Ausgabe 
3.2.1933
 
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um den Stier legt, und er Ihn von neuem an der Leine hat. Und dann l das Verlorene wieder eingewinnen. Und weiter. Und die Nahrungsmittel werden knapp, und er mutz sich aus karge Rationen setzen, oft kein Trink­wasser und des Nachts friert es, und die Kraft des Pferdes geht zu Ende, obgleich man meinen sollte, daß er das unsterbliche Hollenpferd reitet, mit einer Flamme aus dem Hals« und mit Gelenken, die Funken sprühen ja, und dann kommt wirklich der Tag, an dem er die Station sehen kann! Ihm ist, als seien Jahrhunderte vergangen, seit er auszog, um die Jagd zu beginnen, und so ist es auch, denn er hat den ganzen Weg zurückgelegt, aus den der Mensch in seinem siegreichen Kamps gegen das Tier und die Natur zurückblicken kannl

Der Büfselstier konnte die Station aber auch sehen! Und damit sagte er stopp! Keinen Schritt weiter nein, er dankte vielmals.Der Monsun" quälte sich einen Tag lang mit ihm ab, aber er wollte sich weder narren noch vorwärtstreiben lassen. Da band der Schwede ihn, ritt in einem letzten teutonischen Rasen um ihn herum, hatzerfüllt wegen all der Mühe, die seine Wildheit und Stupidität ihn gekostet hatte, und er spann ihil so vollständig in seine Lederriemen ein, daß er umfiel und sich nicht von der Stelle zu rühren vermochte. Und dann fort nach einem Wagen und Menschen zum -elfen.

Sie mußten an Ort unb Stelle einen Kran bauen, um das gebundene Tier aus den Blockwagen zu heben. .

Und als sie spät abends mit dem Stier zur Station kamen, wo er mit der Eisenbahn weitergeschafst werden sollte, kam ein Mann mit einer Blendlaterne heraus, um den Stier zu betrachten, und in dem Augenblick, als das Licht ihm in die Augen fiel, streckte er sich mit einer ungeheuren, krampfartigen Anspannung, sprengte die Verschnürung und war tot.

War das nicht seltsam? , .

Da aber lachte der Schwede. Es war das erste Mal, daß >emand ihn lachen sah. Es kleidete ihn nicht. Und jedesmal, wenn er später die Ge­schichte erzählte, die in seinem Munde sehr kurz wurde, lachte er reich­lich, und etwas wie das Zittern eines alten Mannes überfiel seine Glieder. Westgotland hat er nie wiedergesehen.

Sonne und Sand.

Fahrt durch die Uavajowüste.

Von Josef Ponten.

Am Morgen brechen wir aus, als die Sonne schon hoch am Himmel steht. Es ist wider die Regel des Lebens und Reifens in diesen heißen Ländern. Hier besteht die vierundzwanzigstündige natürliche Zeiteinheit aus zwei Tagen und zwei Nächten, jede von sechs Stunden Dauer, d. h. es gibt eine Jtacht mitten im Tage. Vom Mittag bis in den Nachmittag verschwindet alles menschliche und tierische Leben. Wie einen Sommer­schlaf, so gibt es in diesen Ländern auch einen Mittagsschlas der Pflan­zen und alles Organischen. Der Reisend« muß also um drei Uhr in der Nacht ausstehen und sich auf den Weg machen und um elf Uhr vormittags zur ersten Ruhe gehen. Schatten gibt es freilich nirgendwo, so weit das Auge blickt nun, der im Kraftwagen Reisende (große Reisen im offenen Wagen zu machen ist unmöglich, man sieht denn in Amerika das Phaethon auch so gut wie nicht), hat ein Dach über dem Kopfe.

Wir haben im trading post noch herrliche Navajoteppiche gekauft und Zeit und Geld vertan ich dränge zur Abfahrt. Fünfundsechzig Meilen, hundert Kilometer, haben wir heute vor uns, es ist nicht viel, aber der Weg ist Wüstenpsad, und es ist fraglich, ob wir dieses kleine Stück Ent- fernung bewältigen werden. In Staub und Sonnenglast, zwischen roten und gelben Bergen geht die Fahrt in neue Einsamkeit. Ein alter, höchst würdig aussehender Indianer zu Pserde, auf dem Kopfe eine Pelzmütze und vor den Augen eine goldene Brille, begegnet uns. Maschine und Rotz schnauben einander an.Yata hail Yata! (Guten Morgen!) Gruß und Gegengruß in Navajo dann liegt der Chaeo Canyon mit seinem einsamen Leben hinter uns.

Wir haben die Nase des Wagens in eine steile, aufwärtsführende, wüste Trockenfchlucht gerichtet, das schwer beladene Gefährt singt auf dem halsbrecherischen, unbefestigten Felsenpsade, als wollte es sich wie ein Wolgaschlepper durch Singen bei der Arbeit Kraft zulegen, es bewäl­tigt die Ausgabe, und wir kommen aus die weite Hochebene, in die der Chaeo Canyon eingeschnitten ist. Doch knapp vor dem Ende der Steigung, in der Wurzel der Schlucht wohnte ein Indianer. Dichtes Pflanzengrün um das Lehmhaus herum verriet das Dasein einer Quelle. Hundert Stimmen von Tieren ließen sich hören. Aber in der Hütte war kein Mensch, die Einwohner waren wohl fortgegangen mit den Muttertieren, man trennt offenbar frühzeitig Alt- und Jungtier« der Herden. Auch der Webstuhl an der äußeren Hüttenwand ruhte. (Oder sollten etwa die Einwohner geflohen fein und sich in der Miniaturoase versteckt halten? Wir wollten es nicht glauben.) Die kleinen Haustiere, Lämmchen und Zicklein, hielten sich im Schatten der Sträucher und schrien kläglich nach den Müttern. Einige Tiere waren noch blutig, sie konnten kaum auf den Beinen stehen und hungrig saugten sie sich an den Gewändern der Frau an, als röchen sie das weibliche Menschenwesen und wären bereit, es für das mütterliche Tierwefen zu nehmen. Ein kräftiges Zicklein wollte um jeden Preis mit der Frau in den Wagen steigen, wir mußten das Tier an einem Fettholzftrauch feftdinden. Großes Gejammer gleich einem vielstimmigen klagenden Aufschluchzen aus Tiermund begleitet das An- [djnurren der Maschine

'Auf der Höhe der Eben« der alte Blick: Wüste, Halbwüste, Steppe. Nichts, gar nichts von Leben. Ein paar gelbe, weihe, rote unb schwarze Berge in allen Farben. Sie sind deutlich zu sehen und mögen doch stundenweit entfernt fein. Hinter einigen Kreosotbüschen verbergen sich eiligst vor uns zwei junge indianische Hirtinnen. Auf der Streck« der nächsten Meilen sehen wir seitab zwei Hogans, einen Hund sehen wir, aber Menschen nicht. Geier in der Lust. Präriedogs (Präriehund«) wim­meln umher. Eine kleine Eule (burrowing owl, Grubenente, weil sie in den Höhlen der dogs wohnt), sitzt auf einem Block, sie läßt uns nahe heranfahren und macht immerzu Verbeugungen Das Tier der Wüst«,

das selten einen Menschen sieht, Ist vertraut. Schöne große Wachteln, rostrot der Rücken, graublau bk Federn und ein reizendes Häubchen auf dem Kopfe, laufen über die Spur, der wir nachfahren. Einer der Bogel scheint uns von Block zu Block zu locken: Taktik, das feindliche Wesen von dem tiefgebauten Nest wegzuleiten.

Der Weg ist sehr schlecht, es heißt immer spurfahr«n. Ungeheuere Weiten tun sich auf. Dies ist gewiß ein uralter Indianerpfad der Wüste. Man entdeckt auf einem Block ein altes mystisches Zeichen. Freiweidende Pferde, die zu irgendeinem versteckten Hof gehören. In der Ferne steht ein Sandsturm auf, die Ferne verschleiert sich mit Staub. Glücklicherweise verliert der Sandsturm sich, er scheint in sich selbst zufammengestürzt zu sein.

Da ist es im leichtgewellten Land vor uns, als läge Nebel über einem Flusse. Aber als wir näher kommen, sehen wir das gewaltig breite Bett eines Trockenflusses, in der Regenzeit mag er dem Kolorado pflichtig fein. Der Sand schimmert vor Weiße. Noch aus der Nähe sieht er wie frischer Schnee aus. Die Spur quert das Bett, also müssen wir hindurch.

Die Frau unb unser dritter Mann, ein Deutscher, dem wir Gast­freundschaft im Wagen gewähren, gehen voraus, sowohl um den Wagen zu erleichtern wie um nach einer Furt zu suchen. Ich sahre den Wagen zurück, um eine Anlaufstrecke zu gewinnen. Solange ich die beiden im tiefen Sande waten sehe, bleibe ich stehen, das Maschinenroß sozusagen am Zügel haltend. Jetzt sehe ich, daß sie festen Grund gewannen ich roags: zweiter Gang unb hinein! Aber bald schon stecke ich fest. Erster Gang, unbSchiebt! Schiebt!" Die Maschine arbeitet schwer, hinten wird kräftig geschoben (eine Einbeulung blieb davon im Blech). Ab unb zu fällt einer von den Schiebenden auf die Nase in den Sand. Die Maschine rast. Die Räder laufen im Leeren.

Plötzlich aber entgleitet der Wagen den Schiebenden, er hat Fahrt, und ich rase kreuz- und querfahrend nach schnellem Augenurteil und Ent­schluß fort und zwischen den Sandwellen hin und her (der Wagen soll einem Kahn im Wassertumult ähnlich gesehen haben) solange, dis ich festen Grund unter den Rädern fühl«. Erst nach einer halben Meile Sandwatrns finden sich bi« Fußgänger roieber ein. Wir finb alle heiß, müde und durstig. Aber bas Wasser ber Feldflasche kriegt die Maschine zu sausen. Ich gieße es in den Schlund des Kühlers, bann rieche ich wenigstens in ben kühlen Flaschenbauch hinein. Unb nun Meilen um Meilen die gleiche, graue Menschen- unb lebensleere Halbwüste unb die­selben verlorenen Unendlichkeiten. Hinten im Wagen schläst man schon, ich selbst am Steuer kann kaum noch die überblendeten Augen offen­halten ich gebe es auf. Der Wagen steht. Es ist Wüstenmittagnacht. Wie der Wagen ftillsteht unb kein von der Fahrt erregter Luftzug mehr hinburchgeht, ist er eine Glutkammer. Das Dach ist vielfältig g'eriffen. Die Sonne steht hier, nahe dem Wendekreise unb im Frühjahr, fast senkrecht über unserem Kopfe. Nirgendwo Schatten im Lande, wir selbst werfen kaum Schatten. Wir kriechen unter ben Wagen. Die Frau darf unter bem Trittbrett liegen. Das heiß gewordene Del unb Fett tropft nieder. Wir schlafen in der Stille der Welt. Im Himmelsraum rast un­hörbar ber Üichtsturm.

Aber schon nach zwei Stunden muh ich wieder ben lästigen Mahner machen. Wir finb ohne Nahrung unb namentlich ohne Wasser, ben Zielort sollten wir doch noch heule erreichen. Im ewig öden Einerlei von Himmel und Erde schieben wir uns langsam auf unserer Spur weiter. Die Artemisia, die wir aus den Wolgasteppen kennen, steht grau auf unübersehbaren Breiten. Wir sehen den Weg, den Feldweg, die Wagenspuren sechs Meilen (wir haben di« Entfernung am Zähler gemessen) im gewellten Gelände schnurgrade oorauslaufen, bann, auf jenem Hügelkopfe angekommen, sehen wir einen neuen Horizont mit schnurgradem Pfad sich uns eröffnen.

Pfade kreuzen kreuzend« sind nicht gefährlich. Aber es gibt auch Gabelpfade, unb fchon beschleicht uns wieder bas Gefühl des Berirrtfeins. Die ?nne steigt am Himmelsbogen abwärts.

Schließlich finden wir einen indian trading post, ben ein Indianer führt. Wir essen, trinken unb rasten. Ein Weißer kommt aus der Unend­lichkeit dahergeritten, zwei Ersatzpferbe hinter sich herführend. Er ver­heißt unspretty good road. Hoffnungsvoll fahren mir ab und fallen bald in Enttäuschung über denrecht guten Weg". Wüste und Steppe bare Flächen, Artemisia, Iucea und Kaktus. Flache Wellen des Geländes. Ein helles graues und grünes, vollständig nacktes Gebirge aus ab» gewaschenen und in der Sonne gehärteten Mergeln erscheint rechts vor uns und verschwindet rechts hinter uns. Pfeilgerade läuft der Weg unb verliert sich in neuen Bodenwellen.

Als die Sonne schon tief steht, werden di« Wellen kräftiger, die Boden- geftaltung wird energischer, «in Flutzwesen kündet sich durch Wurzel­bildung in der Landschaft an. Noch find die Würzelchen zart und flach, bald aber kann man die Mulden schon Gerinne und zuletzt gar Täler nennen, ihre Zahl vermindert sich mit kräftiger werdender Formung, und schon sehen wir in ber Ferne einen Rand ber Hochebene, über die wir fahren, erscheinen unb barüber einen neuen Canyon sich auftun. Es muß ber San-Iuan-River im Flußreiche des Kolorado fein. Bald können wir auch in eine Oase hineinfchauen.

Aber da erhebt sich noch schnell, anscheinend ohne jede Veranlassung unb unmittelbar vor uns, ein Sanbfturm, er überfällt uns mit Machtz deckt uns zu, unb wir sitzen in einer hohen Sandwehe fest. So heillos fest, daß wir sürchten, hier angesichts des Dafentales liegen bleiben zu müssen. Wir überlegen, wer ins Tal gehen soll, um Menschen- und Maschinenhilse zu holen.

Aber erst noch neue Versuche! Die Räder drehen sich in den Sand­gruben. Der Sand ist von der Reibung heiß. Es beginnt nach Gummi zu stinken. Den schweißtriefend am Wagen Arbeitenden schneidet eil kalter, scharfer Sandsturm vom Westen in Gesicht und Hände. Vergebensl Schließlich d«r schwere Entschluß: alles Gepäck ausladen! Die sorgfältig und mit Kunst drinnen und draußen v/rftauten, auch mit Riemen aus den Trittbrettern festgeschnallten zweiundzwanzig Gepäckstücke einer Mehrmonatfahrt von drei Personen werben eins nach bem anberen herausgeholt, ine kleineren verschwinden bald im aufwehenden Sande.