„Seit 9,5 nm., Datum 4. August 1914.
Der Aufsichtsbeamte des K. M. hat folgende Depesche ab- gefangen:
An den deutschen Botschafter aus Berlin!
Der englriche Botschafter hat soeben kurz nach sieben Uhr feinen Paß verlangt und den Krieg erklärt.
(Gezeichnet) Jago re."
Wir hatten keinerlei Nachricht von Sir Edward Goschen
Wir wußten daher nicht, was das heißen sollte. Es sah wie ein Besuch von feiten der Deutschen aus, die Stunde der Kriegs- erilärung vvrzudatieren, um irgend einen plötzlichen Schlag, sei es gegen die britischen Schisse, sei es gegen die britische Küste, zu führen. Sollte diese aufgesangene Depesche als Beginn der Feind- seligkeiteu betrachtet werden, oder sollten wir warten, bis wir offi- ziell von Deutschland hörten, daß unsere Bedingungen zurückge- wie,en worden seien, oder bis der Termin des Ultimatums abge- lausen war? Wir saßen um den grünen Tisch in dem berühmten Raum, in dem in vergangener Zeit so viele historische Entscheidungen gefallen waren. Das Zimmer war damals nicht sonderlich gut beleuchtet,' ich erinnere mich, daß die Lampen nicht alle ange- dreht waren und in dem trüben Zwielicht konnte man sich ein- bilden, die Schatten der großen britischen Staatsmänner der Vergangenheit nähmen an einer Beratung teil, die von so großer Bedeutung für das Weltreich war, dessen Aufbau sie ihr Leben ge- wtömet hatten. - Chatham, Pitt, Fox, Castleragh, Cauning, Pcel, Palmerston, Disraeli, Gladstone. In diesem einfachen, schmucklosen, fast schäbigen Zimmer hatten auch ste über Probleme nachgegrübelt, die zu ihrer Zeit Verwirrung stifteten. Nie aber waren sie vor eine so gewaltige Entscheidung gestellt worden, wie sie jetzt in diesen ersten Tagen des August 1914 vor den britischen Ministern stand.
Und nun kam die schreckliche Entscheidung: Sollten wir sogleich die wilden Hunde des Krieges von der Leine lassen, oder sollten wir warten, bis der Termin des Ultimatums abgelaufen war, und dem Frieden auch noch diesen letzten Zweifel der gerade nur zwei Stunden laug bestehen konnte, zugute kommen lassen? Es fiel uns nicht schwer, uns dafür zu entscheiden, daß die Admiralität sofort unsere Flotte gegen jeden plötzlichen Angriff seitens der deutschen Flötisten in Bereitschaft zu bringen und unsere Küsten vor etwaigen Ueberraschungcn aus der gleichen Richtung her zu warnen habe. Aber sollten wir jetzt sofort oder erst um Mitternacht den Krieg erklären? Das Ultimatum lief um Mitternacht in Berlin ab. Das hieß also Mitternacht nach mitteleuropäischer Zeit und elf Uhr nach Greenwich-Zeit. Wir beschlossen, bis elf zu warten. Würde noch vor elf Uhr eine Mitteilung aus Berlin eintreffen, aus der Deutschlands Absicht hervorginge, die belgische Neutralität zu achten? .Für diesen Fall bestand eine leise Hoffnung, daß gewisse Vereinbarungen getroffen werden könnten, bevor die marschierenden Armeen aneinander gerieten.
Als die Stunde näherrückte, senkte sich ein tiefes feierliches Schweigen den Spannung über das Zimmer herab. Keiner sagte ein Wort. Es war, als warte man auf das Signal, um einen Hebel zu ziehen, der Millionen Menschen in den Untergang schleudern würde, — als sei gerade noch die leiseste Möglichkeit vorhanden, baß rechtzeitig ein Aufschubbefehl eintreffe. Unsere Blicke wanderten ängstlich von der Uhr zur Tür und von der Tür zur Uhr und es wurde nur wenig gesprochen.
„Bang!" Die tiefen Töne des Big Ben sandten die ersten Stundenschläge in die Nacht hinaus, verkündeten Großbritanniens verhängnisvollste Stunde, seit es aus der Tieke des Meeres empor- gestiegen war. Eine schaudernde Stille erfüllte den Raum. Die Geüchter aller Anwesenden verzerrten sich vlöulich in schmerzlicher Spannung. Die Schläge der großen Glocke widerhallten wie die Hammerschläge des Schicksals in unseren Obren Was für ein Schicksal? Wer konnte es wissen? Wir batten das mächtigste Militärreich herausaefordert, das die Welt bis dabin hervorgebracht hatte. Frankreich war zu schwach, um allein seiner Macht frte Stirn Bieten zu können Rußland war schlecht organisiert, schlecht ausgerüstet und korrnmvi-'rt. Wir wußten, welche Bürde England würde tragen müssen. Würde es dem Druck gewachsen fein? Keiner von uns hegte auch nur den mindesten Zweifel, keiner zögerte. T'mir niesten netteren, ohne uns zu fchämen. daß untere Pulle schneller schlugen. Wußten wir, daß wir, bevor der Friede in Europa wieder hergestellt fein würde, vier Satire lang das konzentrierteste Gemetzel, vier Fabre lang Verstümmelungen, Leid, Verwültungen und eine Vgrbarei würden mitmachen müssen, wie sie die Menschbeit in solcher Ungeheuerlichkeit noch nie erlebt batte? Daß zwölf Millionen tapferer Jugend der Völker fasten, baß weitere zwanzig Millionen zu Krüppeln gemacht werden würden? Daß Europa unter der Last einer riesigen Kriegsschuld »n- fammenürechen würde? Daß nur ein einziges Reich der Erfchiit- ferttna stguh'wsten würde? Daß die drei anderen strahlenden Weltreiche in den Staub sinken würden, zerstückelt und hoffnunos- los zerschmettert? Daß Revoliition, könngerSnot und Anarchie halb Enrooa verheeren und auch den übrigen Teil des unglücklichen Kontinents bedrohen würden?
Fst die Gelchichte fchon zu Ende? Wer weiß es? Aber wenn wir auch am 4. Au an st das alles vorhergefehen hätten, rotr hatten nicht anders bandeln können. _ ,,, „
ZmgnEa Minuten nach dem Glockenschlaa zwölf erschien Winston Churchill und teilte uns mit. den britischen Kriegsschiffen ans sämtlichen Meeren fei bereits telegraphisch mitgeteilt worden, »aß dar Krieg erklärt fei und daß sie dementforechend zu bandeln hätten. Kurz nachher gingen wir auseinander Es gab nichts mehr in sagen. Der morgige Tag würde »ns neue Ausgaben und neue
^ENtierungen bringen Als ich wegging, kam ich mir vor wir Ä"„Menfch auf einem Planeten, der plötzlich durch eine dämonische Faust aus seiner Bahn gerissen wurde und nun blindlings iuS Unbekannte dahinrollt.
'Xie feie.
Die Geschichte eines kleinen Pferdes.
Von Nikolaus Schwarzkopf.
«Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.«
Sieh dir den Stahl an, er soll Menschen töten! Dauphin: wenn das Leben auch nur ein Zirkus wäre, fo würde ich mir hier und jetz diesen Stahl in die Brust stoßen! Liebes Tierchen, lebwohl! xva) wetß — daß ich nicht zurückkehren werde!"
Der Direktor küßte Dauphin auf die Blesse und stürzte zum Stall hinaus. Umsonst ritz Dauphin an seiner Kette!
Den ganzen Tag und die ganze Nacht schürfte Dauphin in seinem Verklag umher und strebte hinaus, irgendwohin, wo Leben pochte, mochte es Leben fein, welcher Art es wollte.
Regentropfen prasselten auf die Zeltdecke des Stalles, unausgesetzt strömte der Regen hernieder. Die sieben lagen ausgestreckt tu ihren Abteilen und schliefen, und Dauphin allein wachte und hörte den Rieselregen an. Neben feiner Krippe tropfte Wasser von der Decke hernieder! Die Tropfen zersprühten, da sie aufklatschken, und bespritzten Dauphin. Ihn fror. Nach einigen Stunden aber hörte das Gesumm des Regens auf, und die Sonne schnitt durch das Löchlein der Zeltdecke, sichtbar wirbelte sich seiner Staub in den Sonnenstreifen, und auf dem Rücken eines kleinen Schimmels lag ein greller Lichtfleck.
14.
Aber nach einigen Stunden kam der Direktor wieder als Soldat und hatte einen Herrn bei sich, dem Dauphin auf den ersten Blick ansah, daß er gleichfalls ein zünftiger Zirkusmann sei.
Er gab Dauphin gleich vertrant ein Stück Zucker, was diesem aber durchaus nicht schmecken wollte. Am Abend nahm der neue Direktor Dauphin mit sich in die Eisenbahn, und sie fuhren eine Nacht und einen Tag lang durch unbekannte Gegenden nach Berlin.
Wie sie aus dem Bahnhof heraustreten, auf die Friedrichstraße, schieben sich viele Schwadronen kleiner, magerer Pferdchen endlos wie die Friedrichstraße, zwischen gaffenden, jubelnden Mcn- schenmaffen hin. Sie ziehen schwere und leichte Kanonen und sind vollauf gerüstet, wie einst Wallenstein gerüstet war.
Keinem dieser Gäulchen stand Dauphin an Muskelkraft nach! Dauphin riß an seinem Zügel und wollte seinem neuen Herrn entlausen, wollte zu einem der Soldaten hinlausen und wollte seinen fleißigen Brüdern ziehen Helsen.
Andern Tages begann wieder die Dressur: Dauphin sollte um- Icrnen, Neues lernen rote in feiner Jugend und hakte keinen Sinn dafür. Er fchnte sich irgendwohin nach den Sielen und sah dauernd die Masse seiner gerüsteten Brüder.
Qualvoll waren die ersten Tage bis zur Generalprobe, morgens um zehn Uhr.
Dauphin steht — mit feldgrau überzogenem Helm auf dem Kopf und mit feldgrauem Soldatenrock, der am Hals zusammen- gcknöpft ist, umhangen, mit einem Tornister auf dem Rücken und einem langen Schleifsäbel zur Seite — hinterm Vorhang und sieht mit dem linken Auge in die Arena hinüber, wo ein feldgrauer Soldat fitzt, der den Arm in einer weißen Binde trägt. Hinten am großen Spiegel steht eine Dame und zupft ihr steiffaltiges, weitgefpreiztes Akrobatenröcklein zurecht. Dauphin fchämt sich ordentlich seines Gewandes und sieht erhöht hinter dem Soldaten mit der Armbinde einen zweiten Feldgrauen sitzen, der vor dem Auge ein schwarzes Läppchen hat.
„Dauphin!" ruft der Direktor, und Dauphin stößt mit dem Maul den Vorhang auseinander und tritt hinaus in die Arena.
Herrjeh! Was sieht er da? Ringsum sind alle Platze mit Soldaten besetzt, einer geht an einer Krücke hinter der Manege hin und sucht seinen Platz. Einer sitzt im Fahrstubl am Eingang, links und rechts vom Eingang sind alle Plätze besetzt mit Männern in langen, weiß und blau gestreiften Kitteln. Soldaten, ringsum Soldaten!
Und Dauphin soll Kunststückchen machen? Daß er sie für die Verwundeten ausnahmsweise gut machen müßte, fällt ihm nicht ein.
Dauphin rennt aufs Geratewohl zu ihnen hin, stellt die Vorderbeine auf die Manege, streckt seine Zähne vor und stößt einen Schrei in die Luft, der fein Wiehern ist.
Sie fassen ihn. die ließen Soldaten! Sie wissen: er ist einer der zu ihnen gehört!
Aber der Direktor kommt mit der Peitsche, und Dauphin muß in die Mitte, um feine Kunststückchen zu machen.
Doch er weiß nichts und kann nichts und steht da wie soeben vom Himmel gefallen, ein Träumer.
Was will die Peitsche? Was will der Direktor mit seinem Zucker?
Dauphin läuft am Zucker vorbei, an der Peitsche vorbei, durch ihre Schläge hin an die Manege und wird zurückgebolt von maskierten Sklaven. Und Dauphin wird öffentlich planmässig ge- peittchi und mit feinem Helm und feinem Schleisfäbel au8 der Ar-ng fortgejagt, hinaus, hinter den Vorhang!
Vereinzelt lachen die Soldaten, ab-r keiner steht ihm bei: Sie kennen ifin nicht, ihn. den von der Königin geküßten Dauphin!
Den Snsäntenfreilnd. den Soldatennarrenl
Nach ö-r Vorstellung wurde Dauvbin nochmals angesichts aller Pferde geschlagen und bekam zwei Tage nichts zu fressen.


