oitfe um ein neues Jahr.
Don Hans Naton«k.
Herr, schenk mir noch «in Jahr! Das letzte war ja keines...
Ich streich es und bewein es Wie etwas, das gewesen ist. Es ist schon nicht mehr wahr —। Ich bitte dich, noch eines!
Die Zettel im Kalenderblock,
Eie fallen wie Schuppen aus den Rock, Dem Jahre gehn di« Haare aus, Herr, ruf mich nicht, noch nicht nach Haus.
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Ich halt die leeren Hände hin: Gott, schenk mir noch ein Jahr, Für dich ist es «in »eines — Das letzte war ja keines. Ich gab ihm keinen Sinn ...
Ich bin dein dummes Bettellkind, Dein Tagdieb, dem die Zeit verrinnt, Ich stehe da, es wird schon spät, Schenk mir ein Jahr, das nicht verseht.
Neujahr im deutschen Lied.
Von Dr. Kurt Haack.
Di« Sehnsucht der Menschheit, an einem so einschneidenden Lebensabschnitt, wie es die Jahreswende für einen jeden bedeutet, den Blick forschend in das dunkle Zukunstsgejchehen zu richten und zu versuchen, es wenigstens durch ernst gefaßte Vorsätze und heiße Wünsche zu lenken, ist die Keimzelle aller Neujahrspoesie. So legten schon die alten Germanen am Jubelabend beim feierlichen Becherklang Gelübde ab von Taten, die sie im kommenden Jahre ausführen wollten, und solche heidnische Gewohnheiten blieben auch im christlichen Deutschland erhalten. Aus dem U. Jahrhundert stammt eine Predigt, in der als Abgötterei gerügt wird, Neujahrs auf dem Kreuzwege oder schwertgegürtet auf dem Dache zu sitzen, um zu sehen und zu entnehmen, was einem in Zukunst begegnen werde; auch solle man nicht bei Jahresbeginn durch Gaffen und Ort» schäften ziehen und Gesänge nebst Tänzen ausfllhren. Der fromm« Bruder Heinrich Suso erzählt, daß die Jünglinge in Schwaben in der Nacht des Jahresanfangs vor die Türen ihrer Liebsten gehen, Lieder singen und schöne Gedicht« sprechen, damit sie von ihnen Kränzl«in erhalten. Mit dem Befragen der Zukunft und dem Kranzfingen verbindet sich nun noch der Brauch des förmlichen Wunschfprechens. Zur Neusahrszeit gehen Personen beiderlei Geschlechts, aus allen Ständen, unter Verkleidungen und Masken verborgen, nachts in den Gassen umher und klopfen an den Türen, wobei sie Wunschsprüche hersagen und dann aus einem Fenster aufmunternde oder abwehrende Antwort erhalten.
Die ältesten Neujahrslieder, die wir besitzen, gehören zu jen«r umfangreichen Volksliedergruppe, die U hla n d als Wunschlieder bezeichnet. Ein kecker Knab wünscht sich wohl, die schöne Jungfrau möge chm ihr Kranzlein schenken, oder er führt sich als einen rechten Narren ein, der ganz tolle Wünsche tun darf. Ein Pferdlein möchte er sein, um fröhlich in bie Welt zu traben, «in Hllndlein klein, um mit der Liebsten zu spielen, ein Kätzlein, um von ihr geliebkost zu werden, ein Vöglein um in den Grund ihres Herzens zu stiegen. Für das nächtliche Anklopfen zu Neujahr wurden allmählich ganze Spruchgedichte geschasten, wie sie uns aus Nürnberg von den beiden bekannten Verfassern zahlreicher Fastnachtsspiele aus dem 15. Jahrhundert, Hans Rose nblüt und Hans Folz, erhalten sind. Formelhaft und feierlich, wie die ernsten Gelübde und Seanungen, die in der wunderreichen Nacht ihre besondere magische Bedeutung hatten, schreiten noch die Sprüche Rosenbluts daher:
„Klopf an! Klopf an!
Ein selig neus Jahr geh Dich an! Alles, was Dein Herz begehrt, Das wirft Du zu diesem Jahr gewährt.
Klops dannoch mchr!
Daß Dir widerfahr alle Ehr,
Und alle Glückseligkeit,
Das Helf uns Maria, die reine Maid!"
St Sebold soll ihm hold sein, St. Moritz gebe ihm Sinn und Witz St. Veit bebüie ibn ru aller Zeit, St. Martin soll sein Gefährte fein und die els- tausend^Jungfrauen schützen ihn vor allem Herzeleid St N.llas, der heiPae Himmelsfürst bescher ihm Wein, wenn es ihn durst Noch acht heilige s)immeiJ > mojenW.jits rufen all« nur erdenklichen Bor- äSfe®: WNsS-S
allerlei Neckerei mit unterlauft. „Ein selig neu s -oayr geg x/iu, .
bildet sich nach dem „Klopf an!" als stehender Glückwunsch au», an den ich komische und groteske Wünsche anreihen. Ausgelassener Mummen- chanz begleitet das Neujahrssingen, und bunte Possen entweihen die gewichtige Stunde an der Wende zweier Jahre. Hans Folz schlägt in einen Sprüchen schon diese lustige frohe Seite der Feier an. Schimpf- und Spottreden wechseln in Rede und Gegenrede. Zärtliche Liebeslieder ertönen, und an sie schließt sich etwa folgender Wunsch:
„So wünsch' ich Dich so lange gesund. Bis ein« Linse wiegt hundert Pfund, Und bis ein Mühlstein in Lüften fleugt Und ein Floh ein Fuder Weines zeucht
Und bis ein Krebs Baumwolle spinnt
Und man mit Schn«« ein Feuer anzündt; Hiemit ein gut's seliges neues Jahr Und hau hin, daß Dich Gott bewahr!"
Solche unmöglichen und phantastischen Wünsche mehren sich in den Neujahrsliedern, und der Liebende wünscht sich, Macht zu haben über Sonn« und Mond, die Erde und all« Meere, über Geister und Pflanzen, um sie in den Dienst und Willen seiner Schönen stellen zu können.
Diesen natürlich einfachen Prophezeiungen und Bitten setzte der Humanismus eine neue Form entgegen, das steife, in prunkvoll antikem Gewand« und mit gelehrten Anspielungen einherschreitende Gratu'ations- gedicht. Ein Geist des pathetischen Schwulstes und der hochtönenden Wortornamentik entfaltet sich in diesen erst lateinisch und dann auch im stilleren Deutsch vorgetragenen Deklamationen und Oden, die „eine Freuden und Friedenspforte vor dem sich wieder neu eröffnenden Tempel des Kronos" errichten. Wärmere, herzlichere Bekenntnisse werden erst in der Zeit des Elends des Dreißigjährigen Krieges wieder laut. Paul Fleming wünscht, daß im Helm von nun an die Schwalben nisten mögen und aus Spieß und Schwert Pflug *unb Spaten werden sollen, und Paul Gerhardt bittet in seinem würdig eindringlichen Neu;ahrs- gesang „Nun laßt uns gehn und treten", ebenfalls statt des Blutvergießens um Friedensströme, um Huld und Gnadensonne. Aber nach der überströmenden Glückseligkeit des Friedensschlusses schwinden wieder die echten Töne mehr und mehr; man glaubt, in den gedrechselten Alexandrinern, in di« der Hof dichter Johann Ulrich von König seine Neujahrswünsche faßt, die steif-galanten Komplimente der gravitätischen Herren in der Puderperücke wiederzufinden, di« sie am 1. Januar den hohen Standespersonen widmen.
In die fromm betrachtsame Art des Gerhardtschen Kirchenliedes lenkt wieder Gellert ein, wenn er zum neuen Jahre dem Gott der Macht Ruhm, Preis und Dank erschallen läßt. Lessing weiht König Friedrich eine begeisterte Neujahrsode, die das Jahr 1754 mit vollen Akkorden einleitet. Den leicht tändelnden Rokoko-Scherz vertritt das Neujahrslied des jungen Goethe, das, 1768 für Kätchen Schoenkopf gedichtet, feine erst« gedruckte Gedichtsammlung „Neue Lieder" einleitet:
„Wer kömmt! Wer kaust von meiner War'! Devisen auf das neue Jahr, Für alle Stände.
Und fehlt auch einer hie und da, Ein einzger Handschuh paßt sich ja An zwanzig Hände."
Seine kecken und leicht srivolen Ratschläge und Wünsche atmen die Anmut der lebensfreudigen Anakreontik. Die jchwermutsvoll« Melancholie der sentimental - weltschmerzlichen Empfindsamkeit spricht aus den „Neu- ;ahrsgedanken" des Freiherrn von C r e u z , der in der Silvesternacht ein« welthistorisch phantastische Dision sich vor die Seele ruft, wie sie dann in Prosawerken Jean P a u l, E. T. A. H o f s ma n n und Jeremias Gott Helf ausgestaltet haben.
1784 singt Johann Heinrich Voß sein „Neujahrslied": „Des Jahres l«tzte Stunde ertönt mit ernstem Schlag", noch heute das bekannteste und am meisten gesungen« Lied, im ernsten Rückblick und hosfnungs- frohen Aufblick allgemein menschliche Empfindungen aussprechend, die der Chor aufnimmt. Stimmungsvoll hebt Matthias Claudius an:
„Cs war die erste Dämmerung Mit leisem Tagverkünden, Und nur noch eben hell genung, Sich durch den Wald zu finden. Der Morgenstern stand linker Hanh Ich aber ging und dachte Im Eichtal an mein Vaterland, Dem er ein Neujahr brachte." .
Die politische Lyrik gestaltet das Neujahrslied zu einer scharfen Kritik der Verhältnisse um, so daß bei Hoffmann do n Fallersleben recht bittere Disharmonien in bas refrainartig auftretenbe: „Freut Euch des Lebens" hineinfchrillen. In den „Neujahrsglocken" erlauscht C. F. Meyer das schwellende Gedröhne der gewaltigen Heere der Zukunft. Manch weisheitsvolle, kernig« Neujahrsgrüße und -fprüche haben uns auch unsere modernsten Lyriker gegeben. .
Die an guter Saune und frischen Wünschen unerschöpfliche, in ihrem Optimismus und ihren Bitten nie versiegend« Naivität des alten Neujahrsliedes lebt aber nur noch fort in der Volkspoesie, die gerade um diesen Tag herum auch in der Gegenwart noch üppig blüht. Aus allen deutschen 'Gauen hören wir von solchen Bittsprüchen, die gleich deutlich


