GichenerZamilienbliitter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
J ihrgang (952 Freitag, den 50. Dezember Nummer 10|
Zum neuen Jahr.
Von Eduard M ö r l k«.
Wie heimlicher Weise Ein Engelein teile Mit rosigen Füßen Die Erde betritt, So nahte der Morgen. Jauchzt ihm, ihr Frommen, Ein heilig Willkommen! Ein heilig Willkommen, Herz, jauchze du mitt
In ihm sei's begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Gezelten Des Himmels bewegt. Du, Vater, du rate! Lenke du und wendet Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt!
Erinnerung und Sehnsucht.
Eine Betrachtung an der Jahreswende.
Von Wilhelm von Scholz.
Copyright 1932 by I. L. A., Wien.
Ich sitze In meinem winterlich-warmen Zimmer nahe dem Fenster, Kalte zu meiner Arbeit ein Buch chinesischer Sprichwörter vor mir und lese eben darin, daß die Erinnerung und die Sehnsucht „gefährliche Diebe" sind. Ich denke nach: natürlich Diebe des Augenblicks, der Gegenwart. Wer in der Sehnsucht oder in der Erinnerung lebt, dem entgleiten Tag und Stunde. Er versinnt sich in innere Stimmungen und Bilder, die ihn erst erfüllen, bald auch umgeben.
Ich habe lange darüber gegrübelt, warum das chinesische Sprichwort wohl davor warnt. Vielleicht weil das Sinnen, das Träumen untätig macht. Vielleicht well in beiden, in der Sehnsucht wie in der Erinnerung, eine Unbefriedigung, eine Wehmut über das Entfchwunden- sein oder das Nichthaben mitklingt: das Ungenügen an dem, .was man hat, bleibt schließlich allein übrig. „ , ,
Ich gehe in der Stube auf und nieder. Mein Blick streift fluchtig das Draußen. Schnee ist wie aus dem Nichts überall in das Bild gefallen, das ich jetzt weit weiß vor mir sehe, aus dem ich gleich zu meinem'chinesischen Sprichwort zurückkehre.
Jede schöne erfüllte Stunde müßte doch verarmen, wenn wir nicht innere Stimmungen und Bilder mit In sie verweben würden, die nur in der Seele sind, und jeder graue nüchterne Tag würde ohne Zufluß solcher Seelenquelle noch grauer, noch öder werden!
Der Mensch vergißt so leicht, daß er ja die Sinne gar nicht hat, um all das, was er zum Vollgefühl des Daseins braucht, als äußere stoffliche Wirklichkeit gleichzeitig zu ergreifen. Das meiste muß als Traum und Schatten, Gedanke und Gefühl in jeder Stunde mit hinein verwoben werden — nur eben nicht als Sehnsucht oder Erinnerung, sondern als Gegenwart; nicht mit dem Bewußtsein, daß es uns fehlt, sondern mit dem, daß es vorhanden ist und daß wir es unverlierbar besitzen.
Die ewigen Wanderer, die ihre ruhige Stätte verlassen, um, was in ihrer Seele auftaucht, draußen zu finden, weil fie meinen, daß es dann schöner sei, erreichen nie ein Ziel, müssen alle sihbeßlich erkennen das ist der falsche Weg! Es gilt, die Bilder unserer Sehnsucht hier auszuschöpfen, wo wir sind, nicht ihnen ins Ungewisse nachzusetzen wie der Jäger der weißen Hinde.
Ich habe winterliche Hügel vor meinem Fenster, gewellten Boden, Wald, Wiesen, über die, ein ferner Kranz fast, ein feiner unterer Rand- faum des Himmels, das Gebirge, gebreitet ijt. 2tn tlnren A^e n, w e jetzt oder auch beim Stürmen der Wolken, ist der schmale Fries feiner Felsen und Gletscher als Bandstreifen sichtbar; wenn Nebel geistern, ist er doch gefühlt und geahnt. , , v
Gewiß ist es verlockend, wenn man so in den reinen Wintertag hinai<ssteht, seine sieben Sachen zufammenpacken, sich °us<lumachen die Tür hinter sich fest ins SckGK fallen zu lassen und sin knirschenden Schnee auszuschreiten.
Ich muß lächeln. Wie ost habe ich es denn erlebt, daß wieder und wieder alles ins Weite fortschwand, dem ich nachwanderte, und daß ich es. heimgekehrt, plötzlich in mir fand.
Jetzt habe ich in stillem Zimmer bei meiner Arbeit den Blick nur wenig vom Blatt gehoben. Er soll die Berge heranziehen. El vermag es, wenn man die Lider nur etwas schließt. Freilich muß man ihn schon dann und wann geübt haben. Das ist nicht allzuschwer. Ich habe es oft abends am verhangenen Fenster versucht, bin nahe an den Vorhang getreten und habe mir dann die Straße einer fernen Stadt, in der ich früher gewohnt, hinter dem Fenster vorgestellt — so deutlich vor- gestellt, daß es mir einmal begegnet ist, daß ich in meiner Versonnenheit nicht mehr wußte, welche Straße draußen wirklich war, und einmal gar, es war auf der Reise, wirklich in einer anderen Stadt zu fein glaubte.
„Welch nutzloser Unfug!" höre Ich die Tugendhaften sagen. Aber so bekomm ich jetzt, wo ich am Schreibtisch sitzen muß und nicht reifen, bann, gleich die Berge ins Zimmer.
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Schnee stöbert um nackte Felsen, um gefrorene Rinnfate, die in steilen Runsen erstarrt sind, ober als Eiszapfen von vorgeneigten Wänden herunterglitzern. Ich habe es vor mir, wie es da drüben jetzt aussieht, wo die weißen und die luftig-dunklen Flächen gezackten, scharf- geschnittenen Randes gegen den gelblich-grünblauen Himmel stehen, Schluchten und cschrllnde, mächtige schräge Dreiecksflächen, Kanten und Spitzen, alles mit Flocken beweist.
Sonne bricht durch. Das Schneien läßt nach. Wind oben jagt schneestäubende Wölkchen ans, die, wie sie sich zu Gestalten erheben, wieder oerglitzern, verrieseln, in Spalten verschwinden, zerfallen.
Irgendwo rollen kleine Stücke von Felsgesteln herab, bildet sich In der hervorbrechenden Sonne ein langer, tief bis zum Tal verfolgbarer Staubbachfall von Schnee,
Unendliche Einsamkeit. Ich habe das Fenster geöffnet und das Prismenglas vors Auge genommen. Die Schneeluft läßt die reine Klarheit über meine Haut gleiten; mit dem Blick atme ich sie im Rund des Zauberglases. Und doch ist alles ferner, als es mein inneres Auge sieht.
Vom Baum vor meinem Fenster fällt Schnee herab. Eine Amfel Ist im Geäst, hüpft, flattert, streift wieder die leichte, flaumige Decke vom Zweig.
In den weihen, weichen Senken, die Sommers grüne Matten sind, entdecke ich ganz ferne, kaum wie ein Punkt groß, Hauser, ein Dorf. Es rückt plötzlich nahe. Das ist, wie wenn im Lichtspielhaus auf der Leinwand eine Großaufnahme kommt; wenn ein winziges Stückchen des Bildes — eine Hand, eine Uhr, ein Türschloß — allein die Fläche füllt, die eben noch ein menschenvoller Raum war.
So sehe ich die dicke, weich gerundete Last des Schnees auf den Dächern, die gereiften Traufen, die schmalen, zwischen hohen Schneewällen ausaeschaufelte und von Schlittenkufen mit tiefen Spuren ein- gefahrene Straße. Blauer Rauch steigt da und dort von den weißen Dächern auf. Es glühen nun die Holzkloben im Herd und wärmen die dunstende Luft hinter den Scheiben.
Fröhliches Geschrei hallt Die Dorsstraste zu dem kleinen Eissee hinab fliegen die Schlitten der Jungen und Mädcken. Sie werden von den Stapfenden Immer wieder bis zum Marktplatz mit kristallumrinideten Brunnen heraufgezogen, wo der getretene Steig die gute Anfahst gibt, bis jeder Rodel unten schließlich im ungepflügten und ebenen Schneefeld stoppt und steckenbleibt.
Erinnerung will auf und Sehnsucht, Jugendtage sind da und die Ueberteaung. ob man nickt dock über Sonntag ... aber ick laß es nickt hoch. Ich denke lackend eines Oheims, der die tiefe Weisheit hatte, sich bei allen Plänen. die ihm durch den Kovf fuhren, zuerst das Unbequeme und sämtliche Schwierigkeiten vorzustellen, mit denen die Sache verbunden war, und der dann gerne zu Haufe blieb. Der Gedanke an den mau->rdicken Reisrand hat ihn nie ins Schlaraffenland kommen (affen!
Dieser Oheim ist gewist nickt mein Vorbild. Aber er hilft mir, in einem Hereinwehen von Winterlust durchs offene Fenster und einem Blick durck das Zeißglas den großen Winter, den Winter der Berge, hereinzuziehen in Stadt und Wohnung.
Denn der Winter Ist oben in den Drei- und Vtertausendem zu Haufe. B-i uns, im besiedelten Land, ist er nur Gast, der kommt oder auch nicht kommt — einmal Wochen bleckt, einmal nur Tage und nach einer Pause wieder Tage. Und dann gefällt es ihm nicht mehr, und er geht ganz — oft Diel früher, als es Frühling wird.
Aber da oben ist er das liebe, lange Jahr, auch wenn bei uns Hochsommer brütet und wir in Seen und Flüssen baden


