daß unter der Last der Taubennester die Bäume im Wald zu­sammenbrächen. Aber in welch schändlicher Weise hat man in unserem vielgepriesenen Knlturzeitalter den sinnlosesten Vernich­tungskampf gegen diese ärmsten Geschöpfe geführt: alljährlich zur Brütezeit zogen Tausende von Menschen mit Aexten in die Wälder und fällten die dicht mit Nestern besetzten Bäume, deren Jnsaffen getötet und eingesalzen wurden. Was diesem Blutbad entkam, das fiel im Herbst zur Zeit des Wanderzuges der abscheulichsten Vernichtung anheim. Um diese Zeit fuhren Jäger, Fänger und Metzger mit der Bahn den Taubenflügen entgegen, deren Rich­tung im ganzen Lande bekannt gemacht wurde. Wenn nun die Wanderung in vollem Gange war, ein sonnenverfinsternder Zug dem andern folgte, schlug man die Tauben mit langen Stangen herunter, die Jäger schossen mit Gewehren, die Fänger fingen mit Netzen, und dieses Morden dauerte bis tief in die Nacht hinein, wo man Fackeln ansteckte und solange mit Schwefel räucherte, bis Tausende von Tauben erstickt waren. Die Schlachtopfer wurden alsdann zwischen Eis in Fäfler verpackt und nach den Städten verschickt. Zum würdigen Beschluß trieb der Mensch noch seine Schweineherden auf den Schlachtort, die noch tagelang mit den zertretenen und verwundeten Tauben gefüttert wurden. Noch 1879 verschickte eine einzige Firma 1000 Fässer mit 40 000 Dutzend Wandertauben und lieferte nebenher noch 20 000 lebende für den Sport" des Taubenschießens. Und was war die Folge dieser wahnsinnigen Metzelei? Nicht weniger als 10 000 Dollar wurden vor wenig Jahren für die Auffindung eines einzigen Wander- taubennestcs ausgesetzt, da man den einst so häufigen Vogel für völlig ausgestorbcn hält. Damit jedoch noch nicht genug, noch eine weitere himmelschreiende Blutschuld hat jenesfreie" Amerika auf sich geladen, indem es den schonungslos geführten Vernich­tungskrieg gegen die Büffel der nordamerikanischen Prärien ge­stattete und selbst der wahrlich allen menschlichen Gefühlen hohn- sprechenden Ausrottung nicht rechtzeitig Einhalt gebot. Und wenn wir heute in den zoologischen Gärten uns die kleinen, mit blut­unterlaufenen Augen teilnahmslos vor sich hinblickcnden Bi­sons betrachten, so können wir uns des beschämenden und zu­gleich wehmütigen Gefühls nicht erwehren, baß menschliche Mord­sucht und Habgier es waren, die hier die vielleicht großartigste aber auch zugleich erschütterndste Tiertragödie heraufbeschworen haben und den jähen Untergang dieses imposanten Tiergeschlechtes verschuldeten, der letzten Zeugen einer großen Zeit. Noch vor wenigen Jahrzehnten öurchstampften die Büffel zu Hunderttausen­den die weiten Prärien Nordamerikas, während es 1903 nach den sorgfältigen Berichten in den Vereinigten Staaten noch ganze 630 gab, eine Zahl, die inzwischen noch mehr zurückgegangen ist.

Noch schlimmer als sonst haust der Mensch dann, wenn ihm außergewöhnliche Naturkatastrophen zu Hilfe kommen. Im Jahre 1899 war die Mündung des St. Lorenzstromes vollkommen ver­eist, und ein wütender Seesturm jagte immer neue Eispackungen gegen die Bucht. Als er sich legte, traf man ungeheure, endlose Massen grönländischer Seehunde an, die von den Einwohnern der ganzen Umgebung mit Aexten erschlagen wurden. Und als die Strömung immer neue Sechundmassen heranbrachte und die bei den Amerikanern besonders große Profitgier dahinterkam, baß sich diese dem Menschen von der Natur in den Schoß gewor­fenen Reichtümer bis ins Unermeßliche ausbeuten ließen, ließ man Arbeiterrotten aus dem Inland kommen, die tagelang diese abscheulichen Schlachtorgien fortsetzen halfen und selbst während der Nächte nicht von dem blutigen Naturfrevel abließen. Da die Seehunde sich wegen der angcstauten Eismassen nicht in Sicher­heit bringen konnten, sielen dieser Schlächterei nahezu 200 000 Tiere zum Opser.

Ebenso schreckliche Verheerungen rote dte sinnlose menschliche Vernichtungsrout können gewaltige Naturvorgänge verschulden. So z.B. erhoben sich im Jahre 1882 in den Küstengewässern von Neuengland gewaltige orkanartige Seestürme, jagten das warme Wasser des Golsstromes beiseite, trieben kalte Strömungen heran und veranlaßten so das Absterbcn von Billionen von Fischen, die längs den Küsten, auf Hunderte von Quadratkilometern hin die Meeresoberfläche bedeckten. Da die Stürme sich bald wteder legten und öer Golfstrom wieder in seine normalen Bahnen zurückkehrte, die ungewohnte Abkühlung also nicht lange wahrte, ist das Aussterben dieser dort heimischen Fischart verhindert worden. , ' , . ,

Aber nicht nur bas Ausland hat den Untergang ferner groß­artigsten Tiergeschlechter erlebt, die erschütterndsten Tiertragödien gesehen, auch wir haben die Ausrottung einer Reihe von Groß­tieren aus der Chronik der früher vorkommenben Tiere zu ver­zeichnen, von deren Existenz heute nur noch die Sage aus unserer Ahnenzeit Kenntnis gibt. Freilich ist ihre Vernichtung nicht allein auf grenzenlose Mordlust und Habgier des Menschen zuruckzu- führen, nein, ihr Aussterhen ward bedingt durch das Zeitalter der großen Rodungen und die allmähliche Entwicklung der Kultur­landschaft. Der gewaltigste Recke des germanischen Urwaldes war öer Auerochs, der noch in der Zeit, wo das Nibelungenlied entstand, ein häufiges Jagdtier war. Er wird übrigens allgemein als der Stammwater unseres Rindes betrachtet. Aus seinen ge­waltigen, gewundenen Hörnern pflegten die Germanen ihre Trinkhörner zu fertigen, die sie mit silbernen, goldenen und kup­fernen Ringen beschlugen und in die sie Trinksprüche und heilige Runen eingruben. Selbst im 14. Jahrhundert kam der Ur noch bei uns vor, starb aber bereits im. Jahrhundert aus.

Ein naher europäischer Verwandter des Auerochsen, der Wisent, hat sich dagegen bis in unsere Zeit erhalten. Seine stark gelichteten Restbestände haben in den unzugänglichen Ur­wäldern der nordwestlichen Kaukasus ein Asyl gefunden. Dieser

Bestand ist aber kürzlich von der Maul- und Klauenseuche heim- gesucht worben. Die Erhaltung des Wisents ist neben bem früheren Zaren, Ser im Urwald von Bialowiecz einige hundert russische Wisente unterhielt, die im Kriege von den deutschen Truppen geschützt wurden, besonders dem Fürsten Pleß zu verdanken, der in seinem oberschlesischen Gatterrevier eine Herde von 600 Stuck unterhält.

Unsere größte, noch lebende Hirschart, der Elch, war eben- falls zur Zeit der Ntbelungen mit das gemeinste Jagdtier des öeut- schen Urwaldes. Das Memelgebiet ist heute sein letzter Zufluchts­ort. Dem energischen Schutz der preußischen Forstverwaltung ist es zu danken, daß weit über tausend Stück Elchwild erhalten wurden, und man darf sogar hoffen, daß dieser Bestand weiterhin zuntmmt, wenn man bedenkt, daß der Königsberger Bezirk in den 70er Jahren kaum 100 Stück aufzuweisen hatte.

Der Mann, der mit dieser Zeit fertig wird.

Roman von Walter Julius B l o e m jGDS.).

sFortsetzung.)

Sie beugt sich zu Anton hinüber, den Blick geradeaus zwischen den Aesten entlaubter Ulmen, ssst, ssst klingt öer Widerhall der Boruberfahrt von Stamm zu Stamm.Gestehen wir uns, daß wir einigermaßen mit den letzten Karten spielen.

Dazu sind die letzten Karten da."

Sie erwidert, Hasard sei verboten.

Er schüttelt den Kopf.Wenn es glückt, nichtl"

Schon gut." Und nach einer Weile:Aber wenn es mißglückt?" Dann fangen wir wieder von vorne an."

Man hört von Ihnen kein entmutigendes Wort. Was sind Sie eigentlich für ein Mensch, machen Sie alle Sorgen mit sich selber ab? Spüren Sie das nicht, reden Sie sich diese Härte ein? Ich wenigstens, ich kann seit Wochen kaum noch schlafen."

Ich auch nicht", gesteht er gern. Ihre Rechte kommt vom Steuerrad und streichelt seine Hand, danke, sagt dieser Druck, danke, endlich ein Mensch. Er erfaßt diese Pelzfinger und bedeckt sie mit wild« Küssen. Das ist keinesfalls Liebe, es läßt sich nur musikalisch ausdrücken, ich hatt' einen Kameraden, ungefähr so.

! Dieser hier sitzt allerdings noch lebendig an Antons Seite. Ueber i dem Himmel steht ein grauer Schimmer, ein Schein jetzt, ein j fahles Licht nunmehr, in dem die Scheinwerfer erbleichen. Ueber- ! mäßig schnell geht diese Fahrt, die Gummis sausen, ein Fehlgriff, und der Kasten klebt an den Pappeln, alles aus. Gut, das schadet nichts, wir sind nicht dazu da, um glücklich zu sein und zu genießen. Wozu nämlich, bitte? Ich weiß es nicht, ich kann auf so schön- gefärbte Fragen keine Antwort geben, ich weiß nur, was ich zu tun habe, solange ich nicht im Grabe liege.

Dies ist ein Morgen, der nicht geschaffen wurde für ein großes Wagnis. Sicherlich stehen die Sterne schlecht.Dies ist übrigens wahr. Doktor. Unsre Inserate hätten im Mai erscheinen müssen oder in der Sommerglut, wenn die Körperpflege eine Lust ist. Aber es wird Winter, jeder Tropfen Waschwasser schaudert aus der Haut. Keine gute Zeit für uns."

In Gottesnamen! Irgendwo stimmt es nie. Außerdem kom­men wir auf diese Weise ins Weihnachtsgeschäft."

I Sie durchfliegen in vierstündiger Fahrt eine trostlose Ebene, ! die von unendlichen Wolkenmassen flachgequetscht wird. Krähen- I schwärme stoßen über die Felder, auf denen Mist raucht. Sie 1 queren Städte und erblicken Wälder von Schornsteinen, deren Schlöte nicht alle qualmen. Der Ungeist herrscht über dies Land, er will öer Not gebieten, indem er das Leben erdrosselt! Vor Amtshäusern drängen sich Menschen, die auf Arbeit warten, miß­günstige Blicke prüfen den kotbespritzten Wagen unö die vornehme Frau am Steuer und den Herrn im dicken Autopelz, die haben es, die können sich so was leisten, unsereiner geht vor die Hunde. Weiß Gott: wie die beiden endlich durch Berlin rollen, durch einen würgenden und tobenden Verkehr, sie trauen auch nur ihren Augen unö fragen sich: wo ist hier ein Schein von Armut, von Schwierigkeiten, von verfahrenen Verhältniffen? An ihnen vorbei paradiert das großartig funktionierende Unternehmen einer Rie­senstadt. Die Parade der protestierten Wechsel kann allerdings vom Auto aus nicht abgenommen werden.

Hier weiß Rosemarie Bescheid. Sie lebte hier bei ihren Eltern, neun Zimmer in der Ansbacher Straße, festgemauert in der Erden, von hier zog sie mit einem Köfferchen davon, eine kindlich junge Klavierlehrerin mit verzweifelndem Lebensmut, die erst in der Verbindung mit einer arbeitslosen Stenotypistin wieder Boden unter die Füße bekam, zwei Fußbreit Boden. Jetzt rollt sie am Steuer eines achtzigpserdigen Sportwagens zurück in dasselbe Berlin. Zwar übertüncht der Lack einige Schwierigkeiten dieses Unternehmens Wagenschanz. Der äußere Eindruck jedenfalls ist gediegen.

Ein Zeitungspalast, durch sechs Stockwerke wimmeln die Amei­senmenschen. Die Wagenschanzleute sind angemeldet, werden er­wartet, heute in Berlin, morgen in Hamburg, übermorgen und noch einen Tag in München, dazwischen immer wieder wie der Riese Antäus nächtens zurück auf den Mutterboden der Chemi­schen Werke, aber nicht um Kraft zu schöpfen, höchstens um sich zu erkundigen, was für Blitze inzwischen dort eingeschlagen sind.

Anton läßt seinen Wachtpelz aits Kurland int Wtmen zurück, der Portier streift das herrliche Fahrzeug mit einem flüchtig ab­schätzenden Blick, vielleicht gibt er eine kleine' telephonische Mel­dung nach oben? Unwahrscheinlich, aber es könnte nichts schaden. Der graue Anzug macht ebenfalls einen guten Eindruck. Aber ohne Zweifel macht Fräulein Reubolö in ihrer damenhaften Sicherheit