Geheimnisse des Meeresgrundes.
Ein neuartiges Unterwasser-Fahrzeug.
Von Dr. Helmut ThomasiuS.
Bei der Erforschung des Meeresgrundes ergeben sich eine Menge ungelöster Fragen. Sie liegen teilweise auf wissenschaftlichem Gebiet, teilweise auf wirtschaftlichem, hat doch eine Ausbeutung dessen, was es da drunten zu holen gibt, in nennenswertem Maße überhaupt noch nicht stattgcfunden. Was wir an Muscheln, Schwämmen, Perlen und aus den Wracks gesunkener Schiffe zutage fördern, kommt durchweg aus nur geringen Tiefen und meist aus nächster Nähe der Küste. Zweifellos ließe sich viel mehr und vielleicht manches gewinnen, was uns dis Oberfläche des Festlandes nicht bietet, wenn es gelänge, in größere Tiefen hinabzukommen und den Boden des Meeres regelrecht zu durchforschen.
An Versuchen hierzu hat cs nicht gefehlt. Wenn wir sie überblicken, ergibt sich eine große Mannigfaltigkeit. Die Taucherapparate und die dazu gehörigen Anzüge wurden immer weiter vervollkommnet. Mancherlei Einrichtungen entstanden, um das unterseeische Betätigungsfeld des Tauchers zu erweitern. Ganze Aufenthaltsräume für Menschen wurden aus den Meeresgrund versenkt. In weiten, von den Schiffen herab- gelassenen Rohren wurden Treppen zu ihnen hinab geführt. Um möglichst große Tiefen zu erreichen, sind sogar eigens sehr starkwandige Hohlkugeln aus Stahl hergestellt worden, die auch einem beträchtlichen Wasserdruck standhalten, ohne zerquetscht zu werden. In ihnen fanden die Beobachter Platz, die durch dickwandige Fenster hindurch die Umgebung photographierten.
Bei den meisten für Arbeiten oder Forschungen unter der Meeresoberfläche gebauten Einrichtungen fehlt aber entweder die leichte Beweglichkeit oder es lassen sich damit keine allzu großen Tiefen erreichen. Es ergibt sich also nur ein begrenzter Wirkungskreis. Der Gedanke, sich in beträchtlicher Tiefe frei und in ähnlicher Weise wie auf der Erdoberfläche bewegen zu können, hat viel des Anziehenden an sich, läßt sich aber nur schwer in die Tat umsetzen. Immerhin ist nunmehr der Versuch gemacht worden, ein Fahrzeug zu bauen, das die gewünschte und ersehnte Bewegungsfreiheit gewährleistet.
Wenn man allerdings sagen soll, zu welcher Gattung von Verkehrsmitteln dieses Fahrzeug gehört, kommt man in einige Verlegenheit. Es ist Schiff, Unterseeboot und Auto zugleich, zeigt aber auch Merkmale des Flugzeugs. Jedenfalls gewährt es, wie die Erprobungen bereits erwiesen haben, den Vorteil, daß man damit sowohl auf der Wasseroberfläche, wie untergetaucht im Wasser, wie endlich auf dem Meeresboden dahinfahren kann.
In seinem Aeußeren gleicht das Fahrzeug einem Kraftwagen, auf den man oben ein Schiffsdeck aufgesetzt hat. Auf dem Schiffsdeck befinden sich zwei Türme, durch die die Besatzung ins Innere hineinsteigt und die gleichzeitig als Ausguck dienen. Zu diesem Zweck ist an ihnen eine Anzahl von kleinen runden Fenstern aus starkwandigem Glas angebracht. Die Einrichtungen zum Untertauchen, sowie auch viele sonstige Einzelheiten entsprechen im allgemeinen denen der Unterseeboote. Das Tauchen erfolgt durch Aufnahme von Wasserballast in besondere Tanks. Wenn das Boot wieder emporsteigen soll, wird dieser Ballast herausgedrückt.
Eine Schiffsschraube dient zur Fortbewegung im Wasser, wobei es gleichgültig ist, ob diese auf der Oberfläche oder unter ihr stattsindet. Ob das Boot schwimmt oder schwebt, in beiden Fällen kann es verankert werden. Um seinen jeweiligen Standort zu kennzeichnen, ist an Deck eine Boje angebracht, die, während es untergetaucht ist, emporgelassen wird und aus dem Wasser schwimmt. Auch die Fortbewegung auf dem Meeresboden erfolgt unter Verwendung der Schiffsschraube. Das eigenartige Auto-Unterseeboot besitzt zwei Paar verschiedene Räder. Das eine Paar, das auf einer gemeinsamen Achse sitzt, ist auf den Radkränzen mit Querleisten ausgestattet. Sie dienen zur Fahrt auf hartem Boden. Das andere Radpaar mit sehr breiten Radkränzen hindert das Einsinken in weichen Moder. Der Anttieb der Schraube erfolgt auf elektrischem Wege, es ist Vor- und Rückwärtsbewegung vorgesehen. Die Lenkung vollzieht sich in ähnlicher Weise wie bei allen Kraftwagen.
Da- Boot ist sieben Meter lang, zwei Meter breit und vermag fünf Mann Besatzung auszunehmen. Außen besinden sich an ihm verschiedene Vorrichtungen, die von innen her in Bewegung gesetzt werden. Mit ihnen ist es möglich, Gesteinsproben oder Pflanzen vom Meeresgründe loszureißen ober den Inhalt gesunkener Schiffe aus den schiffsrümpfen herauszuheben. Eine dieser Vorrichtungen ist ein starker Kran, an dem ein Schaufelbagger hängt. Ferner sind mehrere wagerecht liegende Schiffsschrauben angebracht, die bei ihren Umdrehungen heftige Wasserwirbel erzeugen, wodurch der Sand von Gegenständen weggewaschen wird, die er bedeckte und die man bloßlegen will. Auch Fanggeräte für «zische sind vorhanden. In der Schiffswandung sitzen sehr starke Scheinwerfer, die ihre Lichtstrahlen weit hinaussenden. Sie erleuchten nicht nur die Umgebung, sondern geben auch genügend Helligkeit, um Photographien von ihr aufzunehmen. _, £ , ,, . .
Bei den Probefahrten hat man das Fahrzeug vorsichtshalber durch eine lange Kette mit einem Schiff verbunden, zu dem auch Leitungen der verschiedensten Art, darunter Fernsprechverbindungen, hinauffuhrten. Ein Schleppen an dieser Kette fand jedoch nicht statt. Das Fahrzeug bewegte sich vollkommen selbständig, teils schwimmend im Waßer^ teils fahrend auf dem Meeresboden. Das Schiff folgte nur hinterher. Sofern weiterhin alles klappt, wird die Verbindung mit ihm gelöst werden unb es werden vollständig freie Fahrten beginnen. Es sei noch erwähnt, datz bereits Tiefen von fast 200 Meter erreicht wurden.
Wenn sich die in dieses Fahrzeug gesetzten Hoffnungen erfüllen, wird vielleicht bald eine gründlichere Erforschung und Ausbeutung des Meeresgrundes einsetzen, als sie bisher möglich war. So widersinnig es klingt, man wird vielleicht in absehbarer Zeit in bescheidenem Umfang von einem „unterseeischen Autoverkehr" sprechen können. Freilich ist es tut einen solchen mit dein Fahrzeug allein nicht getan, herrscht doch von einer bestimmten Tiefe an schwärzeste Finsternis. Der Technik erwachst damit die 2(ufgabe, Einrichtungen zu schaffen, die auch in großer Ent
fernung von der Meeresoberfläche noch genügende Helligkeit geben, um ungestört zu arbeiten, sowie zu photographieren und wenn möglich sogar lebende Bilder von schnell sich bewegenden Tieren aufzunehmen.
Während man bei verschiedenen Hebungsversuchen, die neuerdings in Tiefen von etwa siebzig Metern durchgesührt wurden, Gruppen von Lampen zu je 1000 Watt benutzte und dabei meist mit zwei derartigen Lampen auskam, deren Licht durch Hohlspiegel auf die Arbeitsstätte geworfen wurde, wird ein neues Tauchunternehmen, dessen Ziel die Hebung der „ßufitania" ist, mit viel stärkeren Beleuchtungseinrichtungen ausgerüstet. Es wird dabei nötig (ein, auf etwa achtzig Meter Tiefe herabzugehen. Zur Erhellung des Meeresgrundes wird eine Batterie von 25 Lampen zu je 5000 Watt an den Ort der Arbeit versenkt. Allerdings ist beabsichtigt, auch Filme aufzunehmen, die den Fortgang der Hebungsversuche zeigen. Erwähnt sei noch, daß auch das neue Untersee- boot-Auto, dessen Einrichtung wir eben geschildert haben, eine Lampe von 5000 Watt mit sich führt.
Mit diesen Lichtstärken wird man voraussichtlich bis zu den tiefsten Tiefen hinab aus kommen, die jemals erreicht werden. Schwärzer als schwarz gibt es bekanntlich nicht. Wenn einmal der höchste Grad von Finsternis herrscht, der auch bei größerer Tiefe nicht mehr zunimmt, sind weitere Bemühungen unnötig. Die Lampe, die hier hell genug strahlt, wird auch weiterhin genügen. Deshalb erscheint die Behauptung gerechtfertigt, daß auch die Frage der Beleuchtung in großen Meerestiefen nunmehr als gelöst betrachtet werden kann.
Auf der Universität.
Novelle von Theodor Storm.
tFortietzung.)
Ader die Mitte des Sees lockte mich; unmerklich wandte ich den Schlitten, und immer größer wurde der Raum, der uns vom Ufer trennte. Schon konnte ich beim Zurückblicken nur noch kaum das Blinken des Schilfs unterscheiden; geheimnisvoll dehnte sich die dunkle Spiegelfläche bis zum andern weit entfernten Ufer, kaum erkennbar, ob eine feste, tragende Eisdecke ober nur ein regungsloses, trügliches Gewässer. Endlich war die Mitte erreicht. Jede Spur eines menschlichen Fußes hatte aufgehört; wie verloren schwebte der Schlitten über der schwarzen Tiefe. Keine Pflanze streckte ihr Blatt hinauf an die dünne, kristallene Decke; denn der See soll hier ins Bodenlose gehen. Nur mitunter war es mir, als husche es dunkel unter uns dahin.--War bas vielleicht der
Sargfisch, der in den untersten Gründen dieses Wassers hausen soll, der nur heraussteigt, wenn der See sein Opfer haben will? — „Wenn es wäre", dachte ich, „wenn es bräche!" Unb meine Augen suchten die dunkeln Hüllen zu durchbringen, in denen ich die liebliche Gestalt verborgen wußte.--
Wieder hatte ich den Schlitten gewandt und fuhr jetzt grabeaus, mich immer in der Mitte hallend. Vor uns, dort, wo der See feine Ufer zu einem schmalen Strom zusammendrängt, war in der Ferne schon die Brücke zu erkennen; wie ein Schatten stand sie in der grauen Luft.
„Mach' zurück, Barthell Es wird kalt!" sagte Lore.
Ich achtete nicht darauf. „Mag sie sich umblicken!" dachte ich und schob nur um so rascher vorwärts. Ich wartete jetzt fast mit Ungeduld darauf. Aber sie schien ihre Mahnung schon vergessen zu haben; denn sie senkte schweigend den Kopf und wickelte sich fester in ihren Mantel. — Unb weiter flog der Schlitten. Mitunter war mir, als spürte ich unter uns eine leise Wellenbewegung, als hebe und senke sich die dünne Kristalldecke unter der über sie hinfliegenden Last; aber ich hatte keine Furcht, ich wußte, was man dem jungfräulichen Eise bieten darf.
Der kurze Winternachmittag war indessen fast zu Ende gegangen; schon lag der Sonnenball glühend am Rande des Horizonts. Es wurde kalt, bas'(Eis tönte. Und jetzt, in stetem Wachsen, lief ein donnerndes Krachen von einem Ufer zum andern über den Ungeheuern, immer dunkler werdenden Eisspiegel.
Lore warf sich zurück und stieß einen lauten Schrei aus.
„Erschrick nicht!" sagte ich leise, „es hat nicht Not, es kommt nur von der Abendluft."
Sie wandte sich um und starrte mich wie verwirrt an. „Du! rief sie, „was willst du hier?"
„So mach' doch nicht so böse Augen!" sagte ich und suchte ihre Hand zu fassen.
Sie entriß sie mir. „Wo ist Barthel?
„Er ist zurückgeblieben; ich habe dich über den See gefahren."
Sie richtete sich auf. „Laß mich hinaus!" rief sie, indem ihr die Tränen aus den Äugen (prangen.
Ich härte nicht auf sie; ich wandte nur den Schlitten nach der Stadt zurück. „Lore", fagte ich, „was habe ich dir getan?"
Aber sie stieß mich mit der kleinen, geballten Faust vor die Brust. „Geh doch zu deinen seinen Damen! Ich will nichts mit euch zu Um haben, mit dir nicht, mit keinem von euch!"
Es war wie Wut, was mich überfiel. Ich faßte sie mit beiden Armen und drückte sie hart auf den Sitz nieder.
„Du bist ruhig, Sore", sagte ich, unb die Stimme bebte mir, „oder ich "wende noch einmal den Schlitten, und ich sahre dich in die Nacht hinaus, unter der Brücke durch, soweit der Strom ins Land hinaus reicht; mir gleich, ob es hält ober bricht!"
Sie hatte währenddessen, saft als beachte sie meine Worte nicht, seitwärts über den See geblickt; aber sie blieb sitzen und ließ sich ruhig von mir fahren. Nur fiel es mir auf, daß sie bald darauf wiederholt und wie verstohlen nach öerfelben Selle blickte. Als auch ich den Kopf dahm wandte, sah ich einen Schlittschuhläufer in nicht gar weiter Ferne auf uns zustreben. Er mutzte bemertt Haden, was soeben vorgesallen; denn er strengte sich augenscheinlich an, uns zu erreichen. .
Und schon hatte ich ihn erkannt; es war Christoph, mein alter Spielkamerad, der große Feind der Lateiner. Ich wußte auch wohl, was fetzt devorstand; es galt nur noch, wer von uns der schnellste fei.


