinem Kinderbaum, der so groß ge­worden war, daß er aus mich herabblickte, und hatte die Hände um seine Rinde gelegt und sah die vierzig Jahre in den rötlichen Zweigen und in der Haut meiner Hände, und hörte die Stimme, die lange versunken war, und ging die langen Wege noch einmal, die ich gegangen war, und wutzte nun, dah alles gut so gewesen, war. Datz ein Mensch nicht sremd sein kann auf seinen Wegen, weil die Spur seiner Gleise hinter ihm herläuft, rückwärts bis zu dem Beginn seiner Kinderträume. Daß das Sichtbare sich wandelt, aber nie das Unsichtbare, und dah das Kind uns niemals verstößt, aus dem wir aufgewachsen sind zur gegen­wärtigen Form. t

Und ich hob meine Augen aus zu den Zweigen, von denen nur Hilfe kommen sollte, und kehrte um und fuhr aus den Wäldern heraus, die mich geboren hatten. Ich wußte, daß ich Tage und Nächte zu fahren haben würde, bis ich in meine neue Heimat käme. Daß Jahre vergehen würden, bis ich sie wiederfähe, daß Menschen und Bäume sterben wür­den, ehe ich wiederkäme. Aber es bedrückte mich nun nicht mehr. Ich hatte keinen Zweig gebrochen aus ihrer jungen Krone. Ich nahm nichts mit mir als den Staub des Weges, der hinter mir aufstand. Aber in diesem Staub war ein Glanz, wie der Glanz einer Morgenröte, und ich hob meine Augen aus zu den kommenden Dingen, die mich erwarteten.

Große Naturforscher.

Von Professor Dr. Philipp Lenard, Heidelberg.

Professor Lenard, einer der hervorragendsten deutschen Ge­lehrten, erhielt vor Jahren den Nobelpreis für Physik; er war einer der ersten Hochschullehrer, der entschlossen für die Idee des Nationalsozialismus eintrat. Die Stadt Heidelberg ernannte ihn jetzt wegen seiner hervorragenden Verdienste zum Ehrenbürger. Die nachfolgenden Abschnitte sind mit Erlaubnis des Verlages I. F. Lehmann, München, entnommen dem Buche:Gröhe Natur­forscher". (Mit 70 Bildnissen; geh. 9 Mk., Lwd. 10,80 Mk.) Das Buch ist eine wissenschaftliche Glanzleistung und zugleich ein Mei­sterwerk der Darstellung, so daß es jeder Gebildete, besonders auch die deutsche Jugend, mit größtem Gewinn lesen wird.

Huldigung an die großen Forscher.

Sind mir die großen Forscher, deren Werke ich stets bewunderte, immer schon seit ich auch- ihr Leben kennen lernte, als ebenso verehrungswürdig wie überragend, dabei aber doch, erst dunkel und später deutlicher, wie Verwandte erschienen, so freue ich mich nun, ihnen hier vielleicht ein kleines Denkmal gesetzt zu haben, das sie nicht verachten würden. Es ist auch wohl Zeit hierzu. Denn die Zahl derjenigen, die der Denkweise dieser Forscher zu folgen vermögen, scheint gegenwärtig sehr im Abnehmen zu fein; und doch hat sich keine andere Denkweise zu Mehr geeignet gezeigt, als nur zu Augenblickserfolgen ober zu Verblüffungen oder bestenfalls zur Abfchliehung von schon gründlich Begonnenem. Ja die Denkweise die­ser Naturforscher ist es allein, die auch zur Entwirrung der Fragen der Geisteswissenschaften wird führen können; denn auch diese Fragen be­treffen Naturvorgänge, und die Natur ist in allem Eins. Diese Denk­weise muh also in Erinnerung behalten, wieder gepflegt und neu be­lebt werden, und dazu kann nichts besser beitragen als die Pflege des Gedenkens dieser Forscher selbst. Dem genügend tief Blickenden kann es nicht verborgen (ein, dah unter den menschlichen Geistes-Errungenschaften nichts zweifelsfreier gefestigt, nichts so dauernd gleichmäßig brauchbar dasteht, als eben die Errungenschaften dieser Forscher. Die letzten 15 Jahre haben allen, die Erlebnisse nicht ohne tiefere Gedanken Hinnahmen, vieles, was früher genügend erkannt und in der Vorstellung feststehend erschien, in verändertem Licht als zweifelhaft und zuletzt als irrig ge­zeigt. Eine veränderte Weltanschauung mit neuen Erkenntnissen ist auf­gekommen. Jene Forscher und ihre Beiträge zur Weltanschauung sind dabei aber geblieben, was sie schon waren; ja das Ansehen und die Be­deutung dieser Forscher muh sogar erhöht erscheinen, indem sich nun erst besonders gut zeigt, wie viel mehr fern von Fehlgedanken sie waren die besonderen Bahnbrecher unter ihnen am meisten als ihre Zeit­genossen.

Otto von Guericke (16021686).

Dieser als Erfinder der Luftpumpe und Magdeburger Bürgermeister gern genannte ausgezeichnete Forscher begann fast ganz ungelehrt seine Zwiesprache mit der Natur in selbst ausgedachten Experimenten, die ihn nach mehreren Seiten hin tief ins bis dahin Unbekannte hinein und feiner Zeit voraus führten. Nur gar wenig die Luftpumpe selber ist es aber, die ihn unter die großen Forscher bringt, sondern die Art, wie er sie denkend benutzte, um Fragen an die Natur zu stellen, deren Beant­wortung ohne dieses Hilfsmittel freilich nicht möglich war, wobei er kaum einmal abbrach, ehe nicht die Frage nach allen damaligen Zu­gänglichkeiten erledigt war. Daß es dabei fein besonderer Geschmack war, seine Versuche in etwas großem Maßstab anzustellen, wie mit den Magde­burger Halbkugeln, machte dieselben umso eindrucksfähiger auf seine Zeit­genossen, ergab aber auch, wie an den Funken einer Elektrisiermaschine, Neues, das in kleinerem Maßstabs nicht gleich gut sich offenbaren konnte. Ein besonders freundlicher Zug an diesem fast durch sein ganzes Leben

führend unter seinen Mitbürgern wirkenden Manne war seine Freude am Staunen der noch Uneingeweihten, wenn er sie die Wirkung der Natur sehen oder fühlen ließ an feinen Vorrichtungen, die auch ihm selbst zuvor erst die Wunder offenbart hatten, die voll zu würdigen frei- lief) nicht alle in gleicher Weise befähigt fein konnten. So war und ist unser Guericke einzig in seiner Art.

Guericke ging jedenfalls traft eigener Begabung ans Werk, um, wenn es möglich ist, den leeren Raum beliebig herstellbar zu machen. Er versuchte dazu die gewöhnliche Brunnen- oder Feuerfpritzen-Pumpe zu benutzen, und da'dieselbe für Wasser eingerichtet war, setzte er eine solche Pumpe an ein sonst überall verschlossenes Faß voll Wasser, um zu sehen, ob beim Auspumpen des Wassers ein leerer Raum im Fasse Zurück­bleiben würde. Die zum Pumpen nötigen Kräfte zeigten sich fo groß, daß erst alle Befestigungen verstärkt werden mußten. Als dann endlich drei starke Männer, an dem Stempel der Pumpe ziehend, das Wasser tatsächlich herauszuschasfen vermochten, wurde in allen Teilen des Fasses ein Ge­räusch hörbar, wie wenn das Wasser heftig kochte, und dies dauerte so- lange, bis das ganze Faß an Stelle des herausgezogenen Wassers mit Luft gefüllt war; offenbar was Holz für solche Versuchs nicht genügend luftdicht. Als dann Versuche mit einem unter Wasser gesetzten auszu- pumpenden Faß einigermaßen ermutigend ausgefallen waren, ließ Guericke eine große Kupferkugel anfertigen, die an die Pumpe gesetzt werden konnte, und es wurde jetzt mit Umgehung des Wassers auch so­gleich Lust gepumpt, was vorzüglich gelang. Während man schon meinen konnte, fast alle Luft herausgeschafst zu haben,wurde die Metallkugel plötzlich mit lautem Knall und zu aller Schrecken so zerdrückt, wie man ein Tuch zwischen den Fingern zusammenballt, oder als ob die Kugel von der äußersten Spitze eine Turmes mit heftigem Aufprall herabgeworfen worden wäre". Diele schon ganz neuartige, für die Größe des Luftdruckes höchst lehrreiche Wirkung schrieb Guericke sogleich richtig der wohl nicht genau kugelförmig gewesenen Gestalt des Gesäßes zu. Sie bheb auch aus, als eine neue, vollkommen gestaltete Kugel angefertigt war. Hier gelang es, solange zu pumpen, bis keine Luft mehr aus dem Ventil der Pumps entwich, was als Beweis für die vollständige Evakuierung der Kugel anzusehen war.So wurde also zum zweiten Male ein leerer Raum erhalten." Nach Deffnen des an der Kupferkugel angebrachten Hahnesdrang die Luft mit solcher Kraft in die Kugel, als wollte die­selbe einen davorstehenden Menschen gleichsam an sich reißen". Nun schritt Guericke zurEinrichtung einer besonderen, zur Herstellung des Vakuums dienenden Maschine", der er ft en Luftpumpe.

Es folgte nun eine große Reihe von »ersuchen mit völlig neuen Be­obachtungen, die Grundlage zu vielem Späteren wurden. Vor allem wurde das Streben jeder Luftmenge erkannt, über allen Raum sich zu verbreiten. Schon die Luftblasen, die unter Wasser an Gefäßwänden faßen, zeigten dies, indem sie sich bei Fortnahme des Luftdruckes dehn­ten Eine schlaff mit Luft gefüllte, dichte Schweinsblafe kam im Vakuum von selbst zum Platzen. So wurde es auch klar, daß beim Pumpen die Lust ganz von selber aus dem leerzumachenden Gesäß in die leere Pumpe tritt, sofern nicht etwa Gegendruck des Ventils sie hindert. Letzteres ver­meidet Guericke durch eine besondere Zusatzeinrichtung zum Deffnen der Ventile; auch ersetzt er dieselben durch Hähne. Er überzeugt sich, daß der felbfttqtige Druckausgleich auch durch eine lange Röhrenleitung statt- finbet, wenn Pumpe und Gefäß in verschiedenen Stockwerken des Hauses aufgeftellt wurden. Er vermerkt besonders die Heftigkeit, mit welcher unter Umständen der Druckausgleich erfolgt, fo daß Steinchen und Hasel­nüsse von der Lust umhergeschleudert werden können, und schließt daraus, daß Winde und Stürme auch nur Druckunterschiede der Luft in der Atmosphäre zur Ursache haben dürsten, wie er dann aus besonders nied­rigem Luftdruck einmal einen verheerenden Sturm auch richtig Voraus­sagen konnte. r .

Daß die Atmosphäre den so augenscheinlich gewordenen großen Druck ausübt, schreibt Guericke ganz ihrer Schwere zu; dieScheu vor der Leere" schasst er ausdrücklich vollkommen ab. Vielmehr bestimmt er das von Galilei auf Umwegen oefchätzte spezifische Gewicht der Luft un­mittelbar durch Vergleichswägungen leergepumpter und voller Gesäße, wobei als besonders überzeugend für das nicht geringe Gewicht ganz mäßiger Luftmengen das auf der Waage so augenscheinliche Schwerer­werden beim Einströmen der Luft auftrat. Auch erkennt Guericke, daß der Lust ein einheitliches spezifisches Gewicht nicht zugeschrieben wer­den kann, sondern, daß dasselbe je nach Druck und Temperatur sich ändert. Die Erdatmosphäre wird demnach durch ihre eigene Schwere zusammengehalten und am Erdboden zu der ihr dort eigenen Dichte zu- sammengepreht. Den ungeheuren Raum zwischen den Weltkörpern sieht schon Guericke alsvon jeder Materie leer an.

Durch Guericke wurde, wie man sieht, zum ersten Mal die Luft zum greifbaren Gegenstand, den man gleich festen und flüssigen Körpern nach Belieben in einen Raum füllen und aus ihm wieder entfernen kann. So wurde es auch möglich, durch unmittelbare Beobachtung festzustellen, wie der lufterfüllte Raum vom luftleeren sich unterscheidet. Dies benutzt Guericke auch besonders in zwei grundlegend wichtig gewordenen Be­ziehungen; er fragt nach der Ausbreitungsmöglichkeit von Licht und Schall im leeren Raum. Er hebt hervor, daß der leere Raum, entgegen vorhandener Behauptung, das Licht am Durchgang nicht ver­hindere, weil Dinge, welche man darin anbringe, gesehen werden. Da­gegen fielen feine Versuche mit dem Schatt anders aus. Ein Uhrwerk, das fortlaufend eine Glocke anfchlug, wurde an einem Faden im ausge­pumpten Glasgefäß aufgehängt; der Ton der Glocke wurde nach genügen­der Entfernung der Luft unhörbar. Geräusche drangen aber in mehr­facher Beobachtung nach außen, was Guericke ein wenig irre machte; er scheint hier mangels weiterer Fortsetzung dieser Versuche durch die Fortleitung des Schalles längs festen Körpern getäuscht worden zu fein.

Eine große Zahl von Versuchen stellt Guericke mit teilweise sehr kostbarer Zurüstung nicht so sehr allein der Forschung halber an, als viel­mehr, um mit dem schon Gefundenen auf feine Zeitgenossen zu wirken. Hierher gehören Vorrichtungen, die mittels des Luftdruckes große Kräfte ausübten, fo ein sehr großer Kupferzylinder mit Kolben, der bei plötzlicher Verbindung mit einem vorher ausgepumpten Raum 20 oder 30, ja selbst