Ausgabe 
2.10.1933
 
Einzelbild herunterladen

stücken!

Die Frau Wundersam mit den sieben Kindern soll es nicht weitersagen, aber schon nach einer Stunde kommt die nächste ge­rannt, und zehn Minuten darauf gleich fünf Frauen, erbost, ver­grämt, rachsüchtig und drängend. Daraufhin fallen die Rolladen vor den Fenstern des Hauses Wagenschanz herunter, und außer der Fabrik wird nun auch der Laden geschlossen, obwohl er doch mit der Fabrik nichts zu tun hat.

Weil ein Mann sich auf die Hinterbeine sehen wollte, trotz der Feit und wegen der Zeit, darum geraten jetzt mindestens hundert Menschen in die bitterste Not. Es geht 'rauf und 'runter, es gibt Ueberflutz oder Elend, immer sind es Hunderte, die darauf warten, daß sie mitgerissen werden, von dem einen, der sich auf die Hinter­beine setzen will oder der die Balance verliert. Vor wenigen Tagen noch war diese Fabrik viel zu eng für die Beschäftigten, jeder stieß seinen Nachbarn mit den Ellenbogen, jetzt arbeiten außer den Führenden noch ein paar Uebriggebliebene, die sich sagen, daß man über Bord springen kann, um draußen zu er­trinken^ daß man aber ebensogut auf dem untergehendcn Schiff bleiben kann, genau wie der Kapitän, der den Rest seiner Mann­schaft an die Pumpen stellt. .

Die paar also stürzen nicht ins Freie, um möglichst schnell in den Genuß der Unterstützung zu kommen, sondern sie bleiben im Werk, fügen sich den Anordnungen von Doktor Wagenschanz und bekommen nichts dafür bezahlt. Aber es gehört plötzlich eine neue Arbeiterin dazu, an die Sechzig, mit strähnigem Grauhaar: die Witwe Wagenschanz hat endlich etwas Geld von der Sparkasse geholt, nicht um ihrem Sohn aus der Klemme zu helfen, nicht um seine Arbeitskraft anzufeuern, nicht um sein Schiff zu retten sie kocht in der Fabrik jeden Tag in einem mächtigen Bottich eine Suppe, die sich verdammt essen läßt. Eigentlich nur für die paar, die arbeiten,' aber weil es nicht anders geht, und weil man doch die Gören nicht verhungern lassen kann, kommt erst einer mit drei Kindern, und am nächsten Tage ist es eine Familie von vierzig Köpfen, die hier sattgcmacht wird, die Frauen schälen Kartoffeln und putzen Gemüse, die alte Wagenschanz steht mit schwerem Leibe an den Bottichen, wirft die Zutaten hinein und rührt mit den Gebärden einer finsteren, das Unheil ahnenden Priesterin. Um Mittag sitzt man einträchtig beisammen, Teller in der Hand, es riecht nach Fleischsuppe und nach dem unbestimmbaren süßen Duft der Schöuhcitskreme Erotikon, schauderhaft paßt das zusammen, aber die Flcischsuppe, oho!

Schlechte Stimmung? Findet ihr? Wir leben in einem Land, in dem alle Ernten verhageln, das ist seit tausend Jahren so, allmählich sollte man es 'raushaben, augenblicklich bekommen wir aber eine gute Fleischsuppe zu essen, den ganzen Bauch voll, soviel du willst, man hat also vollauf Ursache zu der besten Stimmung, findet ihr nicht? Weiß Gott, wir sind plötzlich eine wirkliche Fa­milie geworden, scheint es, das feine Fräulein Reuboldt hat ein Gör auf dem Schoß, putzt ihm das Rotznäschcn und entdeckt ver­drängte Instinkte in sich. Elli hat diese Instinkte nie verdrängt, sie spielte schon oft Kindergärtnerin in der Nachbarschaft, wenn sie gerade nichts anderes zu tun hatte.

Unter uns, Gott sei Dank, sitzt der alte Tischler Groth, der die Möbel, die Fenster und die Baracke schreinerte, und der seine Arbeit noch nicht bezahlt bekam. Das hat er nun davon, daß er dem verstiegenen Doktor Wagenschanz über den Weg traute. Jetzt kann er verhungern. Aber er verhungert nicht im mindesten, er bekommt seine Suppe wie die andern, und er gehört zu denen, deren Nacken von Schlägen hart geworden ist wie Bullenhaut. Rupp utt immer", sagte der alte Niederdeutsche,ick hew ers mut Fru verlorn und dann mitt Sähn im Kriech und dann mitt Geld, ick bin in de Uebung. Wenn et sien rnöt, Madarnrn, dann könnten Se an Ihre Bulljong ook noch de Fettoogen sparen."

Nachher leert sich der große Fabrikationsraum, in dem nicht mehr fabriziert wird, die Frauen schieben ihre Kinder vor sich her, die Männer marschieren ab an die Arbeit. Wird denn hier über­haupt noch etwas getan? O doch, eine ganze Menge. Anton hat sofort durchaesetzt, baß alle einlaufenden Bestellungen aus den ver- pfänderten Lagern beliefert werden dürfen, aber leider bringt der Geldbriesträger seine begehrte Last gleich zum Gerichtsvollzieher.

Mon sollte cs in den tausend Jahren also allmählich 'rous- bekommen haben, daß es unsereinem fast niemals gut geht, diese hier fügen sich mit unerschütterlicher Ruhe hinein und tun ihr Bestes, damit es sich ertragen läßt.

Schlimmer liegt die Qual auf Rosemarie. Sie hoffte, bas Rauf und Runter sei zu Ende gekommen, sie erbettelte von ihrem Schicksal eine glücklichere Zeit. Schönlein kommt jeden Tag, arbeitet mit Anton: wenn er Rosemarie begegnet, werden feilte Livven dünn, ich hgbe keine Not, saaen die Lipnen. ohne dgß fte sich öffnen, bei mir ist immer gute Zeit ich verstehe mich einzu- richten und verkehre in den obersten Gestllfchaftsklasten der In­telligenz. Alle feine Erwartungen vom Ende derKomett'^en Werke erfüllen sich prompt, und er empfindet eine gewisse Befriedi­gung darüber, tvie ein Mann, der weitausschauend mal wieder reckt behalten hat. Aber jetzt. Rosemarie, tagen die dünnen, stummen Lippen, jetzt ist es natürlich zu spät für eine Umkehr.

(Fortsetzung folgt.)

*Bera nitu orl l tc(): ldr. Hans Thyriot.Druck und Derlag:Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, 2l. Lange, Gieße.,.

In zweien der folgenden Nächte wird Anton in seiner Fabrik gesehen, Rosemarie in ihrem möblierten Zimmer. Gegen Morgen­grauen sind sie und der Taubengraue schon wieder verschwnnden. Als sie diese drei Reisen nach Osten, Norden und Süden beendet haben, finden sie die ganze Fabrik ausgeschmückt mit den blauen Klebesiegeln des Gerichtsvollziehers. Die Firma Wagenschanz be­saß vier Tage lang kein Haupt, nichts konnte angeordnet werden, es wurde keine Auskunft gegeben, Herr Wagenschanz ist verreist. Wo? Nicht einmal Elli wußte es, sie war unterrichtet, daß sie ruhig gestehen sollte:Ich habe keine Ahnung." Sie wußte nur, daß Anton in zwei Nächten zurückkam und mit ihr arbeitete, als ob er wunderbarerweise keinen Schlaf brauchte. Aber, Hand aufs Herz, es sah keineswegs so aus, als ob er mit dieser Zeit fertig werde.

Pfändungsbeschluß der Gläubiger, die fast alle an unserem Orte wohnen, und zahllose Siegel auf alle erreichbaren Stellen, auf die Möbel, Maschinen und am schlimmsten auf das Lager der versandfertigen Waren. Nur die Bank rührt sich nicht, sie weiß warum, sie hat eine kleine Sicherung im Gelöschrank liegen.

Sofort nach Antons Rückkehr beginnt das große Rennen. Erst kommen um acht die Arbeiter, sie finden eine stillgelegte Fabrik und wollen ihren rückständigen Lohn haben. Keine Sorge, ihr werdet ihn bekommen. Wann? Weiß ich nicht. Die Mehrzahl der Betrogenen, denen schließlich zu Hause die hungrigen Kinder sitzen, skandalicrt und will die Einrichtung zerschlagen.Seht mal das Vögelchen a'n." Elli zeigt auf die Pfändungsmarken.Das ist alles schon sichergestellt. Wenn ihr etwas kaputtmacht, so zerschlagt ihr euer Eigentum. Also los, Aexte liegen im Schuppen."

Anton sitzt an seinem gepfändeten Schreibtisch und notiert rach­süchtig die Namen derjenigen Händler, Arbeiter und Angestellten, die ihn bedrohen und die ihm Schwierigkeiten machen, die wird er sich merken. Es giftet ihn gewaltig, daß auch sein Kamerad Fabisch zu den Skandalmachern gehört.Das wirst du noch be­reuen, mein Junge!"

Bude zugemacht!

Es ist eingetreten, was alle vernünftigen Leute schon im Anfang gewußt haben: Die Wagenschanzwerke stehen vor dem Zusammen­bruch. Der Anwalt Peter Schönlein bekommt zu tun, er sitzt Anton gegenüber und redet dringend auf ihn ein.Machen Sie sich nicht unglücklich, Mann, und melden Sic einen anständigen Konkurs au, sonst holt Sie eines Tages der Staatsanwalt."

Fällt mir gar nicht ein."

Schönlein wird dringend.Wie soll ich es Ihnen klarmachen? Sie haben überall und allen Leuten eingeredet, es stehe gut um Ihre Fabrik. Sie haben Zahlen genannt, die nicht zutreffen."

Es gibt keine zutreffenden Zahlen, Herr Schönlein." Vor dem Staatsanwalt doch."

Das ist Ihre Sache, mich davor zu bewahren."

Ohne Ihr Einlenken sehe ich dazu keine Möglichkeit, Herr Doktor. Ich betrachte den Fall psychologisch, ich will annehmen, Sie haben das alles auch sich selber eingeredet. Worauf warten Sie noch?"

Auf den Donnerstag nächster Woche", grinst Anton.

Wieso auf den Donnerstag?"

Ich habe so den Eindruck", behauptet Anton, und Schönlein weiß nickt, ob dieser Bankerotteur außer allem noch seinen Spott treibt,ich habe so das Gefühl, daß mir dieser Tag nicht ungünstig wäre."

Sie sind wohl bei einer Wahrsagerin gewesen?"

Das pi-icntfid) nicht, Herr Sckönlein."

Die Wollen dieses Unglücks schlagen hinüber bis zu der Witwe Wagev^ck-"" Sie wird nicht mefir mit Frau Doktor angeredet, kein MeiCch kowwi su ihr und will einen Mann oder einen Sohn bei dem 'v-rrtt Doktor untergebrackt haben. Aber Frauen kommen, deren wtinn-rn uns Mobilen feit mehreren Wochen der ehrlich verdiente Lo^u gefcknkdet wird, jetzt foll wenigstens die Alte

Brieftasche auf den Tisch des Hauses, die übrigen in drei Wechseln. Man zögert ein wenig, wer kennt Herrn Doktor Wagenschanz und seine Chemischen Werke, wer weiß, ob die Unterschrift gut ist oder faul? Bedaure, Bargeld ist knapp, eine andre Reglung tm Augen- b^Wi^müßten voraussetzen, daß wir Ihre Wechsel sofort in Um­lauf bringen können." t

Natürlich, selbstverständlich, wozu sind denn Wechsel da?

Kieselbachs Inserate gehen von Hand zu Hand, und mit ruhigem Munde stellt Rosemarie die Zugkraft dieser Texte fest. Geschäft heißt Spielen, Spekulieren, immer, das vergessen die Herren aus dem ästhetischen Paradies gelegentlich. Man betrachtet nut vor­sichtig schätzendem Blick diesen unbekannten Herrn, seine Brauen, sein Kinn und sein breitbeiniges Stehen.

Nach einer Weile bleibt das Summen dieses riesigen Ameisen­haufens hinter ihnen zurück. Der Motor springt an und sagt sein Danke, gut gemacht" zu Rosemarie. Doktor Wagenschanz reibt seine Hände:Erstens Geschütz, Feuer! Schutz. Bums. Das Geld ist weg, das können sie uns nicht mehr pfänden. Und die Wechsel gehen höchstens zu Protest. Aber wir gehen jetzt fürstlich früh-