Ausgabe 
2.1.1933
 
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.Aus den Bergen. An einer sehr schlimmen Stelle auf der Planfpitz«- Tlorim>ani> hab' ich vor zwei Jahren feine Bekanntschaft gemudjt. Die Sache war mir zu schwierig geworden, ich konnte nicht weiter, auch nicht zurück, und war vollständig demoralisiert. Da kam er hinter mir, nahm mich ans Seil und brachte'mich glücklich bis an den Ausstieg. Er hat mir ^zweifellos das Leben gerettet, damals. Ein Mensch, dessen Sehnen aus RickelstahHraht- sind, die Verkörperung von Energie und Kraft er Mrd dir stchZf imponieren. Er machte als Tourist die unglaublichsten Sachen-, SeineEekannten nennen ihn nie anders als den ,tollen Baron.

, DuÄist dSch selbst ein erstklassiger Tourist!" warf Dr. Kircheisen ein.

> .JSrgTh-^en Baron Vogh ein Kind. Ueberhaupt nicht zu vergleichen. . IkÄffm eKdich interessiert, bring' ich dir einmal die Beschreibung irgend- elnerFeinerLrstbesteigungen mit. Ich bin ihm übrigens noch in anderer Richtung verpflichtet, er hat sich von mir seine Hietzinger Villa bauen

lassen."

Der Baron ist wohl sehr reich?

Geld spielt bei ihm kaum -eine Rolle. Wenn du den Park sehen wirst ... und das herrliche Treibhaus, das ich ihm gebaut hab' es ist im Stil eines indischen Tempels gehalten. Dabei ist er höchstens drei Monate im Jahr in Wien; die ganze übrige Zeit auf Reifen. In Indien, in Südafrika, in den Kordilleren. Er ist erst vor etwa 14 Tagen aus Eng­land zurückgokommen, wo er den Sommer verbracht hat. Was sollen die vielen Pakete da auf dem Tisch?"

Das mutz noch alles in meinen Koffer", gab der Arzt zur Antwort. Das da find fünfhundert Stück Briefpapier samt Kuvert, hier drin sind die Zigarrenspitzen, genau vierundachtzig Stück. Ich brauche täglich drei. Vier Wochen bleib ich fort. Dreimal 28 gibt 84! Du mußt bedenken, daß ich auf eine einsam gelegene Insel fahre , setzte Dr. Kircheisen hinzu, als er seines Freundes erstauntes Gesicht fcrh.

Du scheinst eine merkwürdige Vorstellung von Korfu zu haben", sagte der Architekt.Da ist übrigens schon der Diener des Barons."

In das Zimmer war ein alter, kleiner, weißhaariger Mann getreten, an dessen Weste zwei Reihen silberner, glänzender Knöpfe saßen. Der

Lakai verneigte sich.

Sie kommen von Baron Vogh?" fragte Dr. Kircheisen und schlüpfte rasch in seinen Mantel.Ich weiß schon. Wir wollen keine Zeit verlieren. Sie erzählen mir alles im Wagen. Leb wohl, Fritz! Aus Wiedersehen! Wenn ich morgen noch hier bin, ruf' ich dich an."

Vor dem Hause stand ratternd und knatternd das Automobil. Der Chauffeur hatte die eine Hand am Hebel, di« andere auf dem Volant und wartete auf das Signal, um loszufahren. Der Arzt sprang in den Wagen, der alt« Diener folgte ihm nach.

sie find der Kammerdiener des Barons?" fragte Dr. Kircheisen, als das Auto sich in Bewegung gesetzt hatte. Der Alte nickte und knöpfte seinen Mantel oben am Halse zu, da ihm der Wind in hestigen Stößen ins Gesicht fuhr.

Sie wissen natürlich, um was es sich handelt", fragte der Arzt.

Der alte Diener hab wie beschwörend die beiden Hände.

,Erzählen Sie mir also, was eigentlich geschehen ist. Ganz kurz, oder auch ausführlich, wie Sie wollen", fuhr Dr. Kircheisen fort. ,Zch weih bis fetzt nur, daß es sich um eine Vergiftung handelt, sonst nichts. Also fangen Sie an!"

Der Lakai nahm plötzlich seinen Hut ab, so daß sein spärliches, weißes Haar, vom Winde bewegt, in bünnen Strähnen in die Höhe stob. Er bchielt den abgegriffenen, schwarzen Schlapphut zwischen den beiden Händen und zerknüllte ihn aufgeregt mit den Fingern.

.pLieber, guter Herr Doktor! Richt wahr, Sie werden meinem armen

Herrn helfen?" jammerte «r.

Der Arzt blickte eine kurze Weile auf die den Hut mißhandelnden, zitternden Finger des Alten.Gewiß werde ich ihm helfen. Aber vor allem möchte ich doch wissen, was geschehen und von wem etwas geschehen ist. Wohl dem Herrn Baron selbst?"

(Ein Unglück! Ja, Herr Doktor! Ein fürchterliches Unglück."

Was für ein Unglück?"

Wie ich's noch nie erlebt hab'. Und ich hab' viel erlebt, Herr Doktor, mit meinen neunundsechzig Jahren; das können Oie mir glauben!"

Ich glaube Ihnen alles, was Sie wollen, aber statt eines Abrisses aus Ihrer Lebensgeschichte sollten Sie mir doch lieber diesen einen Fall erzählen."

Wenn mir einer gesagt hätte, daß so etwas überhaupt möglich fein Bann! Und gerade meinen Herrn muh das treffen, meinen guten Herrn Baron! Herr Doktor, einen besseren Herrn gibt es nicht, nirgends auf der ganzen Welt! Und die arme Baronesse! Das Unglück! Das Unglück!"

... Das eine weiß ich jetzt wenigstens, daß der Baron selbst der Patient ist vielleicht auch seine Tochter ..., dachte der Arzt... Mehr bring' ich aus dem Diener nicht heraus. Der alte Mann ist völlig ver­stört. Der Vorfall hat ihn anscheinend umge.roorfen, es war mehr, als er ertragen konnte. Man muh allerdings auf etwas Ernstes schließen, wenn man die Fassungslosigkeit des Dieners sieht. Run, lang' kann ja die Fahrt nicht mehr dauern, am Westbahnhof find wir schon vorüber. Roch zehn Minuten Geduld, dann hab' ich di« Gewißheit... Der Arzt lehnte sich in seine Eck« und sckstoß di« Augen. Der schmal« Titelkupfer des Buches, in dem er während der letzten Tage gelesen hatte, tauchte in seiner Erinnerung auf.Recherches botaniques sur les iles Joniennes, Paris 1879 stand dort in feinen Settern, und darüber zeigte ein zart gestricheltes Bildchen «inen weil ins Meer hineinragenden Felsen, der von einem Kastell gekrönt war. In der Ferne schlug eine Turmuhr. Dem Arzt schien, als sause der Wagen jetzt mit erhöhter Geschwindigkeit dahin... Vielleicht erreiche ich doch noch den Nachtschnellzug..., dacht« er. Er öff­nete die 'Augen und beugte den Kopf hinaus. Der Wagen eilte durch eine breite, schnurgerade Allee. Mauern oder Gartengitter zu beiden Seiten des Weges, buntgemustertes Laub, das in mageren Büscheln darüber hing. Die gelblichgrünen Flammen der Straßenlaternen tauchten auf und verschwanden, eine nach der anderen. Der alte Diener, der bis jetzt stumpf vor sich hinstarrend dagesessen war, erwachte plötzlich wieder zum Leben. Er richtete sich aus, sah angestrengt ins Dunkel hinaus und stieß den vor ihm sitzenden Chauffeur mit dem Finger in die Schulter. Der

Wagen verlangfamte fein Tempo und hielten «inen Augenblick später vor einem hohen Barockportal, zu dessen beiden Seiten ein zweimal mannshohes schmiedeisernes Gitter die Straße entlang lief. Eine elek­trische Bogenlampe verbreitete, vom Winde hin und he^ geschaukelt, ein gedämpftes Licht. Der Arzt nahm feine Instrumententasche an sich und verlieh den Wagen. Ein Mann kam aus dem Garten, trat auf den Chauf­feur zu und bemühte sich, die geforderte Münzenzahl aus der Geldbörse, die er in der Hand hielt, zusammenzuraffen.

Es war ein alter Herr, von ziemlich schlankem, hagerem Wuchs. Er steckte in einem Anzug von bräunlichem Homespun dem Arzt fiel es auf, daß 'der Anzug viel zu weit geschnitten war; er schlotterte förmlich um die hagere Gestalt. Das Gesicht war sonnverbrannt, die Haut leder- artig, vielfältig gefurcht und zerrifsen. Sein Haar war stark ergraut und auffallend dicht, di« Augen standen hellgrau und groß unter buschigen Brauen.

Seine Finger zitterten während sie In den Fächern der Geldbörse suchten. Endlich hatte er die Geldstücke beisammen und händiMe sie dem Chauffeur ein, der dankend an die Mütze griff, dann den Wagen mit einem Ruck herumwarf und davonfauste.

Der alte Herr ging, auf seinen Stock gestutzt, dem Arzte entgegen und streckte dann beide Hände aus:Doktor Kircheisen...?" fragte er. Dem Himmel fei Dank, daß Sie hier sind." Seine Stimme klang heiser und brüchig; als er den Satz beendet hatte, war er genötigt, tief Atem zu schöpfen.Ich habe mir erlaubt, Sie vor einer halben Stunde per­sönlich zu mir zu bitten", fetzte er hinzu. Dr. Kircheisen verstand nicht sogleich.Vor einer halben Stunde? Ich habe geglaubt, mit dem Herrn Baron Vogh selbst telephonisch zu sprechen", sagte er.

Felix Freiherr von Vogh", erwiderte der alte Herr und ergriff die Hand des Arztes.Der bin ich."

Sehr erfreut! Offenbar der Vater des bekannten Hochtouristen, der meinen Freund auf der Planspitze das Leben gerettet hat.

Ich habe keinen Sohn, Herr Doktor. Der bekannte Hochtourist bin ich selbst. Und was die Lebensrettung betrifft, fo hat Ihr Freund ein wenig übertrieben."

...Da fdjeint Fritz allerdings ausgiebig übertrieben zu haben ..., dachte der Arzt. Dentollen" Baron hab' ich mir anders vorgestellt. Wie hat er ihn genannt? Die Verkörperung von Energie und Kraft Seh­nen aus Nickelstahldraht? Ein schlechter Spaß oder jene Tour auf die Planfpitze ist viele Jahre her. Dieser gebrechliche alte Herr würde doch kaum auf den Kobenzl hinaufkommen oder auf irgendeine andere Wienerwald-Iausenstation ...

Wollen Sie freundlichst mit mir kommen!" bat der Baron.Philipp", rief er dann dem Diener zu,halt' dich in der Näh', falls der Herr Doktor etwas brauchen sollte."

Philipp rannte mit kurzen Schritten an den beiden vorbei, über den mit rotem Kies bestreuten, sorgsam gepflegten Gartenweg. Dr. Kircheisen sah die bunten Ornamente der Blumenbeete, die wie dunkle, große Schat­ten auf den vom Mondlicht beschienenen Wiesenflächen lagen. Hinter einer hohen, schwarzen, undurchsichtigen Baumhecke hörte er das rieselnde Plätschern eines Springbrunnens. In der Ferne sah er die gespenstische und ihn auf seltsame Art beunruhigende Silhouette eines pagodenartigen Gebäudes, augenscheinlich war das das indische Treibhaus, von dem der Architekt gesprochen hatte.

Inzwischen waren sie bei der Villa angelangt. Der Arzt blieb stehen und wandte sich seinem Begleiter zu.

(Fortsetzung solgt.)

Deutschlands klassischer Verleger.

Zum 100. lobeslage von Johann Friedrich Cotta.

Cotta, der Freund Schillers und Goethes, ist nicht nur der tatkräftige Mittler unschätzbaren Geistesgutes gewesen, sondern er hat auch als Politiker und Staatsmann, als In­dustrieller und Landwirt, als Mäzen und Menschenfreund eine ausgebreitete Tätigkeit entfaltet. In diesem vielseitigen Wirken zeigt ihn die SchriftJohann Friedrich Cotta", die die Cottasche Buchhandlung dem Andenken des genialen Mannes gewidmet hat. Wir bringen daraus die Geschichte feines Aufstiegs.

Eine ebenso seltene wie glückhafte Vereinigung mannigfadjfter Kräfte in einer starken Persönlichkeit, dies war es, was Johann Friedrich Cotta o hoch heraushob aus der Zahl feiner Zeit- und Berufsgenoffen, was ,hm Anerkennung und Ruhm von mehr denn drei Jahrzehnten als Lohn ür fein arbeitsreiches Wirken Zuströmen lieh. In feinem Wesen verband ich praktische Geschäftstüchtigkeit mit opferwilligem Enthusiasmus für die Aufgaben der Kultur, und zugleich trieb ihn eine dem universalen Geiste seines Zeitalters entsprechende Vielseitigkeit des Strebens dazu, feine Kräfte nicht nur als Verleger, sondern auch als Politiker und Staatsmann, als Industrieller und Landwirt, als Freund und Mäzen der Künste einzusetzen. Dazu war er erfüllt von großartiger Hilfsbereit­schaft und warmherziger Menschenfreundlichkeit. Goethe hat den Eindruck von Cottas Persönlichkeit im September 1797, als er auf der Reise in die Schweiz einige Tage in Cottas Haus zu Tübingen zubrachte und ihn so aus unmittelbarster Nähe kennenlernte, in die Worte zusammengefaßt: Für einen Mann von strebender Denkart und unternehmender Handels­weife hat er fo viel Mäßiges, Sanftes, Gefaßtes, fo viel Klarheit und Beharrlichkeit, daß er mir eine feltene Erscheinung ist". Dieses Urteil des Unsterblichen kann als Leitwort über Cottas ganzem lieben und Wirken stehen. In allen feinen öffentlichen und privaten Handlungen hat er stets eine kluge Mäßigung gezeigt, einen unbestechlich klaren Blick i für das Real-Mögliche und eine stolze Beharrlichkeit in der Ausführung * feiner Pläne. Und nur einem solchen Temperamente, einem solchen