Ausgabe 
1.12.1933
 
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verschavten Seehundsranzen mit einem kräftigen Fußtritt aus den f Gipsirümeln an die andere Wand, zu den übrigen -tianzen. ge- fegt. Und jetzt konnten die da sich die Zahne ausbeißen. Es wurde ein Beschluß angenommen, daß am andern Morgen, vor Beginn des Unterrichts, in allen Klassen eine Aufforderung verkündet werden sollte, die es dem Ehrgefühl des Schuldigen anheimstellte, sich zu melden und die Folgen aus sich zu nehmen.

Der Referendar Bickel hatte am andern Morgen die zweite Stunde frei. Er ging dann gewöhnlich in die Wirtschaft zu einem kleinen Frühschoppen. Das machte einen munter für den ganzen Tag. Heute stieg der Referendar gleich nach der ersten Stunde in den dritten Stock hinauf, wo die Untertertia war. Er fand nur noch Rochow in der Klasse, der die Tafel abwusch un6 6te Kreide spitzte, weil er diese Woche dieOrdnung" hatte. Rochow beant­wortete die Frage nach Bauer bloß mit einem WitzbüRschen Lachen und sagte dann, der Bauer sei wahrend der ersten Stunde plötz­lich aufgesprungen und hinausgerannt. Vielleicht war es ihm übel geworden. Der Lizentiat Psannstiel, der ein gutmutiger Mensch war, hatte ihn als krank ins Klassenbuch eingetragen, obwohl er ja eigentlich nicht entschuldigt war. Bis jetzt war Bauer nicht

Referendar Bickel betrachtete nachdenklich das spitzbübische Lachen in dem hübschen Lausbubengesicht Hans Eberhards. Dann nahm er Rochow am Ohr und führte ihn in eine Ecke. Dort hatten sie ein langes Gespräch.So so", sagte der Referendar nach emer Weile,du hast also seinen Mut bezweifelt, du hast gesagt. ,Das traust du dich nicht!' So so, du warst das also ... Diesmal bekam öeiIaftöu dir^auch?chön überlegt, was für den Bauer auf dem Spiel steht", fragte der Referendar noch. Rochow blieb die Ant­wort schuldig.Kerl", sagte der Referendar,guck mir mal mitten ins Gesicht ... wir sind doch schließlich von einer Generation, wir 'drei ... und wir müßen lernen, daß wir nur aus dem Schla­massel kommen, wenn einer dem andern brav hilft ... Nachher gaben sie sich fest die Hand, nachher gingen sie als zwei tapfere Männer die Treppe hinunter, und der Referendar klopfte selbst an die Tür des Direktors, weil er ein Gefühl davon hatte, wie dem Rochow mit jeder Stufe das Herz ein bißchen tiefer geruscht war. Bauer war immer noch nicht wiedergekommen.

Peter Bauer war es wirklich während der ersten Stunde übel geworden. Er war aufgesprungen und in den Hof gerannt, zu dem kleinen Häuschen mit den fünfundzwanzig Türen. Er hatte dort auch Erleichterung gefunden, aber nur für seinen Magen, der ohnehin von einer Tasse dünnen Kaffees und einer Scheibe Schwarzbrot nicht allzusehr belastet war. Denn der Vater war ein Bildhauer ohne Aufträge. Als Peter Bauer wieder an der frischen Lust stand, fühlte er erst so recht, daß das Herz sich keines­wegs mitcrleichtert hatte, und daß es ganz unmöglich war, die Last dieses Herzens wieder in den dritten Stock hinaufzuschleppen. Er schlüpfte aus dem Hoftor, und mit einemmal stand er mitten auf der rauschenden Straße. , , t ,

Die Freistelle war hin! Alle Gesichter sagten das, die leer wie Fastnachtsfratzen an ihm vorüberhuschten. Alle Autos sagten es mit ihrem Geknatter, alle Motorräder, alle Lastwagen: die Freistelle ist hin! Eigentlich hatte er ja die Freistelle gehaßt. Das war so demütigend. Alle sahen auf ihn herunter, und der seine Rochow gewiß am meisten. Aber einmal, ein einziges Mal hatte er doch mittun müssen, hatte er diesem Rochow beweisen müßen, daß er kein Duckmäuser war! Er fühlte sogar jetzt noch einen kleinen Triumph beim Gedanken an den Augenblick, in dem er dieser scheußlichen Pallas Athene seinen vollgestopften Ranzen an den Arm gehängt hatte.

Der Triumph dauerte nicht lange, denn gerade da fiel sein Blick aus die Auslage eines Modegeschästs. Mutti trug immer noch den Mantel von vor vier Jahren! Der Mantel war teuer gewesen, gewiß, 29,50 Mark hatte er gekostet. Und gerade gestern war beschlossen worden, einen neuen zu kaufen. Das war jetzt unmöglich, jetzt mußten die Eltern Schulgeld bezahlen! Und Vati hatte gar keine Aufträge! Immer, wenn er einen Entwurf ein­gereicht hatte, ging er dreimal am Tag dem Briefträger entgegen. Einmal wenigstens zeigen dürfen, daß man was kann! Immer war's nichts. Und wenn der Briefträger wirklich einmal etwas für Bauer senior hatte, war's entweder eine höfliche Ablehnung oder sogar eine Rechnung. Bauer senior verdiente sich ein bißchen Geld, indem er die Marmordenkmäler in den öffentlichen An­lagen von Zeit xu Zeit sachgemäß reinigte.

Haben Sic schon mal so was gesehen ... und das ist unsere heutige Jugend!", sagte mißbilligend die alte Frau «mit dem Marktkorb am Arm und wies auf den Jungen, der sich blitz­geschwind zwischen Autobußen und Motorrädern durchwand- Um ein Haar hätte der unter dem Bus gelegen! Peter Bauer küm­merte sich nicht um die Zurufe der Paßanten und das Schimpfen des Chauffeurs, er rannte, als hätte er zehntausend Teufel hinter sich. Noch nie hatte er die Eltern so liebgehabt wie eben jetzt! Noch nie hatte er's so gespürt. Viel beßer hätten die Eltern leben können ohne ihn, auf einmal kam ihm das. Mutti könnte sich dann jedes Jahr einen Mantel kaufen und Vati einen Anzug oder wenigstens einen Schlips. Vielleicht mußte jetzt auch diese Pallas Athene bezahlt werden, wenn es herauskam! Sicher war die teuer! wundert Mark, tausend Mark, eine Million, Gott weiß, was eine Pallas Athene kosten kann! Peter-Bauer rannte, rannte, die Tränen liefen ihm über die roten Backen. Der Wind trocknete die Tränen, und die Backen wurden immer von neuem naß. Peter Bauer wußte: er durfte nie wieder zu den Eltern zurückkehren. Die Eltern waren doch unschuldig an der Untat, die Eltern durften nicht hincingczogen werden. Mutti mußte ihren Mantel haben, der alte bekam schon ein Loch. Nie würde er die Eltern wiedersehen!

Auf einmal war Peter mitten im Staötpark. Ein Teich war da, auf dem Schwäne und Enten schwammen. Ein kleines Mäd­chen in weißem Kleid und roter Schärpe stand am Gitter und fütterte die Enten und Schwäne. Peter wünschte inbrünstig, das kleine Mädchen möge ins Wasser fallen Er würde dann nach- springen und das Kind unter Lebensgefahr ans Ufer bringen. Dann war er ein Held! Und der Vater des Mädchens, der ganz gewiß ein Millionär war, würde einfach sagen:Nein, Herr Bauer, lumpen lasse ich mich nicht, das Schulgeld und die Pallas Athene werde ich bezahlen, und einen Auftrag bekommen Sie selbst­verständlich auch." Peter Bauer junior betete zum lieben Gott, daß das kleine Mädchen ins Master fallen möge. Aber das Kin­dermädchen stand daneben und gab acht. Es war keine Hossnung auf das Wunder. Peter hatte zehn Minuten umsonst aus das Wun­der gewartet. ,, _

Das Stehen und Warten hatte ihn ruhiger gemacht. Er ging langsam über die Parkwege und dachte nach. Die Pallas Athene mußte bezahlt werden! Und der Ausruf heut früh, vor der ersten Stunde, richtete sich an das Ehrgefühl des Schuldigen. Also, da war nichts zu machen! . ~ ,

Er konnte Liftboy in einem Hotel werden und von den Trink­geldern die Pallas Athene abbezahlen. Lieber wäre er nach Ame­rika gegangen, dort wurden alle Menschen von heut auf morgen reich. Aber jedenfalls war es sehr schwierig, htnzukommen. Lift­boys hatte er schon in ihren Uniformen gesehen. Und wenn erst die Pallas Athene abbezahlt war, würde er den Eltern einen Brief schreiben. Daß er sie lieb hätte, und daß sie sich keine Sorgen um ihn machen sollten. Später würde er auch soviel Geld haben, um Mutti Mäntel und Kleider und Vati Anzüge und Schlipse zu kaufen. Viel bester war das, als wenn er weiter in das Gym­nasium ging und Geld kostete!

Der Direktor war ein bißchen harthörig. Beim dritten Klopfen erst rief er:Herein!" Da stand in der Tür ein kleiner rot­bäckiger Junge in einem verschabten Anzug und zerknüllte in feuchten Händen, dte sehr lang schienen, weil das Handgelenk und der halbe Unterarm aus den Aermeln lugten, ein schmutziges Taschentuch.Ich habe dte Pallas Athene kaputt gemacht", stotterte der kleine Junge. Weiter kam er nicht mit der Rede, die er sich auf dem ganzen Weg hierher zurechtgelegt hatte.

Hör' mal, Bauer, du bist wohl übergeschnappt?" sagte der Direktor gutgelaunt. Er streckte den Arm aus, und da sah Peter erst, daß Rochow und der Referendar Bickel im Zimmer^waren. Der Direktor faßte mit der einen Hand den Rochow am Ohr und mit der andern den Bauer und stieß ihre Köpfe zusammen.Ihr seid wohl dick befreundet, ihr zwei", sagte er lachend,aber du bist zu spät gekommen, Bauer, Rochow hat eben alles gestanden. Es ist ja schön, daß ihr so zusammenhaltet. Aber vergiß doch nicht, Bauer, was für deine Eltern auf dem Spiel steht ... man darf den Edelmut auch nicht übertreiben ..."

Orest und Pylades", sagte der Direktor noch zu dem Referen­dar Bickel, der schmunzelnd dabeistand.Ja. ja, der Geist der Griechen stirbt nicht aus! Es wird aufwärts mit uns gehen, wenn unsere Jugend so das Wesentliche des Humanismus erfaßt!" Bickel schmunzelte. _ , , _ , .

An diesem Mittag spielte Peter Bauer bei Hans Eberhard von Rochow mit der elektrtschen Eisenbahn, weil er so was noch nie aus der Nähe geseben hatte. Dann hörten sie Parts und London. Wir können auch N-nyork kriegen, wenn's dich interessiert", sagte Hans Eberhard, aber >a wurden gerade die belegten Brote und der Kakao gebracht. , . tl m .

Rochow senior batte sich natürlich bereit erklärt, die Pallas Athene zu ersetzen. Er hatte das dreckige Ding schon scheußlich ge­funden, als er vor drei und einem halben Jahr ins Gnmnallnm kam. um seinen Svrößlina anzumelden, und er war mit der Unf-n im stillen ganz einverstanden. Er schlug dem Direktor vor. doch lieber von einem zeitgenössischen Bildhauer ein- lebensnahes Standbild schaffen zu lassen, und der Direktor war es zufrieden. Den Auftrag bekam Peter Bauer senior.

Die Nochi der <?nifck»eidvng.

Englands Eintritt in den Weltkrieg.

Von David Lloyd George.

Die vielerwähnten Kriegsmemoiren Lloyd Ge­orges erscheinen in deutscher Sprache unter dem TUel Mein Anteil am Weltkrieg" im S. Fischer-Verlag, Berlin. Eines der ergreifendsten Kapitel ist die Schilde­rung der Stunden, die der Entscheidung für England vorangingen:

Es war ein Tag voller Gerüchte und Berichte, durchztttert von bebender Erwartung. Stunde um Stunde verging, und Deutsch­land rührte sich nicht. Nur beunruhigende Gerüchte liefen um, daß dte deutschen Truppen sich auch weiterhin der deutschen Grenze näherten. Der Abend kam. Noch immer keine Antwort. Kurz nach neun wurde ich zu einer wichtigen Beratung in den Kabinettsmai gerufen. Ich traf dort Asguitb, Grey und Haldane an,- sie machten eine sehr ernste Miene. Kurz daraus erschien McKcnna. Man hatte eine Depesche des deutschen Auswärtigen Amtes an die deutsche Botschaft in London aufgefangen. Die Depesche war nicht chiffriert. Sie enthielt die Mitteilung an den deutschen Botschafter, daß der britische Botschafter in Berlin um 7 Uhr abends seine Paste ver­langt und den Krieg erklärt habe. Eine Abschrift der Depesche wurde mir übergeben, und ich habe sie noch in meinem Vcstti. siier ist der Text dieses verhängnisvollen Dokuments, wie es uns bei dieser feierlichen Besprechung unterbreitet wurde.