Das schert ihn die steigende, immer wärmere Sonne? Mag sie tags an der Schneedecke Herumtauen — nachts läßt Winter das Tropfende, Rieselnde, Sickernde wieder einfrieren. Das Wasser muß anhalten, der Tropfen, der schon am Spitzzapfen entlang glitt, um ins Tal zu fallen, muß an der Wanten Zacke still hängenbleiben und glasklar fest werden. Der Schnee wandelt sich in Eis, verharscht und vergletschert.
Kurz ist die Zeit, in der die wärmenden Strahlen eben dem Winter beikommen. Es ist dort fast noch Frühling, wenn schon der Herbst einfällt. Höchstens, daß sich der Winter ein, zwei Monate lang hinter den Nordwänden und in den engen Felsfchründen verbergen muh, ehe wieder alles Gebiet der hohen Berge sein ist.
Wie das Winterbehagen gibt, daran zu denken! Wieviel tiefer gleich ber kärgliche Winter hier bei uns wird, wenn man durchs Fenster vom Schneewind sich anwehen läßt und weiß, woran er gestreift und seinen silbernen Hauch gekühlt hat.
Es ist später Nachmittag geworden, und hinter Graubläue des fast durchsichtigen nahen Vorberges bricht ein aufstrahlendes Gelb der untergegangenen Sonne empor bis in die Höhe, von der Dämmerung einsinken will.
Schon stehen da und dort kleine Lichtpunkte im Land, die schnell sich vermehren, als zersprühte ein brennendes Scheit in glitzernde Funken.
Ich schließe den Vorhang und sinne im Schein einsamer Lampe, ob der Chinese mit seiner Brandmarkung der beiden Diebe Sehnsucht und Erinnerung wohl recht hat oder nicht.
Woher hab' ich alles, was ich jetzt sah, wenn es mir der Dieb Erinnerung nicht zugebracht, und hätte ich es so genossen, wenn der Dieb Sehnsucht mir die Freude daran nicht immer hätte stehlen wollen?
Was eben Weisheit war, scheint Torheit — und doch nicht! Denn unbeareifbar ist jeder Augenblick des Lebens mit allem, was du denkst und siihlst, mit allem, was er enthält an Wirklichem und Erträumtem.
Vom „Ewigwähren-en Kalender".
Von Reinhold Piper.
Es ist immer ein etwas feierlicher Moment, wenn man das erste Wort in den neuen Kalender einfchreibt. Noch sind die Tage voll unbegrenzter Möglichkeiten, weiß glänzen ihre Flächen. Welche Spuren wird die Zukunft auf ihnen zurückgelassen haben, wenn sie Vergangenheit geworden ist? Auch diese weißen Tage werden einst verdämmert fein und mit ihnen der Kalender. Ist es nicht eigentlich schade, daß jedes Jahr die alten Kalender wie Schatten im Orkus versinken? Mit all ihren schönen Sprüchen, Gedenktagen und Wetterregeln?
Dies fragte sich eines Tages, so um 1668 herum, auch der große Dichter Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen, der Autor unseres unsterblichen „Simplicius Simplicissimus". Wir wär's mit dem ewig währen den Kalender? Mit einem Kalender, der schon deshalb ewig währen müßte, weil er so viel allerwunderbarlichste Historien, so viel hoher gelehrter Leute Meinungen und Sentenzen, soviel notwendige Wissenschaften, so viel mirakulöse Vorbedeutungen, soviel Diskurse von Aftrologia und Astronomia, so viel Hausmittel und Wetterregeln, soviel Geschichten von bösen und schönen Weibern, Kometen, Flöhen, Selbstmördern, Reitpferden, Malern und Aufschneidern und tausend anderen Dingen enthielte — und zwar das Ganze noch dazu mit Fleiß als „Verworrenes Mischmasch" durcheinandergcfetzt —, daß man ewig an ihm zu lesen hätte und niemals sagen könne, man habe ihn wirklich ausgelesenI
Gedacht, getan! In dem verschollenen Schwargwalddorf Gaisbach, wo er als Wirt lr3um Silbernen Stern" seinen Gästen den Wein vorsetzte, und in dem kleinen Städtchen Renchen, wo er als bischöslich-straßburgischer Schultheis amtierte, braute Grimmelshausen die vielerlei Materien seines Kalenders zusammen. Dann schickte er die Handschrift, die sicher aus unzähligen zusammengeklebten Zetteln bestand, in die „wohlbekannte und weitgerühmte" Stadt Nürnberg zu Wo f Eberhard Felhecker, dem Verleger. Der brachte sie 1670 ans Licht. „Ewigwährend?" Nun, ein Vierteljahrtausend ist schon ein kleines Stück (Eroigteit. Und so lange hat jedenfalls der Kalender bis heute gewährt. In keinem meiner alten Bücher ergehe ich mich so gern wie in diesem „Luftigen Irrgarten". Aus seinem gebräunten Papier steigt der Geist alten Lebens auf.
Das Buch ist schon äußerlich höchst kurios eingerichtet. Sechs Spalten — auf jeder Seite drei — laufen nebeneinander durch das ganze Buch. In der ersten, wie es sich gehört, die Namen der Heiligen. In der zweiten und dritten das „Chaos ahn' einige Ordnung". Da lieft man 'btiefe Wetterregeln: „Wann im Hornuntz die Winde wehen, daß den Ochsen die Hörner im Kopfe wackeln mochten, so bedeut's ein gutes Jahr, sagt mein Knän." Oder dies Rezept für ausgiebigen Haarwuchs: „Wer ein schön lang und dickes Haar begehret, der nehme Wasser, das durch ein lebendiges Rind (wann selbiges im Mertz, April und May von der Weid gehet) destilliert wird und netze alle morgen also warm, wie es von der Mutter kömpt, wann er sich kämmet, (eine Haare damit, so wird er bekommen, was er verlangt. Dies ist zwar ein lächerlich Rezept und verächtliche Materia, aber wer's nicht glaubt, der mag feinen kahlen Kopf behalten. Wer's aber probiert, wird immer darurnb danken. Die Natur tut und muß tun, was sie kann, wann man's ihr nur zumutet."
Oder es finden (ich unterm fünften Heumonat folgende zwei historische Daten einträchtig nebeneinander: „An diesem Tage kam die heilige Jungfrau Maria von dem Haus Zacharia wieder gen Nazareth. Heut im Jahr des Heils 1651 starb Maxirniiianus, Herzog und erster Churfürst von Bayern, im hohen Alter, welcher in dem verwichenen Krieg auf katholischer Seiten an vielen Orten das Beste getan." Dies war damals ein Datum der neuesten Geschichte, und Grimmelshausen, in jungen Jahren von Soldaten entführt, hatte den „verwichenen Krieg" bis zum Letzten durchgekostet. Wer bei Nacht zu sehen wünscht wie am Tag, dem rät der Kalender: „Nimm Fett von einer schneeweißen Katzen und die Gall von einer schneeweißen Hennen, schmiere die Augenlieder damit. Etliche schreiben^ man solle die Augen selbst mit Fledermausblut schmieren.
Aber ich rate dir, mein Sohn, du sollst es nicht probieren. Ich glaub wohl, daß einer davon bei Tag so viel sehe als bei Nacht."
Zur Unterhaltung der Mitmenschen wird folgendes ernpsechlen: „Wan du gern eine schöne Bürgerlust anstellen wolltest, daß die Leute Gottes Barmherzigkeit anrufen sollen, so nimm fünf rinberne Blasen, binde einer Katze an jeden Fuß und an den Schwanz eine, wirs sie bet Nacht einen hohen Turm herab, so wirst du und andere Leute, sonderlich wann es ein wenig windig ist, aus der dunklen Lust herab eine grausam liebliche Musik hören. Aber fchau, daß du nicht selbst dasür in den Turm mußt. Hast du Gäste, die du gerne scherzen wolltest, so nimm Geigen- ober Harfenfaiten, schneide sie klein, tue sie ein wenig ins Wasser, hernach streue sie auf yeiß Rindfleisch oder einen frischen Braten. Wann sie bann erwärmen, so sahen sie an sich zu regen und sehen aus wie Maden." „Junge Mütter mögen sich merken, was unterm 12. Mertz steht: .Unsere Weiber, wann sie aus der Kindbett das erstemal zu gehen pflegen, so geben sie fleißig achtung, ob ihnen ein Manns- ober Weibsbild zum ersten begegne, und halten davor, welcherlei Geschlechts ihnen am elften aufgestoßen, dergleichen werden fie auch bei künftiger Geburt zur Welt bringen.* Meine Mutter sagt, es habe sie niemals betrogen, hat aber ihr lebtag nur ein Kind gehabt."
In der dritten Spalte führt der junge Simplicissimus einen langen Diskurs mit feiner Mutter und seinem Alten von der Bauernpraktik. Der Junge meint schüchtern, daß doch auch die Gelehrten brauchbare Obser- vationes' gemacht hatten. Aber wie fühlt sich da der Alte überlegen! „Was wir alten Bauersleut ober unsere Vorfahren bevor erfunden, das haben die Gelehrten von ihnen aufgefischt, einen lateinischen Pfeffer darüber gemacht und solches nachgehends for ihre eigene Ware verkauft. Was wollt so ein Kerl, der daheim in der Stuben sitzt, zu spekulieren, von denen Dingen sagen können, damit wir Leute stündlich umgehen? Nahm da ein Jäger ober Vogelfänger so einen Dokter mit sich oufn Vogelherb, welchen der Jäger still fein hieß, damit er ihm die Vögel nicht nerftöbere. Da nun deren etliche tarnen, schrie der Dokter den Jäger auf lateinisch an, er solle bas Netz zuziehen, cs wären Vögel da und vermeinte, wann er Latein rede, so würden es die Vögel nicht verstehen."
Natürlich liegt dem jungen Simplicissimus auch sehr daran, von der Kraft und Wirkung der Planeten Gewisses zu erfahren. Er bisturiert in der fünften Spalte mit dem großen Astrologen Johannes Indanine Grimmelshausen, läßt ihn dabei prachtvolle, dichterisch gestaltete Charakterbilder der Planeten entwerfen. So heißt es vom Saturn: „Satur- nus ist männlichen Geschlechts, grau und bleifarb mit einem dunklen Schein, zaubersüchtig, ein Phlegmaticus, falt, biirr und trocken, weil er gar weit von 'ber Sonnen abgelegen feinen Gang verrichtet, melancholischer, irdischer Art; wird dem Tage zugeeignet, ist bös, der menschlichen Natur sehr schädlich und die große Infortun genannt. Sein Bild ist gleich einem alten Mann. Das Blei ist sein Metall. Aus den menschlichen Geschäften ist fein die Arbeit, aus ber Farbe das Schwarz, von Geschmack das Sauer, aus den Tagen der Samstag. Er bedeutet Gefängnis, langwierige Krankheiten und heimliche Feinde. Wenn ein Kind in feiner Stunde geboren wird, so gibt es einen trägen, schwermütigen Menschen mit einem dünnen Bart, bleicher, gelber Farbe, dickem schwarzem Haupthaar, ist hochmütig, fanget viel an, richtet wenig aus, will über andere Leute fein, wird selten reich, wohnet gern bey Wassern, ist von Natur diebisch, räuberisch, neidisch und hässig, er sticht gern, hat viel unreiner Hitze, wirb schnell krank, zörnet nicht leicht, trägt aber den Zorn lange, ist ungern bey vielen Leuten, trägt gern schwarz, hat tiefe mörderische Äugen, grauet bald, ist kein Frauen-Mann, redet gern mit ihm selbst."
Was Grimmelshausens Kalenber vor allem zu einem „ewig-währen- den" macht, ist fein über den Dingen stehender Humor. Nach langen Debatten über die Kunst ber Physiognomisten und Chiromanten, über bie Möglichkeit und Unmöglichkeit von Prophezeihungen und über Künste und Horostopfteller spricht er mit dem Lächeln des wahrhaft Weisen in der sechsten Spulte dieses Schlußwort:
„Wann du aber die Wahrheit ohne Fehl und Mängel prophezeien willt, so bleibe bei diesen unfehlbaren Aussagen, nämlich: Das künftige Jahr, wenn es anders kein Schaltjahr ist, wird haben 365 Tage und wird anfangen im Ianuario. Die Planeten werden ihren gewöhnlichen Lauf behalten, es fey denn, daß ihn Gott ändere. Zu unterschiedlichen Zeiten wird Hitze, Frost, Regen und schön Wetter einsallen. Es wird ein solches Jahr seyn, darinnen man essen, trinken, springen, tanzen, feyern, arbeiten, säen und ernten wird. Aber unterdessen wird auch mancher harte Kopf draufgehen, junge Weiber werden schwanger werden und Kinder gebären, aber nicht ohne Schmerzen und Gefahr. Krieg und Blutvergießen wird nicht ohne Schießen, Hauen, Stechen, Schlagen abgehen. Beym guten Wein wird mancher luftig und berauscht werden und werden die Gläser manchen Stoß leiden müssen und nicht alle ganz baroon kommen. Die erwachsenen Dirnen werden gern wackere Männer haben wollen, und im Winter die Mägde beym Spinnen gern schlafen. Umb Fast na äst wird's Narren geben und umb Weihnachten ein Sau- Sterben einsallen, wird auch mehr Bratwürste setzen, wann die Eicheln geraten, als wenn sie nicht geraten wären. Bei fürwitzigen Phantasten wird die Mchimia in großen Ehren seyn, aber denselben nicht alles wohl ersprießen; die Hoffärtigen werden sich fpreuzen, Mord und Totschlag wird zwischen Feinden vorfallen, Fluchen wird bey Krachern und Schiffsleuten, Weinen bey Kindern und Weibern gehört werden. Lügen und Dräu-Reden werden bey den Wirten die gewöhnlichsten Irartament seyn, und werden manchem Mann Hörner wachsen, ehe ers gewahr wird. Siehe, mein Simplici, mit dergleichen Prophezeihung kannst du nicht fehlen. Dahingegen etliche überwitzige Astrolog mit ihren lügenhaften Prognosticis den Flick neben das Loch fetzen und sich selbst zu Spott und Schanden machen. Dabey ich es auch auf diesmal laß bleiben.
Gewisseres werden auch wir für unser neues Jahr 1933 nicht prophezeien können, ist uns doch alles Künftige heutzutage verhüllter als je. Eines nur können wir sagen: Wenn wir uns in allem Wirrwarr der Zeit an bie „cwigwährenden" Güter halten, werden wir bas Kommende leichter tragen.


