„Wo Ist der S)unb gebissen worden?"
„Bei den Orchideen."
Der Arzt öffnete die Türe: „Kommen Sie mit!" besah! er dem Diener.
„Da werden Herr Doktor schon allein gehen müssen. Ich geh' da nicht hinein." , N
„Sie haben recht. Warten Sie hier auf den Baron, ich geh' voraus.
Dr. Kircheisen trat in einen großen, hellen Raum, aus dem ihm sofort eine Welle heißer Stickluft entgegenschlug. Ein fader, moderartiger Geruch stieg ihm in die Nase und dazwischen ein anderer, scharfer, beißender, der ihm die Tränen in die Augen trieb und einen starken Hustenreiz erweckte. Ein paar Sekunden dauerte es, ehe er sich an die atembeklem- mende Mischung gewöhnt hatte. Dann blickte er sich um. Ein paar Gießkannen, ein Rechen und anderes Gerät lagen auf dem Erdboden zerstreut. An den Wänden ein halbes Dutzend länglicher, schmaler Tische, alle dicht besetzt mit Topsblumen. Das waren die Orchideen, zumeist unansehnliche Exemplare wenig seltener, vielfach sogar gewöhnlicher Arten. Dr. Kircheisen streifte sie kaum mit einem Blick, sondern starrte mit fassungslosem Staunen in die Mitte des Raumes, denn dort stand eine Vision, eine Fata Morgana, wahrhaftigen Gottes!: Dort stand der indische Urwald!
Rein! Anders konnte man dieses blühende, duftende, rauschende, in tausend Märchenfarben leuchtende Stück Wildnis nicht bezeichnen. Der Urwald von Ceylon durch ein Wunder aus Tausend und einer Nacht hierher verpflanzt! Ein gewaltiger indischer Mangobaum stand mitten im Treibhaus mit seinen blaugrünen Lanzettblättern zwischen denen die orangeroten Früchte hindurchschimmerten. Um den Baumstamm ein üppiges Durcheinander von Lianen, ein grüner Schleier, der über die Aeste des Baumes geworfen war. Und aus diesem grünen Meere leuchtete in hundert Farben das Blütenwunder des indischen Urwalds hervor. Wahrhastig, hier war die Thumbergia al ata, die Liane mit den veilchenblauen Kelchen, und dort die weinrote Blüte war die zarte Bougainville und diese hier mit den honiggelben Sternen, das war di« Tithonia diversifolia, Ceylons schönste Liane!
Ueberrascht und voll Erregung trat Dr. Kircheisen ganz nahe an die Lianenwildnis heran. Er wußte nicht mehr, warum er hierher gekommen war, er hatte die Schlangen und alle anderen Seltsamkeiten des Hauses vergessen. Der Botaniker war in ihm erwarbt. Niemals war er in Indien gewesen. Eine Scheu vor Ansteckung, eine hypochondrische Angst, irgendeine der furchtbaren exotischen Krankheiten, Lepra, die Schlaskrankheit ober Elephantiasis, mit Heimzubringen, hatte ihm die Zauberwelt der Tropen verschlossen gehalten. Aber in den größten Treibhäusern Leutsch- kands und Oesterreichs hatte er die Flora Indiens ebenso gründlich studiert, wie die Zentralafrikas und Südamerikas. Und er konnte mit der Sicherheit des Naturforschers auf den ersten Blick feststellen, daß er hier eor einer mit stupender Geschicklichkeit, mit treuester Naturbeobachtung, mit profundester Gelehrsamkeit täuschend echt hergestellten Nachahmung "des indischen Urwaldes stand.
Der Mann, der dieses kleine Treibhauswunder hervorgebracht hat, der konnte wahrhastig das Prädikat eines Gelehrten für sich in Anspruch nehmen. Mehr noch: Er war ein Künstler! In dem kleinen Raume von «in paar Quadratmetern hatte er ein Miniaturbild der indischen Dschungel- iandschaft geschafsm. Fiebernd vor Erregung kniete Dr. Kircheisen am Rande des üppigen Vegetationsstreifens nieder. Dieser Ulam Singh, der doch wahrscheinlich der Schöpfer dieses kleinen Kunstwerkes war, vereinigte eine tiefe und gründliche Kenntnis der indischen Flora mit einem seinen, beinahe kultivierten Geschmack, mit einer Mnstlerschast des Auges, die ihn die zartesten Wirkungen mit den einfachsten Mitteln hatte finden lassen. Nirgends Uebertreibungen; die Farbenabtönung bei alldem scheinbar regellosen Durcheinander doch immer wohldurchdacht, so daß nie ein allzu greller Kontrast dem Auge wehe tat. So vielerlei Pflanzen, zujammengedrängt aus solch engen Raum, und dennoch wirkte das Gärtchen nicht überladen. Das also war Ulam Singh! Kein Wunder, daß der Baron um das Leben dieses einzigartigen Künstlers zitterte und bebte. Nein! Kein Botanischer Garten, kein Treibhaus Europas konnte sich solch eines vollendeten Kunstwerkes rühmen. Der indischen Erde hatte Ulam Singh ihre tiefsten Geheimnisse abgelauscht, bis ins kleinste, scheinbar unwesentlichste Detail waren die Eigenheiten der südindischen Flora wiedergegeben. Da hatte sich, genau so wie in ihrer Heimat, die Nepenthes destillatoria ihr Plätzchen zwischen den Wurzeln des Mango- bauines gesucht, die fleischfressende Pflanze Ceylons mit ihren kammartigen Blättern. Und dies hier, bei Gott! Das war ja die Mimosa pudica Ceyl., die bis jetzt außerhalb Ceylons das kostbare und empfindliche Besitztum nur eines einzigen botanischen Gartens gewesen war, des Franksurter Palmengartens, der um dieses Kleinod von allen Treibhäusern Europas beneidet wurde. Ja, das war sie, da war kein Irrtum möglich, da stand sie mit ihren lichten, gestreiften Blättchen, die sich bei der leisesten Berührung zusammensalteten und niederbeuqten. Dem Baron von Vogh, einem einfachen Blumenliebhaber, einem Dilettanten, war hier also eine Akklimatisation gelungen, deren sich bis jetzt nur eine einzige der gelehrten botanischen Zelebritüten Europas rühmen konnte! Und rings um den Mangobaum, da wucherten die herrlichsten tropischen Farrenkrüuter mit ihren seltsam und phantastisch geformten Blättern hervor. Das war die Platyceria, der Farren mit den polsterartigen Blättern, ... stellte Dr. Kircheisen fest, und jener Asplenium nidus, der groteske Bogelnestfarren, dessen Blätter riesige Trichter bildeten, aus denen ein schwerer Modergeruch hervorströmte, jener fade Geruch, der ihm beim Eintritt in den Raum so unangenehm ausgefallen war. Und unter all den seltenen Pflanzen ein dicker, grüner Teppich, wahrhaftig, das war sie, kunstgerecht angelegt, in fabelhafter Echtheit und Wirklich- keitstrene hierhergezoubert. Arundinaria walkeriana, der Miniaturbambus des Dschungels, die dicke Unterlage alles tropischen Pflanzenlebens!
'Aber dort — was war denn das? Eine Orchidee, die Dr. Kircheisen noch nicht kannte! Eine Spezies, von der er noch niemals vorher gehört
oder gelesen hatte! Sie sprang aus dem Blattdnnkel des Dschungel; empor und starrte den Arzt an, jawohl! Sie starrte ihn an, denn di Blüte war wie eine menschliche Fratze geformt, wie ein häßliches Greisin nenantlitz, blutleer und verhunzelt. Zwei dunkle Flecken standen wi Augen darinnen und aus der Mitte sprang höhnisch eine scharlachrot Zunge hervor. , ..
Ganz erregt trat Dr. Kircheisen naher. Eine Orchidee, die er noc nicht kannte! Er mußte den Baron sogleich nach dem Fundort frage und nach ihrem wissenschaftlichen Namen! Vor allem aber wollte e sie einmal in der Nähe besehen. Vorsichtig kniete er nieder, daß kein der kostbaren Pflanzen beschädigt würde, und griff mit der rechten Han durch das tausendfarbige Blättergewirr nach der unbekannten Drdjibee
„Um des Himmels willen, Doktor! Was tun Sie?" hörte er in diesen Augenblick die entsetzte Stimme des Barons hinter seinem Rücken.
Er wandte sich um — da stand Baron Bogh leichenblaß mit do Schreck erstarrtem Gesicht im Türrahmen. Er hatte irgendwelche ledern Ungetüme, Fechthandschuhe, wie es sich später zeigte, und ein paa dünne Bambusstöckchen in den Händen, das alles ließ er aber letzt i seinem Schreck zu Boden fallen. ’ o
„Beruhigen Sie sich, Herr Baron!" sagte Dr. Kircheisen kurz. „I verstehe mit Pflanzen umzugehen. Ich hab' keine Ihrer Kostbarkeitei
Di
cheisen sprang auf und blickte den Baron erstaunt an:
Hier?" „ ri „
cht mehr sehen!" Er hab Fratze und der scharlach
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be'JUber die Schlange! So kommen Sie doch heraus! Wollen Sie den
Schlange? Hier?" , „
„Natürlich, wo denn? Hier drinnen steckt sie ober stecken sie. E können auch ganz gut ihrer mehrere fein."
„Hier? In dieser herrlichen, einzigartigen Anlage? Gütiger Himme ja wie sind sie da hineingekommen?"
„Wie kann denn ick) das wissen!" rief der Baron mit heiserer Stimm, „Hier nehmen Sie die Handschuhe und den Stock!"
„Sold) ein Unglück!" stöhnte der Arzt. „Wir werden an die Bestie nicht herankönnen, ohne Ihren wunderschönen kleinen Tropengarte zu beschädigen. Es ist jammerschade! Wir wollen die Pflanzen schone so weit es möglich ist, aber ...." .
„Schonen? Fort mit dem verdammten Grunzeug! schrie der Baro, ganz außer sich vor Zorn. „Hinaus mit diesem verwünschten Unkraut! Er hatte mit seiner behandschuhten Hand eine von den Lianen gepoj und ritz und zerrte wie ein Wahnsinniger an dem zähen Schlinggewach!
„Aber, Herr Baron! Wollen Sie denn wirklich die Pflanzen v« nichten, für deren Züchtung Sie solche Mühe und so viel Geduld auf gewendet haben?"
„Hinaus mit all dem häßlichen Zeug!" tobte der Baron, rasend v° Wut. „Ich hab' genug von ihm, ich will es nicht mehr sehen! Er hab die prachtvolle Orchidee mit der menschlichen Fratze und der scharlach roten Zunge gepackt. Ein Ruck und sie lag zerrissen und zerfetzt au
„Guter Gott! Was haben Sie getan?" jammerte der Arzt. „Dies eine hätten Sie doch schonen können. Ick) kenne diese Spezies gar mch Woher haben Sie sie denn und wie heißt sie?"
„Woher soll denn ich das wissen; ich kenne das Unkraut nicht! zisch» der Baron, rasend vor Wut. Dann holte er tief Atem. ,Hetzt los, Doktor Vorwärts! An die Arbeit!"
Er brachte Schaufel und Rechen herbei, die an der Wand neben w Türe lehnten. „Da nehmen Sie! All das Zeug da muß ausgejätet werde, — bis auf die Wurzel!
„Alles? Auch diese wunderschöne Mimosa pudica?
„Was ist das, Mimosa pudica?"
„Wie? Sie kennen sie nicht. Sie wissen am Ende gor nicht, welche, Schatz Sie in Ihrem Treibhaus gezüchtet haben?"
„Und wie kommt es, daß Sie sie kennen, diese Mimosa pudia Doktor?"
„Ich habe mein zweites Doktorat in den Naturwissenschaften gemach! Herr Baron. Jahre hindurch hab' ich mich, eh' ich mich auf die Toxi» logie warf, in allen Botanischen Gärten Mitteleuropas herumgetrieben Die Mimosa pudica Ceyl., das ist jene Pflanze mit den gestreiften Bla« chen. Sehen Sie die interessanten Schutzbewegungen, die die Pslan) ausführt, wenn ich mit dem Finger leicht über die Blätter streiche - Jesus Maria!" I
Dr. Kircheisen hatte sich über die Mimosa pudica gebeugt und spran! mit einem wilden Satz zurück.
„Was ist geschehen?" rief der Baron.
„Die Schlange!" stammelte der Arzt totenblatz und hielt die Hau! an sein Herz.
„Aha! Steckt sie dort drinnen? Run, bann wird sie uns nicht en! wischen. Nehmen Sie Ihren Stock und halten Sie sich bereit!"
„Nie im Leben habe ich dem Grab so nahegestanden wie biesmal Beinahe hätte ich sie berührt", flüsterte Dr. Kircheisen, noch immer b!a| bis in bie Lippen.
Der Baron gab keine Antwort. Er trat ganz nahe an bie gesährüch Stell« heran und stieß zwei- ober breimat vorsichtig mit der Reitgek! in bas Pslanzengewirr.
Es war etwas im Wesen des Barons, das den Arzt erstaunt un verwirrt machte. Niemals hätte er dem alten Manne soviel Kaltblütigke« solch eine Fähigkeit des raschen Entschlusses und soviel Energie zngetrau! War der Mann, der in diesem Augenblick so selbstsicher der Gefahr en! gegentrat und sie so furchtlos auf sich lenkte, der gleiche Mensch, desst, müden, hinfälligen Körper er eine Stunde zuvor auf das Sofa gt bettet hatte?
Gespannt sah der Arzt aus das gefährliche Manöver.
(Fortsetzung folgt.)
Peranitvortlich: Dr. Hans Thyriot. — Druck und Derlag: Brühl'sche Univerfitäts-Duch- und Steinbruckerei, A. Lange, Gietzen.


