GietzenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1932 Montag, den 31. Oktober NuiWer 85

Heide im Herbst.

Bon Detlev von Stliencrtm.

In Herbstestagen bricht mit starken Flügel Der Reiher durch den Neb-elduft.

Wie still es ist! kaum hör ich um den Hügel

Noch einen Laut In weiter Luft.

Auf eines Mrkenstämmchens schwanker Krone

Ruht sich ein Wanderfalke aus.

Doch schläft er nicht, von seinem leichten Throne Aeugt er durchdringend scharf hinaus.

Der alte Bauer mit verhaltnem Schritte

Schleicht neben seinem Wagen Torf.

Und holpernd, stolpernd schleppt mit lahmem Tritte Der alte Schimmel ihn ins Dorf.

Spätjahr.

Von Wilhelm Hausen stein.

Die rot gehäuften Blätter am Boden sind längst viel mehr als der anderen, die lose noch an den Bäumen sitzen als wahre Hinterbliebenen im Monat von Allerheiligen und Allerseelen. An etlichen Aesten kann man die Blätter schon zählen. Welchen Wert diese zählbaren Blätter haben, die letzten, zwischen denen die schwarzen Profile der Dohlen, sichtbar im ganzen Umriß, starr stehen! Das Laub kann die Vögel nicht mehr verbergen, sie sitzen an kahlen schwarzen Aesten, haarscharf in den Himmel gezeichnet und graviert mit dem weitmaschigen Gitterwerk des Gezweigs. Die erschreckende Sichtbarkeit der Vögel in dieser Jahreszeit... Man sieht die Vögel ganz anders als im Frühling, wenn die Finken leck an die Hand flattern. Im Mai kommen sie aus der Fülle des Grünen zutage. Jetzt find sie ins Leere gesetzt, hauslos, ohne Ueberfluß, beinahe entblößt. Ich habe eine Meise gesehen; flüchtig hing sie am nackten Zweig, gelb und blau; ich meinte nie in meinem Leben einen Vogel so deutlich erblickt zu haben, obwohl es nur drei Sekunden waren. Im Durchsichtigen, im Leeren war er ein und alles.

Die Durchsichtigkeit des Herbstes! Don Dag zu Tag nimmt sie zu. Eie ist eine Wohltat. Sie läßt sich an, das große Geheimnis freizugeben! Ach, es kommt zwar nichts zutage. Dennoch find wir beruhigt, fragen nicht mehr, fitzen stiller als je im ganzen Jahr vorher und naeyher: uns ist zumute, als wüßten wir nun alles, was man wissen kann Wir sonnen uns, und es könnte sein, daß wir, entblättert an uns selbst, der Materie ganz entledigt, die Strahlen der Sonne durch uns hmdurch- lassen wie durch sanfte Geister, fast wie durch Engel gonz anders als im Sommer, der uns glühen macht wie die Esse das Eisen, uno »et uns den Stoff, aus dem wir geschaffen sind, allzu leidenschaftlich suhlen läßt.

Im rotbraunen Laub, das die Wege deckt als eme_ Schicht,, liegen Roßkastanien. Sie glänzen wie Kugeln aus poliertem Nußbaumholz. Wie frisch sie sind! Der Herbst macht gar nicht bloß spat bloß alt bloß murb: er macht auch frisch, macht blank, schöpft junge Dmge mit denen die Kinder spielen können. Die Roßkastanien, dre Eicheln! Die sauberen, glatten Spielsachen! Zwischen dem braunen Laub liegen. leopardierte Blätter: fahl mit scharfen, schwarzen Flecken. Es ist erstaunlich: die Re - heil einer Erfindung! Keine Jahreszeit ist produktiver im großen Stil eines kühnen Geschmacks.

Der weite See ist unbewegt vor dem Gebirge hingelagert gänzlich unbewegt; als hätte er aufgehört zu atmen; als hatte Hammel droben aufgehört zu beben und fein feines Zittern in der femen Fl ch zu siegeln. Die Dinge find so klar zuruckgeschienen wie nie, mitmiwer Starre. Die Steintanten der bayerischen Alpen, die Uferwalder am See entlang, der blaue Himmel stehen ruhig und genau nach unten, - n der Umkehrung so offenbar wie oben: genau so körperlich wie di ch kell oben diese Wirklichkeit, die freilich Sedichtet scheint, denn der Herbst besitzt die zaubernde Bannkraft, das Wirklich-Gegenwärtige m aller Klarheit so wunderbar zu machen, als wäre es traumhaft wie ras

Ober^di-e Welt topf auf, unten die Welt kopfüber, unten im Wasser- ^isgel; die Grundflächen, die Standflachen zusamme^ewachsen ia nur eine und dieselbe: die Basis -der Wirklichkeitund

wildes miteinander vertauscht so wie -m ratselha ter Gl-eichhett !önlge im Schnitt aneinander stoßen. Wirklichkeit und Spiegelb b Meinandergewachsen, sind ein irdisches Gleichnis des Ganzen, der oou

ständigen Wett. Dies ist das Spätjahr hier oben. Man sagt, der Herbst löse auf. Ich habe aber erlebt, daß der November das Ganze darwies, ja das Ganze zustande brachte, wie nie vorher eine Jahreszeit es ge­konnt hat und wie auch der weihe Winter unter der Sonne es nicht vermögen wirb.

Bor dem stumpfblauen Gewebe der Venediktenwand, diesem Ge­webe, das kondensierte Luft sein könnte, weht der Rauch des Kohlen­bergwerks von Penzberg langhin von Südwesten nach Nordosten die nämliche lange, weihe Fahne Tag um Tag, unveränderlich dieselbe, lang, weiß, feierlich und still. Man sagt, das Spätjahr treibe die Dinge dem Ende zu, es löse auf: ich habe aber die Erfahrung gemacht, daß der Herbst die Dinge lehrt, zu beharren. Er macht beständig: ein Tag glich dem andern in Blau und Rot und Gold.

In der Morgenfrühe liegt zwischen den zackigen Graten des Hoch, gebirges und der blinkenden Platte des Sees, -dieser Lichtlache, die weit­hin blendet, ein breiter Nebel. Der Rand des Sees, der Fuß der Berge, -ihr Cmwuchs in die Erde ist verborgen.

Die Roseninsel im See -ist ein einziger brennender Busch, eingerahmt mit fahlgelbem Schilf von bezwingender Bestimmtheit der Farbe und schneidender Schärfe -der Zeichnung. Doch merkwürdig: die so grau ge­zeichnete und gefärbte Insel scheint im Nichts zu schwimmen: der See, wiewohl völlig deutlich, löscht um die Insel her seine Gegenwart aus; man merkt -ihn nicht um das genaue Gelb des Jnselufers; er ist wie -weg-gehoben, wie entwichen ..'.

Dies Wesenlose des Sees, dies Verschwinden rings um den gelben Rand der Ros-eninsel wird nur einen Augenblick -empfunden: denn wie in einem Vexierbild entdeckt man plötzlich die Logik de» Zusammen­hangs. Der Morgennebel zwischen See und Hochgebirge vergeht; wir schauen hin, und stehe da: er ist nun fort, als wäre er nicht soeben noch gewesen; was vorhin nur zu schweben schien, die Steintante der Berge, ist nun plötzlich abwärts verbunden, irdisch verbunden. Die Wirk­lichkeit -ist nun gänzlich -da, und sie steht still im Glanze des -oberbaye­rischen Spätjahrs.

Aber das Seltsamste und vielleicht das Wichtigste: nicht diese schöne Ruhe des Maren Ganzen, nicht dies Ruhen der Welt in einem Strahl wie aus der Unendlichkeit scheint die wahre Lehre und Bedeutung dieser Jahreszeit zu sein. Sondern, wenn wirs recht bedenken und begreifen, jener Augenblick, da die Roseninsel mit -dem scharfen gelben Rand im Nichts zu schweben schien und die Steink-anten des Hochge-birgs wie im Nichts über dem Nebel standen und über dem See, dessen Ufer verhüllt war. Jenem Augenblick, ob er auch nichts war als ein Augenblick, ihm also schien die schönste Ahnung der Ewigkeit innezuwohn-en. Einen Augen­blick gab dieses Spätjahr die Unermeßlich k-eit -des Ewigen; aus einem scheinbaren Nichts der Sekunden madjte dieser Herbst ein Gleichnis des Alls und eine Vorhalle der Ewigkeit.

*

Ich habe versucht, -die Farben der Bäume zu zählen, von links nach rechts. Die Lärche ist hellgrün mit einem Hauch von Rosa. Die Kiefer ist ein wenig bleicher als im Sommer: blaßblaugrün und mit einer Ahnung von Gew. Die Buche ist kupferrot, Eiche und Linde sind havannabraun, gleich dem Deckblatt der Hellen Zigarren. Die Kastanie ist goldgelb ... Ich gebe es auf: denn nun beginnt das unfaßbar feine und vollständige Reich der Töne zwischen Schwefelgelb und Lila. Ein Baum ich kenne ihn nicht ist wie mit Teerosenblättern belaubt, aber ganz oben, in -den noch nicht erreichten Spitzen, ist er mit Nilgrün gesäumt. Das Farbige ist unauszählbarer wie in der Jahreszeit der rot- und blau-, der gelb- und weißblühenden Blumen ... Das Grüne, wo es blieb, hat mehr Geltung als im Sommer, in dem es sich von selbst zu verstehen scheint. Das bläuliche Wi-esengrün der schattigen und feuchten Hänge, das bläuliche Grün der keimenden neuen Saat auf den Aeckern, all dies Grün mit etwas Blau in der Mischung, dies nicht mit Gelb gemischte Grün ist nun erst vollends richtig, jetzt, in der Bräune des Novembers. Eins gibt dem anderen Relief: das Grün -der Tannen, der Lebensbäume, dem Gelb und Rot des Laubs, das Braun der Blätter dem noch immer blanken Grün der Eiben, in denen einige feuerrote Beeren stehen blieben.

Ich bin auf die höchste Höhe überm See gestiegen, dort hinauf, wo man das Land sieht zwischen dem Gebirg des Wilden Kaisers und den Lcchtaler Alpen, das Land mit dem Wetterstein, der zwiefach abstürzen- den Zugspitze, dem Zickzack des schneeigen Karwendel in der Mitte. Das Land zu den Bergen hin, über Weilheim hin und über Murnau und die Höhe von Peißenberg ist wellig als ein Erdmeer. Es geht in langen weichen Kurven dahin; es ist weit, weit, das Auge schweift wie über einen wogenden Ozean: so sehr trägt dies Land die Züge der Größe ... Die Erde der A-ecker ist fett; wie Speckseiten glänzen die umgepflügten Brocken, sind fest und feist wie Speck. Dort drüben ist die Erde pulvrig, als wäre sie mit Pastellkreide gemacht. Dann wieder ist sie torfig dunkel,