Vereinen keltischer Jäger und auch die Deutschen vor der Völkerwanderung hatten ihre geheiligten Jagdbrüderschaften, die unter dem Schutz« des Gottes standen und altüberlieferte Gebräuche und S-itten sorgsam befolgten. Elch, Renntier, Auerochs und Wisent waren die edelste Beut«, während Luchs und Fuchs, Dachs und Otter, dazu Gevögel aller Art alltäglich feinem Streifen durchs Waldesdickicht zum Opfer fielen. Doch das Recht des freien Tierfangs, das ungebunden« Schwelgen in allen Jagdfreuden ward schon früh beschränkt und gehindert.
Die ältesten germanischen Volksrechte, di« uns überliefert sind, lassen bereits Anfänge eines Jagdrechts und eines Jagdschutzes für Tiere erkennen. Der Wildfrevler, der auf fremdem Grund und Boden ein Wild erlegt, wird mit Geldbuße bestraft; Hirsche und Falken, sowie alle gezähmten Tiere standen unter besonderer Hut. Freilich weidmännisch in unserem Sinne wurden di« Jagden noch nicht betrieben; man schont« weder Alter noch Geschlecht des Wildes und jagte das ganze Jahr hindurch. Der feine fportmäßige Genuß, den der Römer an der Jagd empfand und den Oppian in feinem Jagdgedicht fo begeistert schildert, war dem germanischen Markgenossen noch nicht zu eigen.
Der erste Jäger aus reiner Passion, dem wir in den Quellen begegnen, ist Karl der Große. Sein Freund und Sänger Angilbert hat uns einen solchen kaiserlichen Jagdzug beschrieben. In den Schwarm der Jagdspieße tragenden Knaben und der Jägerburschen, die die halsgefesselten Hunde und Bracken hielten, trat Karl, den einfachen Goldreif ums Haupt. Auch di« Königin kam im dunkeln Purpurgewand, das goldene Diadem auf der Stirn, und bestieg den schäumenden Zelter, während iber ganze Hof unter Hörnerklang und Hundegebell folgte. Am Waldessaum ist das Jagdheer versammelt. Die Hunde, von den Ketten erlöst, rasen durch das Holz und spüren einen Eber auf. Di« Männer stürmen mit lautem Getöse nach. Endlich stellen die Hunde das wilde Tier; der König als der Schnellste, stößt ihm das Eisen in die borstige Brust und daun stieben wieder alle auseinander, neuem Wilde nach. Abends aber vereint in goldgefchmückten Jagdzeiten alle ein frohes Mahl, und dann ruhen die Müden unter dem Zeltdach im grünen Waide ...
Der große Karl hat auch zuerst das Jagen in den königlichen Pfalzen streng verboten, und das Recht -der Bannforste und des Wildbannes, das -nur dem Herrn und feinen Gesellen bi« Jagd gestattete, wurde dann immer weiter ausgebildet. So ward der gemeine Mann, vor allem der Bauer, völlig von dem Leben und den Freuden des Waldes ausgeschlossen; «ine streng« Waldhut ward eingeführt, Tiergärten und Umzäunungen wurden angelegt, und Fürsten wie Adel -begannen eine schwer« Bedrückung auf das unfrei« Volk auszuüben, dessen Felder so eng von dem Jagdgebiet -des Herrn umschlossen waren. Die Frondienste der Bauern nehmen in dieser Franken zeit ihren Anfang! sie müssen an der Instandhaltung der Tiergärten arbeiten, bei den großen Hofjagden Dienste leisten -und nicht -selten erstickt das üppig« Wachsen -des Waldes ihre mühsam gesäte Frucht, verwüstet das Wild ihre Mecker.
Wie weit die Jagdleidenschaft bald um sich griff, beweist -de« starke Anteilnahme der Geistlichen. Ursprünglich hatte sich in den Schriften der Kirchenväter zum ersten Mal eine Opposition gegen das Toten der Waldtiere erhoben. So war dem Geistlichen durch das kanonische Recht di« Jagd verboten, doch man kehrte sich nicht daran, und immer wieder mußten Konzilien und Päpste das unheilig« Weidwerk untersagen. Aber auch das rmtzte nur wenig.
Die Jagd wird nun in der Zeit des Ritterdienstes und Minnesangs zum gesellschaftlichen Hauptfport. Atmet das R-ibeiungenl-ied noch etwas von der freien Waldeslust und der. ungeschlachten Derbheit der altdeutschen We-idg-enossen, fo entfaltet sich vor uns «n den großen höfischen Epen das reichste Bild des vornehmen Jagdbetri-ebes im 12. und 13 Jahrhundert. Nach bestimmten Gesetzen wird der Husch gehetzt, und höchst schwierig ist die Kunst, das erlegte Tier nach rechter Sitte und Art zu zerteilen, zu „zerwuken . Das Jagdser«momell^ erfordert genaueste Beobachtung aller klemften Darschr-lften, di« Strecke wird vorher von zünftigen Jagern mit sorgsam üressierten Spurhunden präpariert, bevor -di« großen Herren -dahmi-agen. Die ^jaguim freien Revier ist am beliebtesten; dieses „Uebertanbja-gen >?,rd bisweilen mit zähem Eifer viele, viele Meilen hin -durch Dick und Dmm betrieben-
Das edelste Wild ist der Hirsch, und -die vornehmste Jagd wieder gilt dem weihen Hirsch. Wer ihn erlegt, dem -steht -das Recht srei der schönsten Dame des Hofes einen Kuß zu geben. Aber durch dle e Gunst befindet er sich in einer gefährlichen Situation, denn >eder Ritter verlangt, daß man sein« Dame für die schönst« halte, der ungluckuche Kußspender zieht sich durch jede Wahl den Haß femer Genosftn-zu. Zu so furchtbaren Konflikten führte die Jagd nach dem weißen Husch, daß
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mit aufgestellten Netzen oder errichteten Hecken, durch d.« ^r weg Hirsches zu einem bestimmten Ziel ^gelenkt wurde zurucktre em Du Vasallen bereiteten ihrem Herrn °in köstliches S^uspiel im Fre.-en u ü alles kam auf 'Huckt und Zahl -der Meute an, so daß ein guter topurpuno «in wEvLTt wär SS die Zahl -der Hunde «ES A'gneurs auf mehrere tausend stieg Auch -di« Damen nahmen daran ted, unö bann lL nA'sich Än herrlichsten Wa* W
im Walde aufgebaut worden waren. Em« besonder«^ Ausbildung erjugr die Falkenbeize, über deren Methode uns der Hohenftaufe Kaiser Fr,eo rich II. «in eingehendes Buch hinterlassen hat. ... m..x5 allmäb-
Neben der Lust und Pracht -de- r-,tterl-ichen.Webens wuj> üUmap lich als düsteres G-egenbild das Elend und die Not ber Sauern empor allnächWch?uf"dm Feldern skaäL; «^durfte 1«ine Aecker,„feine feeat sw««.«»« sw® u.
tände und Revolutionen hervor, in -denen -das Bolk vergeblich dies« ent» etzlichen Ketten abzuschütteln sucht«. Manche große Forderungen, die in )em Bauernkrieg aufgestellt wurden, lassen sich auf die Jagd als Ursache zurückführen. Nun formte sich in der Phantasie des Volkes aus myiho- logischen Vorstellungen heraus die Gestalt -des wilden Jägers, wie sie Bürgers Ballade zeichnet, des gottlof-en blutsaugerifchen Nimrods, der zur Strafe für -die an den Bauern begangenen Untaten bis in die Ewigkeit Hetzen muß und gehetzt wird.
Als eine letzt« große Jäg-ergestalt steht an der Scheide zwischen dem Mittelalter und -der Neuzeit Kaiser Maximilian. Er liebt es nach, auf gefährlicher Gems-enjagd -die fchwerste Felswand zu ersteigen, und steht dem Wild Hern Äug -in Ang gegenüber. Das leichtsinnige Drauflosschi-eßen und das nutzlos« Verwunden der Tier« ist ihm wie den ritterlichen Jagd- Herren verhaßt, die ein einziges Wild aufs Korn nehmen und kunstgerecht jagen. Doch schon bei Maximilian, dem „großen Weidmann", ist massen- weises Hinschlachten des Wildes nichts Seltenes und die Jagd der Folgezeit findet dann an dief-em unvernünftigen Hinmorden besonderes Gefallen. Das Zeremoniell, wie «s I. B. von Rohr -beschrieben hat, muffte genau «ingehalten werden; wer dagegen frevelte, wurde „über den Hirsch gelegt" -und bekam Schläge mit -der flachen Klinge der Jagdmesser. August von Sachsen erlegte allein in einem Monat, dem November, 1532 Wildsauen. Im 17. Jahrhundert waren die Jagdfronde furchtbarer denn je. Jeder Wildbeschädiger konnte ohne weiteres totgeschossen werden. Gegen solche Auswüchse -der Jagdlustbark-sit hat sich dann -im 18. Jahrhundert eine starke humane Strömung kundgetan, -als deren wichtigster Vertreter Friedrich der Große, ein konsequenter Feind der Jagd, gelten darf. Das immer -deutlicher sich entfaltende Naturgefühl der Jäger trug zu einer solchen Veredelung des Sportes bei, und er vermag sich heute mit feiner andächtigen Verehrung -des Schönen zu vereinen, wie dies aus Bismarcks herrlichen Jagdbriefen hervorleuchtet.
Phantasien im Bremer Ratskeller.
Von Wilhelm Hauff.
» (Fortsetzung.)
„Als ich -so gesprochen, waren wir nicht mehr zu zwei, sondern ein dritter sah neben mir und hielt mir das Büchlein hin zum Unterschreiben: der aber, der dies tat, war nicht der Zirkelschmied, sondern ein anderer.
„Wer war cs denn? sag' an!" riefen die Apostel ungeduldig.
Die Augen des alten Kellermeisters funkelten greulich, und feine bleichen Lippen bebten; er setzte mehreremal an, um zu sprechen, aber ein Krampf schien ihm die Kehl« zuzuschnüren. Da blickte er auf einmal fest und mutig in eine dunkle Ecke, tränt fein Glas aus und warf es an die Erde. „Was hilft alle Reue, alter Balthasar", sprach er, indem große Tränen in seinen Wimpern hingen; ,cher bei mir saß — war -der Teufel."
Es war bet diesen Worten unheimlich, dis zur Verzweiflung unheimlich in dem Gemach; die Apostel schauten ernst und schweigend in ihre Römer, Bacchus hatte das Gesicht in die Hände gedrückt, und di« Rose war bleich und stille. Kein Atemzug rührte sich, man hörte nur, wie in dem Totenkopf des Alten die Zähne jchaudernd aneinander klapperten.
„Mein Vater hatte mich gelehrt, meinen Namen zu schreiben, als ich noch ein kleiner, frommer Knabe war; ich unterschrieb ihn ins Buch, das mir der andere mit feinen Krallen vorhielt. Von da an ging mir ein Leben auf -in Saus und Braus; in ganz Bremen gab es keinen Mann [o fröhlich als den Kellermeister Balthasar, und getrunken hab' ich, was der Keller Gutes und Köstliches hatte. Zur Kirche ging ich nie, sondern wenn sie zusammenläuteten, schritt ich hinab zum besten Faß und schenkte mir ein nach Herzenslust. Als ich alt wurde, kam oft ein Grauen über mich, und es fröstelte mir durch die Glieder, wenn ich ans Sterben dachte; hatte zwar kein Weib, das um mich jammerte, aber auch keine Kinder, die mich trösteten, da trank ich -denn, wenn die Todesgedanken über mich kamen, bis ich von Sinnen war und schlief. So trieb ich's lange Jahre, mein Haar -ward grau, meine Glieder schwach, und ich sehnte mich, zu schlafen im Grabe. Da war mir eines Tages, als sei ich erwacht und könne doch nicht recht erwachen; die Augen wollten sich nicht auftun, die Finger waren steif, als ich mich aus dem Sette heben wollte, und die Beine lagen starr wie ein Stück Holz. An mein Bett aber traten Leute, betasteten mich und sprachen: ^Der alte Balthasar ist tot/
Tot, dachte ich und erschrak, tot und nicht schlafen? Tot bin ich und denke? Mich erfaßte eine unnennbare Angst, ich fühlte, wie mein Herz stille stand, und wie sich doch etwas in mir regte und in sich zusammenzog und bange, bange war; das war mein Körper nicht, denn der lag steif und tot, was war es denn?"
„Deine Seele!" sprach Petrus dumpf; „deine Seele!" flüsterten ble andern ihm nach. .... m , ..
„Da maßen sie meine Länge und Breite, um die sechs Brettlein fertig zu machen, und legten mich hinein und ein hartes Kiffen von Hobelspänen unter meinen Schädel und nagelten die Bahre zu, und meine Seele wurde immer ängstlicher, weil sie nicht schlafen konnte. Dann hört« ich die Totenglocke läuten auf der Domkirche, sie hoben mich auf, und kein Auge weinte um mich. Sie trugen mich auf Unser Lieben Frauenkirchhof, dort hatten sie mein Grab gegraben, noch höre ich die Seile schwirren, die sie heraufzogen, als ich unten lag; bann warfen sie Steine und Erde herab, und es ward stille um mich her.
Aber meine Seele zitterte heftiger, als es Abend wurde, als es zehn Ubr elf Uhr schlug auf allen Glocken: Wie wird es dir gehen,-wie wird es bir 'gehen? dachte ich bei mir. Ich wußte noch ein Gebetlein aus alter Vit das wollte ich sprechen, aber meine Sippen standen still. — Da schlug es zwölf Uhr, und mit einem Ruck ward die schwere Grabesdecke abgerissen, und auf meinen Sarg geschah ein schrecklicher Schlag. —
Ein Schlag, daß die Hallen dröhnten, sprengte jetzt eben die Ture des Gemaches auf, und eine große, weiße Gestalt erschien auf der Schwelle. Ich war durch Wein und die Schrecknisse dieser Nacht so exaltiert und außer mir selbst gebracht, daß ich nicht aufschrie, nicht auffprang, wie wohl sonst geschehen wäre, sondern geduldig das Schreckliche anstarrte, das jetzt kommen sollte; mein erster Gedanke war nämlich: Jetzt kommt der Teufel.


