Nur zu!" sagte Lore, indem sie ihr Pelzkäppchen zurückschob, daß ihr schwarzes Haar sichtbar wurde. „Er kriegt dich doch!"
Ich konnte nicht antworten; schneller als je zuvor trieb ich den öd)lit= ten vorwärts; aber ich keuchte, und ineine Kräfte, von der langen Fahri geschwächt, begannen nachzulassen. Immer näher horte ich den Versolger hinter mir; rastlos und schweigend war er uns auf den Fersen; dann plölllich hörte ich dicht an meiner Seite seine Schlittschuhe scharf im Eise hemmen und eine schwere Hand fiel neben der meinen auf die Lehne des Schlittens. „Halpart, Philipp!" rief er, indem er mit der andern an meine Brust griff.
Ich rin seine Hand los und stieß den Schlitten fort, daß er weit vor uns hinfloq. Aber in demselben Augenblick erhielt ich einen Faust,chlag und stürzte rücklings mit dem Hinterkopfe auf das Eis. Nur undeutlich hörte ich noch das Fortschurren des Schlittens; dann verlor rch die Besinnung.
Ich blieb indes nicht lange in dieser Lage. Wie ich später von ihm hörte, hatte Christoph bald darauf sich nach mir umgesehen und war, da er mich nicht nachkommen sah, auf den Platz unseres Kampfes zuruck- qekehrt. Nicht ohne große Bestürzung hatten dann beide, nachdem Lore ausgestiegen, mich in den Schlitten gehoben. — Mir (61^1 tam nur ein dunkles Gefühl von alledem; es war wie Traumwachen. Mitunter verstand ich einzelne Worte ihres Gesprächs. „Behalt' doch deinen Mantel, Lore!" hörte ich Christoph sagen. — „O nein; ich brauch' ihn nicht; ich laufe ja." — Und zugleich fühlte ich, daß etwas Warmes auf mich niedersank. Der Schlitten bewegte sich langsam vorwärts. Dann kam es wieder wie Dämmerung über mich; immer aber war es mir, als ginge ein leises Weinen neben mir her.
Zum völligen Bewußtsein erwachte ich erst in der Wohnstube und aus dem Sosa des Wassermüllers, der hart am Ufer des Mühlenteichs wohnte. Lore hatte mit ihrer Mutter, die mittlerweile auch herausgekommen war, nach Hause gehen müssen; Christoph aber war zurückgeblieben und hatte sich aus den Rat der Mllllersfrau damit beschäftigt, mir nasse Umschläge auf den Kopf zu legen. Als ich die Augen aufschlug, saß er neben mir aus dem Stuhl, eine irdene Schüssel mit Wasser zwischen den Knieen. Er wollte eben das Leintuch erneuern; aber er zog jetzt die Hand zurück und fragte schüchtern: „Darf ich dir helfen, Philipp?"
Ich setzte mich aufrecht und suchte meine Gedanken zu sammeln; der Kopf schmerzte mich. „Nein", sagte ich dann, „ich brauche deine Hilfe nicht."
„Soll ich jemanden für dich aus der Stadt holen?
„Geh nur; ich werde schon allein nach Hous kommen."
Christoph stand zögernd auf und setzte die Schüssel auf den Tisch.
Bald darauf knarrte die Stubentür; er hatte die Klinke in der Hand; aber er ging nicht fort. Als ich mich umwandte, sah ich die Augen meines alten Kameraden mit dem Ausdruck der ehrlichsten Traurigkeit auf mich gerichtet.
Nur eine Sekunde noch war ich unschlüssig. „Christoph", sagte ich, indem ich aufstand und ihm die Hand entgegenstreckte, „wenn du Zeit hast, so bleibe noch ein wenig bei mir; du kannst mir deinen Arm geben; wir gehen dann zusammen in die Stadt."
Wie ein Blitz der Freude fuhr es über sein Gesicht. Er ergriff meine Hand und schlltselte sie. „Es war ein schändlicher Stoß, Philipp!" sagte er.
Eine halbe Stunde später, da es schon völlig finster war, wanderten wir langsam nach der Stadt zurück.
*
Aber die Sache ging nicht so leicht vorüber. Ich konnte am solgenden Morgen das Bett nicht verlassen und mußte meinen Eltern gestehen, daß ich einen schweren Fall auf dem Eise getan habe.
Am Abend des folgenden Tages, da ich schon fast wieder hergestellt war, setzte meine Mutter ein Federkästchen von poliertem Zuckerkistenholz vor mir auf den Tisch. „Der Christoph Werner hat es gebracht", sagte sie; „er habe es selbst für dich gearbeitet."
Ich nahm dgs Kästchen in die Hand. Es war zierlich gemacht, sogar aus dem Deckel mit einer kleinen Bildschnitzerei versehen.
„Er hat sich auch nach deinem Befinden erkundigt", fuhr meine Mutter fort; „habt ihr denn draußen eure alte Freundschaft wieder neu besiegelt?" „Besiegelt, Mutter? — Wie Inan's nehmen will", sagte ich lächelnd.
Und nun ließ die gute Frau nicht nach, bis ich, von manchen Fragen und zärtlichen Vorwürfen unterbrochen, ihr mein ganzes kleines Abenteuer gebeichtet hatte. — Aber es wurde, wie sie gesagt; der Lateiner und der Tischlerlehrling erneuerten ihre Kameradschaft; und zweimal wöchentlich zur bestimmten Stunde ging ich von nun an regelmäßig in die Werkstatt des alten Tischlers Werner, um unter der Anleitung des geschickten Mannes wenigstens die Ansangsgründe seines Handwerks zu erlernen.
. 3m Schloßgarten.
Das ist die Drossel, die da schlügt,
Der Frühling, der mein Herz bewegt, Ich fühle, die sich hold bezeigen, Die Geister aus der Erde steigen;
Das Leben fließet wie ein Traum, Mir ist wie Blume, Blatt und Baum.
Es war Frühling geworden. Die Nachtigall zwar verkündigte ihn nicht; denn, wenn auch mitunter eine sich zu uns verflog, die Nordwestwinde unserer Küste hatten sie bald wieder hinweggeweht; aber die Drossel schlug in den B^umgängen des alten Schloßgartens, der im Schutze der Stadt, in t>em Winkel zweier Straßen lag. Dem Haupteinaange gegenüber auf einem Rasenplatz hinter den Gärten der großen Marktstraße war seit
gestern ein Karussell aufgeschlagen; denn es war nicht nur ^ruhling, cs war auch Jahrmarkt, eine ganze Woche lang. Die Leierkastenmünner waren eingezogen und vor allem die Harfenmädchen; die Schüler mit ihren roten Mützen streiften Arm in Arm zwischen den aufgefchlagenen Marktbuden umher, um womöglich einen Blick aus jungen Augen zu erhaschen, die zu gewöhnlichen Zeiten bei uns nicht zu finden waren. — Daß während des Jahrmarktes die Gelehrtenschule, wie alle anderen, Ferien machte, verstand sich von selbst. — Ich hatte das vollste Gefühl dieser Feiertage, zumal ich seit kurzem Primaner war und infolgedessen neben meiner roten Mütze einen schwarzen Schnürenrock nach eigener Erfindung trug. Brauchte ich nun doch auch nicht mehr wie sonst abends an dem Treppeneingange des erleuchteten Ratskellers stehenzubleiben, wo sich allzeit das schönste, luftigste Gesindel bei Musik und Tanz zusammenfand; ich konnte, wenn ich ja wollte, nun selbst einmal hinabgehen und mich mit einem jener fremdartigen Mädchen im Tanze wiegen, ohne daß irgend jemand groß danach gefragt hätte. — Aber grade zu solchen Zeiten liebte ich es mitunter, allein ins Feld hinaus zu streifen und in dem sichern Gefühl, daß sie da seien und daß ich sie zu jeder Stunde wieder erreichen könne, alle diese Herrlichkeiten für eine Zeitlang hinter mir zu lassen.
So geschah es auch heute. Unter der Beihilfe meines Vaters, der ein leidlicher (Entomologe1 2 war, hatte ich vor einigen Jahren eine Schmetterlingssammlung angelegt und bisher mit Eifer fortgeführt. Ich war nach Tische auf mein Zimmer gegangen und stand vor dem einen Glaskasten, deren schon drei dort an der Wand hingen. Die Nachmittagssonne schimmerte so verlockend auf den blauen Flügeln der Argusfalter, aus dem Sammetbraun des Trauermantels; mich überkam die Lust, einmal wieder einen Streifzug nach dem noch immer vergebens van mir gesuchten Brombeerfalter zu unternehmen. Denn dieses schöne, olivenbraune Som- mervögelchen, welches die stillen Waldwiesen liebt und gern auf sonnigen Gesträuchen ruht, war in unserer baumlosen Gegend eine Seltenheit. — Ich nahm meinen Ketscher- vom Nagel; dann ging ich hinab und ließ mir von meiner Mutter ein Weißbrötchen in die Tasche stecken und meisie Feldflasche mit Wein und Wasser füllen. So ausgerüstet schritt ich bald über den Karussellplatz nach dem Schloßgarten, dessen Baumgänge schon von jungem Laube beschattet waren, und von dort weiter durch die dem Haupteingange gegenüberliegende Pforte ins freie Feld hinaus. Es hatte die Nacht zuvor geregnet, die Luft war lau und klar; ich sah drüben am Rande des Horizonts auf der hohen ®eeft3 die Mühle ihre Flügel drehen.
Eine kurze Strecke führte noch der Weg an der Außenseite des Schloßgartens entlang; dann wanderte ich aufs Geratewohl auf Feldwegen oder Fußsteigen, welche quer über die Aecker führen, in die sonnige, schattenlose Landschaft hinaus. Nur selten, soweit das Auge reichte, stand aus den Sand- und Steinwällen, womit die Grundstücke umgeben sind, ein wilder Rosenstrauch oder ein anderes dürftiges Gebüsch; aber hier, wo in der Morgenfrühe die rauhen Seewinde ungehindert überhin fahren, waren nur kaum die ersten Blätter noch entfaltet. Ich schlenderte behaglich weiter; mehr die Augen in die Ferne als nach dem gerichtet, was etwa neben mir am Wege zwischen Gräsern und rotblühenden Nesseln gaukeln mochte.
So war, ohne daß ich es merkte, der halbe Nachmittag dahin. Ich hörte es von der Stadt her vier schlagen, als ich mich an dem Ufer des Mühlenteichs ins Gras warf und mein bescheidenes Vesperbrot verzehrte. Eine angenehme Kühle wehte von dem Wasserspiegel auf mich zu, der groß und dunkel zu meinen Füßen lag. — Dort in der Mitte, wo jetzt über der Tiefe die kleinen Wellen trieben, mußte der Schlitten gestanden haben, als Lore ihren Mantel über mich legte. Ich blickte eine ganze Weile nach dem jetzt unerreichbaren Punkte, den meine Augen in dem Fluten des Wassers nur mit Mühe festzuhalten vermochten.--
Aber ich wollte ja den Brombeerfalter fangen! Hier, wo es weit umher kein Gebüsch, kein stilles, vor dem Winde geschütztes Fleckchen gab, war er nicht zu finden. Ich entsann mich eines andern Ortes, an dem ich vor Jahren unter der Anführung eines älteren Jungen einmal Vogeleier gesucht hatte. Dort waren Koppel an Koppel die Wälle mit Hagedorn und Nußgebüsch bewachsen gewesen; an den Bornen hatten wir hie und da eine Hummel aufgespießt gesunden, wie dies nach der Naturgeschichte von den Neuntötern geschehen sollte; bald hatten wir auch die Vögel selbst aus den Zäunen fliegen sehen und ihre Nester mit den braun- gesprenkelten Eiern zwischen dem dichten Laub entdeckt. Dort in dem heimlichen Schutz dieser Hecken war vielleicht auch das Reich des kleinen, seltenen Sommervogels! Das „Sietland" hatte der Junge jene Gegend genannt, was wohl soviel wie Niederung bedeuten mochte. Aber wo war das Sietland? — Ich wußte nur, daß wir in derselben Richtung, wie ich heute, zur Stadt hinausgegangen waren und daß es unweit der großen Heide gelegen, welche etwa eine Meile weit von der Stadt beginnt.
Nach einigem Besinnen nahm ich mein Fanggerät vom Boden und machte mich wieder auf die Wanderung. Durch einen Hohlweg in den sich das Ufer hier zusammendrängt, gelangte ich auf eine Höhe, von der ich die vor mir liegende Ebene weithin Übersehen konnte; aber ich sah nichts als Feld an Feld die kahlen, ebenmäßigen Sandwalle, auf denen die herbe Frühlingsfonne flimmerte. Endlich, dort in der Richtung nach einem Häuschen, wie sie am Rande der Heide zu stehen pflegen, glaubte ich etwas wie Gebüsch zu entdecken. — Es war mindestens noch eine halbe Stunde bis dahin, aber ich hatte heute Lust zum Wandern und schritt rüstig darauf los. Hie und da flog ein gelber Zitronenfalter ober ein Kreßweißling über meinen Weg, ober eine graue Leineule kletterte an einem ©rasftengel; von einem Brombeerfalter aber war keine Spur.
(Fortsetzung folgt.)
1 Jnsektenforscher.
2 Beutelförmiges Netz zum Schmetterlingfangen.
3 Die erhöhten, sandigen Strecken der Küstenlandschaft.
^verantwortlich: vr. HansThyriot. — Druck unbBerlag:Brühl'fcheUniverfitäts-Duch» undSteindruckerei, N. Lange, Gießen.


