Ausgabe 
3.3.1933
 
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einem

Der Hund versuchte mühsam sich zu erheben, sank aber sogleich wieder kraftlos auf den Boden zurück. Ein paar Fliegen summten um feinen Kvvf, aber Billy war zu müde oder zu saul, sie zu verscheuchen. Er stieß ein' leises Jammern aus, das in ein Gähnen überging, streckte sich aus, blinzelte mich nochmals an und begann zu schlafen.

Ich kann Ihnen die Erregung nicht schildern, die mich ergriff. Nie vorher in meinem Leben habe ich ein so grausam wahres Bild der Trostlosigkeit des Alters gesehen. Der Hund, der vor einer kleinen Viertel­stunde der Uebermut und die Tollheit selbst gewesen war, und der letzt kraftlos aus der Erde lag, zu müde, um die Fliegen zu verscheuchen, das war in einer Art erschreckend und schauerlich, die ich Ihnen heute schwer begreiflich machen kann.Billy!" rief ich nochmals. Der Hund wendete noch einmal den Kopf nach mir und begann kläglich zu winseln.

Genug!" rief ich Ulam Singh zu.Es ist genug!"

Ulam Singh schrak empor, holte tief Atem und blickte mich an. Dann wies er aus den Hund und lächelte.

Nach einigen Augenblicken stand er langsam auf, ging einigemal in der Veranda hin und her und blieb vor dem Hund stehen mit einem Blick, der Triumph auszudrücken schien und zugleich den Wunsch nach Lol, und Anerkennung. Dann bückte er sich, nahm eine von den glühenden Kohlen in die Hand und näherte sich dem Hund.

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Bod'n der Beranda, und warf große Mengen seines grünlichen Pulvers

Svgleich^verbrettete^ sich jener penetrante Hanfgeruch, den ich schon wiederholt wahrgenommen hatte. Ich bekam starke Kop schmerzen- und ein wenig Atembeschwerden. Billy spielte noch immer mit fclem(Jpp!er knäml Ulam Singh nahm indessen die Lotospositur ein. Er setzte den reckten Fun aus den linken Schenkel und ebenso den linken Fuß auf den rechten Schenkel. Dann griff er mit den Händen nach den Fußspitzen und hielt den Atem an. Ich stand hinter ihm und stellte mittels meines Taschenspiegels fest, daß tatsächlich jede Lungentätigkelt aufgehort hatte. Auch die Herztätigkeit schien erloschen zu sein. Die Augen quollen hervor und die Adern an der Stirne begannen anzuschwellen und heftig zu schlagen. ... . ,

Die Untersuchung des Inders hatte mich die ganze Zeit über derart in Anspruch genommen, daß ich das eigentliche Objekt des Versuches, den Foxterrier, ganz außer acht gelassen hatte. Jetzt erst wandte ich mich dem Hund zu.

Ein alter, triefäugiger Köter lag vor mir auf der Erde. Der Geifer rQtm ihm aus dem Maul, die Augen blinzelten mich müde an. Ich rief ihn bei seinem Namen.Billy!" rief ich,Billy!'

Das Tier rührte sich nicht, obwohl die rotglühende Kohle seinem Kopse näher und näher kam. Erst als die Glut ihm die Haare versengte, schnup- perle er ein wenig und bog den Kops schläfrig zur Seite. Der Hund war j blind vor Alter, und das war es, was Ulam Singh mir hatte zeigen wollen.

Ich habe eiserne Nerven, aber das alles war mehr, als ich ertragen konnte. Es schien mir, als wäre das Tier an der äußersten Grenze seines Daseins angelangt, als müsse der dünne Faden, der es am Leben hielt, im nächsten Augenblick zerreißen. Ich sprang auf und verlangte von Ulam Singh ich glaube in sehr wirren und unzusammenhängenden Wor­ten --die Beendigung des Experimentes.

Ulam Singh beeilte sich nicht eben sehr. Er warf wieder sein Pulver­präparat auf die Kohlenglut, lieh sich langsam und umständlich nieder, schöpfte einige Male tief Atem und nahm endlich die Positur der Lotos­blume wieder ein alles das sehr bedächtig und langsam, wie jemand, der durchaus keine Eile hat.

Diesmal beachtete ich sein Verhalten nicht weiter, sondern konzentrierte meine ganze Aufmerksamkeit auf den Hund. Einige Minuten hindurch konnte ich keine Veränderung an ihm wahrnehmen. Mit einem Male hob er scyarf und kurz den Kopf, wurde unruhig, stieß Laute aus, aber kein Winseln mehr, sondern ein Knurren, und im gleichen Moment sah ich plötzlich wieder Leben und Bewegung in seinen Augen, er blickte zu mir auf, erkannte mich und da schoß mir zum erstenmal jener wahn­witzige Gedanke durch den Kopf, der mich seither nicht wieder loslassen wollte!

Ich sah, daß das Experiment geglückt war. Und da durchfuhr es mich, der Versuch mußte wiederholt werden! Das alles mußte ich nochmals sehen aber nicht an einem Tiere, nicht an einer Pflanze, nein! An mir selbst!

Es war Wabnsinn, Doktor, der mir den Gedanken einblies. Tolle Be­gierde nach dem Unbekannten, Lust, mich ins Dunkle und Ungewisse zu wagen. Derselbe Trieb, der mich zwingt, einen glatten, steilen Felsenturm, an dem kein anderes Auge Griffe für Hände und Tritte für Füße erkennt, zu erklimmen.

Doch die Größe der Gefahr, die unerwartet hereinbrechen sollte, konnte ich damals nicht ahnen. Sonst hätte ich niemals den frivolen und ver­brecherischen Gedanken gefaßt, auch meine Tochter, mein einziges Kind, in hie Sache hineinzuziehen Ja, auch an ihr sollte das Experiment ans- gesührt werden, ich war begierig danach, das Kind eine Minute lang in der vollen Schönheit eines reifen Weibes zu sehen, ich wollte in ihre Zukunft blicken, ich malte mir aus, daß sie dann ihrer toten Mutter ähn­lich sehen müßte, die eine wunderschöne Frau gewesen ist und da schlug plötzlich Lärm an mein Ohr der Sessel war umgestürzt, an den der fV.nb gebunden war, Billy tollte in der Veranda umher, sprang auf den Tisch, kläffte, war wild, ausgelassen, übermütig, jung wie vorher und

In mir hatte sich jener Entschluß festgebohrt und festgefressen, der für mich viele Stunden der Angst und der Verzweiflung m sich bergen sollte, und für Ulam Singh den Tod.

Das letzte Experiment.

Der Baron schwieg eine kurze Weile hindurch, nahm sein Taschentuch vom Halse und besah die Blutflecken. ...

Doktor!" sagte er dann,Sie müssen die Güte haben, s'H di'^Schmtt- wnnde an meinem Halse anzusehen. Sie blutet unausgesetzt. Ich habe Ihnen wohl schon gesagt, daß ich vor ein paar Tagen am Nacken ge­schnitten worden bin. Natürlich: Gestern haben <5ie ja vergeblich die Wunde unter dem Verbände gesucht nun, da ist sie, Doktor, sehen »ie sich sie an Ein bißchen Watte und ein kleines Stuck Leinwand! So, das genügt schon, und jetzt will ich in meinem Bericht fortfahren.

Was ich Ihnen jetzt erzähle, wird für immer zwischen uns beiden ein Geheimnis bleiben. Nur mein Diener Philipp weiß noch davon, sonst kein Mensch im ganzen Hause. Das Aushilsspersonal, das, ich gestern in aller Eile aufgenommen habe, wird abgelohnt und packt feine oadjen, in einer halben Stunde werden die Leute das Haus verlassen hoben, keiner von ihnen wird mich zu Gesicht bekommen. Die alte Dienerschaft, die ich auf mein mährisches Gut geschickt habe, ist bereits telegraphisch zurückbefohlen. Sie werden mich alle genau so antreffen, wie sie mich vor ihrer Abreise gesehen haben. Kein Mensch wird wissen, daß ich inzwischen zwei Tage lang ein alter Mann gewesen bin.

Das verhängnisvolle Experiment fand vorgestern um ^16 Uhr in meinem Treibhaus statt. Ich hatte erwartet, daß Ulam Singheinige Schwierigkeiten machen werde, aber meine unverhohlene Bewunderung und das Interesse, das ich an seinen Versuchen nahm, machten ihm an­scheinend solche Freude, daß er zu allem, was ich verlangte, bereit par.

Langsam und umständlich, wie immer, nahm er die Prozedur vor, die er die Reinigung des Sörperinnern" nannte. Ich stand indessen neben dem dünnen Stämmchen, das Sie dort sehen, einem Mangobaum, der erst ein paar Monate alt ist; er war mir kurz zuvor aus Ceylon zuge­schickt worden, und Ulam Singh hatte ihn am Vormittag jenes Tages im Treibhause eingepslanzt. Während Ulam Singh das Hanspraparat aus die glühende Kohle schüttete und sich sodann in diePositur der Lotusblume niederließ, besah ich den Mangobaum und hatte meine Freude an den schönen, blaugrünen Lanzettblättern. Grell, die keine Anhnung davon hatte, was ich mit ihr beabsichtigte, spielte mit ihrer Springschnur, unbe­kümmert um das, was um sie vorging: nur der Qualm des glimmenden Hanfes war ihr unangenehm, sie hustete und rieb sich die Augen. Ich be­obachtete indessen das Anschwellen der Schlagadern an der Stirn Ulam Singhs, und die ersten Minuten vergingen, ohne daß ich eine Verände­rung an mir selbst wahrnehmen konnte.

Das erste Auffällige, das ich spürte, war ein leiser Schmerz im Zahn­fleisch das heißt es war eigentlich kein richtiger Schmerz, |onbcrn eher eine gewisse Unruhe. Auch Grell schien etwas ähnliches zu suhlen, denn ich konnte beobachten, wie sie mehrmals mit der Hemd über die i Backen strich. Diese Erscheinung verging aber bei mir sehr bald, statt ihrer stellte sich ein leises Prickeln auf der Kopfhaut ein ich notierte mir diese Beobachtungen samt den genauen Zeitangaben in mein ^aschenbuch. Gleich daran klagte Grell über Schmerzen im Fuß. Sie setzte sich auf den Boden nieder und zog die Schuhe aus; ich konnte mir das nur damit erklären daß ihr die Schuhe zu eng wurden. Gleichzeitig sah ich, daß eines der Schürzenbänder gerissen war; ein Knopf sprang ab, und ein paar Nähte platzten. Es war klar, daß ihr Körper gegen das Kinder­kleidchen zu rebellieren begann.

Jetzt stellten sich auch bei mir neue Erscheinungen ein, solche recht lästi­ger Art- ein starker Druck im Hinterkopf, ein dumpfer Schmerz im Kreuz und in den Handgelenken, dazu ein gewisses Gefühl der Leere und der Müdigkeit. Ich glaubte es plötzlich in allen Gliedern zu fühlen, daß ich im Begriffe war, ein alter Mann zu werden. Eine unbeschreibliche Angst er­faßte mich, aber ich drückte sie gewaltsam nieder und zwang mich, ruhig zu denken: in einer halben Stunde, sagte ich mir, ist alles wieder, wie es vorher war. Aber der Schmerz im Rückgrat nötigte mich doch, irgend etwas zu suchen, woran ich mich lehnen konnte. Nun wußte ich ja das dünne Mangobaumstämmchen hinter mir, an das lehnte ich mich also, aber ganz leicht, und in dem Bewußtsein, daß es sofort elastisch nach­geben werde. Doch es gab nicht nach, etwas Fremdes, Breites, Festes war hinter meinem Rücken, und ich drehte mich um.

Wie soll ich Ihnen jetzt meine Ueberraschung beschreiben, wie soll ich Ihnen schildern, wie mir zumute wurde bei der erstaunlichen Verände­rung, die sich meinen Augen darbot? Unter dem Einfluß der Kräfte Ulam Singhs war nämlich auch der Mangobaum gewachsen, er war alt ge­worden, so wie ich alt geworden war, er stand da, ein starker, knorriger Stamm mit faustgroßen Früchten. Und rings um ihn war unendliches andres Leben entstanden, über und über war er von Schlinggewächsen um­sponnen, aus der Erde kam es hervor, von seinen Aesten ringelte es sich herab, Efeugeranke mit blauen, gelben und feuerroten Blüten vor meinen Augen wuchs der indische Zaubergarten hervor, den Sie gestern gesehen haben, Pflanzen, die ich nie vorher gekannt habe, waren jetzt auf einmal da Sie, Doktor, waren es, der mir zum ersten Male ihre Namen nannte. Ein Blütenmeer dehnte sich nach allen Seiten und wurde zum undurchdringlichen Dschungel. Aus allen Richtungen wurde ich an- gefallen. Ein Ausruhr der Pflanzenwelt! Ein dünner Zweig schnellte auf mich zu und schlug mir mein Taschentuch aus der Hand Din riesiges Blattgewächs schob sich an mich heran und entfaltete sich knisternd wie ein Zeitungsblatt vor meinem Kopf. Ein bösartiges, kleines Bambusstöckchen versuchte mich in den Fuß zu stechen, mein Knie war plötzlich von einer blaublühenden Winde umschlungen und gefesselt, ich bückte mich, um es frei zu bekommen, und dabei fiel mein Blick auf Grell.

(Schluß folgt.)

'verantwortlich: vr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Brühl'sche Univ er fitäts-lLuch» und Steindrucker ei, R. Lange, Gießen.