Ausgabe 
3.7.1933
 
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Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (955

Montag, -en 5. Juli

Nummer 50

Alter Bauer am Abend.

Von Joachim Lange.

Dies ist am Abend seine Art: Er sitzt allein und stumm. Rauch wölkt sich grau aus grauem Bart. Der Tag war heiß. Der Tag war hart. Der Tag ist um.

Das Haus liegt still. Der Hof ist teer.

Vom Anger schwingt sich fern Ein leises Mädchenlachen her, Verklingt und schweigt. Und ist nicht mehr. Der erste Stern.

Im Stalle raschelt noch ein Huhn.

Ein Fohlen wiehert bang.

Der Alte läßt die Hände ruhn.

Sie hatten Tag um Tag zu tun.

Ein Tag ist lang.

Schwielig die Haut. Die Haare greis.

So friedlich fließt das Blut.

Die Jahre waren hart und heiß.

Der Bauer neigt die Stirn. Er weiß: Herr, es war gut.

Ein Wind springt in das Land hinaus.

Vom Turme schlägt es acht.

Der Alte klopft die Pfeife aus Und geht bedächtig in das Hau«. Bald kommt die Nacht.

Oie Birke.

Von Ern st Wischer t.

In diesem Vorfrühling habe ich mein Vaterhaus wiedergesehen, nach fünfundzwanzig Jahren. So lange Zeit hatte ich mich gefürchtet, mein Leben an seinen Anfang zurückzutraaen und den kleinen Kreis des Ursprungs noch einmal auszuschreiten. Aber nun wollte ich weit fort von meiner Heimat, bis in das Alpenvorland, und das Tor zumachen hinter einem lauten Weg. Aber da wollte ich sie noch einmal sehen, die Stille meines Anfangs, um das Bild mit hinüberzunehmen und es aufzustellen über einem fremden Herd.

Aber nun war es vielleicht doch nicht gut. Ich kam aus einer großen Stadt, aus vielen Städten. Ich hatte vorgelesen, es waren viele Menschen um mich gewesen. Lob, Tadel, Fragen, Schicksale. Und nun hatte ich eine Nacht in der Heimat geschlafen, in einem kleinen Haus in Cruttinnfluß. Auf dem kleinen Friedhof hinter dem Gartenzaun schliefen meine Groß­eltern, und vor mir lag die weite Krümmung des Flusses, und hinter ihr lagen die weiten Wälder. Und alles war grau und winterlich und still, so totenstill. Und ich sah nun, daß es ein Gesetz war, nach dem ich an­getreten und weitergegangen war, und es schauerte mich ein wenig vor der Größe und der Schwermut dieses Gesetzes. Ich glaubte mich ent­bunden zu haben von ihm, in den Städten, in der Arbeit, in der warmen Menschlichkeit eines tätigen- Lebens. Aber nun, beim ersten Anblick, stand es wieder auf und sah mich an und nahm mich in das ©einige.

Am nächsten Morgen machte ich meinen Wagen fertig und fuhr in die Wälder. Nebel hing um die hohen Tannen. Kein Vogel fang, keine Blume blühte. An der Morawa hielt ich an. Eine Lichtung, wo der Fluß aus den Seen tritt. Hier war zu meiner Kinderzeit am Weihnachtsabend ein Forstaufseher eingebrochen und ertrunken. Hier hatten die Boote gelegen, mit denen wir in der Sommernacht flußabwärts gefahren waren. Hier hatte der Pavillon gestanden, auf dessen Bretterboden unsere Eltern getanzt hatten. Ein paar morsche Balken moderten unter dem braunen Moos, grau und blind schob das Eis sich zwischen die Wälder. Die ersten Toten standen auf und sahen mich an. Ich floh sie nicht, aber mein Herz war schwer, als ich bedachte, was in vierzig Jahren sich löst und bindet.

Ich fand die Stelle, an der ich meinen ersten Adler geschossen hatte. Der Hochwald war fort, fremde Schonungen sahen mich an. Ich wußte nicht, wer sie gepflanzt hatte. Die Sonne kam über die Wipfel und be­leuchtete ein fremdes Land. Was unwandelbar erschienen war, hatte sich gewandelt. Das Paradies, hatte ich geglaubt, könne sich nicht wandeln. An derselben Stelle müßten die Rehe stehen, unter demselben Baum müßte Gottvater ruhen. Hatte ich bedacht, daß ich selbst als ein anderer wiederkam?

Je näher ich meinem Vaterhause kam, desto fremder wurde die Welt. Hier trug ich jeden Busch in meiner Seele, hier konnte ich die Augen schließen und sagen:So muß es hier fein". Aber es war nicht fo. Alles Kleine der Kinderzeit war groß, erschreckend groß geworden, alles Große war fort. Auch hier war Geburt und Tod gewesen, aber ich hatte weder an den Wiegen noch an den Särgen gestanden. Ich stieg aus dem Wagen, um die Erde an meinen Sohlen zu spüren, ich blieb zwischen den Kiefern stehen und lauschte. Ich wußte, wie es gerauscht hatte zu meiner Kinderzeit, in den unvergeßlich großen Bögen der stillen Melodie, hinunter bis in die letzten Wurzeln meines jungen Lebensbaumes. Es rauschte auch jetzt, von Wipfel zu Wipfel, groß, gelassen und fern, aber es streifte mich wie ein fremder Mantel. Es hob sich auf wie von einem Irrtum und ging davon. Es ließ mich außer sich. Es war, als hatte es mich enterbt.

Und dann sah ich das Haus. Das erste war die Tannenhecke am Weg mit den Ahornbäumen. Ich sah sie, aber sie war nicht da. Mein Vater hatte sie gepflanzt, und man hatte sie aus feinem Leben geschnitten, als sei er schon tot. Dort hatten die Hasen zur Winterszeit gelegen, und immer war ein leises Rauschen in dem Dunkel der Zweige gewesen, und die ersten Gestalten einer kindlichen Dichtung hatten dort gewohnt, im grünen Dämmerlicht, das immer über dem schmalen Wege stand.

Und da wußte ich, daß auch das andere so sein würde, alles andere. Es war eine freundliche Frau, die mich empfing, aber in ihrer Freund­lichkeit lag die Sicherheit des Besitzes und die gütige Nachsicht für die Seltsamkeit eines Sonderlings. Die Oberstube? Nein, die Dberftube sei leider nicht mehr da. Es fei angebaut worden, und da habe sie leider ver- oerschwinden müssen. Aber ich könne ruhig hinaufgehen. Nein, das wollte ich nun nicht mehr. Auch in einem Totenhaus geht man nicht umher, um Hausrat und Aussicht anzufehen. Und dieses war doch ein Totenhaus. Meine Kindheit lag dort aufgebahrt, ohne Anspruch, und Feierlichkeit, und man hatte vergessen, ihr die Augen zuzudrücken, so daß sie mich ansah, wohin ich auch immer ging. Ich ging sehr leise, wie es sich ge­hörte, sehr scheu, und so schnell, wie es erlaubt ist in einem Totenhaus.

2ch ging auch in den Garten, wo die hohen Tannen gerauscht hatten .und wo ich mit meinem Kranich geschlafen hatte, fein Herz an meinem Herzen. Die Tannen waren nicht mehr da. Sie seien krank gewesen, hatte die Frau gesagt, und sie hätten auch zuviel Schatten geworfen. Auch die Kirschbäume waren fort, und der alte Apfelbaum mit grünem Moos auf feinem gekrümmten Stamm. Nur die Esche am Giebel stand da, die mein Vater gepflanzt hatte, und ihr grauer Gipfel reichte hoch über das Dach.

Eine Weile stand ich da, in meiner bitteren Verlorenheit, und starrte hinaus, nach dem Kreis der Wälder, der dies alles umschloß. Wie aus einer Schale tropften die Jahre des Gewesenen in mich hinein, alle Bitter­keit und alle Süße eines Kinderlebens, und plötzlich war mir, als sei mein Haar grau, als rühre die Hand der Geschlechter mich an, mit einer leisen Mahnung, daß das Unsterbliche in der Kette liege und nicht in ihren Gliedern.

Da wendete ich den Wagen auf dem schmalen Hofe und fuhr davon. Und noch als er aus dem grauen Tor rollte, fiel mir ein, daß ich nun in einem schwarzen, glänzenden Wagen den Weg heraufgekommen fei, den ich fo oft barfuß als Kind heruntergelaufen war, um die Kühe zu hüten ober den Frühstückskorb auf das Feld zu tragen. Es hätte ein Trost und vielleicht sogar ein Stolz in diesen Gedanken liegen können, aber ich war weit von allem Stolz entfernt. Sehr demütig fuhr ich nun aus meinem Kinderland.Fremd ist dir alles geworden", dachte ich,aber vielleicht ist dies alles hier geblieben wie am ersten Tag, und nur du selbst bist als ein Fremder eingekehrt in ein stilles, wartendes Haus. In einem großen Wagen bist du angekommen, fo wie es in den Märchen steht, aber alle diese Dinge deiner Kindheit wollten das nicht. Sie wollten, daß du die Schuhe auszögest an der Schwelle eines heiligen Landes und wiederkehrtest, wie du einst gegangen warst: barfuß, demütig und arm. Dann wären die gefällten Bäume auferftanben unb hätten bir zuge­rauscht, bie zerbrochenen Mauern hätten sich aufgerichtet, bie verwelkten Blumen hätten geblüht ... kein Frembling wärest bu gewesen in deinem Vaterhaus ..."

Und ich sah mich um in der schweigenden Runde, ob nicht ein Trost geblieben sei, an dem ich mich aufrichten könnte in meiner Verlassenheit. Denn ich war ja nicht treulos gewesen, ich hatte ja nur in einem Berge geschlafen, und als ich nun wiedergekommen war, kannte mich niemand mehr. Und da, in diesem Augenblick, sah ich sie. Auf einem Heidekraut- Hügel, unweit des Weges. Weiß und schmal stieg ihr Stamm in die Höhe, und ein rötliches Licht hing über der schlanken Krone. Fremd und süß war ihre Zierlichkeit in dem schweren Ernst der Kiefernwälder, und etwas von der frohen Schwermut eines Wanderers war In ihrer Gestalt, der stillesteht und sich umblickt, bevor er den Fuß weitersetzt auf feine einsame Straße. Ich legte die Hände um ihren kühlen Schaft und sah zu ihr empor. Es war mein Eigentum, meines allein, denn ich hatte sie gepflanzt am Tag vor Pfingsten, als ich sechs Jahre gewesen war. Nie-