GiehenerFamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
I rhrgang <933 Freitag, den 3. Marz Nummer <8
Schlüsselblume im Schnee.
Von Leonore G e i b e l.
Gedämpft über Nacht Ward deine erste Lust, Liebliche Blume!
Verschüchtert stehst du, Trauernd senkst du Das volle Haupt.
Dem grausamen Naß Verschließen sich fröstelnd Die lichten Kelche...
Nur Geduld, Liebe!
Bald badet dich Sonne,
Wiegt und kühlt dich der Wind
Und sucht der Zitronenfalter, Der Sonnenjüngling, Dich, Farbenverwandte!
Arnold Mendelssohn als Musiker und Mensch.
Von Dr. H. Hering, Marburg.
Als ich vor wenigen Tagen mit einem Verwandten von Arnold Mendelssohn sprach, schien ihm die traurige Nachricht von dem Ableben des Meisters unfaßbar; hatte er ihn doch erst vor kurzer Zeit in Darmstadt ausgesucht und ihn in rüstigster Frische angetroffen.
Und wiederum noch vor wenigen Monaten rief Arnold Mendelssohn durch seine Mitwirkung am Flügel gelegentlich der Aufführung einiger seiner Werke angesichts feines hohen Alters allseitige Bewunderung hervor.
Nun ist das Unfaßbare geschehen: Eine der markantesten Führerpersönlichkeiten ist uns entrissen! Gewiß hat er ein hohes, gesegnetes Alter erreicht; aber noch immer zu früh trifft uns die Kunde. Denn gerade das letzte Jahrzehnt seines Schaffens galt dem Vorstoß in ein stilistisches Neuland mit seinen großen Vokalwerten, der „Deutschen Mess e", der geistlichen Chormusik (vierzehn Motetten für das Kirchenjahr) und dem „G ebetdesHerrn" in seiner einsamen mystischen Größe.
Zeitbedingtem Experimentieren abgeneigt, hatte er für sein Schaffen die Ansatzpunkte in der Hochblüte des A-capella-6ti(5 genommen. Seine Hinneigung zu dieser Zeitperiode bestätigte er durch die Herausgabe und Bearbeitung alter Vokalwerke (Heinrich Schütz: Matthäus-, Lukas-, Jo- hannespafsion, Weihnachtsoratorium, geistliche Konzerte; Madrigale von Monteverdi, Haßler, Lasso). Wenn er auch offen bekennt, „das müßte ein elender Lump sein, der nicht zugibt, daß er von den Alten gelernt hat", so ist er doch niemals bloßer Nachahmer gewesen; stets hat er sich frei gefühlt von allem „Schulstaub"; er hat die alten Vorbilder in ihrer Wesenseiqentümlichkeit bewußt in sich ausgenommen, im persönlich-musikalischen Durchleben bereichert und durch das Bleibende, was feine musikalische Umwelt ihm bot, neuen Ausdrucksmöglichkeiten zugeführt.
Wenn man ihn, wie es in der letzten Zeit meistens geschieht, vornehmlich als geistlichen Tonsetzer würdigt, so übersieht man dabei, daß es ihm um eine Gestaltung seiner gesamten Lebensauffassung zu tun war, die allerdings stark im Religiösen wurzelt und den letzten Gründen des Seins zustrebt. Gerade die ethische Fundierung seines schöpferischen Dranges hebt ihn über den großen Kreis feiner Zeitgenossen hinaus. Allem Pathos und Gefühlsüberschwang abhold, er ist nie eine romantische Natur gewesen, sah er in jedem Werk ein geistiges Problem. Immer ist sein musikalisches Geschehen bedingt durch scharfe Logik. Es war darum für ihn eine innere Notwendigkeit, daß den größeren Anteil in seinen Werken die Vokalmusik einnimmt. Die im Text gebundene Bildhaftigkeit und begriffliche Bezogenheit ließen ihn den veranschaulichenden Vokalstil prägen, d. h. die geistige Durchdringung des Textes mit den logischen und darstellenden Möglichkeiten des Musikalischen 4>is zur letzten Konsequenz. Bestärkt durch den Drang zu objektiver Gestaltung wird so auch später die reine Instrumentalmusik frei vom Subjektivismus für ihn zu einem sinnvollen geistigen Geschehen. Der Begriff der Form als solcher nvird ihm unwesentlich; der geistige Lebensprozeß schafft sich selber die Form. Aus solcher Formausfassung erklärt sich die Bevorzugung der Variation in A. Mendessohns Kammermusik. Mit der organischen Intensivierung wird auch die Sonatenform, die von vielen gegenwärtig als
zu sehr im Geistigen verankert abgelehnt wird, In ihrem unantastbaren Wert durch das lebendige Beispiel Mendelssohns erwiesen.
Unerbittlich strenge Selbstzucht charakterisiert seine Schasfensarbeit. Mit der gleichen Liebe und dem gleichen Ernst tritt er an die jeweilige Aufgabe heran; mag es ein einfaches Volkslied fein, dem er neue Seiten abgewinnt, oder ein dem Monumentalen zustrebender großer Chorsatz. Er kennt nur Sachlichkeit, fernab vom Sensationellen und vom Sinnlichen. „Erotik ist nicht d i e Potenz, die die alleinige lebensbestimmende Macht darstellt, sondern nur ein Faktor unter vielen." Hier liegt ein Hindernis vor, das seinem Opernschaffen eine allgemeinere Auswirkung versagte, wie nicht minder seinen Liedern. Darum erscheint auch sein Melos manchem zu streng und vielleicht auch nicht eingängig genug. Nie wird man in seiner Ausdrucksart billigen Gemeinplätzen begegnen; stets ist seine Sprache gewählt, charakteristisch und überaus mannigfaltig, da sie am individuellen Inhalt eines geistigen, ins Musikalische umgesetzten Prozesses sich formte. Immer ist er voll durchdrungen vom Erleben der Situation, von der Weihe des Erhabenen, den Schauern des Ewigen, Heiligen. Tiefgründig ist er Im Nachgehen des Rein-Menschlichen; Lied und Chorwerke künden davon. Und doch kann er wiederum kernig, mannhaft sein, voll ursprünglicher Kraft, mit einem gesunden Sinn für Humor. Seine Texte wählte er sich abseits der großen Heeresstraße mit besonders kritischer Abwägung. Oft bricht in auffallender Stärke ein Zug zum Volkhaften durch in einfachen, zündenden Melodien, die auf bestem Wege sind, Volkslieder zu werden.
So steht ein Lebenswerk in reichster Fülle vor uns. Wenn feinem Schaffen auch nicht zu allen Zeiten die Würdigung zuteil wurde, die ihm feiner Bedeutung nach hätte gebühren müßen, so hat es dennoch nicht an Persönlichkeiten und Instituten gefehlt, die sich für sein Werk einsetzten; so in Darmstadt der Mozart-Verein und der Musikverein unter De Haan und Balling und das Landesorchester; weiter im Reich Professor Dr. Karl Straube mit seinem Thomanerchor,.der die großen Vokalwerke des letzten Jahrzehnts sämtlich zur Uraufführung brachte, Siegfried Ochs t, Dr. Georg Goehler, Altenburg, u. a. Für fein Liedwerk haben eine Reihe von Sängern geworben; so der dem Meister sreundschastlich verbundene Ludwig W ll l l n e r, als einer der ersten Interpreten; Agnes Leydhecker, Tilly K o e n e n, Paula Werner- Jensen und manch andere Kraft.
Anderseits setzte sich Arnold Mendelssohn für das Schaffen Mitlebender ein. So ermöglichte er durch den Richard-Wagner-Verein in Darmstadt einen der ersten Hugo -Wolf- Liederabende (Hugo Wolf am Klavier) im Deutschen Reich (1894), ungeachtet der teilweisen Gegnerschaft der Presse.
lieber dem Künstler Arnold Mendelssohn darf keinesfalls der Mensch Arnold Mendelssohn übersehen werden. Wem es beschieden war, in die Schaffenswerkstatt des Verstorbenen hineinblicken zu dürfen und ein so hohes Menschentum erkennen zu lernen, dem werden diese Eindrücke unvergeßliches Lebensgut bleiben. Trotz dem Schweren, das ihm das Leben gebracht hatte, hatte er sich eine fast jugendliche Frische und Aufgeschlossenheit zu bewahren gewußt. Fremden Eindringlingen gegenüber konnte er zurückhaltend, kühl sein; anmaßender Selbstbewußtheit begegnete er gern mit einem leisen Zug von Ironie, ohne jedoch dabei zu verletzen. Wo er Werte sah, die der Förderung würdig erschienen, da griff er tatkräftig mit gütiger, hilfsbereiter Hand zu.
Unvergeßliche Stunden waren es, wenn er von vergangenen Zeiten erzählte: Von feiner glücklichen Jugend in Ratibor, wie er die nachbarlichen Obstgärten auf verbotenen Wegen besuchte; wie er, um beim Schlachtefest im Hause eines Schulkameraden im Nachbarort nicht zu fehlen, auf der Eisenbahn „schwarz" fuhr; wie er schon mit 5¥t Jahren in die „Klippschule" getan wurde, weil es nach der Ansicht der Mutter „mit ihm zu Haufe nicht mehr auszuhalten war". Mit besonderer Genugtuung erfüllte es ihn, daß sein erster Klavierlehrer sein Bemühen um den Achtjährigen schon nach einem Jahr aufgab „wegen Talentlosigkeit und mangelndem Eifer". Wie er dann später über dem Interesse für Musik die Schularbeit zu kurz kommen ließ; „meine Leistungen waren abomi- nabel schlecht, wie ein Auswurf der Menschheit kam ich mir und andern dabei vor". Ergötzlich war es, zu hören, wie er dennoch gegen die Stimmen wohlmeinender Verwandter vom jurisUschen Studium zur Musik hinüberwechselte.
Don besonderem Interesse wird sein erstes Zusammentreffen mit Hugo Wolf in der letzten Zeit des Kölner Aufenthaltes (ein. (1890.)
Eines Abends kommt Arnold Mendelssohn ermüdet nach Hause (vierzig Wochenstunden am Konservatorium bedeuten schon eine ganz gehörige Anspannung der Arbeitskraft). Da findet er einen unbekannten Musiker vor: Hugo Wolf, den es drängt, einen Kreis von Verstehenden in feine damals noch unveröffentlichten Lieder einzuführen. Kaum, daß man sich Zeit zum Abendessen läßt, spielt Hugo Wolf aus den drei mit- gebvachten Bänden, bis kaum mehr ein Lied übrig bleibt. So geht es fort bis morgens 1 Uhr. — Zwei Gleichsuchende, Gleichstrebende haben sich hier gefunden und scheiden als Freunde.


