unb anschaulich in der Ausmalung des gewünschten Glücks wie des geforderten Geschenkes sind. Ein uralter noch heute üblicher Reim lautet:

Ich wünsch' ein glückselig neues Jahr und's Christkindle im krausen Haar, womit vielleicht auf einen Familienzuwachs hingedeutet werden soll. Daran schließen sich Wünsche für langes Leben, gutes Leben, einen schönen Mann, eine schöne Braut, eine Kiste mit Geld und alle nur denkbaren Herrlichkeiten, denen sich die Hoffnung auf einen Dank in klingender Münze nicht selten anreiht.

Ileujahrsnacht im Schwarzwald.

(Eine Silvesterbegebenheit vor mehr als hundert Jahren.

Von Eberhard Meckel.

Dort oben im hohen Schwarzwald, im Gebiete des Fekdberges, wo jetzt in der Winterzeit ein fröhliches Leben und Treiben erholungs­suchender Menschen herrscht, wo die Skiläufer auf den Matten und Hängen sich eifrig tummeln, ein buntes und vielfältiges Bild, wo loder Ort viele Gäste in feinen Gasthöfen beherbergt, war es vor nicht langer Zeit noch gar still. Wer nicht mußte, lief nicht hinaus, wenn es kalt war, und winters über die Berge ging kein Mensch. Ganz verlassen und öde war die Landschaft, wo auch sommers nur ein paar Vioh- herden weideten, zugedeckt war alles und begraben unter Els und Sistnee. Kein Fuß machte Spuren hinein da, wo jetzt die weißen Flächen bald glatt gebügelt sind von den tausendfach über sie hinweggleitenden Skihölzern. Verschlafen war damals noch alles, die verstreuten Höfe und Gemeinden lagen in friedlichster Ruhe und tiefsten Winterschlaf. Denn der Winter, der heut« so oft ein guter Freund fein kann, war damals nichts als ein grimmiger Feind, der nur Stein und Bein erfrieren machte, die Menschen- in den Häusern gefangen hielt. Ja, der Schwarz­waldwinter ist da oben böse, darin hat sich allerdings auch heut« nichts geändert, der ist gleich wie vor hundert und dreihundert und fünfhundert Jahren: Der scharfe Nordoststurm bringt den Schnee in dunklem Nebel­gewölk heran, der Wind faust heulend Tag um Tug, springt singend wie ei» tückischer Kobold in den Kamin, fährt in die Ritzen, klirrt in den Schindeln und scharrt gehässig am Dach. Durch die Wälder geht immer ein Knacken der Bäum« vor Frost, stetig donnern Aeste unter der schwe­ren Schneelast nieder, fern dröhnt das Getöse einer kleinen Lawine an den Bergen wider. So geht das bis zum März, wo die Sonne wieder beginnt, ihre Wirkung zu tun und endlich wieder den Schnee wegnimmt. Menschen kommen, Menschen gehen, und alles ist im Grund gleich heute und ehemals ...

In einem solchen Winter, vor vier Menschenaltern, da ging von Todtnau, einem kleinen Besenbinder- und Holzfüllerort denn die Subergruben, die das Dorf einst reich gemacht hatten, waren längst ein­gestellt worden ein älterer Mann gegen Abend weiter in das enge obere Tal, dem Fetdberg zu, wo die Wiese entspringt, die später gang unten bei Basel in den Rhein mündet, und von der einer der schönsten und heitersten deutschen Landstriche den Namen Wiesental hat. Der oberste Ort, ein paar Häuser nur, ehe man hinauf über den Zeigerpaß nach Menzenschwand kommt, heißt Fahl, und dort wollte der Wanderer hin. Da, wo heute eine breite Autostraße läuft, gab es nur ein kleines, wenig gepflegtes Sträßchen, nicht besonders angelegt, sondern wie es sich eben im Laufe der Zeit ausgefahren und ausgetreten hatte. Doch es war ja jetzt Winter, und man sah nichts von einem Weg überhaupt. Nur ein paar Fußstapfen, wohl von Holzschlägern herstammend, di« tags talab gegangen waren, wiesen die Richtung, doch auch die waren bereits wieder halb zugewcht und schlecht zu enfennen. Denn es blies ein scharfer Wind, der Schnee wirbelte unaufhörlich herab, unaufhörlich sank das Land tiefer unter eine weiße endlose Schneedecke.

Der Mann hatte schwer zu gehen, oft sank er bis in die Knie ein, er mußte achtgeben, nicht abzukommen, denn links gurgelte es unter der Schneedecke drohend über die sonst so friedliche Wiese, wo noch ein rich­tiger Wildbach herab rauschte. Und rechts ging es in finster« und unwirt­liche Tannenwälder. Doch der Wanderer kannte den Weg genau. Im Vorwärtsstapfen hielt er Zwiesprache mit allen Dingen, die er sah und hörte.Rausche nur hinab, liebe Wiese, ich kenne dich genau", tagte er freundlich, obwohl ihm ein Eishagel ins Gesicht schlug.Ihr Wälder, euch habe ich lange nicht mehr gesehen." Und er atmete im mühseligen Gehen die neblige Luft vertraut ein. Luft der Heimat, ja, wie viele Male in früheren Jahren war er hier gelaufen als kleiner Bub, als junger Mann, nur wenig hat er sich verändert feit damals, bloß die Tannen waren wohl groß geworden. Ja, damals; nun war er mittlerweile älter geworden und wollte noch einmal, wer weiß, ob er es wieder könnte, hier oben das für ihn ein Stück feiner Heimat war, verweilen um diese Zeit jetzt, die Zeit ber Jahreswende, wie er es früher oft getan hatte.

Jahreswende; heute war der 31. Dezember, Silvestertaa! Und es dunkelte bereits in den Silvesterabend hinüber. Die Nebel hingen tief, über die Hälfte der Berge herab und brauten unheimlich und finster am Talhimmel. Der Wanderer stapfte eifrig vorwärts durch den tiefen Schnee, eine halbe Stunde, eine Stunde, anderthalb Stunden tm schlimm­sten Winterwetter, aber es mackste ihm Freude, nichts als tiefe Freude. Ruhe zog in fein Herz, trotz des Sturmes umher, und eine seltsame Feierlichkeit durchdrang ihn auf seinem Gang am letzten Tag des Jahres.

Er näherte sich allmählich dem Orte Fahl. Es war nun Nacht gewor­den, ein paar blasse Lichtlein blinkten ihm aus den Häusern durch die Dunkelheit entgegen. Kein Mensch war zu sehen, als er in den Ort kam. Aber der Wanderer sand seinen Weg, auch ohne daß jemand ihn wies. Rechts von der ansteigenden Dorfttrahe, am letzten Haufe gegen das Talende zu, klopfte er gegen die Tür eines Bauernhofes. Nach

einiger Zeit wurde ihm ausgemacht, ein älterer Mann mit einem Kien­span In der Hand leuchtete ihm Ins Gesicht und fragte nach seinem Be­gehr. Doch ehe der Ankömmling noch eine Antwort geben konnte, hellte sich des Bauern prüfendes Gesicht plötzlich auf in jäher Freude, und er rief aus, die Hände samt dem Span über den Kopf zusammenschlagend: Ach, Ihr seid es, Ihr seid wieder einmal im Land, grüß Gott, kommt herein, Herr Hebel, wollt sagen Herr Kirchenrat, kommt nur herein, welche Freud, welche Freud!"

Doch der Angeredete wehrte ab und rief mit künstlich zorniger Stimme, durch die Freude klang:Wenn Ihr noch einmal Herr Hebel zu mir sagt, oder Herr Kirchenrat, dann kehr ich wieder um aus Nim­merwiedersehen. Sind wir nicht zusammen auf der Schulbank gesessen und haben wir nickst zusammen die Geißen gehütet? Als ob es so beson­derer Anreden brauchte, wie Ihr sie da macht. Nehmt'» zurück, ober ich gehe!"

Loch und heilig beschwor da der Bauer den Ankömmling, doch zu bleiben; er wolle es nicht mehr sagen, doch hätte er gemeint, wenn sein alter Kamerad ein so hoher Herr geworden sei, müsse er es Und so gingen sie einig und lachend zusammen hinein in die Stube. Und der Leser weiß jetzt wenigstens, wer der Wanderer von Todtnau nach Fahl wär: . Der alemannische Dichter Johann Peter Hebel, damals Kirchenrat in Karlsruhe. Er hatte sich von dort aufgemacht, war aus der Stadt herausgefahren, um wieder einmal das neue Jahr in seiner Helmut des Wiesentals, das er fo oft in feinen Gedichten besungen hatte, zu verleben, wie er es früher oft gemacht hatte. Ein paar Tag« war er bereits unterwegs von Base! aus, feiner Geburtsstadt, wo er Weihnachten gefeiert hatte, das Wiesental hinauf, immer alte Freunde und Bekannte aussuchend: und nun war er also hier oben, im obersten Tötende, als letzte Station, bei feinem alten Freund, dem Fahlerlochhosbauern.

Wie sie beide also in die Stube kamen, faß die Frau des Bauern spinnend hinter dem Spinnrocken, eine richtige und kräftige Schwarz­wälderin, die Tochter, ein frisches und rotbackiges Mädchen, hals ihr dabei und eine Magd schob dicke Holzscheite in den Ofen. Ja, da gab es auch großes Erstaunen und Wiedersehensfreude, und nochmals mußte der Ankömmling sich der ehrenden Anrede erwehren. Nachdem sie alle Neuigkeiten ausgetauscht hatten, saßen sie alle bald friedlich um den Tisch zusammen. Die Magd tischte Geräuchertes aus dem Rauchfang auf, der Bauer holte ein ordentliches Kirschwasser aus dem Wandschrank, und beim prasselnden und gemütlichen fauchenden Kachelofen ging bald ein Gespräch fröhlich weiter. Hebel langte sich nach einer Weile feinen Wandersack her, der auf der Ofenbank tag, und holte unter dem staunen­den Entzücken seiner alten Freunde allerlei heraus: Buntgezogene Kerzen fetzte er auf den Tisch, ließ die Magd Tannenreisig holen und stellte ein paar Flaschen Wein aus dem badischen Unterland dazwischen.So", sagte er schmunzelnd,nun wollen wir Silvester feiern, das neue Jahr ein« weihen, das alte begraben, es hat's verdient."

Ja ja", meinte der Bauer nach einer Weile des Schweigens, wäh­renddessen die Frauen die Kerzen anzündeten und Wein einfchenkten, stopfte seine Pfeife und steckte sie mit dem Span an, so daß beim Ein­ziehen des Feuers in den Tabak fein verwittertes und hartes Bauern- gesicht seltsam deutlich belichtet wurde. Was mochte das alles erlebt und gesehen haben an schweren und harten Zeiten!Ja ja, es verdient'?, das Jahr, daß man es begräbt! So geht eines nach dem andern um und was bringen sie alle für die Menschen? Jammer und Elend und Not, was sind es für Zeiten! Teuer ist alles, es umgibt einen eine arge Welt, alles ist unsicher und schwankt. Ich meine, so eine arge Zeit war noch nie. Da entgegenete der Gast: ,Ha, aber was hilft alles Jammern und Kla­gen darum, ändern wir es dadurch? Wohl sind die Zeiten schlimm, Hungersnot und Elend überall, hohe Steuern und Abgaben, niemand weiß, ob er morgen noch wird leben können, weil alles dann anders fein kann. Doch den Kopf hängen lassen, wozu? Nehmen wir, wie es ist, die Hauptsache ist alleweil, daß man lebt. Und Freude gibts doch genug. Schaut nur einmal den Himmel an, wenn er schön blau ist, die Sonne bald wieder warm scheint und di« Vöglein singen! Noch immer haben die Menschen gesagt, es seien fo schlimme Zeiten, in denen sie lebten, heute oder vor hundert Jahren. Und in über hundert Jahren wird die Welt doch noch stehen, und das Leben ist weiter gelaufen, andere Men­schen haben gelebt und leben bann und sagen vielleicht, daß es ihnen schlechter als je einem ginge. Warum sich das Leben fo schwer machen, laßt uns anstoßen, es ist la kein Leichtsinn, es ist nur ein wenig Freude, die soll und danf man haben. Wir wünschen es allen anderen auch fo."

Da habt Ihr recht', mischte sich die Bäuerin in die Unterhaltung der Männer, nachdem sie alle getrunken hatten,ich sage es auch immer, Vertrauen muß man haben, es wird schon etwas werden. Ich denk«, das" und sie zeigte auf den Herrgottswinkel, wo das Kreuz hing das wird uns schon nicht-im Stiche lassen."

Unter solchen Reden kam alsbald eine freundliche Stimmung auf. Der Wind draußen und der Sturm schienen aufgehört zu haben. Als um Mitternacht von der kleinen Dorfkapelle das neue Jahr eingeläutet wurde, stellten sich alle an das offene Fenster und hörten zu. Es wurde chnen gut zu Mute für das neue Jahr. Sie sahen, daß es ganz klar geworden war. Ein voller Mond hing friedlich über dem Tal, hoch lag der Schnee, viele Sterne glitzerten herab, fern brauste der Wiesenbach in der Nacht. Di« Nachbarn erschienen aus den anderen Höfen, miinsch- ten sich gegenseitig fröhlich ein gutes neues Jahr.

Bald darauf gingen alle schlafen. Hebel jedoch stand noch lang« am Fenster feiner Kammer und sah hinaus in die Nacht.Neujahrsnacht still und klar deutet auf ein gutes Jahr." Diese Bauernregel fiel ihm ein. Das dünkte ihm eine gute Vorbedeutung, und er schloß, allen Menschen im Herzen Friede und Freude wünschend, dankbar und zuversichtlich um das, was war und was immer kommen möge, endlich das Fenster, als sich Im Osten über den Bergen das erste Morgenlicht des neuen Jahves ankündete.

I5crant® ortltcb: Dr. Hans Thyriot. Druck und Derlag; Brühl'sche UntversitätS-Duch- und 6teinbtudetet, A. Lange, Gießen.