Ausgabe 
2.6.1933
 
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Nummer 42

Freitag, den 2. Juni

Jahrgang 4933

Pfingsten.

Bon Maria Kahle, GDS.

Me die Drosseln in den dunklen Tannen rusenl Aller Frühling will so hold mich locken. Sehnend schwillt es durch die Abendtäler, Alles Blut will mir im Herzen stocken.

Herz, du solltest wie der Weißdorn quellen. Blütenüberschwellend selig prangen, Herz, du solltest wie der Ginster leuchten, Von der Sonnenschönheit goldumhangenl

Herz, du solltest wie die hellen Wiesen Weit dich auftun vor dem Licht und Wehen, Herz, du solltest wie die schlanke Birke Demutinnig unter Schauern stehen!

Wie die Drosseln in den dunklen Tannen rufen! Wie von Wald zu Wald die Stimmen schwingen! Laß mich blühen, Weißdorn, goldner Ginster, Laß mein Herz im Blütenrausch zerspringen!

Wen Gottes Geist beseelt..

Von Dr. Johannes Günther.

Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen, zündet Opfer an!* So beginnt ein Lied, das im evangelischen Gesangbuch steht und seit zweihundert Jahren von fröhlichen Christen gesungen wird. Es ist eigentlich ein schöner Mut, ein geistliches Lied so beginnen zu lassen. Ein Mut zur Erkenntnis, zur Sprengung aller Schranken spricht aus dem Liedanfang, wenn man ihn mit Bewußtsein singt. Maien! Blumen, Opfer! Hier hat manHeidentum" nicht mit Stumpf und Stiel ausgeroitet, sondern seine gesunden Triebe und sogar seine starken Sinnbilder in Ehren beibehalten. Wenn man die Birken, dieMaibäume", vor die Häuser oder in die Stuben stellt oder auf die Dorfplätze stellt, mit frohen Bändern putzt und umtanzt, dann will man mit diesen schmucken, schlanken Bäumen den herrlich erwiesenen Sieg der warmen fruchtbringenden Jahreszeit über den Winter feiern; blumengeschmückt halten Männer und Weiber und Kinder und das liebe Vieh feierlichen Umzug durch Gassen und Feldwege, freuen sich dessen, daß sie sokünstlich und fein bereitet* finb ( von wem? Ja, das schlägt unmittelbar und begeisternd heftig Flamme des Heidentums in Flammen des Christentums über, hier wagt es das Christentum,ja" zu sagen zu Starkem, Altem, Kreaturhaftem, ohne seine Stellung zu verlassen, ohne feine Ueberzeugung zu verleug­nen!) Und:Zündet Opfer an!*: in manchen Gegenden Deutschlands, in Steiermark und auch in Norwegen, läßt man noch die Pfingstfeuer bren­nen: diese alten Zeichen der Lauterkeit, vor denen alles Gespenstergezucht das Werden und Wachsen verderben will, flieht. Und ein besseres, heili­geres Bild als das Feuer kannten ja auch die ersten Christen nicht, als sie das überwältigende Erlebnis der Gottergriffenheit Mitteilen wollten. In ihrem Sinne also, uralte Gebräuche hebend, adelnd, fährt der Lieder­dichter, wenn er begonnen hat,schmückt das Fest mit Maien, lasset Blu­men streuen, zündet Opfer an*, fort:

Dazu der Geist der Gnaden Hat sich eingeladen, Machet ihm die Bahn.

Nehmt ihn ein, so wird sein Schein Euch mit Licht und Heil erfüllen Und den Kummer stillen!"

Fröhliche, durchlichtet« Menschen überwinden alle kümmerliche Muckerei, sie sind Brüder gewissermaßen des Michael Schirmer, der den Dreißigjährigen Krieg von Anfang bis zum Ende durchkosten mußte und dennoch sein herrliches JubelliedO heil'ger Geist, kehr bei uns ein , dichten konnte, Brüder Luthers, derden heiligen Geist um den rech­ten Glauben allermeist" bat und unter den Geistesgaben zweierlei ver­stand: die starke Einigkeit der Liebe und die Unoerzagtheit (daß wir nicht fürchten Spott noch Tod").

Liebende Menschen und beharrliche Menschen müssen von Gott er­griffen sein sonst könnten sie die oft unerhört schwierigen Folgerungen ihrer seelischen Haltung nicht tragen. Ein in dieser Weise ganz gottergrif- fener Mensch ist schon ein Wunder. Und wir erfahren immer wieder das Glück, solchen spürbar gottergriffenen Menschen zu begegnen, und wenn sie uns davon erzählen, wie es in, ihnen licht wurde, wenn sie, h>n-

I gerissen, von dem künden, was m ihnen lebt, dann stehen wir wohl, ähnlich den Pfingstzungen, vor der Wirkung übernatürlicher Macht, die aber nicht bloß einmalig, historisch oder gar zeitbedingt und legendär ist, sondern:

... sie ist an diesem Fest und alle Morgen neu!" wie Johann Sebastian Bach sang.Zeitbedingt und legendär* und für uns heute symbolisch sind nur die Begleiterscheinungen jener Gottergrisfenheit am ersten" Pfingsttage,zeitbedingt"; denn vor zweitausend Jahren nahmen die Menschen mit Kindersinnen, mit vergrößernden, ausschmückenden Märchensinnen wahr. Aber wie auch ein Kind schon tiefste Wahrheit er­kennen kann, vielleicht bloß noch nicht unmittelbar, noch nicht zu Formu­lierung und Vermittlung fähig, wohl aber angepackt und durchschauert von dieser Wahrheit, jo sollen wir dem alten Bericht trauen, daß hier Gott in Menschenseelen überging und zwar in so ganz besonderer und entscheidender Weise, weil Jesus, ihr Lehrer, erst vor kurzem von ihnen gegangen war und sie nun allein ihr Leben meistern sollten. Wir dürfen wegen ber Begleiterscheinungen, die mitberichtet werden, der eigentlichen Pfingstwahrheit, die Me Morgen neu sein kann, nicht mißtrauen.

Schön ist es, wenn ein kindlicher Mensch der Gegenwart die alte Pfingstgeschichte wieder hört und wieder ein Organ hat für das Mit­schwingende, was dem klaren Beobachter märchenhaft vorkommen muß, wenn es ihm in der naiven Weife mitgeteilt wird. Aber der kindliche Mensch empfindet eben im Psingstbericht nichtHauptsache" undNeben­sachen , nicht Sinn und Ausdrucksversuch, sondern ein Großes, das ihn überkommt. Der starke gütige Dorfpfarrer und Dichter Gustav Frentzen fchätt dann aus diesem Seltsamen, Großen, das einfach hin- genommen wird, für seine Bauern (in denDorfpredigten") das Ewige und persönlich Wichtige heraus: «... wo nichts geschieht, ist nicht Pfing­sten. Wo aber in einer Seele etwas geschieht, nämlich Feuer fällt, der Stab in die Hand genommen wird, mühsam die ersten Schritte auf neuem Wege gemacht werden: da kommt und wächst und steigt ein namenloser Segen. Wenn Vater- und Muttersegen, wie man sagt, den Kindern starke Häuser baut, so baut wohl Gottes Segen ein Haus von Fels und Eisen, ein ewig Haus. Glücklich die Menschen, die vom Geist Gottes die Funken im Herzen und in den Händen tragen, die Herz und Sinne auf Gott gerichtet haben! Was ist geschehen? Feuer flog vom Himmel. Was sollen wir tun? Warm werden an dem Feuer, wandern in dem Licht. Das sollen wir tun. Das wollen wir tun."

Vor der Universitätskirche zu Kiel steht eine Skulptur Ernst Var- lachs,der Geistkämpfer": auf dem Rücken eines Raubtiers steht mit merkwürdig schwebender Straffheit ein Engel, er hat sein Schwert kerzen­gerade über sich geschwungen; sein Haupt, mit der Miene heiliger Sorge, ist streng und linde zugleich dem Tiere zugewandt. Das ist Pfingstgeist: große Ueberlegenfjeit über das Animalische; Prophetie; hehre Stille im Göttlichen. r .

Und das sind nicht etwa Ideen, die in Stein und Erz gebannt sind. Sie haben sich in Stein und Erz chre monumentale und ewig angemessene Form gesucht, aber sie werden geboren in begnadeter Frühsommerzeit, in pfingstlicher Stunde; die man wieder mit den schon angeführten Bach. Klängen feiern muß:

Wen Gottes Geist beseelt, wen Gottes Wort erreget. Wer Gottes Gnade fromm in feinem Herzen heget. Der stimme mit uns ein und preise Gottes Treu': sie ist an diesem Fest und alle Morgen neu!"

Oie Pfingsten des Musketiers Wiedegang.

Von Ernst W i e ch e r t.

Man hatte uns schon am Abend zum Pfingstgottesdienst befohlen, weil man am ersten Feiertag vorn einen Angriff erwartete. Es war im letzten Kriegsjahr, und wir nahmen auch die Feldgottesdienste hin. Der Altar war in einem zerschossenen Walde aufgebaut, und während der ganzen Predigt rief der Kuckuck. Wir alle lauschten nach der Birkenwand hin, hinter der der Ruf erklang, als stehe dort die Gotteskirche, von der der Pfarrer sprach. Nur Wiedegang lauschte nicht, der Musketter Wiede- gang, von dem das ganze Regiment wußte, daß er einmal Pfarrer ge­wesen war. Er stand da, aufrecht und ordentlich wie immer, und feine schweren Augen hingen unbeweglich an dem Gesicht des Geistlichen. Wie ein fremdes Wesen ging die laute Stimme über die Birken hin und durch die Sanftheit des Sogeirufes.Und es soll geschehen", sagte sie,und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, ich will ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Aeltesten sollen Träume haben."

war nicht das, was wir hätten begreifen können. Es rührte uns nicht mehr an, denn es war das vierte Pfingstfest im Kriege, und wir hörten, wie die Mühle des Todes sich langsam wieder zu drehen begann, in unserem Rücken, hinter den Kreidehügeln, auf denen die Sonne flim-

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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger