werte. Wir wußten, welche Gesichte uns bevorstanben, und wir hatten keine Lust zur Weissagung. .
„Nein, er weiß es auch nicht", jagte Wiedegang, als wir am Abend vor den Waldhöhlen unserer Reservestellung saßen. Er hatte seine holzschale in den Händen, eine glatte Schale, aus Lindenholz, die mir alle kannten und die er von Front zu Front mit sich trug, ohne daß wir ihren Zweck erkannten. Er strich mit den Händen über das weiche, gebräunte Holz, und wir sahen wieder, daß seine Hände aus den schwarzen Falten eines Talars hätten herausleuchten müssen, statt aus der grauen, verschmutzten Starrheit seines Wassenrockes. Die Birken Dufteten in der Abendluft, und wir waren verträglich, als stehe der Friede vor dem Tor
scheidenheit. Und ich hatte eine Frau, die zart war an Körper und Seele, so zart wie eine Blume. Und eines Tages waren ihre Füße gelahmt. Sie hatte Füße wie ein Kind. Es war ein Gebirgsdorf, und als das Wildwasser im Frühling kam, standen mir die ganze Nacht draußen, weil Menschen und Vieh ertrinken wollten. Und am Morgen sagte sie dann, daß Gott sie verlassen habe. Es dauerte ein ganzes Jahr, und ihre Seele ging wohl langsam ins Dunkle, obwohl ich soviel Lichter um sie stellte, wie Gott sie mir verliehen hatte. Bis ihre alte Kinderfrau zu ihr kam und ihr sagte, daß man in der Psingstnacht eine Schale unter eine junge Birke stellen müsse, eine Schale aus unberührtem Holz, und einen Spruch dabei sprechen, und wenn Gott den heiligen Geist ausgiehe, über alle Kreatur, zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang, dann gieße er ihn auch über die Schale als ein kühles klares Wasser, und wer die Füße darin wasche, der werde gesund zur selben Stunde.
Es half mir nichts, daß ich dagegen sprach als gegen einen dunklen Glauben und einen Frevel an der Demut vor Gottes Hand. Denn ich liebte sie, und sie umfing meine Knie in der Aot ihres Leidens. Ich schnitzte die Schale mit meinen Händen, und affi Abend trug ich sie hinaus. Die Sterne schienen, und ich sah, daß kein Regen fallen würde als eine milde Täuschung irregeführten Glaubens. Es war eine schwere Nacht für meine wachende Seele, aber es steht ja in unserem Buche geschrieben, was wir zu tun haben oder nicht. Und um die Mitternacht ging ich leise hinaus. Ein Bogel rief über die Wiesen im Grund, und ich dachte, daß Gott dort stehe und gegen mich rufe. Aber ich trug das Wasser aus dem Brunnen, bis die Schale gestillt mar. Die Espen rauschten an unserem Tor, und ich dachte an Judas, der sich erhängte an einem Espen
baum. _ ...
Sie ermachte nicht, als ich mich wieder legte, aber als die Sonne über die Berge stieg, sah sie mich an. Ich brachte die Schale an ihr Bett und wusch ihre toten Füße. Sie sprach kein Wort, aber in ihren Augen war zu lesen, daß ihre Seele unter Dem Torbogen ftanb, hinter Dem keine Seele mehr roiebertommt. Sie fiel in einen tiefen Schlaf, unb im Schlaf war ihr Gesicht von Tränen nah. Und am Abend ... ja, am Abend stand sie auf und wandelte."
\ „Laß es fein", jagte leise einer von uns. Aber er hob nur den Kops und lauschte nach der stärker mahlenden Front.
I „Sie fragte mich. Ich wußte, daß sie fragen würde, und es war so schwer, die Lüge in ihr Auge zu sprechen. Aber ich sprach sie, ja, ich beschwor sie, beim Namen des heiligen Geistes beschwor ich sie. Und am selben Tage trat ich wieder aus die Kanzel. Versteht ihr nun, weshalb ich hier zu allem ruhig bin? Glaubt ihr, daß es leicht ist, in die schweren Minen zu gehen, wenn man ein Jahr lang nach jener Nacht auf die Kanzel gegangen ist? Denn ein Jahr dauerte es. Nach einem Jahr starb sie, im Kindbett, und ich zog meinen Talar aus. Ich hatte Gott verraten. Und nun warte ich auf Das letzte PfingstwunDer, Denn es stehl geschrieben in Der Apostelgeschichte: ,UnD soll geschehen, wer den Namen des Herrn anrufen wird, soll selig werden?"
Wir sprachen noch ein wenig in die Dunkelheit hinein, aus der die Lindenschale und seine Hände 'leuchteten. Unbeholfen und schwerfällig, denn wir waren ungeschickt geworden, an zarte Dinge zu rühren, ob mir sie auch als einen fremdartigen Zauber empfanden. Er ging noch ein roenig abseits, und wir krochen in unsere Höhlen hinunter. Zeder von uns sah, daß er die Schale nicht mehr trug, als er wiederkam, aber niemand fragte ihn. Nur jagte ihm jeder Gutenachi.
Es begann gleich nach Sonnenaufgang, und Die erste schwere Lage warf uns Den Sank» in Die verstörten Augen. WieDegang faß schon aus seiner Pritsche, Den Stahlhelm auf Dem Kopf, Das Sturmgepäck umgeschnallt. „Ja, Kameraden", sagte er, „nun sängt es an." Und er sah jeden einzelnen von uns an und nickte ihm langsam zu. Die zweite Lage hörten wir schon, als sie über den Kreidehängen war. Es waren schwere Kaliber, und sie stürzten wie Häuser in einen heulenden Abgrund. Und bann schrie es braufjen, wie bie Kreatur unter bem Entsetzen schreit. Wiedegang war der erste. Er stürzte hinaus wie zu einem Ertrinkenden. Es mar der Unteroffizier aus der Nachbargruppe. Er lag am Birkenrand, und seine Beine hörten bei den Knien auf. Wir sahen alle, daß es keinen Zrneck mehr hatte, aber Wiedegang riß bas Banb von seinem Brotbeutel unb schnürte das strömende Blut ab. Dicht daneben im versengten Grase lag die Schale aus Lindenholz, unb Wiebegangs Augen blickten in sie hinein. Er sah nicht auf feine Hände, die gerötet mären vom strömenden Blut, sondern auf bas glatte fleckenlose Holz, unb sein schweres Gesicht mar traurig unb erloschen. Und Dann hörten mir es über Den KreiDehügeln heulen unD schrien ihm zu. Aber er richtete sich in Den Knien auf unD sah Dem entgegen, Das unsichtbar sich über uns stürzen mollte. Wir lagen in Die Erbe gepreßt unb sahen sein Gesicht mie in. einem blassen Schein, aber es schien uns allen, als leuchte bieser Schein mie im Licht einer Hossnung, verzerrt aber hell bes Tobes gemiß aber ihm llichelnb zu- gemanbt.
Es schlug vor uns ein, unb Die Splitter streiften uns so Dicht, Daß sie unser Haar versengten. Ein Bogel schrie auf, mit heller, erschreckter
unseres Lebens. m .
„Ich will es euch nun erzählen", sagte Wiebegang, unb sein schweres Gesicht mar aufgeschlossen rote ein Haus nach einem-marmen Regen. „Es könnte ja fein, baß mir morgen nicht mehr alle zusammen sinb. Es ist schon wahr, bah ich ein Psarrer gewesen bin. Vielleicht mar ich kein Hirte, aber ich säte gern auf Den Acker Gottes, und hin und mieder ging ein Korn auf unb ich sah, Daß es Frucht trug unb freute mich in Be- ......ich hatte eine Frau, bie zart war an Körper unb Seele, Blume. Unb eines Tages maren ihre Füße gelähmt.
Stimme, und bann war es still. Wiedegang war auf sein Gesicht gefallen, die Hände vor sich ausgebreitet, und aus feiner Brust strömte das Blut tu bie Schale aus Linbenholz. Er lächelte, als wir ihn aufhoben. Er schüttelte den Kops, als wir eine Zeltbahn unter ihn schieben wollten, unb bat nur, baß man ihn etwas ausrichte. Dann sah er in die blut- gesüllte Schale, bis seine Augen grau wurden. Er sagte nichts, kein Wort, aber er trug [ein Lächeln bis in die «chatten des Todes, und dort legte er es nieder. _, ,
Wir begruben ihn allein, ohne Psgrrer, und legten die Schale in fein Grab. Wir hatten nicht viel Zeit, aber bevor wir über die Kreide- Hügel gingen, pflanzten wir einen Birtenstrauch in die frische Erde.
Wir sahen uns nicht mehr um, denn bie Hügel vor uns bampften, aber es war uns, als könnte keiner von uns zurückkehren in Das Leben der Menschen, das hinter uns blieb.
Junges Deutschland.
Von Rudolf G. B i n d i n g, GDS.
Heraus, wir Jungen!
Deutschland ruft.
Väter, mir hören da ihr es schuft.
Heraus, mir Jungen!
All auf die Bahn.
Junger Tat alle Ehr ist aufgetan.
Heraus, mir Jungen!
Frieden und Recht tragen als Banner wir junges Geschlecht.
Heraus, mir Jungen!
Unser Schritt ist gleich. Ein Herz in der Brust — so sind mir reich.
Heraus, mir Jungen!
Hört wie es ruft. Deutschland will leben. Deutschland ruft.
pfingsiwunder der deutschen Musik.
Von Alexander B e r r s ch e.
Dr. Alexander B e r r s ch e ist ein Schüler von Max R e - g e r und nicht nur einer der besten Pianisten, [onbern auch einer unserer ersten Musikkenner und Musikkritiker.
Diese Ueberschrist ist nicht von mir, sondern von meinem alten Pfarrer bei uns daheim. In einer Psingstpredigt sprach er von der Kraft des Heiligen Geistes, die es bewirkt habe, daß die Worte der Apostel allen Hörern, den Juden, Griechen und Römern, verständlich gewesen seien, weil jeder sie in seiner eigenen Muttersprache gehört habe. Und um uns Kindern dieses Wunder plausibel zu machen, brachte er die Rede auf die Musik, besonders aus bie beutsche Musik, deren Gewalt zu jedem Menschenherzen bringe, unb er sagte, baß barum bie deutsche Musik auch ein Psingstwunder, ja ein ewiges Psingstwunder sei. Er war nämlich selbst ein Musiker, hatte mit Liszt vierhändig gespielt, mit Bruckner Briese gewechselt und hatte für unfereinen, der verbotenerweise und über das ihm angemessene Pensum hinaus an Liedern unb Klavierstücken von Schumann, ja am Kiaoierauszug bes „Tristan" naschte, statt der gebotenen Strenge ein kameradschaftlich aufmunterndes Lächeln. Da er aber auch — als Musiker — der Mann der improvisierten Rede war, dem es unmöglich gewesen wäre, eine Predigt auszusetzen unb zu memorieren, so wibersuhr es ihm bamals, daß er in ein begeisterungsvolles Erzählen geriet. Er erzählte ein Erlebnis von einer Wallfahrt ins Heilige Lanb, wo bei einem Aufenthalt in Smyrna ober Ephefus eine wüste polnische unb französische Schimpserei aus bie beutschen Barbaren — es war ja immer so — losgegangen war. Aber ba hat unser Pfarrer einem Freunb, der feine Geige bei sich hatte, einen Wink gegeben, und die beiden haben den Vertretern der feineren Kultur das Abendlied Schumanns uorgefpielt, worauf die ganze Debatte erledigt war: alle hatten auf einmal — für wenige Minuten — deutsch verstanden.
Er sprach höchst anschaulich, ja dichterisch, und während die Gemeinde in dem milden Befremden verharrte, mit dem man im Konzert einem Solisten folgt, der bei der Kadenz den Uebergang zum Dominantsept- attorb mit bem langen Triller nicht finben will, schauten wir Kinber in festlicher Spannung hinauf zu dem alten Herrn, der nun wahrhaftig eine Pause machte unb mit einem Lächeln seliger Abwesenheit dastanb. Wir wußten, baß er mit bem inneren Ohr aus bie Klänge lauschte, bie seine beredten Worte herbeigelockt hatten, unb es war uns, als müßten es auch alle andern hören, wie die spätsommerliche Schönheit und Trauer der Schumannschen Melodie für einen Augenblick fremd und verklärend den stillen Raum erfüllte. Das dauerte nur wenige Sekunden. Dann kam dennoch bie Ueberleitung zum Dominantseptakkorb, unb bie Pfingstprebigt ging machtvoll zu Ende.
Der feine, aus Geist unb Güte geschossene Seelsorger hat längst die Augen zugemacht. Ich ehre sein Anbenken in der Erinnerung an viele unvergeßliche unb erhebende Eindrücke. Keiner davon steht mir so lebendig vor Augen wie der Moment in jener Psingstpredigt, wo die Leute geglaubt hatten, er sei steckengeblieben. Wenn ich einem Ausländer klarzumachen hätte, was es eigentlich mit der deutschen Musik und den must- 1 tauschen Deutschen für eine besondere Bewandtnis habe, so würde ich


