Ausgabe 
2.1.1933
 
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Gietzener ZamilienmäM

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (953

Montag, den 2. Januar

Nummer \

seinem

Nachdruck verboten.

Copyright by Albert Langen, München.

Eine späte Visite.

Das Mangobaumwunder.

Roman von Leo P e r u tz und Paul Fra nk.

Januar.

Don Edmund Finke.

Wenn das Jahr auftut sein Tor, tritt behutsam über die Schwellei nimmer trägt dich das Schicksal empor in die ersehnte Wärme und Helle, besann sich das wünschende Herz nicht zuvor aller Fügungen ewiger Quelle.

Siehe jenseits der Macht den Geist, wie er sich weise müht um den Frieden, aber noch findet das Wort, das ihn preist, nicht das beseelte Echo hienieden, sehnsüchtig fühlt sich das Herz und verwaist aus dem Sinn der großen Gemeinschaft gefchieden.

Aber das kann ja nicht fein!

Tu dich nur auf dich selbst besinnen, gläubig geh in das Jahr hinein: Welt sei nicht außen, sondern innen, einmal müsse über der Pein die Straft der Liebe von neuem beginnen.

Du mußt sofort einen Krankenbesuch machen!

,Zst bas dein Ernst? In drei Stunden geht mein Zug. Und außerdem bin ich kein praktischer Arzt. Seit wann mach' ich denn Krankenbesuche? Du hättest zu einem der fünftausend anderen Wiener Aerzte laufen sollen; ich bin die einzige falsche Adresse." . .

Du bist die richtige Adresse! Du bist Toxikologe, und es handelt sich um eine Vergiftung, wahrscheinlich sogar um einen sehr schweren und dringenden Fall."

,^Jn deiner Familie am Ende?"

Nein. Baron Vogh hat sich an mich gewandt.

,^Daron Vogh? Wer ist das?" fragte Dr. Kircheisen.

Baron Vogh! Der bekannte Sportsmann, der berühmte Hochtourist. Von dem mußt du schon gehört haben!"

Kann sein. Ich glaube, mich zu erinnern.

hab' ihm im vorigen Jahr feine Villa gebaut, nn Hietzing draußen. Ich hab' dir doch damals die Pläne gezeigt.

Ganz recht. Was ist dem Baron passiert?

Das weiß ich nicht. Er hat mich vor etwa einer halben Stunde telephonisch angerufen, sofort deinen Namen genannt und rmch gebeten, dich auqenblick.ich zu verständigen. Er weiß offenbar, daß mir miteinander befreundet sind. Es scheint ihm sehr viel an deiner Intervention gelegen zu fein, und fo hab' ich es übernommen, dich hinzirschicken.

In diesem Augenblick ertönte im Nebenzimmer das Signal des Tele­phons, das Bettina inzwischen wieder instand gesetzt hatte. Dr. Kircheisen eilte hinüber und nahm die Hörmuschel ans Ohr.

.Guten Abend, Herr Baron! Hier Dr. Kircheisen", hörte ihn der Archi­tekt'sagen.Gewiß! Mein Freund ist gerade bei mir. Nein das nicht. Informiert bin ich noch gar nicht. Wollen Sie nicht vielleicht ... Eine knappe Andeutung zumindestens! Sie haben mir «in Auto geschickt? Ausgezeichnet. Hoffentlich hat er rasch eins gefunden. Eine Vergiftung also? Was 'für eine Art von Gift? Ja, ja, gewiß >ch komme, rtber3eht hat er abgeläutet", jagte der Arzt ärgerlich.Warum hat er mir' nicht wenigstens einen Anhaltspunkt gegeben! Um was es sich eigent­lich handelt, ob um einen Unfall oder um einen Selbstmordversuch, und D°r Vielleicht" ist ° dem kleinen Mädel, seinem Töchterchen, etwas zuge- stoß'en. Wahrscheinlich sogar, denn die Geschichte scheint ihm nahezugehen , meinte der Architekt. , ...

Jetzt muß ich doch noch einmal meinen Schrelbttzch,aussperren! Maate Dr Kircheisen.Bettina. Meine schwarze Handtasche.

Im Nu hatte er «in Bündel silberglänzender Nadeln, Scheren Zangen, Pinzetten beisammen, lieh sie klirrend in das Innere der Tasche fallen, nahm dann mehrere Reagenzgläser, schob sie in em Futteral und versenkte "" ^,S o,! st ist" ka nn^da Zr A uto -k o mm en", erklärte er dann und sah auf bie Uhr ,Er hat mir nämlich seinen Diener mit einem Nuko hergeschickt. Vierte'lacht! Und zehn Uhr einundzwanzig geht mein Zug. Ich hab nicht viel Hoffnung, ihn noch zu erreichen. Woher kennst du eigentlich den Baron?"

seinem Freund Abschied genommen. .

Dieses verwünschte Telephon!" rief der andere.Seit einer halben Stunde ruf' ich dich an; zehnmal hintereinander! Ich habe das Fräulein beleidigt und den Kontrolleur beflege.lt. Alles umsonst! Keine Verbindung zu bekommen!" ~ , . _ .

Das glaub ich dir gern!" lachte der Amt.Ich mußte in aller Ruhe meine Reisevorbereitungen treffen können. Ich wollte beim Packen mcht gestört werden; deshalb hab' ich das Telephon ausgehängt!"

Ein menschenfreundlicher Einfall! Gerade, wenn ich» einmal dringend hab', sind die Leut' telephonmüde."

Was gibt es denn jo Dringendes?"

Gerade als Dr. Kircheisen seinen Hut anfsetzen wollte, schrillt« im Vor­zimmer di« Glocke. Es gab ein heftiges, aufgeregt andauerndes Häuten, bann mar wieder Stille.

Wer wird denn bas fein?" fragte Dr. Kircheisen.

Wenn ber Herr Doktor wollen, sind der Herr Doktor vor zehn Minuten abgereist ..." ,, , ..

Nein, gehen Sie nur nachschauen, wer es ist. Ich laß mich ohnehin auf teinen Fall aufhalten."

Die Haushälterin verschwand aus dem Zimmer. Dr. Kircheifen lauschte. Er hörte, wie die Gangtür geöffnet wurde und wieder in» Schloß fiel. Bettina begrüßte irgend jemanden. Eine Männerstimme ließ sich vernehmen, die Antwort gab. Er glaubte, seinen Namen verstanden zu haben, da stand Bettina auch schon im Türrahmen und meldete:

Der Herr Architekt!" .

Bevor sie auszuweichen vermochte, wurde sie von einem stürmisch ein» tretenden jungen Mann beiseite geschoben.

Fritz ... du?" fragte Dr. Kircheisen erstaunt. Er hatte mittags von

Doktor phil. und med. Kircheisen, der bekannte Toxikologe, war an jenem Abend gerade im Begriff«, eine feit langem geplante Erholungs­reise anzutreten. Er befanb sich in der nervös-erregten Stimmung eines Menschen, ber, an sein ruhiges unb bequemes Schlafzimmer gewöhnt, sich nunmehr mit bem Gedanken vertraut machen muß, die Nacht im Eisenbahnwagen zu verbringen.

Zum sechsten Male sah er aus die Uhr es war immer noch erst dreiviertel sieben. So begann er von neuem der Reihe nach an sämtlichen Laden seines Schreibtisches zu rütteln. Alles war richtig verschlossen. Er durchsuchte die Rocktasche, in der er die Eisenbahnfahrkarte und das Lloyd- biitett verwahrt hielt; beide befanden sich noch immer auf ihrem alten Platze. Er holde seine Brieftasche hervor und unterzog die einzelnen Fächer einer strengen Untersuchung: es war alles am richtigen Ort.

Soll ich die weißen Schuhe auch einpacken?" rief die Haushälterin aus dem Nebenzimmer.

Selbstverständlich, Bettina!" antwortete Dr. Kircheisen, und ging iri sein'Schlafzimmer.Die weihen Schuh« zu allererst! Es geht doch in den warmen Sonnenschein. Ich beneide wirklich niemanden um den scheuß­lichen Oktoberwind, der jetzt durch die Straßen bläst."

Die Haushälterin nahm di« sorgfältig ans der Bettdecke vorbereiteten, sauber in weißes Papier eingeschlagenen Pakete ber Reihe nach und ließ em-; nach dem andern in den Diesen des Koffers verschwinden.Ja, der Herr Doktor hat's gut!" sagte sie seufzend. . ,

Mir scheint gar, Sie gönnen mir das bißchen Erholung nicht, Bet­tina!" lachte der Arzt. -

Aber ich hab' ja gar nichts gesagt! rief die alte Frau entsetzt.Der Herr Doktor braucht ja den Urlaub so notwendig! Den ganzen Sommer hat sich der Herr Doktor von Wien nicht weggerührt. Immer studiert und geschrieben, und geschrieben und wieder studiert. Ganz b. ist der Herr Doktor geworden, daß es eine Schänd' ist! Nur den Ott kann ich mir nicht merken, wo der Herr Doktor hinfährt." .....

Nach Korfu. Das liegt noch eine ganze Tagereise hinter Triest. Hinter Triest! Und wieviel Dutzend Taschentücher soll ich einpacken? Soviel Sie wollen. Haben Sie sich alles gemerkt, Bettina?

Der Herr Doktor können ganz beruhigt fein. Ich weiß schon alles.

Wenn der Buchhändler das Paket schickt

Uebernehm ich's und verlang' einen Erlagschein.

Und wenn jemand nach meiner Adresse fragt?"

Sie find' ich aus dem Vormerkkalender."

Ich schreib' Ihnen natürlich auch, Bettina."

Ich möcht' recht schon darum bitten! Ansichtskarten mit viel pawen darauf, wenn der Herr Doktor daran denken."

,Zch mach' noch einen Sprung ins Kaffeehaus hinunter. Für zehn Uhr bestellen Sie mir bas Auto. Da ist dann noch reichlich Zett; bis zur Südbahn find's ja höchstens zehn Minuten."