Ausgabe 
3.4.1933
 
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Eichener ZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

Jahrgang <933

Montag, den 3. April Nummer 26

Oie Zeit geht nicht...

Von Gottfried Keller.

Die Zeit geht hin, sie stehet still, wir ziehen durch sie hin: sie ist ein' Karawanserei, wir sind die Pilger drin.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau im Strahl des Sonnenlichts;

ein Tag kann eine Perle fein und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weißes Pergament die Zeit, und jeder schreibt mit seinem roten Blut darauf, bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt, du Schönheit ohne End', auch ich schreib' meinen Liebesbrief auf dieses Pergament.

Froh bin ich, daß ich aufgebläht in deinem runden Kranz: zum Dank trüb' ich die Quelle nicht und lobe deinen Glanz.

Oer Mittler.

Eine Geschichte von A. Schimmel-Falkenau.

Sie saßen zu dritt um den runden Tisch, Heinz und Lotte Wrede und Walter Stiasny.

Heinz goß die Gläser voll, und Walter Stiasny begann:

Ich bin es euch ja eigentlich schon lange schuldig, aber wenn Heinz hier nicht so ablehnend von der Verwöhnung der Haustiere gesprochen hätte ... nun, jedenfalls ist das der Anlaß, denn bei meiner Geschichte handelt es sich um Mucki, ihr wißt ja, um das ausgestopfte Eichhörnchen auf meinem Schreibtisch. .... n. . -

An einem Tage kurz vor Pfingsten sitze ich mit meinem Freunde Hans Wulff, er ist jetzt in Berlin, bei Kißling zum Frühschoppen. Sitzt uns em Mann gegenüber, der sein Bierglas merkwürdigerweise unter seinen Rockrevers schiebt. Da kommt aus der Brusttasche ein kleiner rothaariger Kopf heraus, beugt sich über das Bierglas und trinkt. Das war Mucki. Damals zählte er neun Wochen. Sein Besitzer nahm ihn heraus, setzte ihn auf den Tisch. Mucki trug ein kleines Glöckchen um den Hals, klingelnd sprang er ohne Scheu herum und landete bei niir, sah niich groß an, sprang an mein Jackett und schlüpfte in meine Brusttasche. Ich überlegte nicht lange, Eve war sehr tierlieb, und ich hielt diesen Mucki für ein ganz besonders niedliches Pfingstgeschenk. Für fünfzehn Mark wurde Mucki mein Eigentum. Es sind jetzt acht Jahre her.

Ihr könnt euch Eves Überraschung nicht vorstellen, s,e schwankte zwi­schen Entsetzen und Lachen, zwischen Freude und einer Gardinenpredigt hin und her. Schließlich siegte die Freude, Mucki wurde aufgenommen, und wir lernten beide sehr eifrig die Muckisprache. Bald wußten wir, daß ein Quietschen, ähnlich wie quiu, guiu fernen Iboqjften Zorn aus­drückte, daß ein ganz leises gr, gr, den Gipfel des Wohlbehagens bedeu­tete, daß ein seltsamer Zischlaut wie psch, psch jähes Erschrecken und Er­staunen war und ein Singen mit dünnen Zischlauten, darin das o stark im Vordergrund stand, aufrichtige Zufriedenheit ausdruckte.

Mucki erhielt ein großes, geräumiges Bauer, dessen Tur allerdings immer geöffnet war, er tobte in den Zimmern umher, daß es manchmal um Gläser und leicht fallbare Dinge sehr trübe bestellt war. Er bevor­zugte Gardinen als Kletterpartien, die Gard nenstangen «'s Aussichts­punkte, den Teppich als geeigneten Platz für Parterreakrobatik Für Tannenzapfen und unreife ymfeütüffe hatte er eine unglaubliche Boi liebe, von den Brötchen knabberte er gern die Rinde herunter. Und nachts, also in tiefmitternächtiger Stunde, kam er aus feinem Bauer heraus, wir hörten ihn beide über das Dielwerk hupfen, ein Satz, er hatte einen Teil des Bettlakens erwischt, zog sich rasch herauf, sprang in langen Sätzen über die Bettdecke und kam uns begrüßen Am Morgen dann lag er an einem Fußende zusammengerollt und schlief. Er fuhr in mlelner Brusttasche mit an die Ostsee zum Beispiel, fauste mit wilder Hast die

Kiefern hinauf und war nur durch stundenlanges Flehen zum Abstieg zu bewegen. Aber er kam wieder herunter! In ganz Ostemothafen hießen wir damals nur 'die Leute mit dem Eichhörnchen'.

Ich hätte es mir nicht träumen lassen, daß ich einem höheren Gesetz folgte als nur meiner hinhuschenden Lust, als ich damals Mucki kaufte. Jedenfalls eine Trübung unserer Ehe vertiefte sich, da wir beide von unserer Meinung nicht lassen wollten bis zum Entschluß, daß nur die Scheidung als Ausweg übrigbleibe. Eve ging zu ihren Eltern zurück, ich löste unsere Wohnung auf und mietete mir ein möbliertes Zimmer. Eves Abschied von Mucki war herzbewegend. Und mir dann war Mucki der einzige Trost in diesem entnervenden Alleinsein. Es ist unendlich schwer, ganz allein sich durch solch einen Zusammenbruch hindurchzuarbeiten. Ich habe in jener Zett viel getrunken. Mein Hauptkumpane war Mucki. Er trank jedes Glas an, ich dann den Rest. Wir trösteten uns gegenseitig. Bis wir beide dann genug hatten.

Ich vernachlässigte meine Arbeit. Ich war im Begriff zu verlumpen. Und Mucki auch. Ich sah ein, daß dieses Leben der Zweifel und Ver­zweiflung nicht so weitergehen könne. Ich beschloß, nach Berlin zu gehen, dort neu anzufangen. Mein Chef, der in dieser für mich wirklich schweren Zeit sehr zu mir gehalten hatte, gab mir Empfehlungen mit. Ich packte meinen Koffer und nahm von Mucki Abschied. Ich will davon nicht sprechen. Wir haben beide geheult. Wir tranken noch einen Ab­schiedsschoppen, zu dem sein neuer Pflegevater eingeladen war. Lauter­bach hieß er, ein lieber, anständiger Mensch. Mucki schmeckte das Bier nicht. Er hockte vor mir, die Haselnuß in den Vorderpfoten, und sah mich an. Lauterbach sagte, er wisse ganz genau, daß ich fortgehe. Da haben wir beide leise überlegen in all unserem Schmerze gelächelt. Natür­lich wußte Mucki, was jetzt kommen würde.

Ja, und dann war ich in Berlin. Schlecht und recht schlug ich mich durch. Es fiel mir sehr bald auf, daß man in Berlin durchaus nicht auf mich gewartet hatte. Aber da trat eine Hanne in mein Leben ein, nahm sich meiner sehr an, sie war eine geschiedene Frau, hatte eine sehr hübsche, ja, geradezu vornehme Wohnung, und ich hätte vielleicht auch ... aber, es war nicht Liebe, es war nur das Gefühl, irgendwo zuhause zu sein. Da kam ein Bries von Lauterbach. Ein Bries über Mucki. Mucki wollte sterben, wollte sterben vor Sehnsucht nach seinem Zuhause, vielleicht gar nach mir. Er fraß nicht mehr, er lag nur still in feinem Bauer, es war natürlich dasselbe, was er bei mir hatte. Und Lauterbach schrieb dazu, daß meine geschiedene Frau sich nach Mucki erkundigt habe, wer weiß, woher sie erfahren hatte, daß Mucki einen Pflegevater bekommen hatte. Und dieser Brief, so nach einem kleinen Vierteljahr Berlin, wühlte alles wieder auf. Ich nach die Photographien von Mucki vor, die Bilder von Eve und hockte in meinem möblierten Zimmer, bis ... nun ja, bis ich telephonierte. Ich sprach mit meinem Chef, ob ich wieder bei ihm arbeiten konnte. Er freute sich, ich sollte nur schnell zurückkommen.

Am nächsten Tage fuhr ich ab. Mein erster Weg war zu Lauterbach. Ich schrie ihn fast an: .Gebt er noch!' Lauterbach drückte mir die Hände, führte mich zu Mucki. Ich stand vor seinem Bauer. Er lag vollständig unter alten Strümpfen von mir, in denen er zu schlafen pflegte, ver­borgen. Da rief ich ihn: .Muckerle, Muck, Muck'. Wie ein Blitz schoß ec hervor, sprang auf das Eingangsbrett und starrte mich groß an. Dann ein Satz, ein Indianertanz auf meiner Schulter, und bann husch, husch in die Brusttasche. Ich hörte ihn darin: ,gr ... gr ... gr...' Ich nahm ihn mir gleich mit. Immer wieder fühlte ich beim Gehen nach der Brust- tasche, fühlte die Wärme des kleinen Körpers durchatmen, drückte ihn etliche Male so heftig, daß er in lustiger Wut aufguietschte. Dann gingen wir zusammen zu unserer früheren Wirtin. Das Zimmer war noch nicht vermietet. Sie freute sich, ich freute mich, und Mucki freute sich. Nur Eve ...?

Am nächsten Morgen begrüßte ich meinen Chef. Allmählich tarn ich wieder zu mir. Im Stillen brannte die Unruhe aber, die Unruhe um Eve. Und Mucki war der indirekte Mittler, über ihn ging ich mit meinen Gedanken immer wieder zu Eve.

Mucki lebte wieder auf, vielleicht allzu sehr sogar, denn er tobte mit einer wilden Lust durch das Zimmer.

Nach vierzehn Tagen fragte Eve an, wie es Mucki gehe, ob sie ihn nicht einmal sehen könne, sie habe solche Sehnsucht nach dem Tierchen. Das war eben Muckis große Rolle in feinem kleinen, kurzen Leben. Eve kam. Ihr Wiedersehen mit Mucki war ergreifend. Obwohl sie doch zwei Jahre von uns getrennt gelebt hatte, erkannte Mucki sie sofort wieder. Als sie dann nach wenigen Minuten ging, fragte sie, ob sie hin und wieder Mucki begrüßen dürfe. Wir machten, Mucki und ich, sehr überlegende Gesichter, obwohl wir im Stillen wie die Kinder aufjubelten und erlaubten es ihr. Zur weiteren Bestätigung, daß wir nichts gegen ihre weiteren Besuche einzuwenden hätten, schlossen wir uns an, da wir einen Schoppen genehmigen wollten. Mucki hatte durstige Augen, und wenn ein Kerl wie Mucki den ganzen Tag über Wasser getrunken hat, dann will er wenigstens abends einen ordentlichen Schluck tun.