Ausgabe 
3.2.1933
 
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SietzenerAmilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger

3jj}rgongJ955 Freitag, den 5.5 druar Nummer

Winternacht,

Von Nikolaus Lenau.

Bor Kälte ist die Luft erstarrt. Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart; Nur fort, nur immer fort geschritten!

Wie feierllch die Gegend schweigt!

Der Mond bescheint die alten Fichte», Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten.

Frost, friere mir ins Herz hinein, Tief in das heißbewegte, wilde! Daß einmal Ruh mag drinnen sein, Wie hier im nächtlichen Gefilde!

Oer Büffel.

Ein« Erzählung von Johannes B. Jensen.

(Nachdruck verboten.)

Der große dänische Schriftsteller Johannes 33. Jensen, dessen Werke auch ins Deutsche übertragen sind, feierte dieser Tage seinen 60. Geburtstag.

Elof Mänson stammte aus Westgotland und war Comboy in Texas. Unter seinen Kameraden wurde er ,,der Monsun" (the Monsoon) ge­nannt, wahrscheinlich hatte irgendein Kollege, der Seemann gewesen war oder Witz hatte, oder gar nicht wußte, was er sagte, dieses Wort einst von seinem Namen abgeleitet. Aber es paßte gut zu ihm. Er wehte heftig, aber immer aus verschiedenen Windrichtungen.

In seiner Jugend war Mänson wie so viele andereSchweden" über Meer gezogen, um einst zur Heimat zurückzukehren. Das war sein aus­drückliches Vorhaben, wohlgemerkt aber mit dem Zusatz, daß er, der arm wie ein Steinzeitmensch in die Welt zog, möglichst mit allen Schätzen Kaliforniens beladen in sein Heimatdorf zurückkehren wolle. Es erging ihm wie so vielen anderen, er wurde genau das, was man in Amerika mit gemischtem Respekt unter einemSwede versteht, ein ausgezeichneter Arbeiter, aber unbeständig.

Im Grunde machte sein Schicksal ihn nicht sonderlich bemerkbar zwi­schen den anderen Cowboys und Schweden, deren Leben meistens sinnlos und malerisch zu verlausen pflegt; einmal aber ereignete sich doch etwas Besonderes, das ihn über das gewöhnliche Niveau emporhob und auf häßliche Weife bloßlegte, was die Natur mit ihm vorhatte: das war damals, als er den Bisonstier sing.

Einige Hirten, die Streiszllge nach fortgelaufenem Bieh gemacht hatten, kamen aus einer entlegenen und wilden Berggegend hoch oben bei den Rocky Mountains zurück und berichteten, daß sie einen mächtigen alten Bisonftier gesehen hätten, der ganz allein oben in den Bergen wandere. Nun ist der Büffel, mit Ausnahme einer kleinen Schar im Nellowstone-Park, in ganz Amerika total ausgerottet, deshalb erweckte es nicht wenig Alrffehen, daß ein alter Stier, wahrscheinlich der letzte einer versprengten, vergessenen Schar, noch wie in den alten, großen Jndianerzeiten frei umherging. Die Cowboys sprachen davon an den Stationen, und dadurch kam das Gerücht in die Zeitungen, und bald verlautete es, daß ein reicher Mann in Kansas City demjenigen 5000 Dollars geboten hätte, der das Tier lebend zur Ltadt bringen würde. Das mar viel Geld. Kuhhirten, Jäger und Leute, die sich auch nur des allcrgewöhnlichsten Verstandes zu rühmen vermochten, lachten höhnisch, wenn sie am Schenktifch standen und das Gespräch auf den Stier kam wollte der Millionär in Kansas City sich über sie lustig machen? Den iEilier aufzufuchen und niederfchießen, das war an sich ein Stück Arbeit, den Körper zu frachten, war eine Unmöglichkeit. Aber den otier lebend zu. holen Blödsinn eines Stadtmenschen!

Der Monsun" holte ihn.

Sobald der Schwede von dein Angebot des Millionärs gehört hatte, war es ihn» klar, daß das eine Chance für^ihn sei; bares Geld mit einem Schlage, das war der gerade Weg nach «chweden! Und nachdem er sich volle Gewißheit von der Echtheit des Angebots verschafft hatte, nahm der Monsun sich Urlaub von seiner Ranch und begab sich allein in die Berge hinaus.

Die Expedition nahm mit der Hinreise und dem Einsangen bes Stieres alles in allem einen Monat in Anspruch, und in dieser Zeit ertrug er größere Entbehrungen und Ueberanstrengungen, als sich be­schreiben läßt; vielleicht war er der einzige Mensch, der Kräfte genug

hatte, dieses Vorhaben auszubehalten und Halsstarrigkeit genug, «» durchzuführen. Man hatte ihn und den Stier fast vergessen, al» er eine» Tages auf einer Station in der Nähe von Fort Worth erschien, mager wie eine Egge und fast von Verstand vor Strapazen und Mangel an Schlaf. Er mietete einen Wagen und Mannschaft und holte den Stier, der einige Meilen von der Station gebunden lag. Wie in aller Welt war die Sache nur zugegangen?

Ja, die Einzelheiten der Geschichte wurden nie recht aufgeklärt, denn der Monsun war kein Mann von vielen Worten. Wenn er mal was erzählte, so geschah es mit einer Knappheit, die ihm fedoch selbst voll­ständig erschöpfend schien, so auch in diesem Fall, wo er sich mit der Erklärung begnügte, daß er die Bestie also gefangen habe, di« Figura zeigte. I got bim. Das war seine ganze Beschreibung. Die anderen Hirten aber, Kenner, die das Resultat sahen, starrten den Schweden kopfschüttelnd an und konnten nichts weiter äußern als die leisen Laute, die sich von selbst aus der Kehle drängen, wenn man tief ergriffen dem Außergewöhnlichen gegenübersteht.

Der Monsun" hatte nur Augen für die 5000 Dollars gehabt, mit ihrem Ausblick auf Schweden, das wie eine Vision im Hintergrund erschien und ihn vor Energie toll machte.

Trotzdem darf man aber wohl den Versuch machen, sich in die Einzel­heiten der herkulischen Tat des Schweden hineinzudenken. Zuerst hatte er den Stier ausgesucht, was kein Ferienausflug war. Selbst nach der genauesten Beschreibung der Hirten, die den Stier gesehen hatten, war seine Auffindung noch genau so schwierig wie das Suchen nach einem Taschenmesser in einem Heuschober, Nachdem er den Stier gefunden, hatte er ihngeroped, ihm den Lasso um die Hörner geworfen, und nun stand er vor der unmöglichen Aufgabe, das gigantische wilde Tier viele Tagereisen von den Bergen zur nächsten Station zu leiten. Er hatte es hier nicht mit einem Stück Vieh zu tun, das trotz feines halbwilden Zustandes den Lasso kennt und Respekt davor hat, und das trotzdem sowohl dem Hirten wie dem Pferd noch genug zu schaffen machen kann: er hatte es mit einem alten wütenden Büffel zu tun, der niemals di« Nähe eines Menschen und Eingriffe in sein Selbstbestimmungsrecht ge­schmeckt hatte, es war der König der Ochsen in höchsteigener Person, den er mit einer Schlinge um die Hörner zur gefälligen Gefolgschaft eingeladen hatte, es war seine Majestät der große Büffel, auf dessen Rücken sich die Stärke und der Galopp von zehntausend Generationen zu einem Buckel ausgetürmt hatten, so daß er sich wahrhaftig selbst an Große überragte. Mit ihm hatte der Schwede eine gewisse spannende Verbindung etabliert indem er ein unzerreißbares Tau zwischen dem Sattelknopf des Pferdes und dem Horn des Stieres befestigt«. Der Schwede ritt ein zähes Pferd, einen unermüdlichen Gaul, aus Sehnen und Feuerstein gemacht, und diese beiden, die sich zu einem vielgliedrigen Springwesen vereinigten, von dem verstrickende Fangleinen ausgingen, begannen also den großen Einsamen zu ärgern. Man konnte sehen, wie der behaart« Vater Buffalo, der König der Ochsen, sich drohend vor dem Reiter zum Sprunge duckte und mit dem Maul auf dem Erdboden dem schußähnlichen Schnauben Luft machte, das besagen sollte: jetzt komme ich.

Und dann beginnt das Duell. Bald ist es König Buffalo, der in sehr gekränkter Majestät in donnerndem Galopp und mit Gebrüll wie Bom­benkrachen hinter Mann und Pferd herjagt, bald ist es der sprühend« Mustang, der die Erde mit den Hufen zerreißt, und der stumme Reiter, die zusammen den Stier verfolgen und jagen, oder an dem schneidenden Tau zerren auf keiner Seite wird Pardon gegeben aber wie es auch zugeht, der unermüdliche Teufel auf dem Pserderücken versteht es, den Büffel stets in diejenige Richtung zu narren, in die er ihn haben will. Es vergehen Tage und Gott weiß wie viele Meilen, wo König Buffalo in mörderischer Einfalt den Reiter aus seinem Reich hmaus- zujaqen meint, immer hinter ihm her, und statt dessen ist der netter auf dem Pferde nur darauf bedacht, so schnell zu reiten, daß der Lasso einigermaßen gestreckt bleibt, während sie sich in gerader Linie den bewohnten Gegenden nähern, wohln er den Stier locken will. Zu aride reu Zeiten, wenn es dem Stier dehagt, seine königliche Unverletzlichkeit beiseite zu setzen, und nur wie ein geplagtes und verzweifeltes Tier durch Flucht einen'Abstand zwifckzen sich und seinen Plagegeist zu legen ver­sucht, richtet der Reiter es auch so ein, daß die Flucht den Bussel gerade wegs zu Zivilisation und Gefangenschaft, statt in das Versteck der Ur­natur führt. Des Nachts gibt er dem Büffel die Freiheit, notabene nut einem schweren Stein an der Seine, die um die Vorderbeine verwickelt ist und er selbst schläft auf der Erde in einer Decke am Feuer, wo er den ewigen Speck mit Bohnen geröstet hat, während der Mustang in der Dunkelheit Dornenbüsche kaut. , , .... .

Tags darauf weiter. Neue Scheingefechte. Reue majestätische Mord­versuche von selten des Büffels und neuer Rückzug des Reiters über Hals uicd Kopf, was abermals einige Meilen näher zum Ziele fuhrt. Da reißt der Lasso, und der Stier geht seines Weges, duckt sich in einem getrosten Galopp heimwärts, und der Reiter muß hinter ihm her, tagelang, bis er von neuem den Zauberring gebrochen hat, den Kraft und Schnelligkeit