Charakter war es möglich, in den Volk und Kontinent erschütternden Stürmen des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts ein |o großartiges Lebensgebäude, eine kulturell so bedeutungsvolle Schöpfung wie den von ihm gewissermaßen zum zweiten Male begründeten, aus provinzialer Enge zur Weltbedeutung emporgeführten Cottaschen Verlag zu errichten.
Der Cottasche Verlag erhielt durch ihn das Fundament, auf dem sich sein Weltruhm, seine Weltbedeutung aufbauten: Schiller und Goethe waren 1794 für den Verlag gewonnen worden.
Daß Johann Friedrich Cotta es verstanden hat, sich den Weg zu diesen beiden Heroen zu bahnen, ist sein unvergängliches Verdienst. Denn er war es, der mit kluger Berücksichtigung aller Umstände im Herbst 1793, als Schiller zu längerem Aufenthalt in seine Heimat kam, ihn um ein Werk für den Cottaschen Verlag bitten ließ. Er bediente sich dabei der Vermittlung eines auch ihm nahestehenden Jugendfreundes Schillers, des württembergischen Geheimsekretärs Friedrich Haug, desselben Mannes, der später berufen wurde, als erster Redakteur Cottas schöngeistige Zeitschrift, das „Morgenblatt", zu leiten. Hatte dieser Versuch zunächst auch keinen sichtbaren Erfolg, so waren doch erste Fäden geknüpft, und Schillers Aeußerung zu Haug, daß er gerne ,/)rn. Cotta willfahren zu können" wünsche, „sei es durch welche Schrift es wolle", gab die Grundlage ab, auf der im März 1794 bei einer Reise nach Tübingen die erste persönliche Begegnung zwischen Schiller und Cotta stattsinden konnte. Die Besprechung zwischen beiden führte noch im gleichen Monat zu einem Derlagsangebot Schillers. Dieser wollte in Verbindung mit zwei befreundeten schwäbischen Gelehrten „die vorzüglichsten Tragödien der Griechen in einer modernen und angenehmen Uebersetzung unter dem Titel Griechisches Theater bandweise herausgeben." Cotta, der wohl nach einem moderneren und wirksameren Stoffe ausschaute, ging nur halb zustimmend auf diesen Vorschlag ein, so daß es saft schien, als würde die Anwesenheit Schillers in seinem Vaterlande für Cotta nicht das erhoffte Ergebnis zeitigen. Da brachte schließlich ein Gegenbesuch, den Cotta Anfang Mai dem Dichter in Stuttgart machte, die Entscheidung und die große Glückswendung für Cotta: Auf einer Spazierfahrt nach dem Dörfchen Untertürkheim bei Stuttgart fanden sich Dichter und Verleger zur Ausführung zweier weitreichender Pläne bereit, die für das geistige und politische Deutschland von höchster Bedeutung werden sollte. Der stark auf politische Wirksamkeit eingestellte Cotta, der seit der Zeit seines Pariser Aufenthaltes von einer große» deutschen politischen Zeitung träumte und in dem Verfasser des „Don Carlos" den durch Gesinnung und Kraft des Ausdrucks geeigneten Leiter eines solchen Journals sah, entwickelte diesem seinen Gedanken einer „Europäischen Staatenzeitung", die nach seinen Absichten „eines der schönsten Institute nicht nur Deutschlands, sondern Europas sein" sollte, und wußte Schiller für die Ueber- nahme der Herausgeberschast geneigt zu stimmen. Schiller seinerseits brachte den schon seit Jahren von ihm erwogenen Plan eines „großen literarischen Journals" zur Sprache, das die ersten Köpfe der Nation vereinigen, und das „sich über alles verbreiten" sollte, „was mit Geschmack und philosophischem Geiste behandelt werden kann". Die Vereinbarungen der Untertürkheimer Spazierfahrt vom 4. Mai wurden Ende des Monats von Cotta in Jena auf der Heimreise von der Leipziger Ostermesse in zwei Verträgen festgelegt: in dem „Contract über den Verlag einer Allgemeinen Europäischen Staatcnzeitung von Hrn. Hofrat Schiller", und in dem „Contract über die literarische Monatsschrift Die Horen betitelt, welche unter der Aussicht des Hofrat Schiller erscheinen soll". Zur Durchführung kam in gemeinsamem Wirken von Schiller und Cotta allerdings nur der Plan der „Horen": der Gedanke einer politischen Zeitung wurde vorläufig zurückgestellt, weil Schiller mit Rücksicht auf seine Kränklichkeit und wohl auch aus das eindringliche Abraten Goethes hin schließlich die Leitung einer solchen Zeitung ablehnte.
Waren auf diese Weise auch Cottas Haupthoffnungen nicht erfüllt worden — die Uebernahme der „Horen" in den Verlag bedeutete für diesen einen unermeßlichen Gewinn an Ansehen, und was Schiller während der Verhandlungen einmal an Cotta schrieb: „Wenn dies die einzige Schrift wäre, die Sie verlegten, so müßte schon diese einzige Ihren Namen unter den deutschen Buchhändlern unsterblich machen", sollte sich bald als nicht übertrieben erweisen. Denn durch die „Horen" gewann Cotta Beziehungen zu den glänzendsten Geistern des damaligen Deutschlands: in erster Linie zu Goethe, der u. a. den „Benvenuto Cellini" und die „Römischen Elegien" beisteuerte, dann zu Herder, Fichte, Hölderlin, Alexander und Wilhelm von Humboldt, zu den beiden Brüdern Schlegel, Johann Heinrich Voß und was sonst dem Jenaer und Weimarer Dichter- und Gelehrtenkreise nahestand. Daß viele dieser Mitarbeiter der „Horen" früher oder später selbständige Autoren des Cottaschen Verlags wurden, war eine ganz natürliche Folge. Schon 1795 wandte sich Fichte mit mehreren Vorschlägen — und der Bitte um ein Darlehn von 50 Karolin — an Cotta, im gleichen Jahre bot Schiller für Hölderlin dessen „Hyperion" an, der dann in endgültiger Gestalt von 1797—99 in Tübingen erschien; auch Friedrich Schlegel bemühte sich schon 1797, Cotta zum Verlag einer Sammlung philosophischer Aufsätze zu bestimmen — kurz: Johann Friedrich war nun schon ein gesuchter Verleger geworden. Er wurde es vollends, er wurde der von allen Dichtern und Schriftstellern Deutschlands umworbene „Erste Verleger Deutschlands" (wie ihn später Fououä genannt hat), als Schiller und Goethe ganz oon ihren alten Verlegern Göschen und Unger zu dem wagemutigen, glänzenden Honorare bietenden Tübinger Buchhändler übergegangen waren. Schiller tat diesen Schritr unmittelbar nach der Uebernahme der „Horen" gemäß seiner, Cotta gegebenen Versicherung, daß der Verleger der „Horen" auch der Verleger aller seiner Schriften wurde, Goethe, nach der Mitarbeit an Schillers „Tenien- und Balladen-Almanach für 1797 und 1798, und nach dem ersten eigenen Versuche mit den „Propyläen" (1798), entschieden nach der Jahrhundertwende, so daß man von etwa 1805 ab Cotta mit Recht auch als den Verleger Goethes bezeichnen kann.
So hatte der Cottasche Verlag sein „klassisches" Fundament erhalten. Das Vertrauen der größten literarischen Geister der Zeit trug ihn und
bot die Gewähr einer Wirkung in die Tiefe, ins Wesentliche, ins lieber» tägliche. Aber Cotta wollte auch literarisch in die Breite, auf die weiteste Oefsentlichkeit, für die Bedürfnisse des Tages wirken. Er schuf sich daher im Jahre 1807, zu einer Zeit, als nach der Niederwerfung Preußens durch Napoleon die Flucht der Gebildeten aus der Politik in die Literatur und Kunst immer allgemeiner wurde, eine schöngeistige Tageszeitung, das später so berühmte „Morgenblatt für gebildete Stände". Seine Absicht war dabei, „eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, welche, unterhaltend und belehrend zugleich, die Literatur und die ganze Bildung der Gegenwart, mit Ausschluß der politischen Tagesgeschichte, aus würdige Weise repräsentieren sollte". Im Zusammenhang mit dieser Gründung schrieb ihm im Januar 1807 der ihm nahe befreundete Dresdner Archäologe und Journalist K. A. Böttinger: „Endlich hab ich die ersten neun Nummern des Morgenblatts ... gesehn und gestehe Ihnen, daß es meine Erwartungen übertroffen hat. So wenig vorbereitet, leistet es schon jetzt mehr als irgendeiner seiner Vorgänger erreichte. Sie werden Freude und Ehre daran erleben."
Aus der Geschichte unserer Spielkarten.
Don Karl Richter.
Mit beni Einzug des Winters sind die bunten Spielkarten wieder ans ihren Behältern hervorgeholt worden. Mit der Selbstverständlichkeit, mit der man zu alt-vertrauten Dingen greift, erfreuen wir uns ihrer, ohne erst lange nach dem Wann und Woher zu fragen. Und doch blicken diese bald mehr, bald ntinber hübschen Karten auf eine lange, in vielen Einzelheiten noch nicht aufgeklärte Geschichte zurück.
Welchem Volke wir die Erfindung dieses Spieles zu danken haben, darüber gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist nur, daß es aus dem Orient zu uns gekommen ist, aus dem es vermutlich die Kreuzfahrer nach Europa brachten. Bei den Chinesen ist eine Tradition lebendig, die wissen will, daß sich die Söhne des Himmels schon um das Jahr 2000 v. Ehr. mit Kartenspiel' die Zeit vertrieben haben. Neuerdings ist auch die von Court de Gebelin 1779 vertretene Ansicht, der in den primitiven Spielkarten nur Allegorien sehen und die Weisheitsbücher der allen Aegypter erkennen wollte, von dem amerikanischen Gelehrten I. King van Rensselaer wieder ausgenommen worden. Er weist besonders auf den Zusammenhang hin, der zwischen den heute auf italienischen Atout-Karten vor kommenden Symbolen und den Göttergestalten des Merkur, Nedo und Toth besteht, Göttern, die in Etrurien, Aegypten und Babylonien verehrt wurden. Da außerdem viel dafür spricht, daß die ersten Karten, -die nach Europa kamen, nicht zum Spiel sondern zum Weissagen der Zukunft dienten, so wären es nach dieser Theorie ,zukunftkündende Zigeuner gewesen, denen wir die Einführung aus ihrem Heimatland Aegypten nach dem Abendland zu danken hätten. Weitaus der -meisten Anhänger aber erfreut sich heute die Meinung, die zuerst von dem gelehrten Buchhändler B r -e i t k o p f im 18. Jahrhundert vertreten und jüngst wieder von dem Engländer H. T. Morley in seinem Buch „Alte und seltsame Spielkarten" scharfsinnig dargetegt wurde, nach der auch diese zeitkürzende Gabe wie so manches Geschenk aus dem Rätsellande Indien stammt. Dafür sprechen sowohl ethymologische Gründe wie die auf den frühesten italienischen Karten benutzten Auszeichnungen -oder „Farben". Ein im Jahre 1377 von dem Rat der Stadt Florenz gegen alle Glücksspiele erlassenes Berb-ot, führt ausdrücklich auch das „Dtaiibbe" an; dieses damals die Spielkarte bezeichnende und später in „Na-ibi" umgewandelte, noch heute in dem spanischen und portugiesischen „naipes" als Bezeichnung für ben gleichen Gegenstand fortlebende Wort weist nach dem hindostanifchen Orient hin, wo na-eeb ober na-id soviel wie Bize-König bedeutet. Unter den im Gebiet von Hindostan heinuschen Kartenspielen finden sich aber in dem aus 96 Karten bestehenden ,,-ghendgifeh" ebenso wie in einem von vier Personen gespielten alten indischen Schachspiel als Hauptfiguren der König und besonders der Wesir, der na-ib. Nach dem gleichen Heimatslanb deuten auch die Embleme auf frühen in Italien vertretenen Spielen. Diese bestanden aus 78 Karten, von denen 56 in vier Serien auf je zehn Karten die Zahlen eins bis zehn und auf je vier die Bilder -des Königs, der Königin, des Ritters und des Knechtes auf wiesen — auch von hier Fäden zu dem Schachspiel spinnend; außerdem enthielten die Spiele 22 allegorische Figurenbilder, die allen andern „attuti" ober „Atouts" aus ä toutes überlegen waren, nach welcher Eigenschaft man sie benannte. Als Embleme oder Unterscheidungszeichen traten in Italien zuerst Spa de (Schwester), Coppe (Kelche), Denavi (Pfennige) und Bastioni (Stöcke) auf; es sind dies die gleichen Symbole, die bie Hindu-Göttin Ardhanari, die vor mehr als 5000 Jahren oon den Indern verehrt wurde, auf alten Bildern in ihren vier Händen hält. In Frankreich wurden dann die noch heute üblichen Unterscheidungszeichen Treff, Pik, Karo, Coeur, in Deutschland Eichel, Grün, Schelle, Herz an ihre Stelle gesetzt.
In schnellem Siegeszug eroberte sich das Kartenspiel Europa, wenngleich sich auch hier die einzelnen frühesten Stationen des Weges nicht bestimmt nachweisen lassen. In Italien, wo das bereits erwähnte floren- tiner Verbot aus dem Jahre 1377 für feine frühe Ausbreitung spricht, waren die Karten ursprünglich ein Rechenspiel für Kinder. So besaß -der Herzog Philipp Maria Visconti von Mailand in seiner Kindheit um das Jahr 1400 ein gemaltes Kartenspiel mit Darstellungen von Göttern, Tieren und Vögeln, das zu seinen liebsten Spielsachen zählte. In Deutschland, wo die Kartenerzeugung früh in hoher Blüte stand, lassen sich bereits im Jahre 1384 Innungen von Kartenmachern nachweisen; doch dürfte die friHjefte dieser Vereinigungen schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts bestanden haben. In Belgien werden die Karten 1379, in Frankreich 1392 ausdrücklich erwähnt; hier hat sich eine Rechnung erhalten, nad) der der Maler Jacquemin Gringonneur für drei Kartenspiele, mit Gold und Farben zum Zeitvertreib des Königs Karl VI. an gefertigt, 56 Sous bekam. Daran hat sich die durch nichts begründete Legende geknüpft, bie Spielkarten feien zur Zerstreuung des schwachsinnigen Königs erfunden worden. Sicher hat er nicht anders mit den schön ausgeführten


