Dor unserem St. nmkokal blieben wir stehen, Eve zögerte. Da sagte lch: .Wenn du willst, bitte, wir laden dich gern zu einem Glase em, ^"und^dann^saßen wir drei zusammen, wie so ost vor Jahren. Allgewaltig überfiel uns die Erinnerung, überfiel uns die Erkenntnis des fließenden gebens: Menschen zu halten, die beim Gehen ein Stuck von einem selbst mitnehmen würden. Menschen sind nur durum fo oft zerrissen, ^EU sie jene denen sie einen Teil ihres Herzens geben, wieder sortgehen lassen.
Und so haben wir drei eben auch über unsere Irrung hinweggesunden. Mucki war der Klügste. Ihm danke ich es, datz meine Frau wieder zu
mir zurückfand."
Walter Stiasny brach ab. Es klingelte.
Das ist Eve", sagte Frau Lotte und stand rasch auf.
Es war (Ece; die Tür ging auf, hereintrat eine junge Frau, mit dunklen Augen, frischem Gesicht, sie grüßte den Hausherrn herzlich, dann beugte sie sich zu ihrem Mann herunter und küßte ihn.
„Mucki würde eifersüchtig sein", sagte Frau Lotte.
Ueberrascht hob Frau Eve den Kopf, ftagend sah sie sich im Kreise um dann blieben ihre Augen an ihrem Manne haften: „Hast du vom Mucki erzählt?"
Er nickte und lächelte leise dabei.
„Ach unser guter Mucki ... wenn wir ihn nicht gehabt hätten, ^ZBuftcr ?
Eine kleine Pause entstand, Heinz hob sein Glas Bowle empor: „Also auf den Mucki ... das muß ja ein Prachtkerl gewesen sein!
, War er auch", sagte das Ehepaar Stiasny wie aus einem Munde.
Krühjahrs-Regen.
Von Hans Leifhelm.
Unterm Holzdach hocken.
Wenn die Wasser rauschen, wenn die Regenfrauen Murmelnd wandeln durch die nassen Auen, Triefend wehen ihre Wasserlocken — Unterm Holzdach ist es gut zu warten, Einmal wieder wohl Pfeift der Goldpirol
Und die Rosen leuchten heiß im Garten.
Hör die Tropfen fallen, hör die Tropfen hallen, Rings im Kreise singt das Regenlied, Abwärts geht die Wasserflut mit Schallen, Die die Erde saugend niederzieht, Hier im Regenwebstuhl sitzen wir gefangen, Nässe steht in Fäden steil und schwer, Nässe flackert wie der Einschuß quer. Den die Regenweberschisflein schwangen. Aber müder wehen schon die Strähnen, Aber ferner wird schon der Gesang, Wie ein leises Echo nur zu wähnen. Von des talwärts ziehnden Wassers Gang.
Warten noch und lauschen, Letzte Tropfen fallen, leise durch die Ruhe Geht schon wieder Takt der Wanderschuh, Und die regenschweren Wipfel rauschen, Unterm Holzdach warten wir noch gerne. Dampfend liegt das Tal — Da, mit einem Mal Leuchtet hoch am Passe blau die Ferne.
An einen jungen Dichter.
Von Hermann Hesse.
Für Ihren hübschen Brief und die Zusendung Jbrer Gedichte und Erzählungen sage ich Ihnen Dank. Ihr Brief spricht ein Vertrauen aus, das ich leider enttäuschen muh. Auch wenn ich nicht augenleidend und täglich mit einer allzu großen Briespost beladen wäre, mühte ich es enttäuschen. Denn was Sie bei mir suchen, das habe ich nicht zu geben.
Sie legen mir Ihre Dichterversuche vor und bitten mich, sie zu lesen und Ihnen nach der Lektüre zu sagen, was ich von Ihrem dichterischen Talent halte. Sie bitten mich um strengstes Urteil und aufrichtige Aussprache, mit Schmeichelei ist Ihnen nicht gedient. Ihre Frage lautet, auf eine einfache Formel gebracht: Bin ich Dichter? Bin ich begabt genug, um das Recht zu haben, Dichtungen zu veröffentlichen und womöglich das Bücherschreiben zu meinem Beruf zu machen?
Ich würde nichts lieber tun, als die bündige Frage bündig beantworten. Das ist aber nicht möglich. Ich halte es für vollkommen unmöglich, aus Proben eines Anfängers, den man nicht persönlich sehr genau kennt, irgendwelche Schlüsse aus seine dauernde Eignung zum Dichter zu ziehen. Ob Sie Talent haben, das läht sich schon ersehen, aber Talent ist nichts Seltenes, es wimmelt von Talent in der Welt, und ein junger Mann Ihres Alters und Bildungsgrades müßte geradezu unter normal begabt sein, wenn er nicht fähig märe, annehmbare Gedichte oder Aussätze zu schreiben. Ferner kann ich aus Ihren Arbeiten wahrscheinlich sehen, ob Sie Nietzsche oder Baudelaire gelesen haben, ob der oder jener heutige Dichter auf Sie gewirkt hat: ich kann auch sehen, ob Sie einen schon an Kunst und Natur gebildeten Geschmack besitzen, der jedoch mit der dichterischen Begabung nicht das mindeste zu tun hat. Günstigenfalls (und das würde sehr für Ihre Verse sprechen) kann ich auch Spuren Ihres Erlebens entdecken und versuchen, mir ein Bild Ihres Charakters zu machen. Mehr ist nicht möglich, und wer Ihnen verspricht, aus Ihren Anfängerarbeiten Ihr literarisches Talent oder Ihre Hoffnungen auf eine Dichterlaufbahn zu taxieren, der ist ein recht oberflächlicher Mann, wenn nicht ein Schwindler.
Sehen Sie; es ist nicht eben schwer, nach der Lektüre des Faust Goethe für einen bedeutenden Dichter zu erklären. Man könnte aber sehr wohl aus Goethes Anfängerjahren, und auch noch aus feinen späteren, ein Heft Gedichte zusammenstellen, aus denen niemand etwas anderes zu schließen fände, als daß der junge Autor seinen Gellert und andere Vorbilder brav gelesen und daß er Geschick im Reimen habe. Es ist also selbst bei den größten Dichtern die Handschrift ftüher Versuche keineswegs immer schon wirklich originell und überzeugend. In Schillers Iugend- gedichten kann man ganz erstaunliche Entgleisungen, und in denen von C. F. Meyer oft geradezu Talentlosigkeit ftnden.
Nein, es ist nichts mit dem Beurteilen junger Talente, das Ihnen so einfach scheint. Wenn ich Sie selbst nicht genau kenne, so weiß ick ja nicht, auf welcher Stufe Ihrer Entwicklung Sie stehen. Ihre Gedichte können Unreifes enthalten, über das Sie selbst schon in sechs Monaten lächeln werden. Es kann aber auch fein, daß günstige Umstände in Ihnen ein gewisses Talent gerade jetzt zur Blüte gebracht haben, das aber keiner Entwicklung fähig ist. Es kann sein, daß die Gedichte, die sie mir da schicken, die besten sind, die Sie in Ihrem ganzen Leben zu schreiben fähig sind, es können aber auch die schlechtesten fein. Es gibt Begabungen, die im Alter von Zwanzig oder Fünfundzwanzig auf ihrer Höhe stehen und dann rasch welken, und andere, die erst nach dem dreißigsten Jahr, oft noch später erst zum Bewußtsein kommen.
Als ob Sie vielleicht in fünf oder zehn Jahren ein Dichter fein werden, das hängt gar nicht von den Verfen ab, die Sie heute machen.
Die Sache hat aber noch eine andere Seite, die wir einen Augenblick betrachten sollten.
Warum denn wollen Sie ein Dichter werden? Wenn es aus Ehrgeiz und Ruhmsucht geschieht, dann haben Sie Ihr Feld schlecht gewählt: der Deutsche von heute macht sich aus Dichtern nicht übermäßig viel und kommt ohne sie aus Ebenso steht es mit dem Geldverdienen: wenn Sie der berühmteste Dichter Deutschlands würden (vom Theater allerdings sehe ich habet ab), so würden Sie neben jedem Direktor ober Verwaltungsratsmitglied einer Strumpf- ober Nähnadelfabrik immer nach ein armer Schlucker bleiben.
Ader vielleicht haben Sie das Ideal, ein Dichter zu werden, darum in sich grohwerden lassen, weil Sie unter einem Dichter einen original gebliebenen, im Herzen reinen, empfänglichen und frommen Menschen verstehen, einen Mann mit zarten Sinnen und geläutertem Gefühlsleben, einen Menschen, der Ehrfurcht hat, und der ein beseeltes, irgendwie geadeltes Leden zu sichren sich sehnt. Vielleicht sehen Sie im Dichter den Gegenpol zum Geldmenschen, zum Gewaltmenschen. Vielleicht streben Sie nach Dichtertum nicht um der Verse oder des Ruhmes willen, sondern weil Sie ahnen, daß der Dichter nur scheinbar eine gewisse Freiheit und Isolierung genießt, in Wirklichkeit ober in hohem Grade verantwortlich sein und sich opfern muh, wenn sein Dichtertum nicht eine Maskerade sein soll.
Wenn es so ist, bann sind Sie mit Ihren Versen allerdings auf dem richtigen Weg. Dann aber ist es auch ganz einerlei, ob mit der Zeit aus Ihnen ein Dichter wird ober nicht. Denn jene hohe Eigenschaften, Ausgaben unb Ziele, bie Sie bem Dichter zuschreiben, jene Treue gegen sich selbst, jene Ehrfurcht vor ber Natur, jene Bereitschaft zu ungewöhnlicher Hingabe an eine Aufgabe und jene Verantwortlichkeit, bie nie mit sich zufrieben ist unb gerne einen gelungenen Satz, einen wohlgebauten Vers mit schlaflosen Nächten bezahlt — alle jene Xugenben (wenn mir sie schon so nennen wollen) finb keineswegs nur Merkmale des echten Dichters. Sie sind Merkmale des echten Menschen schlechthin, des nicht versklavten, nicht mechanisierten Menschen, des ehrfürchtigen und verantwortlichen Menschen, einerlei welches fein Berus sei.
Wenn Sie nun bas Ideal dieses Menschenbildes haben, wenn nicht Schneid unb Erfolg, Geld und Macht Ihnen als Ziele oorschweden, sondern ein in sich gegründetes, von außen nicht beirrbares Leben, bann sind Sie zwar noch kein Dichter, aber Sie sind bann des Dichters Bruder, Sie sind ihm artähnlich. Und bann hat es auch einen tiefen Sinn, baß Sie dichten.
Denn das Dichten, zumal das jugendliche Dichten, hat nicht bloß jene eine, soziale Funktion: schöne Kunstwerke in die Welt zu setzen unb durch sie bie Menschen zu erfreuen, ober zu ermahnen — sondern das Dichten selbst kann auch, völlig unabhängig vom Wert unb etwaigen Erfolg ber babei entstehenden Gedichte, einen unersetzlichen Wert für den Dichter bedeuten. In früheren Zeitaltern gehörte bas Dichten als etwas Selbstverständliches mit zum Werbeprozeß einer jungen Persönlichkeit. Auf bem Wege des Dichtens nicht bloß Sprachübungen zu treiben, sondern sich selbst tiefer unb schärfer kennen zu lernen, den Entwicklungsweg der Individuation weiter und höher zu treiben als er beim Durchschnitt der Menschen gelingt, durch das Niederschreiben einmaliger, ganz und gar persönlicher Seelenerlebnisse die eigenen Kräfte und Gefahren besser zu sehen, bester zu beuten — bas ist ber Sinn, ben bas Dichten zunächst für ben jungen Dichter hat, lange bevor bie Frage gestellt werden darf, ob nun seine Gedichte etwa auch für die Mitwelt einen Wert bedeuten.
Das Wort „Persönlichkeit" gilt heute nicht mehr unbedingt als ein Ideal, wie es das etwa zu Goethes Zeiten war. Aber es hat sich z. B. schon in ganz kurzer Frist in Deutschland gezeigt, wie ganze lebenswichtige Funktionen des Volkskörpers notleiden und in tödliche Krisen geraten, wenn es an jener Energie, Verantwortlichkeit unb inneren Reinheit gebricht, bie nur ber hochgesinnte Einzelne aufbringt.
Lasten Sie sich von Ihren Kameraden ruhig ein wenig wegen Ihrer Dichterei verspotten. Sie hilft Ihnen vielleicht, ein Stück weiter zu reifen und eine etwas höhere Stufe von Menschentum zu erreichen, als ber Menge möglich ist. Vielleicht werben Sie nach einer Weile ganz von selbst bas Dichten entbehrlich finden — nicht aber um mit den Durchschnittsidealen einen faulen Frieden zu schließen, sondern um auf andern Gebieten sich jene edlere, wertvollere, beseeltere Art von Leben'zu erobern, zu der Sie sich berufen fühlen.


